Lügen erkennen - Relaunch eines Artikels aus 2003

Hallo,

aus 2003 findet sich im Archiv ein eher kurzer Thread (u.a. von mir) zu der Frage, ob und wie man zu erkennen vermag, wenn eine Person lügt. U.a. hatte ich damals angemerkt, aus vielerlei Gründen könne es m.E. keine 100%ig sichere Methode geben (weder Detektoren noch das z.B. beim NLP gelehrte Auslesen von Körpersignalen). Vor kurzem erhielt ich von einem www-Kollegen daraufhin noch einmal eine Anfrage mit der Bitte um Erläuterung (da soll noch einer sagen, in ein Archiv würde niemand je wieder reinschauen!). Da die einzige mir bekannte Mailadresse desjenigen nicht funktionierte, poste ich meine Erläuterung noch einmal hier; vielleicht ist es ja nach der Zeit für jemanden nochmal neu und interessant. Oder jemand mag auf fachlich fundierterer Ebene dazu etwas fundierter schlaumeiern.

Danke & Gruß,

Pengoblin

Also: GIBT ES EINE MÖGLICHKEIT, SICHER ZU ERKENNEN, OB EIN MENSCH MIT EINER AUSSAGE LÜGT?

Es gibt sicherlich - und das wird auch im NLP gelehrt - bestimmte relativ gängige Körpersignale, die darauf hinweisen können, ob jemand gerade bewusst lügt oder nicht (z.B. Augenstellung). Es wird aber auch immer und überall Ausnahmen geben, weil es einfach keine Parameter gibt, die absolut griffsicher auf jede/n immer zutreffen.

* Jemand kann natürlich unbewusst lügen. Kein Lügendetektor der Welt und auch keine andere Erkennungsmethode kann das herausfiltern.

* Die meisten Lügenerkennungsmethoden setzen voraus, dass der Mensch eine unwillkürliche Hemmung gegen das Lügen überwinden muss, die dann körperlich messbar bzw. erkennbar ist. Es gibt aber durchaus Menschen, bei denen diese Hemmung gar nicht existiert - oder entsprechende Selbstkonditionierungen (sich solange eine erfundene Wahrheit einreden, bis man sie selbst glaubt - und das muss nichtmal böswillig passieren).

* Umgekehrt gibt es Menschen, die eine so große Angst davor haben, unwissentlich zu lügen oder als Lügner bezeichnet zu werden, dass ein Detektor den Stress, den sie bei einer Antwort empfinden, durchaus als Indiz für eine Lüge fehldeuten mag, obwohl sie völlig wahrheitsgemäß geantwortet haben.

* Nicht immer gibt es zu einer Fragestellung (selbst bei Ja/Nein-Fragen) eine klare Grenze, ab wann etwas eindeutig falsch oder eindeutig richtig ist. Und das gilt umso mehr für Fragesituationen, die nicht so gründlich vorgeprüft werden können wie z.B. Polizeiverhöre mit Detektor. Auch hat ja fast jeder Dialog mehrere Ebenen (vgl. den Rhetorikklassiker „Miteinander reden“ von Schulz von Thun), und es ist durchaus möglich, dass jemand auf einer Ebene korrekt antwortet und auf einer anderen lügt. Kurz: die Kompetenz sowohl des Fragenden als auch des Ergebnisauswerters decken sicher nicht immer alle Möglichkeiten ab.

Hierzu ein (zugegebenermaßen recht hergeholtes und vereinfachendes) Beispiel: Ein Kommissar fragt bei einem Mordfall einen Verdächtigen „Haben Sie XY ermordet?“ und hält das für eine eindeutige Frage. Die Antwort lautet „Nein“ und wird als zutreffend analysiert. Was aber, wenn der Befragte der Ansicht ist, er habe XY zwar getötet, aber nicht ermordet - es könnte ja seiner Ansicht nach ein Unfall oder meinethalben auch eine Hinrichtung (Lynchjustiz, „Ehrenmord“) gewesen sein, und XY kann die gestellte Frage daher aus seiner Sicht guten Gewissens verneinen (ob er weiß, dass die Frage womöglich etwas anders gemeint war, hängt wiederum davon ab, auf welchen Ebenen die Frage wie verstanden wurde). Das könnten dann nur weitere Fragen erkennbar werden lassen - und diese Notwendigkeit zu erkennen, mag die Kompetenz des Fragenden übersteigen. Ergo: „Lüge“ nicht erkannt.

