Macht Intelligenz eine Heilung schwerer?

Hai, Behandelnde der Psyche,

psychische Erkrankungen sind doch vom IQ relativ unabhängig, also jemand mit IQ 80 kann genauso unter Zwangsstörungen (oder sonstwas) leiden, wie jemand mit IQ 130 (oder?).

Nun weiß ich (glaube ich zu wissen), daß sich eine Psyche nicht ohne Weiteres ihr „Lieblingsproblem“ wegnehmen lässt…

…ist es eigentlich schwerer, eine Psyche, die einen hohen IQ nutzen kann, wieder „in die Spur“ zu bringen? Oder leichter?

Oder, allgemeiner, gibt es abhängig vom IQ des Erkrankten Behandlungsunterschiede?

grübelnd grüßt
Sibylle

Hai Sibylle

psychische Erkrankungen sind doch vom IQ relativ unabhängig,
also jemand mit IQ 80 kann genauso unter Zwangsstörungen (oder
sonstwas) leiden, wie jemand mit IQ 130 (oder?).

Richtig, aber der Behandlungsmethoden gibt es ja bekanntlich viele; und die Intelleigenz ist EINE der Varianten, die bei der Indikationsstellung mit berücksichtigt wird.

…ist es eigentlich schwerer, eine Psyche, die einen hohen IQ
nutzen kann, wieder „in die Spur“ zu bringen? Oder leichter?

Grundsätzlich eher leichter, Intelligenz ist hierbei ausnahmsweise mal kein erschwerendes Moment :wink:…vor allem, wenn noch Flexibilität / Wandlungsfähigjkeit hinzu kommt.

Oder, allgemeiner, gibt es abhängig vom IQ des Erkrankten
Behandlungsunterschiede?

Ja.
Weiter ins Detailo möchte ich aber im Moment noch nicht gehen, sonst kriege ich womöglich schon wieder Haue. :wink:

grübelnd grüßt
Sibylle

schmunzelnd grüßt
Branden

Hallo, Sibylle,

es ist schon richtig, daß es in Abhängigkeit von der Intelligenz keine großen Unterschiede gibt, ob jemand an einer psychischen Störung erkrankt. Einige kleinere Zusammenhänge gibt es dennoch: Weit überdurchschnittliche Intelligenz gilt im Kindes- und Jugendalter als Risikofaktor für die Entstehung sogenannter internalisierender Störungen (sozialer Rückzug, Ängstlichkeit, Depressivität, körperliche Beschwerden), unterdurchschnittliche Intelligenz als Risikofaktor für die Entstehung sogenannter externalisierender Störungen (Störung des Sozialverhaltens, Aggression). Außerdem soll eine höhere Intelligenz bei der Verarbeitung von traumatischen Ereignissen nützlich sein, so daß sie als protektiver Faktor gegen die Entwicklung von posttraumatischer Belastungsstörung gilt.

Oder, allgemeiner, gibt es abhängig vom IQ des Erkrankten
Behandlungsunterschiede?

Dies wurde hin und wieder untersucht. Die Befunde sollen nicht eindeutig sein, sondern sich in Abhängigkeit vom Untersuchungsansatz unterscheiden. Abgesehen davon dürfte klar sein, daß bei Patienten mit unterdurchschnittlicher Intelligenz stark strukturierte Verhaltenstherapie erfolgversprechender sein wird als kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungen oder „aufdeckende“ Verfahren wie psychodynamische / psychoanalytische Therapie.

Grüße,

Oliver Walter

Hallo,

Oder, allgemeiner, gibt es abhängig vom IQ des Erkrankten
Behandlungsunterschiede?

Ja.
Weiter ins Detailo möchte ich aber im Moment noch nicht gehen,
sonst kriege ich womöglich schon wieder Haue. :wink:

Menno, immer wenn’s spannend wird… Gerade die Detailos würden mich
jetzt aber interessieren :wink:

cachoo schaut gespannt auf Branden und verspricht, die Rute in die
Besenkammer geschlossen zu haben :smile:

cachoo schaut gespannt auf Branden und verspricht, die Rute in
die
Besenkammer geschlossen zu haben :smile:

Wenn Du mich nicht haust, cachoo, ist das immerhin etwas.
Aber es gibt och Andere… :wink:

Erfahrungsgemäß wird die Behandlung von Depressiven mit einem hohen IQ schwieriger, wenn zum beispiel der Therapuet einen geringeren IQ hat.

Oftmals fängt der Patient dann an mit dem Therapeuten zu „spielen“. Durch diese Aktion bringt sich der Petient unbewusst vom eigenen Heilungsweg ab und wendet sich der geistigen „Unterwerfung“ des Therapeuten zu.

Andererseits sind Patienten mit einem hohen IQ eher krankheitseinsichtig, d.h. dass sie eher Hilfe suchen und auch gezielt nach Therapien suchen, die ihnen helfen.

