Man kann nicht nicht kommunizieren

Hallo und Guten Tag!
Mich interessiert der Kommunikationsbegriff, den Watzlawik (wann genau?) seinem Postulat „Man kann nicht nicht kommunizieren“ zugrunde gelegt hat. Ist er noch identisch mit der heutigen Definition?
Ich meine, dass sich sein „Axiom“, wie es auch manchmal genannt wird, lediglich auf die direkte face-to-face-Kommunikation bezieht. Und auch hier hegen sich Zweifel in mir, dass man dabei nicht nicht kommunizieren kann.

Der Kommunikationsbegriff muss m.E. weiter gefasst werden, als nur für die direkte face-to-face-Situation. Denn ich kann auch mit Menschen kommunizieren, die sich in Australien befinden, Internet und eMails machen es in Sekundenschnelle möglich. Dabei muss ich sie nicht einmal (sinnlich) wahrnehmen.

Ich persönlich kommuniziere mit über 99,9% der Weltbevölkerung nicht, mit vielen Bekannten, die ich im Laufe meines Lebens kennen gelernt habe, kaum noch und mit meiner Frau von Angesicht zu Angesicht nicht mehr, wenn ich sprachlos bin über eine Aussage oder Handlung von ihr bin.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet wäre die Aussage, „Man kann nur mit wenigen Menschen kommunizieren“ richtiger als die Watzlawicks.

Mit freundlichen Grüßen
Castiglio

Hallo!

Ich persönlich kommuniziere mit über 99,9% der Weltbevölkerung
nicht, …

Das ist trivial, denn sie wissen von Deiner Existenz nichts.

… mit vielen Bekannten, die ich im Laufe meines Lebens
kennen gelernt habe, kaum noch …

Damit kommunizierst Du, dass diese Bekannten Dir früher mehr bedeutet haben als heute.

… und mit meiner Frau von
Angesicht zu Angesicht nicht mehr, wenn ich sprachlos bin über
eine Aussage oder Handlung von ihr bin.

Damit kommunizierst Du, dass Dich diese Aussage oder Handlung sprachlos macht.

Ich glaube: So ist das von Watzlawik gemeint. Solange wir von anderen wahrgenommen werden, empfangen sie von uns Signale. „Keine Antwort ist auch eine Antwort“ heißt es so schön im Deutschen Volksmund.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet wäre die Aussage, „Man kann
nur mit wenigen Menschen kommunizieren“ richtiger als die
Watzlawicks.

Das stimmt nicht.

Caspar Hauser konnte vor seinem Entkommen nur mit demjenigen kommunizieren, der ihm das Essen brachte. Neil Armstrong kommunizierte bei seiner Mondlandung mit dem halben Erdball. Die Zahl der Menschen, mit denen wir kommunizieren, hängt also hauptsächlich davon ab, mit wie vielen Menschen wir eine Kommunikationsverbindung haben - und nicht davon, wie vielen man seine Aufmerksamkeit schenken kann.

Michael

Ich persönlich kommuniziere mit über 99,9% der Weltbevölkerung
nicht, …

Das ist trivial, denn sie wissen von Deiner Existenz nichts.

Das nehme ich teilweise zurück. Unser Handeln wird auch dadurch bestimmt, dass wir von 99,9% der Weltbevölkerung nichts wissen. Wenn ein Kindersoldat in einem Bürgerkrieg in Afrika getötet wird, ohne dass wir davon erfahren, dann beeinflusst diese Nicht-Information unser Handeln auch, denn wir würden anders über den Bürgerkrieg denken, wenn wir davon erführen.

In der Informationsgesellschaft, in der wir heute leben, ist das, was wir nicht erfahren, für unsere Meinungsbildung ebenso entscheidend, wie das, wovon wir wissen.

Michael

Mich interessiert der Kommunikationsbegriff, den Watzlawik
(wann genau?) seinem Postulat „Man kann nicht nicht
kommunizieren“ zugrunde gelegt hat. Ist er noch identisch mit
der heutigen Definition?

Hat sich der Kommunikationsbegriff seit dem grundlegend geändert? Nur weil neue Kommunikationsinstrumente hinzu kommen, ändert das ja nichts am Grundsatz.

Ich meine, dass sich sein „Axiom“, wie es auch manchmal
genannt wird, lediglich auf die direkte
face-to-face-Kommunikation bezieht.

Da bist du im Irrtum.

Der Kommunikationsbegriff muss m.E. weiter gefasst werden, als
nur für die direkte face-to-face-Situation.

Das Axiom setzt eine Beziehung voraus und Wahrnehmung. Beides kann aber auch unabhängig von einer Face-to-face-Beziehung exisitieren.

Denn ich kann auch
mit Menschen kommunizieren, die sich in Australien befinden,
Internet und eMails machen es in Sekundenschnelle möglich.
Dabei muss ich sie nicht einmal (sinnlich) wahrnehmen.