* Stichwort: Körperkontrolle. Da die vermeintlichen Anzeichen einer Lügenerkennung ja auch Lügenwollenden bekannt sind, kann sich jemand auf andere Signale trainieren. Das ist zwar äußerst schwer, aber durchaus nicht völlig unmöglich. Wenn ich weiß, dass in einem Bewerbungsgespräch eine bestimmte Frage ganz sicher kommen wird, kann ich natürlich üben, bei der Antwort z.B. bestimmte Blicksignale zu geben, die meine Lüge als Wahrheit bekräftigen. Da ist dann der Frager mit seinem einen vor Jahren besuchten NLP-für-Personalchefs-Seminar u.U. schon aufgeschmissen, weil ich als Lügenwollender vielleicht einfach geübt und den besseren NLP-Kurs besucht habe.

* Und zuletzt: es gibt natürlich auch Leute, die schlicht aufgrund einer physischen oder motorischen Besonderheit oder auch aufgrund eines anders gearteten Kulturkontextes (merke: jede Kultur hat auch ihre eigenen Körpersprachevarianten) von einem Lügenerkennungsraster falsch ‚erfasst‘ werden.

Weil diese Faktoren (und es gibt sicher noch einige mehr) so vielschichtig sind, wird es nie eine zu 100% sichere Lügenerkennungsmethode geben, weil das ganze Konzept einfach auf einem zu mechanischen Verständnis der menschlichen Psyche, Physis und auch der Kommunikation beruht. Zugleich ist es logisch, dass Leute, die Geräte oder Methoden zur Lügenerkennung propagieren oder als juristische Beweismittel etablieren wollen, ein Interesse daran haben, etwas anderes zu behaupten. Auch deswegen wird es verlässliche „Prozentlisten“ (im Sionne von Trefferquoten), wohl kaum geben können (bekanntlich ist ja auch jede Statistik nur so gut wie der, der sie fälscht).

Dennoch, das sei nicht abgestritten, gibt es gewiss eben besagte gängige Signale, die man zu erkennen üben kann. Ob man mit dem, was man dann beobachtet, richtig umgeht, ist eine Frage der eigenen Kompetenz. Um die gute alte Intuition kommt man dabei auch weiterhin nicht herum.

Beste Grüße,

Pengoblin

Hi,

interessante Frage.

Ich bin kein Experte, aber wie wäre es, wenn man direkt die Aktivität gewisser Hirnregionen bei einem Probanden untersuchen würde (z.B. im Kernspintomographen). Wenn dieser lügt (vor allem wenn es sich um eine komplexe Lüge und nicht um ein einfaches „Nein“ handelt) sollten doch andere Gehirnbereiche (z.B. eher kreative Bereiche) aktiv sein, als bei einem der eher Erinnerung reproduziert und die Wahrheit sagt, oder?

Zumindest ein Großteil Deiner Einwände würde somit umgangen:

  • Aufregung ließe sich von Lüge trennen
  • Kulturelle Unterschiede und falsch gedeutete äußere Anzeichen entfielen
  • Täuschung durch Vorbereitung und Erlernen wäre verringert (insbesondere, wenn der Proband die Frage vorher nicht kennt und die Antwort erst konstruieren muss)
  • Die Gefahr der korrekten Antwort auf eine falsch verstandene Frage wäre aufgrund des Hinweises auf eine ausführliche Antwort reduziert

Gruß,
Sax