Hallo,
Anwälte und Notare werden in Frankreich per „Maître“ angeredet. Gibt es eine spezifische Anrede auf Deutsch?
lg
Benoît
Hallo,
Anwälte und Notare werden in Frankreich per „Maître“ angeredet. Gibt es eine spezifische Anrede auf Deutsch?
lg
Benoît
Salut Benoît,
nein, da sind die Deutschen ausnahmsweise bürgerlicher als die Citoyens. Der Notar Bachleitner wird schlicht mit „Herr Bachleitner“ angesprochen. Wenn man will, kann man den Titel „Herr Notar Bachleitner“ dazusetzen, aber das ist auch unüblich.
Schöne Grüße
MM
Hallo,
Solche Bezeichungen waren früher (sehr viel früher) durchaus auch in der deutschen Sprache gebräuchlich. Es wurde dann der Jurist angesprochen als „Herr Assessor“ (Beisitzer, Gehilfe im Amt) oder als „Herr Advokat“ (der Hinzugerufene). Letzters ist lustig, da eine große Rechtsschutzversicherung damit „spielt“ und somit die Bezeichnung vielleicht wieder aus der Versenkung holen könnte.
Aber natürlich hat Martin May dahingehend Recht, dass heutzutage der „Notar Bachleitner“ schlicht als „Herr Bacheitner“ angesprochen wird.
MFG Cleaner
Exkurs: Titel in Anreden
Hallo nochmal,
vielleicht noch ein kleiner Blick in die Runde betreffend Titel in Anreden im Deutschen:
Aktuell ist vor allem der akademische Grad „Doktor“ noch in Gebrauch. Interessant dabei, daß der Anteil von Doctores, die ihrerseits Wert auf den Titel in der Anrede legen, wohl höher ist als der von Professoren, die den Professor in der Anrede hören möchten.
Im Hochschulwesen und in den kirchlichen Strukturen gibt es noch die Eminenz, in der Diplomatie die Exzellenz; in der Politik die jeweiligen Funktionen - wobei auch der Herr Finanzminister Dr. Schäuble ein „Herr“ ist.
Abweichend vom „Herrn“ gibt es im Handwerk auch in der direkten Anrede „Meister“, vor allem bei Handwerkern unter sich. Wenn ein Außenstehender „Herr Kolesch“ sagt, ist das kein Fauxpas, aber ein Handwerker sollte schon „Meister Kolesch“ sagen. - Der „Meister“ als Anrede für den mécano ist mit dem Dampfbetrieb ausgestorben, seit nur noch einer auf der Maschine sitzt.
Im Ordenswesen noch „Bruder“, „Schwester“, „Vater“ analog zum französischen Gebrauch. Militärisch auch analog, wobei alles vom Gefreiten aufwärts auch „Herr“ & Dienstgrad heißt.
Im Adel, für den die bürgerliche Anrede ganz unpassend ist, „Erlaucht“ und „Durchlaucht“ je nach Rang, und - wichtig - auch heute noch in der dritten Person. Wie etwa bei den zwar dunkelblaublütigen, aber in den teils recht ländlich-volksnahen Hohenlohern, wo es noch nicht lang her ist, daß man morgens beim Bäcker hören konnte „Durchlouchd Frou Ferschde sähe awwer aarch mealichd ous heid“ (= Durchlaucht Frau Fürstin sehen aber sehr bleich aus heute). „Frau“ (= frouwe, eigentlich Adlige) hier nur bei Frauen. Männer ohne „Herr“ - in der Königseggwalder Brauereiwirtschaft am Freitagabend: „Hent Erlaucht Erbgraf scho gnua fir heid?“ („Haben Erlaucht Erbgraf schon genug für heute?“)
Schöne Grüße
MM
Hallo,
Aktuell ist vor allem der akademische Grad „Doktor“ noch in
Gebrauch.
wobei ich zuweilen mit Anwälten rede, die auf die Frage nach dem Namen „Rechtsamwalt Müller“ antworten. Das führte bei mir zur Vermutung, das RA beinahe wie Dr. ein Bestandteil der Anrede ist.
Gruß
T.
Servus,
ja, das ist mit dem französischen „Maître“ vergleichbar: Der Titel zeigt gleichzeitig an, daß sein Träger eine bestimmte Funktion bzw. von Rechts wegen bestimmte Kompetenzen hat. Vgl. auch StB, Apotheker etc.; wobei interessanterweise ausgerechnet derjenige aus diesem Kreis, der die wohl am weitesten gehenden Kompetenzen hat, nämlich der approbierte Arzt, im üblichen Sprachgebrauch außerhalb des Kinos („Ich bin Arzt!“)überhaupt nicht besonders tituliert wird.
Schöne Grüße
MM
Moin auch,
wobei interessanterweise
ausgerechnet derjenige aus diesem Kreis, der die wohl am
weitesten gehenden Kompetenzen hat, nämlich der approbierte
Arzt, im üblichen Sprachgebrauch außerhalb des Kinos („Ich bin
Arzt!“)überhaupt nicht besonders tituliert wird.