Es gibt auch nichtsinnliche Wahrnehmungen, wobei eine E-Mail sogar eine sinnliche Wahrnehmung ist, wenn gleich die Sekundenschnelle, mit der diese neuen Kommunikationswege passieren, möglicherweise die Wahrnehmung einschränken.

Ich persönlich kommuniziere mit über 99,9% der Weltbevölkerung
nicht,

Solange du in keiner Beziehung zu ihnen stehst und sie nicht wahrnimmst.

mit vielen Bekannten, die ich im Laufe meines Lebens
kennen gelernt habe, kaum noch

Damit kommunizierst du im Watzlawickschen Sinne sogar in Reinform, nämlich dass du nicht mit ihnen Kontakt haben kannst oder willst.

und mit meiner Frau von Angesicht zu Angesicht nicht mehr, wenn ich :sprachlos bin über eine Aussage oder Handlung von ihr bin.

Auch diese Form der (Nicht-/Doch)Kommunikation ist sogar ein Paradebeispiel Watzlawicks.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet wäre die Aussage, „Man kann
nur mit wenigen Menschen kommunizieren“ richtiger als die
Watzlawicks.

Beide Aussagen beziehen sich auf völlig unterschiedliche Sachverhalte. Insofern kann eine in Bezug auf die andere nicht richtiger sein, weil es diesen Bezug nicht gibt.

Wobei ich diese Aussage noch nicht einmal bestätigt sehe. Einfaches Beispiel: Mohammed Atta hat geschafft, beinahe mit allen Menschen zu kommunizieren.

Moin

face-to-face-Kommunikation bezieht. Und auch hier hegen sich
Zweifel in mir, dass man dabei nicht nicht kommunizieren kann.

Die selben Zweifel habe ich auch immer dann, wenn mir mal wieder ein Patient die ganze Stunde lang kramphaft irgendwas von sich erzählt, nur um mir nichts von sich erzählen zu mpssen. Unkundige meinen ja, man würde nicht kommunzieren, indem man schweigt. Genau umgekehrt wird ein Schuh draus,.
Gruß,
Medizinmann

Nochwas ist mir dazu eingefallen:

Ich denke, man muss unterscheiden zwischen „Kommunizieren“ und „Interagieren“. Es gibt viele Formen der Kommunikation, die gerade darin bestehen, eine Interaktion zu vermeiden.

Um das Beispiel mit dem quasselnden Patienten aufzugreifen: Indem ich meinen Arzt zutexte, verhindere ich, dass er tatsächlich versteht, worum es geht und dass er den Finger in die Wunde legt. Ich unterdrücke also die Interaktion und sende trotzdem 2 Botschaften:

  1. Der Inhalt meines Monologs (der deutlich dünner ist, als die Anzahl meiner Worte)
  2. Die Botschaft: „Ich möchte nichts preisgeben.“

Michael

Hallo,
danke bisher schon einmal für die Antworten, auf die ich aber hier noch nicht eingehen möchte.
Statt dessen möchte ich den Kommunikationsbegriff (die Definition) ins Licht rücken:

Kommunikation ist ein

  1. Prozess, bei dem ein
  2. Kommunikator einen
  3. Kommunikationsinhalt (was genau ist das?)
  4. encodiert,
  5. mittels eines Mediums (Schallwellen, Schrift, Zeichen etc.) transportiert an einen
  6. Rezipienten, der wiederum den Kommunikationsinhalt
  7. decodiert und ihn
  8. rezipiert.

Dieser Prozess (Aktivität) geht von K(ommunikator) hin zum R(ezipient), ist also erst einmal einseitig und zweitens bietet er auch zahlreiche Fehlerquellen (Encodierung, Medium, Decodierung, Rezeption).
K weiß nicht, ob R den K.-inhalt verstanden hat, bis ein entsprechendes Signal (R–> K) zurück kommt (zweiseitige Kommunikation).
Und je komplexer ein Kommunkatinsinhalt ist, desto fehlerbehafteter wird er sein.

Können wir uns hierauf als Diskussionsgrundlage einigen?

Auf hoffentlich wenig Verhandlung
hofft
Castiglio

Hallo,

Kommunikation ist ein

  1. Prozess, bei dem ein
  2. Kommunikator einen
  3. Kommunikationsinhalt (was genau ist das?)
  4. encodiert,
  5. mittels eines Mediums (Schallwellen, Schrift, Zeichen etc.)
    transportiert an einen
  6. Rezipienten, der wiederum den Kommunikationsinhalt
  7. decodiert und ihn
  8. rezipiert.

beziehst Du das auch auf Körpersprache, bei der überwiegend unbewußt gesendet wird und auch, wenn niemand anders anwesend ist?

