Hallo,
Es gibt einen Aufsatz von Walter Benjamin der ‚Linke Melancholie‘ heißt. Es handelt sich dabei um eine Kritik zu Kästners Gedichtband ‚Ein Mann gibt Auskunft‘. Er verurteilt das Verhalten Kästners und andere Schriftsteller (Tucholsky, Mehring) die mit ihrem Schreiben eine Konsumgesellschaft unterhalten/ bedienen, die sie im Grunde ihrer politischen und moralischen Haltung ablehnen. Die Schriftsteller verdienen sogar relativ gut an dieser Schicht, da sie diese Kritik schon äußerst routiniert hervorbringen.
Ich beschäftige mich derzeit mit Böll und frage mich, ob die Gruppe der ‚jungen Generation‘ ähnliches Verhalten an den Tag legt. Ein Herr Blamberger und ein Herr Richter schreiben davon, dass die ‚junge Generation‘ von Anfang an unter dem Zeichen der Melancholie stünde. Der Rückzug in den Raum der Literatur, als Plattform ihre Ideale zu vertreten, ihre Ideologien zu diskutieren, aber dennoch aus dieser Position (wissend oder nicht?) keine Macht haben, an der Situation, dass sich Deutschland wirtschaftlich aber nicht moralisch ändere, etwas zu bewirken.
Kann man dieses Benjaminische Verhalten auf Böll und die ‚junge Generation‘ der Nachkriegsautoren projezieren?
Über Kommentare freu ich mich.
Jochen
Hallo Jochen,
grundsätzlich würde ich hier nein sagen.
Benjamins Artikel aus dem Jahr 1931 ist in der Logik einer sehr spezifischen Kritik und einer ganz besonderen Zeit zu verstehen und führt aus meiner Sicht weniger zu Adorno als zur „sozialistischen Realismus“-Theorie. Ich würde sie selbst als Gegenstand einer Kritik nehmen und sie als unwahr, parteiisch und gar agitatorisch analysieren.
Eine Übertragung von dem Ausdruck „Linke Melancholie“ oder auch nur „Melancholie“ auf Böll und etwa Nossack ist genauso daneben wie eine Gleichsetzung Existenzialismus = ein bisschen traurig. Bei den „kleinen“ Autoren der Nachkriegszeit würde ich von der kalkulierten Orientierung auf den Markt, bei den großen - nach jeweils konkreten, tiefer gehenden und besser passenden Begriffen suchen.
Alles klar? 
Gruß
Hmm…
Also, erstmal Danke für die rasch Antwort, dass der Aufsatz parteiisch ist, da stimm ich dir zu.
Es gibt einen anderen Aufsatz der eine interessante Fußnote enthält:
„Ich hoffe, die Rebhühner im Welt- und Bühnensumpf werden erschreckt in die Höhe fahren“, schreibt Benjamin an Brentano (GS III, S. 644), dem er das Manuskript zum Druck in der Frankfurter Zeitung geschickt hatte. Der Grund für die Gereiztheit lag bei Kästner, der Benjamin als Labude im Roman »Fabian« portraitiert hatte und das anhand von dessen wunden Punkten: der gescheiterten Habilitation und der ebenso gescheiterten Ehe. (vgl. Werner Fuld: Walter Benjamin.Reinbek 1990, S. 168 - 170.) Das einzig er schreckt auffahrende Rebhuhn scheint aber Benjamin selbst gewesen zu sein, als er von Kästners Unterfangen
Kenntnis erhielt und dar aufhin den Artikel schrieb. Im Welt- und Bühnen sumpf blieb nach Erscheinen der Polemik alles ruhig.
Demnach könnte „Linke Melancholie“ auch ‚einfach‘ nur ein Racheakt gewesen sein und er würde den agitatorischen Aspekt erklären.
Aber, um auf Böll zurück zu kommen…
würdest du den Begriff Melancholie und Böll überhaupt nicht in Verbindung bringen? Das fände ich jetzt erstaunlich, da es doch sicherlich mehrere Punkte gibt, die man bei Böll melancholisch nennen könnte… okay, vielleicht nur zu einer frühen Zeit, da sein Engagement später schon alles andere als melancholisch war. Abgesehen von der ‚Trümmerliteratur‘ kann man doch zum Beispiel Ansichten eines Clowns doch durchaus melancholisch auffassen, oder?
gruß
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Hallo Jochen,
du bist also mit dem ersten Teil zufrieden, gut. 
Aber, um auf Böll zurück zu kommen…
würdest du den Begriff Melancholie und Böll überhaupt nicht in
Verbindung bringen?
Es kommt darauf an, was du unter dem Begriff Melancholie verstehst. Der Begriff hat seine Geschichte und mehrere Schattierungen. Wenn du dich präzisieren magst?..
Gruß
Mag ich. Also,
ich denke der Beruf des Clowns (aus Ansichten eines Clowns) beispielsweise kann unter melancholschem Gesichtspunkt untersucht werden. Da lassen wir die historische Temperamentelehre mal aussen vor. Ich denke eher an psycosomatische Melancholie (heute vielleicht auch unter dem Begriff Depression aktueller). Der Clown, der von berufswegen komisch ist und in seinem Privatleben die andere Seite zum Ausgleich lebt - die melancholische. Melancholie als Quelle der Kraft und Kreativität des Clowns. Hinzu kommt in diesem Roman der Aspekt des Liebeskummers. Die äussere Verletzung spiegelt die innere wieder. Der Clown bezeichnet sich selbst als „an Melancholie leidend“. Wenn man den Versuch macht, in die Person des Clowns Böll selbst zu projizieren, kann man behaupten Böll sei melancholisch.
Als zugehöriger Autor der Trümmerliteratur (Böll selbst sieht seine Wurzeln dort), als einer aus der jungen Generation, steht sein Schreiben von vornherein unter dem Zeichen der Melancholie („Die Intelligenz war und ist in Deutschland ohne Macht“). Böll erkennt das und gibt seiner Melancholie Raum in seinen Werken.
Welcher ‚Schatten‘ der Melancholie passt denn deiner Meinung nach auf Böll und welcher nicht? Du hast Recht, der Begriff der Melancholie ist vielfältig, undurchsichtig und teilweise auch widersprüchlich.
Schönen Abend
Jochen
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Hallo Jochen,
auch wenn deine Beschreibung des „Clowns“ stimmt und sogar noch mehr - die Melancholie ist sehr wohl spürbar im Ton Bölls, - so würde ich mit einem so wagen Begriff einen großen Autor nicht be- oder abschminken. 
Auch nicht die gesamte Generation oder eine spezielle Richtung. Nossack, Bachmann stehen aus meiner Sicht in dem Sinne Böll nahe, und was bringt es? Dass sie depressiv oder schwermütig waren? In den Trümmern aufgewachsen sind? Was ist mit Kafka? Mit Camus? Mit Dutzenden anderer Autoren aus aller Herren Länder?
Haben sie alle zu viel Robert Burton gelesen? 
Also wozu das alles?
Gruß