Hi,
ich saß letztens in einer Kneipe und las ein Buch von John Grisham.
Ein Thekennachbar sprach mich an, was ich denn da lese? Ich zeigte ihm das Cover von „Der Richter“.
Ach so, winkte er ab, keine Literatur. Ich fragte ihn, was er denn als Literatur bezeichnen würde und er antwortete: Hemmingway, Shakespeare, Tolstoi, Kafka.
Und nun meine Frage: was ist Literatur?
Grisham hat ja nun schon einige Bestseller hervorgebracht. Das scheint aber nicht auszureichen. Muss man gewisse Normen erfüllen, um als Literatur zu gelten? Und wer bestimmt so etwas? Ich meine, wenn Millionen Leser einen Roman gut finden - sprich: ein Bestseller - warum ist das nicht ausreichend? Müssen interlektuelle Personen ein Buch für interessant befinden, damit es Literatur wird? Und wer bestimmt, wer diese interlecktuellen Personen sind? Andere interlecktuelle Personen?
Ein Neugieriger!
schatten
Hi,
frag dich doch mal, ob man in 400 Jahren noch Grisham lesen wird. Shakespeare wird heute noch gelesen. Als die Buddenbrooks erschienen, war ein Roman namens Jörn Uhl die Nummer eins der „Bestsellerlisten“. Ich habe vergessen wer Jörn Uhl geschrieben hat; an Thomas Mann erinnere ich mich spielend.
Das Millionen irgendetwas mögen ist nicht gleichzusetzen mit Qualität, sondern mit Popularität: beides muss sich nicht zwangsläufig ausschließen, bedingt sich aber auch nicht automatisch. Quantität schlägt eben doch nicht automatisch in Qualität um. It´s commercial, würden unsere englischsprachigen Freunde dazu sagen. And that´s it.
ok?
Hallo Mick,
ist jetzt der genannte Titel, eine Sammlung von Kinderversen, die Peter Rühmkorf Mitte der 1970er Jahre besorgt hat, „literarische“ Lyrik oder nicht? Zum Zeitpunkt ihres Erscheinens war die Sammlung ein bedeutender Beitrag zum damals wichtigen Thema der Erforschung von Möglichkeiten, wie man dem Volk aufs Maul schauen könne.
frag dich doch mal, ob man in 400 Jahren noch Grisham lesen
wird. Shakespeare wird heute noch gelesen.
Zwei der vielleicht bedeutendsten deutschen Autoren der letzten 300 Jahre, Klopstock und Wieland, werden heute fast nicht mehr gelesen. Klopstock ist wegen seiner Buchstaben immerhin kreuzworträtselgeeignet.
Ist jetzt des Geheymen Rathes „Faust“ literarisch mehr wert als die Abderiten oder Prinz Biribinker, weil er die höhere Halbwertszeit hat?
Wo sollen wir mit diesem Kriterium Karl May hintun? Ist es angezeigt, sich dem Urteil Arno Schmidts anzuschließen, oder eher demjenigen unserer Eltern?
Grundsätzlich halte ich schon die Fragestellung, die der Caffeehaus-Tischnachbar impliziert „Wie unterscheide ich gute von Pfui-Literatur?“ für nicht angezeigt.
Wenn er das von ihm abgekanzelte Werk kritisieren wollte, müsste er es lesen. Könnte sich dann vielleicht drüber beklagen, dass er in Struktur und Textur so wenige Überraschungen erlebt hat etc. etc. - aber ohne das Werk zu kennen, bloß weil es so viele Leute gerne mögen und weil dafür viel Reklame gemacht wird, es von vornherein als „Pfui“ abtun? Ich meine, es ist hier der Kritiker, der sich disqualifiziert, nicht das Werk, das „schlecht“ wäre, weil es von einem bestimmten Autor stammt und hohe Auflagen erzielt.
Schöne Grüße
MM
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im Prinzip ist es so einfach wie unbefriedigend: Literatur ist das, was in einem Kulturkreis zu einem bestimmten Zeitpunkt als Literatur definiert wird. Kunst kommt nicht von Können, sondern eher von der Kunst, etwas als Kunst zu verkaufen. Dein Kneipennachbar hatte jedenfalls keine Ahnung; auch Grisham ist selbstverständlich Literatur, vielleicht keine für die Ewigkeit, aber wer weiß schon, ob man in 400 Jahren noch Shakespeare liest?
mfg andre
Hallo Andre,
Literatur ist
das, was in einem Kulturkreis zu einem bestimmten Zeitpunkt
als Literatur definiert wird.
darf ich hier noch ein bisschen weiter in Richtung Campbell’s Tomato Soup gehen?
Kürzlich bei einer Haushaltsauflösung über eine batteriebetriebene Plastik-Tischuhr gestolpert, die wegen ihrer beträchtlichen Hässlichkeit noch originalverpackt war. Beigegeben eine im Herstellerland redigierte Betriebsanleitung in Deutsch, wo das kleine Monstrum als „britische Pendule“ bezeichnet war. Und dann in irgendeinem Abschnitt:
„Durch Betätigen des Schaltknopfes C können Sie nach Belieben die Zeit anhalten“
Das könnte wörtlich in Ehrensteins „Tubutsch“ stehen.
IMHO handelt es sich hierbei um, wiewohl unfreiwillige, aber große Poesie. Ist die Absicht des Gestaltenden maßgebliches Kriterium?
Fragt sich
MM
Nach dem proklamierten „Tod des Autors“ interessiert die poetische Intention des Verfassers eigentlich nicht mehr; theoretisch. Unfreiwillige Komik ist ja schließlich auch komisch, egal, ob der Urheber komisch sein wollte oder nicht. Ergo: auch der Pendule-Text (klingt irgendwie nach Ulrike Meinhof…) ist demnach große Literatur. Mir gefällt er jedenfalls auch 
Gruss Andre
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