Liebe Fachleute,
ich weiß schon, dass es genug Literatur zur bipolaren Störung (manisch-depressiv) gibt, auch DSM und ICD, aber ich habe die Bitte an Euch, mir, wenn möglich, aus Eurer Sicht einige „griffige“ Kennzeichen für die manische Episode zu nennen, am allerliebsten evtl. aus der Praxis - wie erfolgte der Umschwung, wie habt Ihr ihn erkannt, was waren die ersten Zeichen?
Ich weiß leider zu wenig darüber und Ihr würdet mir sehr helfen.
Danke und Grüße
Irene
Hallo Irene,
das folgende kann ich Dir dazu schreiben:
Manische Episoden können langsam beginnen, wobei wochenlang vorher eine hypomane Phase besteht, oder schnell innerhalb weniger Tage oder über Nacht einsetzen.
In der hypomanen Phase bestehen charakteristischerweise:
- Wohlgefühl
- gestiegenes Selbstwertgefühl
- Gefühl der Lustigkeit, aber manchmal auch Gereiztheit und Aggressivität
- Gefühl der Kreativität
- Gefühl, besser und schneller denken zu können
- weniger Schlafbedürfnis (schlaflose Nächte ohne Müdigkeitsgefühl)
- Entstehen von Zielen und Plänen
- gesteigertes sexuelles Interesse
Fallbeispiel
(modifiziert und gekürzt nach Ebert, Psychiatrie systematisch)
Ein junger Autoverkäufer Anfang 20, der sonst verschlossen und zurückhaltend ist, wird über mehrere Wochen gesprächiger, erfolgreicher beim Verkauf und sein Selbstwertgefühl steigt. Abends geht er anders als sonst aus, trinkt deutlich mehr Alkohol, schläft weniger, ohne sich später müde zu fühlen. Er spricht vermehrt Frauen an und findet eine Freundin. Seine Stimmung ist gut und optimistisch, auch wenn er einmal weniger Erfolg beim Verkauf hat. Später sagt er, daß diese Phase die beste seines Lebens war (bis hierhin: hypomane Phase ).
Einige Wochen später kann er dann aber kaum noch einschlafen und schläft nur noch 1-2 Stunden am Tag. Um 5 Uhr beginnt er bereits zu arbeiten, redet ständig und wird aggressiv, wenn er unterbrochen wird oder jemand seinen Plänen widerspricht. Er sagt von sich öfter, daß er der beste Verkäufer der Welt ist und plant, sich selbständig zu machen. Dafür verschuldet er sich bei mehreren Banken. Es kommt dazu, daß er Autos verkauft und das Geld für sich behält, so daß er mit dem Chef Streit bekommt. Er droht dem Chef, ihn zu vernichten und schlägt die Büroeinrichtung kurz und klein. Dann bringen ihn Angehörige in die Klinik, weil er schreiend durch die Gegend rennt und lauthals auf der Straße über die wirtschaftliche Situation des Landes redet. In der Klinik spricht er fast ohne Unterbrechung, beantwortet Fragen in fast nicht zu verstehender Weise und erzählt immer wieder von Geschäftsplänen und Wirtschaftstheorien. Er gibt an, mit höchsten Kreisen in der Regierung in Kontakt zu stehen, und bald die Klinik aufzukaufen. Man hat auch den Eindruck, daß er akustische Halluzinationen hat, weil er davon erzählt, daß die Regierung über Radiosender, die nur er hören könne, mit ihm in Kontakt stehe und Anweisungen gebe. Die ganze Zeit ist er guter Dinge, fühlt sich allen überlegen und meint, daß alles nach seinem Plan läuft.
An dem Fallbeispiel kannst Du erkennen:
- inhaltliche Denkstörungen: Größenideen und Größenwahn
- formale Denkstörungen: Logorrhoe, Ideenflucht, teilweise Zerfahrenheit
- akustische Halluzinationen
- Antriebssteigerung bis zum Erregungszustand
- mangelnde Kritikfähigkeit, Gereiztheit und Aggressivität
- Euphorie mit Wechsel zur Dysphorie
- Schlafstörungen
Diagnose: Manische Episode mit psychotischen Merkmalen
Therapie: Neuroleptika und Lithium. Nach 6 Tagen unter Neuroleptika verschwanden die psychotischen Symptome. Nach 12 Wochen unter Lithium war die Manische Episode vollständig abgeklungen.
Grüße,
Oliver Walter
Diagnose: Manische Episode mit psychotischen Merkmalen
PMFJI,
wodurch werden diese Episoden ausgelöst?
Andreas
Hallo Oliver!
Aufrichtigen, herzlichen Dank!
Das hätte ich mir nicht so schnell, so gut und so präzise „erlesen“ können und ich möchte ausrücklich betonen, dass du mir wirklich sehr geholfen hast!
Am aufschlussreichsten war die Erklärung der „hypomanen Phase“.
Hintergrund: Diskussion eines Falles in einer Gruppe (so theoretische Besprechungen - ohne realen Patienten - empfinde ich immer als ausgesprochen schwierig).
Jetzt sehe ich viel klarer und habe verstanden, worum es da ging.