Erfahrungsgemäß wird die Behandlung von Depressiven mit einem
hohen IQ schwieriger, wenn zum beispiel der Therapuet einen
geringeren IQ hat.

Das rechne ich mal zu den Ausnahmefällen, da beim Zusammentreffen dieser Konstellation meist (beidseits) schon in bzw. nach den Probestunden Abstand von einer weiteren Zusammenarbeit genommen wird, da beide spüren, dass das nix G’scheires wird. :wink:

Huhu!

Das rechne ich mal zu den Ausnahmefällen, da beim
Zusammentreffen dieser Konstellation meist (beidseits) schon
in bzw. nach den Probestunden Abstand von einer weiteren
Zusammenarbeit genommen wird, da beide spüren, dass das nix
G’scheires wird. :wink:

Und Übersetzt heißt das, das es für wirklich schlaue Leute schwer wird, einen vernünftigen Therapeuten zu finden, weils eh wenig Leute gibt, die intelligenter sind als sie - und darum sind ihre Chancen, das es ihnen durch eine Therapie besser geht geringer.

Oder irre ich mich?
Viele Grüße!
Scrabz aka Philipp (aka Drache).

Oftmals fängt der Patient dann an mit dem Therapeuten zu
„spielen“. Durch diese Aktion bringt sich der Petient
unbewusst vom eigenen Heilungsweg ab und wendet sich der
geistigen „Unterwerfung“ des Therapeuten zu.

Nicht unbedingt das, aber es kann für den Patienten irritierend sein,
wenn er merkt, dass er in manchen Punkten vielleicht fixer ist als
der Therapeut. Insbesondere, wenn der Therapeut das nicht zugeben
kann und z.B. das kritische Hinterfragen des Patienten als Zeichen
seiner Störung pathologisiert (was hoffentlich nicht allzu oft
vorkommt). Außerdem reagieren Patienten mit sehr hohem IQ meist
geradezu allergisch auf jegliches methodisches Vorgehen.

Aber ich denke auch, dass bei einem authentischen Therapeuten (ob nun
intelligenter oder weniger intelligent) eher gute Heilungschancen
bestehen, weil Leute mit hohem IQ sehr geübt in (Selbst-)Reflektion
sind.

Und abgesehen von seiner kognitiven Intelligenz gibt es ja noch jede
Menge Fachwissen, Herzensbildung (schönes, altmodisches Wort!),
Erfahrung und Weisheit, mit der der Therapeut aufwarten kann :wink:

cachoo

Und Übersetzt heißt das, das es für wirklich schlaue Leute
schwer wird, einen vernünftigen Therapeuten zu finden, weils
eh wenig Leute gibt, die intelligenter sind als sie - und
darum sind ihre Chancen, das es ihnen durch eine Therapie
besser geht geringer.

Nur scheinbar. So einfach gehen die Gleichungen (zum Glück?) nicht auf.
Psychotherapien bestehen ja nicht aus einem Wettlauf von Schlaumeierei, sondern miteinander etwas zu ergründen, vielleicht auch zu heilen, was nicht heil ist.
Ein z.B. schwer gestörtes Mathematik-Genie geht ja auch nicht zum Pfarrer, um ihm zu zeigen, wie gut er mathematisch denken kann oder zum Urologen, um ihm zu zeigen, wie lange er mit Harnverhaltung überleben kann.
Jemand, der krank ist, der Hilfe sucht, fargt sich nicht lange, ob der Andere, der ihm helfen soll, einen höheren oder tieferen IQ hat. Und er fragt sich das umso weniger, je intelligenter er ist.
Gruß,
Branden

Ergänzung

Erfahrungsgemäß wird die Behandlung von Depressiven mit einem
hohen IQ schwieriger, wenn zum beispiel der Therapuet einen
geringeren IQ hat.

Letztlich freut man sich als Therapeut doch über jeden intelligenten Patienten, weil die Zusammenarbeit dann meistens viel besser funktioniert. Überdurchschnittlich intelligente Patienten halten dich wach, beleben dich auch postprandial (in der gefährlichen Stunde nach der Mittagspause, wo wir müde werden)und die Behandlungsstunden bleiben lebendig.
Ich schätze also, jeder von uns wünscht sich einen hohen Anteil an hochintelligenten Patienten.
Gruß,
Branden

YAVIS-Patienten
Hi,

ich bin nicht behandelnd, mag aber noch ein Schlagwort einwerfen, welches vielleicht bei der Recherche hilft.

Oder, allgemeiner, gibt es abhängig vom IQ des Erkrankten
Behandlungsunterschiede?

YAVIS ist ein Akronym für „Young Attractive Verbal Intelligent Successful“, und „man sagt“, solche Patienten seien Therapeuten am Liebsten, weil eine erfolgreiche Therapie wahrscheinlich sei.

