Häufig hört man ja die landläufige Meinung, dass jemand
entsetzt ist, dass gerade DER oder SIE „so“ ist/sind, weil sie
ja am eigenen Leib erfahren haben, wie „das“ so ist.
da hier wahrscheinlich niemand direkten kontakt mit opfern von krieg und vertreibung hat, weiche ich besser auf ein beispiel aus, das jeder besser nachvollziehen kann.
A ist von ihren eltern als kind geschlagen worden und mit liebesentzug bestraft worden. sie hat ihr elternhaus als hölle erlebt. jetzt hat sie eine tochter und sagt: „ich krümme meinem kind kein haar, denn ich weiß was es heißt geschlagen worden zu sein.“
B war als kind fettleibig und wurde von den schulkameraden erniedrigt, öffentlich bloßgestellt und terrorisiert. jetzt ist er ein sportlicher junger mann und sagt: „ich würde nie einen anderen wegen seines aussehens auslachen, da ich weiß was es heißt, verspottet zu werden.“
das erste was mir dabei sauer aufstößt ist die rolle der peiniger. unmittelbar kommt einen in den sinn, daß es „doch was gutes hatte“, daß diese zwei menschen gequält worden sind, da sie das ja „zu guten menschen gemacht“ hätte. dieser gedanke ist pervers und erinnert an mittelalterliche idee von der läuterung durch schmerz und qual. leiden ist nie gut und es hat niemals positive konsequenzen. diese idee, ja fast scho ideologie, lehne ich ab.
weiter stellen wir uns vor, die A gäbe ihrer tochter unter wut eins auf den popo. ein besonders gutmenschlicher zuschauer meinte dann „wie können ausgerechnet SIE nur sowas tun, müßten SIE denn nicht genau wissen wie das ist?“
der B läßt hörbar verlauten, daß eine kollegin zotige haare hat und nach schweiß stinkt. ein gutmenschlicher kollege meint: „wie kannst DU nur sowas laut sagen, du bist doch als kind verspottet worden, weil du zu dick warst!“
diese reaktionen sind für mich ekelhaft. da werden an zwei menschen höhere maßstäbe angelegt, aber nicht weil sie etwa täter und peiniger waren, sondern opfer von erniedrigungen. wäre ihnen das nicht passiert, hätten sie eben fehler gemacht und böses getan wie es jedem anderen auch passieren kann. es hört sich an, als würde man diese menschen ein zweites mal peinigen und für ihre qualen auch noch bestrafen.
die einzigen, denen man höhere maßstäbe anlegen könnte, sind die eltern von A und die schulkameraden von B. DIESE müßten eigentlich gelernt haben, wie man menschen NICHT behandelt.
die läuterungsidee finde ich abstoßend und unmenschlich. vielleicht findet sich der eine oder andere in den beiden geschichten wieder, wenn auch nicht so kraß. irgendeine schlimme kleinigkeit ist jedem von uns passiert. müssen wir deswegen besonders gute menschen sein? nein! und wir sind es normalerweise auch nicht.
gruß
datafox