'Manzen' neu?

Guten Tag beisammen,

mir fällt auf, daß zur Zeit extrem Häufig in der Öffentlichkeit aber auch im privaten Gebrauch Konstruktionen wie „Man ist,“ „Man hat“ verwendet werden anstelle von „Ich bin“, „wir sind“. Wem ist soetwas auch schon aufgefallen? Gibts es dazu schon Untersuchungen? Was denkt _man_ darüber?

Viele Grüße
r

Hallo,

wie „Man ist,“ „Man hat“ verwendet werden anstelle von „Ich
bin“, „wir sind“. Wem ist soetwas auch schon aufgefallen?
Gibts es dazu schon Untersuchungen? Was denkt _man_ darüber?

mit fällt das schon seit vielen Jahren insbesondere bei Interviews mit Sportlern auf. Im Privatbereich ist mir das hingegen noch nicht so oft begegnet.

Gruß
Christian

Hallo,

wie „Man ist,“ „Man hat“ verwendet werden anstelle von „Ich
bin“, „wir sind“. Wem ist soetwas auch schon aufgefallen?
Gibts es dazu schon Untersuchungen? Was denkt _man_ darüber?

mit fällt das schon seit vielen Jahren insbesondere bei
Interviews mit Sportlern auf. Im Privatbereich ist mir das
hingegen noch nicht so oft begegnet.

Exakt! Ich wollte es beinahe noch in die Frage reinschreiben, aber so ist es eine schöne Bestätigung.

Teilweise wird so ja nicht nur das „ich“ und „wir“ ersetzt sondern auch kompliziertere grammatische Konstruktionen umgangen. Gestern abend bei den Schweinsteigerischen Äusserungen ist mir das besonders aufgefallen. Ich hab danach versucht einige Sätze von ihm in „Manz-freies“ Deutsch zu übersetzen.

Ich habe auch den Verdacht dass das Manzen stärker in Norddeutschland umgeht. — Lustig!

Gruß
r

Tach auch…

man hört dieses „man“ schon seit einiger Zeit. In meinen Augen allerdings in gefühlten 98% der Fälle in Situationen, in denen ausgedrückt werden soll, dass man von sich selbst auf die Allgemeinheit, bzw. auf andere schließt.

„Man hatte ja keine Chance, aufs Tor zu schiessen“ (Ich habs nicht gepackt, aber bei den anderen sah’s nicht besser aus)

„Man müsste mal wieder Fensterputzen“ (ICH könnte ja, aber ich will nich schon wieder - mach du mal)

„Man möchte im Boden versinken“ (Wir stehen kurz vor einer nationalen Blamage)

Gruß
KB (Dessen Hirn die Rechtschreibung wegen gefühlter 67°C Außentemperatur jetzt nicht überprüft)

man hört dieses „man“ schon seit einiger Zeit. In meinen Augen
allerdings in gefühlten 98% der Fälle in Situationen, in denen
ausgedrückt werden soll, dass man von sich selbst auf die
Allgemeinheit, bzw. auf andere schließt.

Hallo,

nein, das glaube ich nicht. Es ist vielmehr so, dass das Selbstbewusstsein nicht ausreicht, „ich“ zu sagen. Oder es handelt sich um anerzogene professionelle Vorsicht, sich festzulegen.

Insofern ist das vergleichbar mit Formulierungen wie „ich würde sagen“, „ich würde meinen“ (noch indirekter geht’s garnicht). Man distanziert sich sicherheitshalber von der eigenen Aussage.

Gruss Reinhard

Servus Reinhard,

so seh’ ich es auch. Jetzt kommen zwei - abnteuerliche? - Theorien von mir, die unterhalb von 67 Celciusgraden wohl auch nicht hier gelandet wären:

  1. Ich glaube, dass Menschen , die in der DDR sozialisiert sind, leichter zu dieser Form sprachlicher Ent-Persönlichung neigen. Das mag eine gesellschaftliche Folge des Kollektivismus und Anti-Individualismus der DDR-Zeit sein.

  2. Ein verwandtes Phänomen kann man bei Deutsch-Schweizern beobachten: in der Schweiz versichern sich Gesprächspartner der Zustimmung des Gegenübers auffällig oft durch ein fragendes „oddr?“. Hier scheinen Tatsachenfeststellungen (Behauptungen) ohne diese Form der sozialen Rückkopplung als unhöflich zu gelten. Auch hier macht sich das Individuum IMO sprachlich unbewusst kleiner.