Gruß,

Malte

Hallo Malte

YAVIS ist ein Akronym für „Young Attractive Verbal Intelligent
Successful“, und „man sagt“, solche Patienten seien
Therapeuten am Liebsten, weil eine erfolgreiche Therapie
wahrscheinlich sei.

Das ist richtig. Man hat damals den YAVIS-Patienten sogar als Vorwurf an die Psychoanalytiker verwendet, so nach dem Motto: Ihr machts Euch zu leicht.
Gut, dass Du das Stichwirt eingeworfen hast. Die Diskussion bekam ja etwas „Schlagseite“,weil so eine Vorstellung Raum griff, dass höhere Intelligenz beim Patienten ein Nachteil sein könnte. Flugs wurde (latent aggressiv) dann noch ein strunzdummer Therapeut dazu konstruiert und schon hatten wir ein reichlich virtuelles Geshehen. :wink:
Gruß,
Branden

Hallo, Branden,

Das ist richtig. Man hat damals den YAVIS-Patienten

soweit ich weiß, hat sich die Sache mit den YAVIS-Patienten aber nicht gegenüber einer kritischen Prüfung dieser Hypothese aufrechterhalten lassen.

Flugs wurde (latent aggressiv) dann noch ein
strunzdummer Therapeut dazu konstruiert und schon hatten wir
ein reichlich virtuelles Geshehen. :wink:

oh ja, und reichlich Lachen meinerseits. :wink:

Beste Grüße,

Oliver

Hallo Oliver,

soweit ich weiß, hat sich die Sache mit den YAVIS-Patienten
aber nicht gegenüber einer kritischen Prüfung dieser Hypothese
aufrechterhalten lassen.

mal weg von dem vermeintlich besseren Outcome mit YAVIS-Patienten - wie sieht es denn rein vom Arbeiten mit ihnen aus? Auch wenn Du nicht therapierst, kannst Du Dich doch sicher ein wenig in die Lage versetzen. Mal so aus der hohlen Hand kann ich mir vorstellen, dass insbesondere die „aufdeckenden“ Therapieformen (so nanntest Du sie, IIRC) mit YAVIS-Patienten gut funktionieren und vor allem auch Spaß machen, weil ihre Werkzeuge - Anleiten zur Selbsterkenntnis, Reflexion des vergangenen Handelns und was es da sonst noch so geben mag - eben gut greifen, während - auch wieder á la main - das, was ich mir unter Verhaltenstherapie vorstellen durch allzu intensives Hinterfragen und Grübeln eher gehemmt wird.

Oder ist das alles ganz anders?

Gruß,

Malte

Hallo, Malte,

mal weg von dem vermeintlich besseren Outcome mit
YAVIS-Patienten - wie sieht es denn rein vom Arbeiten mit
ihnen aus? Auch wenn Du nicht therapierst, kannst Du Dich doch
sicher ein wenig in die Lage versetzen.

ich kann mich schon in die Lage versetzen und habe ja auch Erfahrungen mit eigenen Patienten. Als Empiriker bin ich mir immer bewußt, daß etwas empirisch - also in der Erfahrung - nicht so sein muß, wie man sich etwas im Kopf vorstellt. Dies gilt auch dann, wenn die Vorstellung in sich widerspruchsfrei ist. Das mit den YAVIS-Patienten ist so eine Vorstellung, die sich empirisch so nicht halten ließ.

Mal so aus der hohlen
Hand kann ich mir vorstellen, dass insbesondere die
„aufdeckenden“ Therapieformen (so nanntest Du sie, IIRC) mit
YAVIS-Patienten gut funktionieren und vor allem auch Spaß
machen, weil ihre Werkzeuge - Anleiten zur Selbsterkenntnis,
Reflexion des vergangenen Handelns und was es da sonst noch so
geben mag - eben gut greifen, während - auch wieder á la main

  • das, was ich mir unter Verhaltenstherapie vorstellen durch
    allzu intensives Hinterfragen und Grübeln eher gehemmt wird.

Diese Theorie klingt erstmal gut und stimmig. Sie läßt bloß einiges außer Acht - ist also zu einfach - und hält daher der Prüfung an der Erfahrung nicht stand. Zum einen ist es nicht so, daß es nur in psychodynamischen Therapien um Selbsterkenntnis und Reflexion geht, sondern z.B. auch in kognitiv-verhaltenstherapeutischen Therapien (lies z.B. mal das Buch von Aaron Beck zur kognitiven Therapie der Depression). Zum anderen sind intelligentere Patienten nicht immer die einfacher zu händelnden und es macht auch nicht immer Spaß mit ihnen. Sie denken tendenziell mehr nach, hinterfragen manchmal mehr und sind daher nicht immer so leicht von der Nützlichkeit dessen überzeugt, was in der einen oder anderen Therapie gemacht wird.

Grüße,

Oliver Walter