Hallo,
Martin Luther, liest man, sei nicht nur Reformator der Kirche gewesen (was die, die katholisch geblieben sind, natürlich nicht begrüßen), sondern auch Reformierer der deutschen Sprache. Begründet wird dies m. W. hauptsächlich mit zwei Argumenten:
Luther habe durch sein „Bibeldeutsch“ im in viele Dialektgebiete gespaltenem Deutschland als Erster ein überall verständliches Deutsch geschaffen.
Dadurch, dass kurz zuvor Gutenberg den Buchdruck in einer Form weiter entwickelt hatte, die erstmals in der Menschheitsgeschichte Massendrucke erlaubte, sei so die Möglichkeit geschaffen worden, diese Form des Deutschen zu verbreiten und Menschen daran zu schulen.
Mir stellen sich da mehrere Fragen:
Wieso konnte Luther eigentlich eine überregional verständliche Sprache schaffen? Zwischen Bayrisch, Schwäbisch, Hessisch, Friesisch und anderen Dialekten bestehen große Unterschiede. Heutzutage werden die ja nur noch von Wenigen in Reinform gesprochen, aber wenn, dann versteht man sie als Nur-Hochdeutsch-Sprechender fast gar nicht. Luther war aber doch kein weitgereister Mann, der alle genannten Dialekte beherrscht hat und so in der Lage gewesen wäre, eine allgemein verständliche Synthese daraus herzustellen. Worauf gründet sich das „Luther-Deutsch“?
Die Bibel wurde, das ist richtig, viele Jahre als Schulbuch zum Lesenlernen benutzt. Man begann nicht systematisch mit einfachen Wörtern, die zunächst nur wenige Laute enthielten, um dann nach und nach Laut um Laut und Buchstabe um Buchstabe hinzuzufügen. Man las die Bibel, beginnend auf Seite 1: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. …“ Mir sind Quellen bekannt, wo Kindern am Ende ihrer Schulzeit ein Zeugnis mit der Aussage: „Kann die Bibel bis Seite xy lesen.“ erteilt wurde.
Allerdings konnte die Lutherbibel ja nur in reformierten Gebieten benutzt werden. Und da nach den Religionskriegen die Regel galt, dass der Herrscher einer Region bestimmte, welcher Konfession seine Untertanen anzugehören hatten (was sich ja noch heutzutage daran erkennen lässt, das einige Gebiete in D vorwiegend evangelisch, andere vorwiegend katholisch sind), konnte die Lutherbibel auch weiterhin nicht in ganz D gelesen werden.
Wann, und durch wen, kam eigentlich die erste „katholische“ Bibel heraus? Wurde die auch als Leselernbuch genutzt?
Und, da es ja damals noch keine allgemeine Schulpflicht gab, und für Leute, die es nicht bezahlen konnten, nicht einmal die Möglichkeit existierte, eine Schule zu besuchen, kann auch die Lutherbibel zunächst einige Jahrhunderte lang doch gar keine so herausragende Rolle gespielt haben?
In dem Zusammenhang fällt mir auch auf: Es gibt viele bildliche Darstellungen, in denen Luther schwungvoll mit dem Hammer seine 95 Thesen an die Wittenberger Kirchentür anschlägt, und dabei von einer Vielzahl von Leuten umgeben ist, die sich danach drängen, den Text zu lesen. Ist das wirklich realistisch, in einer Umwelt, in der kaum ein Mensch lesen konnte? Hätte er seine Thesen nicht schneller und effektiver „unters Volk“ gebracht, wenn er eine oder noch besser mehrere des Lesens kundige Personen durch Überzeugung, notfalls durch Geld, dazu gebracht hätte, seine Thesen mehrmals täglich auf dem Marktplatz zu verlesen?
Grüße
Carsten