Lobby

Hallo ihr Wissenden,

nun wollte ich endlich mal die genaue Definition von „Lobby“ nachschauen…benutze dieses Wort ab und zu -den Sinnzusammenhang aus dem Hörensagen entnommen- und wusste bislang nicht, was es genau bedeutet.

Nun fand ich folgendes:

"Interessengruppen bzw. Verbandsvertreter, die in modernen Demokratien versuchen, auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen, und dabei vor allem auf Parteien, Abgeordnete und Regierungen (einschließlich der Verwaltung), aber auch auf die Öffentlichkeit und die Medien Druck ausüben. (…)"
Quelle: Schubert, Klaus/Martina Klein: Das Politiklexikon. 4., aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2006.

und bin etwas verwirrt.

Habe öfters Aussagen in der Art gehört: „Die Pharmaindustrie hat eine große Lobby.“
Müsste es nicht viel eher heißen:
„Die Pharmaindustrie ist eine Lobby“, da sie ja die Interessensgruppe ist, die versucht „auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen“.

Bitte um Aufklärung,
Grüße,
jeanne

Hallo Jeanne,

Habe öfters Aussagen in der Art gehört: „Die Pharmaindustrie
hat eine große Lobby.“
Müsste es nicht viel eher heißen:
„Die Pharmaindustrie ist eine Lobby“, da sie ja die
Interessensgruppe ist, die versucht „auf politische
Entscheidungen Einfluss zu nehmen“.

die Antwort ist: Nein. Denn unter Lobby sind, wie im Text richtig vermerkt, Verbands_vertreter_ zu verstehen, nicht der ganze Verband.

Grüße
Montanus

Moin, jeanne,

die Definition ist ganz gut, der Begriff „Interessengruppen“ trägt aber eher zur Verwirrung bei. Mir ist die Suche nach der Herkunft sympathischer: Die Lobby ist zunächst mal der Eingangsbereich eines öffentlich zugänglichen Hauses wie zB eines Hotels oder eben des Parlaments. Wenn sich dort Leute in der Hoffnung herumtreiben, wichtigen Gesprächspartnern zu begegnen und denen ein Geschwätz aufzwingen zu können, dann heißen diese leute Lobbyisten. Im nächsten (nicht ganz logischen) Schritt wird die Gemeinschaft dieser Herumtreiber zur Lobby.

Gruß Ralf

Hi Montanus,

die Antwort ist: Nein. Denn unter Lobby sind, wie im Text
richtig vermerkt, Verbands_vertreter_ zu verstehen, nicht
der ganze Verband.

Bedeutet das dann, wenn es heißt, sie hat eine große Lobby, dass in den eigenen Reihen welche sitzen, die Einfluss auf die Politik nehmen wollen?

Bisschen klarer bitte,
Gruß,
jeanne

Hi,

sowohl (innerhalb, also Verbands- oder Industirevertreter), als auch (außerhalb, also Interessengruppen)

die Franzi

Hi,

Im nächsten (nicht ganz logischen) Schritt wird die Gemeinschaft dieser Herumtreiber zur Lobby.

Das ist ein vollkommen logischer schritt - eine sogenannte Metonymie. Der Raum (die Lobby) wird verwendet, um die darin befindlichen Personen zu bezeichnen.
Vgl.
„Herr Doktor, beeilen Sie sich bitte, das ganze Wartezimmer regt sich schon auf.“
„Das Vorzimmer arbeitet sehr zuverlässig.“
„Bitte geben Sie mein Kompliment an die Küche!“

die Franzi

Hi Franzi,

verstehe ich es richtig, wenn es heißt: „Die Pharmaindustrie hat eine große Lobby“, dass das dann bedeutet, in den eigenen Reihen und auch außerhalb befinden sich viele Lobbyisten?!?´

Gruß,
jeanne

Hi,

„Die Pharmaindustrie hat eine große Lobby“ bedeutet, es gibt viele Leute, die sich bei den Politikern für die Interessen der Pharmaindustrie einsetzen. diese Leute kommen aus der Pharmaindustrie, aber auch von außerhalb der Pharmaindustrie.
Der dadurch bezeichnete Personenkreis ist sehr groß und sehr verschiedenartig. Es können Manager von Pharmafirmen sein, Vertreter der Krankenkassen, Apotheker, Ärzte, Patienten, Manager von Chemiefirmen, Betreiber von Krankenhäusern etc. … jeder, der ein Interesse daran hat, dass es der Pharmaindustrie gutgeht: Patienten, Ärzte, jemand miteiner guten Idee für ein Medikament, der dafür Geld braucht. Jemand mit einer schweren Krankheit, der möhte, dass ein bestimmtes Mediksment nicht nur produziert wird, sondern auch günstig und schnell verfügbar ist.
Mit „Lobby“ werden nicht nur die Menschen bezeichnet, die tatsächlich mit olitikern in Kontakt stehen. „Lobby“ bezeichnet auch die Mitglieder der 'Bevölkerung, die eine bestimmte Entwicklung unterstützen (z.B. die, die in der Zeit der 'Vogelgrippe geschrien haben, dass man doch gefälligst Impfstoffe und Medikamente herstellen sollte, oder die, die in Zeiten der Schweinegrippew schimpfen, dass unnnütz geimpft wird. Beide Gruppen sind Lobby.)

die Franzi

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Hallo,

nun wollte ich endlich mal die genaue Definition von „Lobby“
nachschauen…benutze dieses Wort ab und zu -den
Sinnzusammenhang aus dem Hörensagen entnommen- und wusste
bislang nicht, was es genau bedeutet.

