Hi,
Ich hoffe Du explodierst nicht wenn ich es weglasse.
Aber nicht doch, man gewoehnt sich an alles.
Und wie stimmt es dann? Hast Du Dir schon einmal die
verschiedenen Lohn-/Preisniveaus von heute und 1980
angeschaut? Mein lieber Schwan, da sieht man Sachen… Ich hab
das Beispiel in der Familie, beide Pole. Es geht schon!
Dass es geht (im Sinne von: es verhungert keiner) bestreitet niemand.
Klischee (wenn Du es so willst) folgt.
Auslaender: Da schau ihn Dir an den Kuemmel, halbes Dutzend
Kinder, lebt vom Kindergeld und macht sich nen faulen Lenz,
Dreckspack!
Deutscher: Was ihr habt zwei Kinder? Ja heutzutage geht das
doch gar nicht mehr, bei den Preisen.
Stimmt auffaellig. Etwas mehr dazu schreibe ich weiter Unten.
Klischee 2: Ali (man lese Guenther Wallraff) kommt in den
70ern nach Deutschland, schaufelt Dreck in der Fabrik und
kratzt Asbest aus den Waenden. Zieht nebenbei vier Kinder
gross die irgendwann mal ein Handwerksunternehmen aufmachen
und schon mal eine Stufe aufgestiegen sind. Die Enkel werden
wahrscheinlich dreimal so viel verdienen wie ein Deutscher.
Wie oft kommt das vor? Bis zur zweiten Generation laeuft das ja auch zum Teil so (wobei jemand, der eigentstaendig ein Handwerksunternehmen fuehrt nicht unbedingt viel mehr Zeit fuer seine Kinder hat als der IT-Dingsbums), das sind dann allerdings auch Leute, die hoechstens vom Aussehen her dem „Ali“-Bild entsprechen und deren Kinder landen nicht in der Hauptschule sondern oft genug aufm Gymnasium und spaeter an der Uni und das ist auch gut so. Das sind auch nicht unbedingt die, die mit 4 Kindern in der Hochhaussiedlung wohnen und bestenfalls als Strassenfeger ihr Geld verdienen.
Klischee 4: Ja wir Deutschen waren und sind immer noch ein
stinkfaules Pack. Waehrend Ali und Fatma uns den Dreck
wegraeumen sitzen wir in unseren Bueros und lamentieren
darueber das der neue BMW ja viel zu hohe Leasingraten hat und
man es sich kaum noch leisten kann dreimal im Jahr nach Malle
zu fliegen. Und dann wundern wir uns wenn unsere
Arschabwischer irgendwann mal sowas wie Bildung und Chancen
verlangen. Tz, wie anmassend die doch sind!
Ich habe in den ganzen Debatten der letzten Monate bzgl. Jugendkriminalitaet irgendwie kaum jemanden vernommen, der Bildung und Chancen verlangte.
Realitaet: Ja, ich glaube trotzdem daran das es viel zu viele
Auslaender in Deutschland gibt. Andere Laender packen es auch
ihre Einwanderungspolitik in einem vernuenftigen Mass zu
halten, nur Multikultideutschland nicht. Aber was erwarte ich
von der Regierung eines Landes das am Montag in der Presse als
neues Entwicklungsland mitten in Europa bezeichnet wird, am
Dienstag bekanntgibt das aufgrund des maroden Haushaltes keine
Hilfe fuer die Betroffenen des harten Wintereinbruches
gewaehrt werden kann und am Mittwoch selbstverstaendlich
tiefbetroffen ein paar 100 Millionen nach Thailand zur
Tsunamihilfe ueberweist? Auch glaube ich das es sinnvoller
waere einen Asylbewerber nach spaetestens einer Woche entweder
ins Flugzeug zu setzen oder seinen Antrag zu bewilligen
anstatt ihn drei Jahre lang in der Buerokratie schmoren zu
lassen und ihn durchzufuettern weil man ihm nicht erlaubt
(!!!) zu arbeiten.
Zum groessten Teil ACK.
Das alles aendert nichts daran das wir unsere Probleme selbst
verursachen und der Mensch ueber den wir richten nichts dafuer
kann das er uns nicht passt.
So, zurueck zum Thema. Es ist schlicht und ergreifend
Bloedsinn das so etwas nicht funktionieren kann. Zig Haushalte
machen es vor, wieso funktioniert das denn bei denen? Es gibt
doch genuegend Kinder die genug Kontakt zu ihren Eltern haben,
anders kann man es ja nicht mehr ausdruecken. Und das sind
nicht alles Kinder von Chefaerzten, Rechtsanwaelten und
Geschaeftsfuehrern. Das sind solide Mittelstaendler.
Erstaunlich oder?
