Politisches Feuilleton (DeutschlandRadio Berlin)
5.1.2004
Konstruierte Welten - Intellektuelle Zerrbilder
Von Klaus Schroeder
Die überdurchschnittlich hohe Kriminalitätsrate bestimmter Ausländergruppen, die höhere Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung vieler jugendlicher Zuwanderer und Aussiedler durften lange Zeit in Deutschland nicht wirklich thematisiert werden, obschon sie im Lebensalltag vieler, vornehmlich jugendlicher Einheimischer, beobachtet oder gar erlebt wurden. Wer dennoch seine diesbezüglichen Erfahrungen oder auch nur Vermutungen äußerte, wurde sehr schnell zum Rechtsradikalen oder Ausländerfeind abgestempelt.
Im Windschatten dieser Dethematisierung, die bis zur Tabuisierung reichte, kam es zu einer nahezu ungebremsten Entwicklung von Gewalt und Kriminalität in einigen Großstadtvierteln, der gegenüber sich selbst die Justiz nicht zuletzt aufgrund des öffentlichen Meinungsklimas unsicher, wenn nicht sogar hilflos fühlte. Inzwischen gibt es zumindest in einigen großen Städten eine Diskussion über die Ursachen und die Folgen für das Zusammenleben von Einheimischen und Ausländern. Diejenigen, in deren Weltbild diese Tatsachen nicht passen, bleiben hiervon gleichwohl unberührt und sehen weiterhin Deutsche generell als Täter und Ausländer als Opfer. Sie bilden damit einen Gegenpol zu den wirklichen Ausländerfeinden, die wiederum nahezu immer Ausländer als Täter und Deutsche als Opfer sehen. Die sozialen Interaktionen werden dabei von beiden Gruppen ausgeblendet.
Vornehmlich linke und linksradikale Sozial- und Geisteswissenschaftler, Schriftsteller und Journalisten versuchen gemäß dem Hegemoniekonzept des italienischen Marxisten Antonio Gramsci auf diesen und anderen Feldern Themen und Begriffe zu besetzen. Gegenpositionen zu ihrem konstruierten Weltbild sollen soweit wie möglich nicht zur Kenntnis genommen oder verdammt werden.
Ein weiteres Beispiel für den Zusammenprall von intellektuell konstruierter und realer Welt war die Diskussion um die deutsche Wiedervereinigung. Nahezu alle Linksintellektuellen sprachen sich dagegen aus - allerdings vergebens, denn der Druck der Straße bzw. der Masse war zu groß. Der in den Augen der warnenden Mahner tumbe Kanzler Kohl ließ sich nicht beeindrucken und nutzte das geöffnete Fenster der Geschichte.
Viele Linksintellektuelle stemmten sich aber auch aus eigenem Interesse gegen die Wiedervereinigung, brachen doch ihre Lebenslügen „Deutschland müsse auf ewig zur Strafe geteilt bleiben“ und „Dem Sozialismus gehört die Zukunft“ gleichsam über Nacht zusammen. Der schon seit Jahrzehnten von ihnen totgesagte „Spätkapitalismus“ triumphierte über einen bankrotten Sozialismus.
Mit dem starken Deutschland, das sie vor 13 Jahren nicht haben wollten, haben sich die Linksintellektuellen jetzt ausgesöhnt, jedenfalls dort, wo es sich wie beim Irak-Konflikt gegen die Amerikaner richtet. Nicht wenige propagieren nun die konsequente Durchsetzung „deutscher Interessen“; eine Forderung, die lange als nationalistisch oder gar rechtsextremistisch eingeordnet wurde.
Die eigentliche Schlacht um die Deutungsmacht haben diese Intellektuellen eigentlich schon vor etwa anderhalb Jahrzehnten verloren, nur hat es niemand öffentlich angemerkt. Damals wurde zwischen liberal-konservativen und linken Historikern und Soziologen im so genannten Historikerstreit die Frage diskutiert, ob die Verbrechen des Nationalsozialismus einzigartig seien oder ob ähnliche Verbrechen auch von anderen Staaten und Völkern verübt wurden. Den liberalen und konservativen Historikern ging es - mit Ausnahme des abwegig argumentierenden Ernst Nolte - keineswegs, wie verschiedentlich suggeriert, um das Leugnen oder Verharmlosen deutscher Verbrechen, sondern um die historische „Einbettung“ des NS-Regimes. Vielleicht nicht einmal wissentlich und mit Vorsatz haben wortmächtige linke Intellektuelle mit ihrer ausschließlichen Fixierung auf die nationalsozialistischen Verbrechen den Blick auf das ganze Ausmaß der Massenmorde im 20. Jahrhundert verdeckt, vor allem auf die im Namen einer kommunistischen Ideologie verübten. Dabei sollte es sich für alle ernst zu nehmenden Kontrahenten von selbst verstehen, dass sich die wechselseitige Aufrechnung von Verbrechen verbietet.
Obwohl die linken Intellektuellen im Historikerstreit die schlechteren Argumente hatten und z.T. sogar historische Zerrbilder zeichneten, galten sie öffentlich als Sieger der Debatte. Dies verdankten sie allerdings ihrem wissenschaftlichen und journalistischen Hinterland, das ihren Konkurrenten fehlte.
Dieser Streit um die Interpretation der Geschichte verwies aber auch auf einen weiteren, heute immer noch anzutreffenden Aspekt: Die linksintellektuellen Deutungsmacher reklamieren die Bezeichnung „intellektuell“ ausschließlich für sich und dulden keine bürgerliche Konkurrenz. Wer liberale oder konservative Positionen vertritt, ist in ihren Augen schlichtweg reaktionär.
Eines allerdings haben die Linksintellektuellen in den letzten drei Jahrzehnten geschafft: Es gab kaum noch intellektuelle Kontroversen mit öffentlicher Aufmerksamkeit, da die Widersacher fehlten und niemand mehr die immer gleichen Plattitüden der hochmoralisch auftretenden Linksintellektuellen hören wollte: Zu oft war deren Weltbild von der Wirklichkeit überrollt worden. Erst in jüngster Zeit entspannen sich wieder echte Auseinandersetzungen, sei es um die Beurteilung der DDR, die im Namen des Kommunismus verübten Verbrechen, die alliierten Kriegsverbrechen oder die moralische Einordnung der Vertreibung von Deutschen nach 1945.
Eine Gesellschaft, die Kontroversen um zentrale Themen nicht zulässt, wird intellektuell und kulturell verarmen, wie es ansatzweise im letzten Jahrzehnt der alten Bundesrepublik geschehen ist. Jedes Land braucht, will es nicht erstarren, unabhängige und (selbst-)kritische Wissenschaftler und Journalisten. Diese Erkenntnis steht vielen Linksintellektuellen immer noch bevor.
Der 1949 in Lübeck geborene Klaus Schroeder lehrt an der Freien Universität Berlin Politische Wissenschaft. Der habilitierte Sozialwissenschaftler leitet an der FU den Forschungsverbund SED-Staat und die Arbeitstelle Politik und Technik. Letzte Veröffentlichungen: Der SED-Staat. Partei und Gesellschaft 1949 - 1990, Hanser-Verlag, München 1998; Der Preis der Einheit. Eine Bilanz, Hanser-Verlag, München 2000.
