Hallo Zusammen,
ich weiß leider nicht ob ich hier richtig bin, aber ich versuchs einfach mal.
Ich habe eine Freundin, mitte 30, und sie versteht sich schlecht mit ihrem Vater. Leider weiß keiner die Ursache. Ich dachte mir schon, vielleicht sind die beiden sich zu ähnlich und deshalb kracht es immer wieder. Jetzt kommt noch hinzu das sie im elterlichen Betrieb arbeitet und ein sehr großes Wissen hat. Ihre Schwester arbeitet auch dort, ist aber um ca. 10 Jahre jünger. Da ist das Verhältnis Vater-Tochter ganz anders. Meine Freundin wünscht sich nichts mehr, als von ihrem Dad auch einmal Lob und Anerkennung zu bekommen. Das er sie einfach mal in den Arm nicht usw. All das was in einer „normalen“ Familie ganz selbstverständlich ist. Wie kann ich ihr denn helfen? Oder an was könnte es denn liegen, das die Vater-Tochter-Beziehung so unmöglich ist?
reb
P.S.: Sie ist die leibliche Tochter.
Hi reb,
natürlich weiß ich als Außenstehender nicht die Ursache für das beschriebene Vater-Tochter-Verhältnis. Ich meine beobachtet zu haben, dass vielfach das Verhältnis zwischen Vätern und den ältesten Kindern und deren jüngeren Geschwistern sehr unterschiedlich ist. Während bei den älteren höhere Maßstäbe angelegt werden, wird jüngeren vieles nachgesehen. So erfahren m. E. jüngere z. B. häufig mehr und länger Zärtlichkeiten.
Unabhängig von dieser allgemeinen Einschätzung kann es im Einzelfall ganz extreme Fälle - etwa sexuelle Übergriffe oder Gewalt - geben, die ein Vater-Tochter-Verhältnis belasten.
Nachgefragt
Hallo reb,
Es mag Dir blöd erscheinen,
aber ich habe mir die Fragen genau überlegt:
- Warum willst Du IHR helfen?
- Was genau ist DEIN Problem dabei?
Herzliche Grüße
Ole
hallo reb,
eine der Möglichkeiten läßt sich in Kürze fomulieren: Was andere uns antun, könnten wir ihnen vielleicht verzeihen. Was wir anderen antun, verzeihen wir ihnen nie. - Denn: den anderen, dem wir Unrecht angetan haben, auch nur zu sehen, erinnert uns an unsere Taten und wir sehen einen häßlichen schwarzen Fleck auf unserem Charakter wie in einem Spiegel.
So etwas könnte es sein - eine alte Schuld zwischen Vater und Tochter. Eine andere Möglichkeit: eigentlich hätte diese Tochter ein Sohn werden sollen! Und es wird ihr verübelt, daß sie nur eine Tochter wurde, und an Leistung wird von ihr die eines potentiellen Nachfolgers erwartet (und zugleich befürchtet, sie wächst Vatern übern Kopf).
Vielleicht aber fürchtet er auch, sie sei vielleicht nicht sein eigenes Kind. Ich traf auch mehrmals die Konstellation an, daß ein Vater sein Leben lang heftig gegen ein Begehren ankämpfen mußte, das sich auf die älteste Tochter richtete, und daß Kälte und Abweisung hier ihre Gründe hatten.
Diesen Spuren würde ich nachgehen.
Subjektive Bemerkung meinerseits:
Ich kenne mehrere (nicht ganz wenige) solcher Geschichten. Meist blieb es lebenslang bei dieser Art Zurücksetzung - bis kurz vor dem Tod des betr. Elternteils. Dann erfolgten, manchmal völlig singulär und fast wie aus heiterem Himmel (meist i.Zus. mit schwerer Pflegebedürftigkeit) halbe Geständnisse, Erklärungen, Entschuldigungen, mit o.g. Hintergründen meist.
Seltener löste sich diese quälende Frage auf zu einer quälenden Antwort, weil sich das Kind selbst zu erinnern und Erinnerungen zu deuten begann.
Aber im Warten auf Änderungen solcher Verhältnisse kann man sein Leben verschwenden - man bleibt dabei, wie ein Esel hinter einer Möhre herzurennen, die an einem Bügel vor dem eigenen Kopf befestigt ist. Deine Freundin soll losgehen, das Leben bewältigen, genießen, da eintauchen, mit aller Kraft als ihr eigenes zu gestalten. Ob sich der Vater je besinnt, ist von ihren Bemühungen unabhängiger als von seiner Selbstbesinnung. Und diese, sollte sie eines Tages stattfinden, wird es auch ohne Bemühung der Tochter tun. Aber: sollte Deine Freundin eines Tages im Sterben feststellen, daß sie im Leben nur diese eine große Tat vollbrachte: die Liebe ihres Vaters im letzten Augenblick doch noch zu erringen? Das wäre doch schade - und sehr tragisch. VG I.
Hallo Reb,
den Eltern gegenüber bleibt man immer Kind und wenn sich da von alters her etwas Ungünstiges eingeschliffen hat, ist das sehr schwer zu ändern (davon sind wohl die meisten Familien nicht frei, auch wenn es nicht immer so extrem ist - wir sind alle nur Menschen). In der Familienfirma zu arbeiten, kann natürlich noch zur Zementierung solcher Gewohnheiten beitragen.
Was mir auffällt: Deine Freundin ist Mitte 30, da ist sie doch sicher in anderer Hinsicht längst erwachsen, weiß, was sie will, kann das Verhalten anderer einschätzen und relativieren? Warum behält sie ihrem Vater gegenüber diese Haltung eines unmündigen Kindes bei, das um ein freundliches Wort bettelt, den Eltern Allmacht einräumt?
Daher denke ich, sie sollte versuchen, in diesen Bereichen, in denen sie irgendwo noch die Kinderrolle akzeptiert, „erwachsener“ zu werden. Dabei „schrumpfen“ die Großen nach und nach, bis man ihnen auf Augenhöhe begegnen und sich eine Meinung über sie bilden kann wie über Fremde auch.
Sie könnte Gewohntes hinterfragen wie ein Teenager: Bin ich nicht stark genug, Bestätigung anderswo zu finden? Ist es fair, so unterschiedlich mit seinen Kindern umzugehen? Was will ich überhaupt - einen Partner, eine eigene Familie, eine bestimmte Tätigkeit?
Das heißt nicht, dass sie keine Zuneigung für ihren Vater empfinden oder den Kontakt abbrechen soll: Sie sollte versuchen, auf einer Ebene mit dem alten „Brummkopf“ zu kommunizieren, auf der sie nicht allzu sehr leidet, sich seinen Unfreundlichkeiten nicht ausliefert und auf der sie seine Art eher als Marotte denn als schmerzhafte Hiebe empfindet. Vielleicht kann er nicht anders, wie Irmtraut schon beschrieben hat.
Au wei, viel zu lang…
Trotzdem schöne Grüße zum Feierabend,
Beate