Beste Grüße
Irene
Hallo,
interessante Ausführung. „Hypoman“ hört sich ja durchaus wünschenswert an - gibt es diesen „Zustand“ ohne den hier beschriebenen nachfolgenden Exzeß ?
Ansonsten wußte ich nicht, daß Lithium auch kurzzeitig verabreicht werden kann. Für mich war das ein Mittel der Art „einmal und für immer“. Es ist doch richtig, daß bei Langzeitkonsum, kein Absetzen mehr möglich ist oder täusche ich mich da ?
Gruss
Enno
Hallo Andy,
die Ursache der Störung ist höchstwahrscheinlich genetisch / neurobiologisch. Nach DSM-IV werden aber einzelne Episoden häufig durch psychosozialen Streß ausgelöst. Dies ist nach Ebert wiederum seltener der Fall als bei depressiven Episoden.
Zur Therapie der akuten Episode:
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
Zum Verlauf und der Langzeitbehandlung:
http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…
Grüße,
Oliver Walter
PS:
PMFJI,
Wofür steht das?
Hallo,
hypomane Episoden kommen durchaus vor, ohne daß eine manische Episode folgt. Dies ist bei folgenden Störungen (DSM-IV) der Fall:
-
Bipolar II Störung: Wechsel von hypomanen und depressiven Episoden,
-
Zyklothyme Störung: Wechsel von hypomanen Episoden mit depressiven Zuständen, die nicht das Vollbild einer depressiven Episode aufweisen,
-
Nicht Näher Bezeichnete Bipolare Störung: rezidivierende hypomane Episoden ohne dazwischenliegende depressive Symptomatik.
Daß Lithium in dem von mir zitierten Fall abgesetzt wurde, kann ich nicht sagen. Es ist mir nur bekannt, daß die Symptome nach 12 Wochen unter Lithium vollständig verschwanden. Ob Lithium nach 12 Wochen abgesetzt wurde, weiß ich leider nicht. Daß es bei Langzeiteinsatz überhaupt nicht mehr abgesetzt werden kann, ist mir nicht bekannt.
Gruß,
Oliver Walter
Hallo Oliver,
auch wenn sich meine Frage auf die akuten Auslöser bezog: Danke für die aufschlußreichen Infos! Gibt es neben Antidepressiva andere bekannte Auslöser einer Episode?
PMFJI,
Pardon Me For Jumping In / Entschuldigung, dass ich hier hereinplatze.
Gruß, AndyM
Hallo Andy,
auch wenn sich meine Frage auf die akuten Auslöser bezog:
please read again:
„Nach DSM-IV werden aber einzelne Episoden häufig durch psychosozialen Streß ausgelöst. Dies ist nach Ebert wiederum seltener der Fall als bei depressiven Episoden.“
PMFJI,
Pardon Me For Jumping In / Entschuldigung, dass ich hier
hereinplatze.
Danke.
Grüße,
Oliver Walter
Huch!
please read again:
Ups *blush* Danke 
AndyM
Hi,
das was du ansprichst ist sehr wichtig und sollte auf jeden Fall während stationärer Aufenthalte trainiert werden, sowohl bei Manien, bipolaren Störungen aber auch bei Schizophrenien u.ä., wie erkennt der Erkrankte die beginnende Episode. Sollte die betroffene Person kein solches Training während eines stationären Aufenthalts erhalten haben, sollte sie den behandelnden Arst ansprechen, es gibt auch einige niedergelassene Ärzte die solche Gruppen (meist prmär für Schizophrenien und wahnhafte Psychosen, aber immer auch für Maniker geeignet) anbieten.
Nur bei rechtzeitigem Erkennen besteht noch ausreichende Steuerungsfähigkeit, damit der Maniker selbst zum Arzt geht und eine Veränderung der Medikation erbittet (dringend geboten, auch eventuell freiwillige stationäre Aufnahme).
Wenn du als Person aus dem Umfeld eines Erkrankten das Beurteilen willst, ist es schon schwieriger. Generell gelten im engeren Sinn folgende diagnostische Kriterien:
-
Stimmung ist (für die Person) von deutlich abnormen Ausmaß, normalerweise wird vier aufeinanderfolgende Tage als grenzwertig angesehen. Kurzzeitige Stimmungsschwankungen (z.B. heitere und aktive Stimmung über ein Wocjhenende) reicht nicht
-
mindestens drei der folgenden Merkmale: gesteigerte Aktivität bzw. motorische Ruhelosigkeit/ gesteigerte Gesprächigkeit/ Konzentrationsschwierigkeit oder leichte Ablenkbarkeit/ vermindertes Schlafbedürfnis/ gesteigerte Libido/ leichsinniges oder verantwortungsloses Handeln, z.B. übermäßige EInkäufe/ gesteigerte Geselligkeit oder übermäßige Vertraulichkeit
-
immer prüfen, ob das Verhalten evtl. auf psychotrophe Substanzen (Koks/ Ecstacy) zurückzuführen ist
Der Rest ist anamnestisch, also nur durch den Arzt festzustellen.
Gruß
Yoyi
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