Natuerlich kann sowas funktionieren. Meine Behauptung ist aber: nur dadurch, dass nur ein Elternteil sich dem Geldverdienen widmet ist noch nicht sichergestellt, dass die Kinder in vernuenftigen Familienverhaeltnissen aufwachsen. Mehr noch: wenn kein Elternteil sich dem Geldverdienen widmet ist es oft noch viel schlimmer. Es geht nicht um die reine Quantitaet sonder auch um die Qualitaet. Auch wenn beide Elternteile (voellig unabhaengig davon ob es nun die Familie Ali oder die Familie Michel sein soll) zwar den ganzen Tag zuhause hocken, der Nachwuchs aber trotzdem vor dem Fernseher geparkt oder im fortgeschrittenen Alter (so ab 10-12) eh sich selbst ueberlassen wird, kommt da nix gutes bei raus. Daran aendert die selbstgekochte Kartoffelsuppe auch nichts.
Und noch was spannendes zum Schluss, ueberlege mal welche der
folgenden Ausgaben ein Schluesselkind verursacht und wieviel
dann vom doppelten Gehalt uebrigbleibt: Fertiggerichtpampe
anstatt selberkochen, aerztliches Nahrungscoaching wg.
falscher Ernaehrung (mit Fertiggerichtepampe), Psychotherapie
fuer den Filius, Playstation und Co. als Liebes- und
Zuwendungsersatz, Hort und Co. zur Betreuung.
Das habe ich an einer anderen Stelle in einem anderen Brett aehnlich gesehen.
Lieg ich immer noch so falsch?
Ich wehre mich immer noch gegen den Vorwurf, dass
a) die Deutschen einfach zu viel materielles wollen
b) wenn die Mutter daheim bleibt, wird alles gut
Es stimmt einfach beides so nicht.
Ich selbst habe eine Zeitlang im Niedriglohnsektor arbeiten muessen (Zeitarbeit, nette Firma, aber dadurch wird man als Arbeitnehmer auch nicht reich). Du kriegst so um die 800 Euro pro Monat raus. Der Chef erwartet absolute Mobilitaet, also brauchst Du ein Auto. Der Chef erwartet, dass er Dich um 3 Uhr Nachts wachklingeln kann, damit du um 4 am anderen Ende der Stadt einspringen kannst, weil jemand krank ist. Der Chef sagt Dinge wie „es waere toll wenn Sie zukuenftig ihre Kollegen auf dem Weg aufsammeln koennten, sonst muessen wir uns die weitere Zusammenarbeit nochmal ueberlegen“. Der Chef sagt sowas wie „diesen Monat sieht es eher Mau aus, nehmen Sie mal Resturlaub und danach wenn nix kommt unbezahlten Urlaub“. DAS ist die Realitaet und wie man da mit einem Verdiener in der Familie noch ein oder mehrere Kind(er) vernuenftig versorgen will, ist mir nicht klar.
Kurz: es geht mir nicht um den IT-Berater mit 50000 Jahresgehalt und seine Frau, die vielleicht 5 Jahre lang auf Kosten der Allgemeinheit uebrigens sagen wir mal Psychologie studiert hat und auch nach der Geburt den Wunsch hat, dieses Studium nicht umsonst sein zu lassen. Diese beiden werden fuer ihr Wunschkind vermutlich eine Loesung finden, so dass es rund um die Uhr versorgt wird. Und wenn die Mami doch zuhause bleibt, ist es finanziell auch keine Katastrophe.
Bei Vater Schlosser (1500 Euro brutto), Mutter Krankenschwester (1200 Euro Brutto mit ekligen Schichten) wird das schon schwieriger („Wie Sie muessen um 6 zur Arbeit? Unser Kindergarten macht um 8:30 auf und um 13:00 wieder zu“, „wie Ganztagsschule? nee, sowas hamn wir nich, da wird das Kind doch vom Staat indoktriniert“). Bleibt die Mutter zuhause bleibt nach Abzug der Fixkosten kaum mehr als der Hartz4-Satz ueber.
So, und nu kommen wir zu dem Ali, der Strassen fegt und eine 6-Koepfige Familie ernaehrt. Erklaer mir wie das gehen soll? Erzaehl mir noch folgendes:
sind es die Kinder des oben genannten Inhabers eines Handwerkbetriebs die mich auf dem Supermarktparkplatz auf dem Weg zum Auto anpoebeln oder eher die Kinder des, na Du weisst schon, des Strassenfeger-Ali? Sind es die Kinder des Inhabers des Handwerkbetriebs, die des IT-Consultants und der Psychologin die nachts Busse mit Steinen bewerfen, in der Nachtlinie auf die Sitze urinieren und „Ey Alda ich fick deine Mudda, gib Handy“ sagen? Oder doch eher die von Ali (Strassenfeger), Peter (Hartz4-Empfaenger) oder Detlef (Aushilfslagerkraft, immer besoffen). Und wessen Erziehung ist dann wo fehlgeschlagen?
Du wirst doch sicher nicht abstreiten (Beispiele hin oder her), dass Jugendgewalt zu einem grossen Anteil gerade aus Familien kommt, welche materiell unterdurchschnittlich ausgestattet sind, jetzt mal unabhaengig davon, ob der Vater nun Ali oder Peter heisst. Und was machen eigentlich alleinerziehende? Ab zum Arbeitsamt auf Lebenszeit? Oder soll man den IT-Consultant zwingen, seinen Sohn nur noch bei Woolworth einzukleiden und mit einem Ford Escort Bj. 1992 zur Arbeit zu fahren, nur damit keiner neidisch wird?
Gruss
Paul