"Interessengruppen bzw. Verbandsvertreter, die in
modernen Demokratien versuchen, auf politische Entscheidungen
Einfluss zu nehmen, und dabei vor allem auf Parteien,
Abgeordnete und Regierungen (einschließlich der Verwaltung),
aber auch auf die Öffentlichkeit und die Medien Druck ausüben.
(…)"
Habe öfters Aussagen in der Art gehört: „Die Pharmaindustrie
hat eine große Lobby.“

Die anderen Erklärungen wiederhole ich hier nicht.

Zur Verdeutlichung: Verschiedene Industrieverbände, die die Interessen z.B. der Chemieindustrie, Pharma, Biotechnologie, Rohstoffhandel usw. vertreten, schicken ihre Leute dann zu Politikern, Bundestagsdebatten, EU-Kommission und Parlament, um auf dem Laufenden zu bleiben, was dort geplant ist und ggfs. um Einfluß auf Entscheidungen zu nehmen, die ihren eigenen Interessen zuwider laufen.

Die verschiedenen Industriezweige bezahlen dafür Fachleute, die Kontakte knüpfen, oder aus der Politik in die Wirtschaft, oder aus der Wirtschaft in die Politik gewechselt sind, um diese Aufgabe zu übernehmen. So war unser ehem. Kanzler Kohl 10 Jahre bei der Pharma beschäftig bevor er in die Politik ging.

In Brüssel unterhalten alle Industriezweige eigene Lobby-Büros, die nichts anderes tun, als in ihrem Sinne Lobbyismus zu betreiben. Also Einfluß auf Personen zu nehmen, die ihre Interessen vertreten sollen. Das ist inzwischen ein regelrechtes Spinnen-Netz. So wurde z.B. der Abschnitt, der sich mit Rüstung und Militär im Lissabon-Vertrag befaßt, von der Rüstungsindustrie verfaßt und fast unverändert in den Lissabon-Vertrag übernommen. Die Pharmaindustrie finanziert zahlenmäßig für jeden Bundestagsabgeordneten 6 Lobbyisten usw.

Diese Lobbyisten (als Angestellte der Lobby-Büros) nehmen auch Einfluß auf die Medien (was ihnen durch die Eigentumsverhältnisse an den Verlagen erleichtert wird) und sorgen dafür, daß möglichst in ihrem Sinne berichtet wird. Meist erscheinen solche Artikel oder auch die Meinungsmacher in Radio und Fernsehen aber in eigenem Namen, ohne offen zu legen, für wen sie arbeiten und wer ihnen, wieviel bezahlt - so wurde inzwischen bekannt, daß Edzard Ernst von der Pharmaindustrie bezahlt wird und keineswegs ein unabhängiger Gutachter ist, als der er sich ausgibt.

In den USA müssen Lobbyisten offen legen für wen sie arbeiten und wer ihnen wieviel bezahlt, ähnlich verhält es sich dort mit jenen, die Studien veröffentlichen. Bei uns gibt es allenfalls Bestrebungen in diese Richtung, oder man erfährt durch Kritiker des Lobbyismus eher zufällig davon. Es scheint offensichtlich, daß hier mehr Transparenz geschaffen werden muß, damit sich die Öffentlichkeit ein Bild von den vertretenen Meinungen machen kann, insbesondere weil die Lobbyisten inzwischen recht aggressiv und bis in die letzten Ecken der Bürokratien und Politik hineinwirken.

Sofern die Lobbyisten öffentlich für bestimmte Industriezweige wirken, ist die Interessenvertretung legitim und auch sinnvoll, gefährlich wird es allerdings, wenn sie, wie inzwischen überwiegend der Fall, im geheimen arbeiten und die Gesetzgebung und vieles andere beeinflussen, ohne daß die Öffentlichkeit davon erfährt. Wenn letztere das wüßte, gäbe es vermutlich noch weit mehr Proteste als ohnehin schon.

Richtigerweise müßte es also heißen: jeder Industriezweig unterhält und bezahlt ihre Lobbyisten bzw. als Gesamtheit eine Lobby und ihre Büros mit angestellten Lobbyisten.

Gruß,
Cantate

Hi Montanus,

die Antwort ist: Nein. Denn unter Lobby sind, wie im Text
richtig vermerkt, Verbands_vertreter_ zu verstehen, nicht
der ganze Verband.

Bedeutet das dann, wenn es heißt, sie hat eine große
Lobby, dass in den eigenen Reihen welche sitzen, die Einfluss
auf die Politik nehmen wollen?

Hallo jeanne,

dem muss ich teilweise widersprechen - die Lobby muss nicht aus den eigenen Reihen kommen, man kann eine Lobby auch anheuern, z.B. Anwaltsfirmen beauftragen, die das Knowhow haben und möglichst auch die nötigen Beziehungen. Nicht zuletzt sind auch unsere Volksvertreter selbst Lobbyisten, z.B. Herr Struck für die Raucher und die Zigarettenindustrie. Für Rauchen und Alkohol findet sich im Bundestag sowieso immer eine parteiübergreifende Mehrheit.

Gruss Reinhard

Vielen Dank an alle!
Vor allem an Cantate und die Franzi!

Lieben Gruß,
jeanne