Allerdings sind unter den Doktoren die Ärzte meiner Erfahrung nach diejenigen, die am meisten Wert auf den Titel legen.
Im Krankenhaus, Notfallambulanz fragt mich der Arzt im Dienst „Herr Doktor DataEditor, sind Sie ein Kollege?“ Meine Antwort „Nein, ich habe was seriöses studiert“ fand er absolut nicht witzig
Ralph
Hallo Martin u. Cleaner,
offensichtlich sind die Deutschen, abgesehen vielleicht von den Akademikern, weniger auf ihren Titel versessen -
Eine Frage zu den Priestern: wann sagt man „Vater“ und wann „Pater“?
lg
Benoît
Hallo,
Vermutlich ist der „Pater“ ein Ordensgeistlicher, der „Vater“ ein aus dem Englischen übersetzter „Father“ (bin selbst evangelisch, da sind mir weitere Feinheiten nicht so vertraut); soweit mir bekannt wird ein katholischer Priester als „Hochwürden“ angesprochen, wenn er keinen anderen hierarchischen Titel hat.
Es grüßt
Der Daimio
Servus Benoît,
„Pater“ ist für Ordensgeistliche eher die allgemeine, bürgerliche Anrede (von denen, die sie überhaupt noch kennen). „Vater“ oder „Mein Vater“ ist diejenige, die eher von der Opus-Dei-Fraktion verwendet wird: Von den bemitleidenswerten Krüppeln, denen der leibliche Vater noch im Bubenalter auf „Bonjour“ (ohne „papa“ oder „mon père“) zur Strafe geantwortet hat „Bonjour, mon chien!“
Die Fratres aus den Orden, wo es welche gibt, werden allerdings generell auf Deutsch „Bruder“ angesprochen, „Frater“ ist ausgestorben.
Bei den Patres wird im deutschen Sprachgebrauch der Abt und der Prior nicht von anderen Ordensleuten unterschieden. Le Père Abbé ist in der Anrede eben auch „Pater Caelestis“ (oder wie immer er heißen möge).
Bonus Track:
Ein SDF gibt einem anderen den Tip: "Pass auf, da vorn ist ein Kloster - geh bloß an die Pforte und sag „Seliger Bruder, könnte ich denn nicht ein warmes Süpplein haben?“, und dann wirst Du gut versorgt.
Der andere kommt nach einiger Zeit wutschnaubend zurück: „Du Dackel, was hast Du mir denn da erzählt? Das war ja grad für die Katz! - Ich hab genau gesagt, was Du mir aufgetragen hast: ‚Warmer Bruder, könnte ich denn nicht ein seliges Süpplein haben?‘, und da hat er mich zuerst verdroschen und dann hinausgeworfen!“ („Warmer Bruder“ war in der Zeit der Illegalität ein Übername für Homosexuelle).
Schöne Grüße
MM
Hallo Martin u. Daimio,
das mit „Hochwürden“ wusste ich ja gar nicht. Danke für die Info.
Martin, du schreibst, Ordensgeistliche würden mit „Pater“ angesprochen. Wie steht es um einfache Priester, die keinem Orden angehören?
Ich musste schmunzeln, als ich von jenen Tyrannen las, denen „bonjour“ nicht reicht. In der Grundschule ass ich mittags in der Kantine. Wenn ein Schüler einer der Angestellten einfach „merci“ sagte, knurrte letztere wie ein Drachen „merci qui ?, merci, mon chien ?“ Wie du siehst, es gibt nicht nur schlimme Väter
Apropos „warmer Bruder“: das Wort war mir bekannt. Bis wann wurde es verwendet? Wird es heute noch unter Eingeweihten bzw. gebildeten Menschen augenzwinkernd verwendet?
lg
Benoît
Hallo Benoît,
Wie steht es um einfache Priester, die keinem
Orden angehören?
eigentlich „Hochwürden“, aber sie haben sich daran gewöhnt, mit „Herr & Dienstrang“ (Herr Vikar, Herr Kaplan, Herr Stadtpfarrer etc.) angesprochen zu werden und nehmen das nicht übel - von einigen Lefebvrianern vielleicht abgesehen, aus der Fraktion kenne ich niemanden.
Übrigens wird es auch bei Ordensgeistlichen kaum ein Pater übelnehmen, wenn ihn jemand, der es nicht anders weiß, mit „Bruder“ tituliert.
Apropos „warmer Bruder“: das Wort war mir bekannt. Bis wann
wurde es verwendet?
Ich schätze, daß es im Lauf der 1970er Jahre ausgestorben ist. Mit dem Ende des § 175 StGB (DDR: 1968, BRD: 1969) ist der wichtigste Anlass zur Heimlichtuerei weggefallen.
Wird es heute noch unter Eingeweihten bzw.
gebildeten Menschen augenzwinkernd verwendet?
Ich denke, es wird bei den Jahrgängen ab 40 noch verstanden, klingt aber ein wenig verkniffen und altbacken; welche Begriffe auf welchem Sprachniveau jeweils „politisch korrekt“ sind, ändert sich ziemlich schnell. Eine Systematik dafür zu geben, traue ich mir nicht zu.
Schöne Grüße
MM