Servus Petra,
persönliche Beleidigung ist nicht meine Absicht.
Ich halte Armut in den allermeisten Fällen keineswegs für eine Schande.
Freilich schließt „nicht unter fünf Cent/Wort“ den Betrag „fünf Cent/Wort“ durchaus mit ein, und ein Übersetzer, der Aufträge von gewerblichen Endkunden zu diesem Preis annimmt, gerät dadurch fast unvermeidlich in selbst und eigenverantwortlich herbeigeführte Armut. Und über diese Armut zu klagen, ist in der Tat schändlich.
Du schreibst, daß die von Dir genannten fünf Cent/Wort nichts mit Deinen eigenen Preisen zu tun haben. Dem entnehme ich, daß Du einer Einsteigerin empfiehlst, zu ruinösen Preisen zu arbeiten, die Du selbst als Profi nicht annehmen würdest. Auf diese Weise den Wettbewerb abzuräumen, ist allerdings auch ziemlich schofel, wie ich meine.
Ich will nicht unterstellen, daß Du diese Strategie fährst, um den Wettbewerb zu schwächen, aber in die gleiche Richtung geht, daß Du zur Preisfindung ausgerechnet Proz.com empfiehlst, welches eine gute Quelle zur Klärung von speziellem Vokabular ist, aber eben gleichzeitig auch leider ein Tummelplatz für Ausschreibungen von Umtüteagenturen, deren Preisvorstellungen sich etagenweit unterhalb der Gürtellinie befinden und an Zynismus nicht gut zu überbieten sind - an die interessanten Ausschreibungen kommen bei Proz.com nur eingeschriebene zahlende Mitglieder ran, Gäste kriegen bloß ein völlig verzerrtes Bild vom Markt zu sehen.
Ich weiß wohl, daß Konstellationen denkbar sind, in denen fünf Cent/Wort ein sinnvolles Angebot sein können - z.B. ein langfristiger Vertrag mit einem Notar, in Verbindung mit einem ordentlichen TM-System und einem Volumen von sicheren mindestens 200 €/Monat. Aber hier und jetzt ist von solchen Spezialfällen nicht die Rede.
Der Markt für Sprachmittler hat ein paar charakteristische Züge. Zu diesen gehört, daß die Auftraggeber in einer bedeutenden Anzahl von Fällen die Leistung nicht beurteilen können, so daß Preisbildung nicht über das Preis/Leistungsverhältnis, sondern ausschließlich über den Preis stattfindet. Wenn sich Sprachmittler auf diese Situation einstellen, indem sie sich auf einen ruinösen Wettbewerb einlassen, der nur über den Preis definiert ist, werden sie egal wohin sie kommen immer einen vorfinden, der sie mit „Ick bin all doa!“ empfängt. Das hat keinen Taug.
Wenn sich in einem anderen Brett hier ein E-Ingenieur erkundigt, was für einen Tagessatz man sich für einen Instrumentierer mit Programmiererfahrung in S7 und S5 beim Einsatz in Zweischichtbetrieb zu zwölf Stunden offshore vorstellen könnte, und darauf die Antwort bekommt „unter 500 €/Tag würde ich nicht arbeiten“, dann ist das nicht das kleinste Stirnrunzeln wert, weil ein Auftraggeber, der sich auf so eine Ramschkonkurrenz einlässt, spätestens bei der Abnahme des Werkes einen ganz eklichen Tag der Wahrheit erleben wird.
Werke von Ramschübersetzern, die auch noch für zwei Cent/Wort arbeiten, sind aber so gang und gäbe, daß es mir wert scheint, an dieser Stelle mit angemessener Schärfe zu sagen, wie ich dazu stehe. Auch deswegen, weil die Sekte der Anbeter der St. Concurrentia bei den Sprachmittlern bis jetzt noch keine lemminghaften Massentaufen feiern kann. Im Gegenteil, in diesem Berufsstand wird einem diffizilen Markt mit bemerkenswerter Solidarität begegnet - sehr zum Vorteil auch der Auftraggeber, die auf diese Weise noch mit relativ kleiner Mühe ordentliche Leistungen finden können.
Allein machen sie Dich ein.
Noch eine kleine Anmerkung zum Speisezettel mit dem Hering: Der auf den Küchentisch genagelte Hering stammt von einer gängigen Frotzelei aus der Zeit der württembergischen Dorfschullehrer des 19. Jahrhunderts, die häufig bettelarm, aber allemal hoch angesehen waren: Wußte man doch wenigstens ungefähr, wie es beim Landexamen und im Stift zuging. Dem gegenüber standen je nach Gegend mehr oder weniger wohlhabende, aber mehr oder weniger strohdumme Bauersleute, denen der Neid bloß den Spott über das arme Dorfschulmeisterlein ließ. Jeder mag sich die Seite aussuchen, auf der er hier lieber steht, aber ich vermag keine Beleidigung darin zu erkennen.
Daß ich mich darüber ärgere, wenn einem Einsteiger von vornherein der Rat gegeben wird, sich auf den Wettlauf im Preisdumping einzulassen, den er nicht gewinnen kann, und daß ich diesem Ärger auch Ausdruck verleihe, und dies ganz unabhängig von Deiner Person, sei mir mit Verlaub gestattet.
Bonus Track: Hier ist ein Beispiel für eine 5-Cent-Übersetzung:
http://s10b.directupload.net/images/090116/mqzajb93.jpg
In diesem Sinne
MM