Blöde Idee?

Gruß

Kai Müller

Hallo!

nein, das glaube ich nicht. Es ist vielmehr so, dass das
Selbstbewusstsein nicht ausreicht, „ich“ zu sagen.

Oder das Selbstbewusstsein ist so übergroß, daß man seine eigenen Werte, Meinungen etc. prompt auf die gnaze Welt überträgt:

„Man ist da natürlich traurig!“

Insofern ist das vergleichbar mit Formulierungen wie „ich
würde sagen“, „ich würde meinen“ (noch indirekter geht’s
garnicht). Man distanziert sich sicherheitshalber von der
eigenen Aussage.

Gerade in süddeutschen Dialekten ist der Konjunktiv auch eine reine Höflichkeitsform. In diesem Fall liegt keine wirkliche Distanzierung vor, sondern einfach nur eine als freundlicher empfunde Formulierung. Der Handwerker, der sich mit einem „I waar jetzt do!“ ankündigt, verfügt über ein ausgezeichnetes Selbstbewußtsein; er ist nur höflich.

Ich denke, die psychologischen Deutungen, die Du aufstellst, sind zu simpel.

Gruß,
Max

Gruss Reinhard

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Blöde Idee?

Ja, weil Du in sprachliche Erscheinungen, die zum Teil sogar noch anderen Kulturen angehören, Dinge aus Sicht deiner eigenen Sprachkultur hineininterpretierst.

Das für DICH ein „oddr?“ oder ein „man“ eine bestimmte Bedeutung haben, heißt nicht, daß das für andere auch so sein muss. In der Schweiz ist das „oddr“ vermutlich so selbstverständlich wie in anderen Ländern ein „äh“ oder „hm“. Und das „Man“ drückt für mich z.B. eher Selbstüberhebung aus als Depersonalisierung. Deine Theorien stehen also auf tönernen Füßen.

Gruß,
Max

1 „Gefällt mir“

Hallo,

  • mit fällt das schon seit vielen Jahren insbesondere bei Interviews mit Sportlern auf.
  • Im Privatbereich ist mir das hingegen noch nicht so oft begegnet.

mir schon, fast zehn Jahre lang, mit meiner ersten Ex. „Man“ war gleichbedeutend mit „Du“, : man sollte da was ändern.
Ich habe sie irgendwann beim Wort genommen…
war ihr auch nicht recht.

Gruss Dieter

Servus Max,

es mag ja zutreffen was Du sagst. Allerdings scheint mir Dein Beitrag auch nicht gerade in Stein gemeißelt zu sein. Da, wo auf meine blöden Thesen Argumente gehört hätten, tauscht Du nur meine gegen Deine Thesen aus. Ob die jetzt per se stichhaltiger sind, magst Du selbst beurteilen.

Gruß

Kai Müller

Hallo!

Allerdings scheint mir Dein
Beitrag auch nicht gerade in Stein gemeißelt zu sein.

Das war auch nicht mein Bestreben.

Da, wo
auf meine blöden Thesen Argumente gehört hätten, tauscht Du
nur meine gegen Deine Thesen aus.

Richtig. Mir ging es darum, aufzuzeigen, wie mühelos sich solche Thesen konstruieren lassen. Mal abgesehen vom „Konjunktiv der Höflichkeit“, der in Literatur nun schon vielfältig beschrieben wurde, ist der Rest wohl nur fröhliches Herumspintisieren.

Ob die jetzt per se
stichhaltiger sind, magst Du selbst beurteilen.

Sie sind genauso stichhaltiog wie Deine. Ich bin nämlich überzeugt, daß es nicht DIE eine simple generalisierbare psychologische Begründung für den Gebrauch von „man“ gibt, sondern das von Situation, Kultur, Sprachfamilie, Milieu, Kotext und Kontext abhängt.

Es kann deshalb durchaus sein, daß Menschen, die in der DDR sozialisiert wurden (wie Du schreibst), das Wort „man“ mit dem Hintergrund sprachlicher Ent-Persönlichung verwenden - deswegen muß das „man“ bei anderen Sprechern aber nicht das gleiche bedeuten.

Gruß,
Max