MfG,

ujk

Hallo,

beziehst Du das auch auf Körpersprache, bei der überwiegend
unbewußt gesendet wird und auch, wenn niemand anders anwesend
ist?

Körpersprache ist erst einmal nur ein Medium wie vieles andere auch.

Der Hinweis auf Bewusstheit und Unbewusstheit verschärft das Problem, den Kommunikationsbegriff exakt zu erfassen.
Ich gehe erst einmal davon aus, dass Kommunikation bewusst verläuft. Daher würde ich statt von Kommunikationsinhalt lieber von Bewusstseinsinhalt sprechen.

Anwesenheit ist nicht Bedingung für Kommunikation, wohl aber für Watzlawicks Postulat. Anwesenheit anderer ist nicht notwendig.

MfG,
C.

Hallo Janina,

Hat sich der Kommunikationsbegriff seit dem grundlegend
geändert?

Genau das war meine Frage an die Fachwelt.

Nur weil neue Kommunikationsinstrumente hinzu
kommen, ändert das ja nichts am Grundsatz.

Definitionen müssen aufgrund neuer Erkenntnisse evtl. auch mal präzisiert werden.

Ich meine, dass sich sein „Axiom“, wie es auch manchmal
genannt wird, lediglich auf die direkte
face-to-face-Kommunikation bezieht.

Da bist du im Irrtum.

Dann schlau mich bitte auf bzw. präzisiere meine Aussage entsprechend.

Der Kommunikationsbegriff muss m.E. weiter gefasst werden, als
nur für die direkte face-to-face-Situation.

Das Axiom setzt eine Beziehung voraus und Wahrnehmung. Beides
kann aber auch unabhängig von einer Face-to-face-Beziehung
exisitieren.

Dann müsste das Axiom richtiger Weise heißen:
„Unter der Voraussetzung von Beziehung und Wahrnehmung kann man nicht nicht kommunizieren.“
So ist es aber nicht zu finden.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet wäre die Aussage, „Man kann
nur mit wenigen Menschen kommunizieren“ richtiger als die
Watzlawicks.

Beide Aussagen beziehen sich auf völlig unterschiedliche
Sachverhalte. Insofern kann eine in Bezug auf die andere nicht
richtiger sein, weil es diesen Bezug nicht gibt.

Ich habe das Gefühl, dass hier unterschiedliche Kommunikationsbegriffe im Spiel sind, daher hatte ich dazu noch etwas gepostet. Der Kommunikationsbegriff sollte nicht abhängig von Sachverhalten sein, sondern für alle Sachverhalte gelten.

MfG
C.

Definitionen müssen aufgrund neuer Erkenntnisse evtl. auch mal
präzisiert werden.

Dafür gibt es aber in diesem konkreten Fall keinen Bedarf.

Ich meine, dass sich sein „Axiom“, wie es auch manchmal
genannt wird, lediglich auf die direkte
face-to-face-Kommunikation bezieht.

Da bist du im Irrtum.

Dann schlau mich bitte auf bzw. präzisiere meine Aussage
entsprechend.

Was soll ich da aufschlauen? Wo steht geschrieben, dass Watzlawick diese Einschränkung gemacht hat? Er hat sie nicht gemacht. Du willst etwas erweitern, was gar nicht eingeengt ist.

Dann müsste das Axiom richtiger Weise heißen:
„Unter der Voraussetzung von Beziehung und Wahrnehmung kann
man nicht nicht kommunizieren.“
So ist es aber nicht zu finden.

Müsste es nicht, weil bereits in dem Moment, in dem du darüber nachdenkst, dass du mit xy nicht kommunizierst, du xy wahrnimmst und dich in Bezug setzt. Das liegt in der Natur der Sache. Anders geht es nicht.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet wäre die Aussage, „Man kann
nur mit wenigen Menschen kommunizieren“ richtiger als die
Watzlawicks.

Beide Aussagen beziehen sich auf völlig unterschiedliche
Sachverhalte. Insofern kann eine in Bezug auf die andere nicht
richtiger sein, weil es diesen Bezug nicht gibt.

Ich habe das Gefühl, dass hier unterschiedliche
Kommunikationsbegriffe im Spiel sind, daher hatte ich dazu
noch etwas gepostet.

Das hat nichts mit dem Kommunikationsbegriff zu tun. Die Aussage, man kann nicht nicht kommunizieren, bezieht sich auf die Botschaft, also den Inhalt. Deine Aussage, man könne nur mit wenige Menschen kommunizieren, ist eine rein quantitative, die überhaupt nichts zum Inhalt sagt. Von daher kann man beides gar nicht vergleichen.

Sorry Janina,
ich werde das Gefühl nicht los, dass du nicht verstanden hast, was ich kommunizieren will.
Gruß
C.

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