Marketing als totaler Anfänger?

Hi,

ich hoffe ihr könnt mir weiterhelfen.

Ich soll in meiner Firma Marketing machen, obwohl ich eigentlich aus der pädagogischen Richtung komme. Nun gut - man muss ja auch ab und zu über den Tellerrand blicken und dieses Thema ist ja igentlich auch sehr spannend.
Allerdings blicke ich in diesem Fall gar nichts. Es soll ein ganz neues Konzept zur Vermarktung unserer Produkte, sowohl online (Schwerpunkt) als auch über andere Quellen, erstellt werden. Das ist jetzt meine Aufgabe. Offensichtlich muss man dabei aber ziemlich viel beachten und irgendwie in alle Richtungen denken. Mir platzt der Kopf und ich will endlich vorran kommen.

Deswegen meine Frage: Wie packe ich sowas an? Es gibt unzählige Checklisten etc. mit denen ich als Laie aber nicht viel anfangen kann. Gibt es Übersichten? Lieber Texte schreiben? Lieber Schaubilder machen? Mindmaps?

Puh - ihr merkt, ich bin extrem überfordert.

Grüße

Julee

Hallo Julee,

ich bin Heinz und versuche dir einen einfachen Wegweiser für dein Problem zu geben:

1.Frage deine Firma ( z.B. deinen Chef ),ob sie wissen, was überhaupt das Ziel und die Aufgabe von Marketing sind.

NUN GIBT ES ZWEI MÖGLICHKEITEN:
1.1 Sie wissen es ganz genau.
Dann sollen sie dir auch ganz genau sagen, was du zu tun hast - und wie. Wir können aufhören.

1.2 Sie wissen es nicht oder nicht so genau.
Dann sagst du ihnen: Dies ist meine Definition von Marketing und DAS HABT IHR ZU TUN :

Ihr müsst
MIT DEM ÜBERLEGENEN ANGEBOT
IM MOMENT DER KAUFENTSCHEIDUNG
BEI KUNDEN
PRÄSENT SEIN.

2.Nun gibt es wieder zwei Möglichkeiten:

2.1 Das wissen die alles und so machen die es auch.
Dann brauchst du deinen Job nicht zu machen, denn deine Firma ist perfekt.Wir können aufhören.

2.2 Die wissen das alles oder einiges davon NICHT - dann frage sie zuerst, ob ihr Angebot überlegen ( d.h. in den Augen der Kunden und der potentiellen - d.h. der angestrebten - Kunden ) insgesamt attraktiver als beim Wettbewerb ist.

Nun gibt es wieder zwei Möglichkeiten:

2.2.1 Die wissen genau, woraus die Angebotsüberlegenheit besteht, oder die wissen das nicht.

2.2.1.1 Die wissen das :
Dann können wir hier aufhören.

2.2.1.2 Die wissen das nicht :

Dann sage ihnen folgendes :

Zunächst müsst ihr überhaupt wissen, welche Art Produkt ihr anbietet.
Ist es ein „Will-“ oder ist es ein „Muss-“ Produkt ? Bitte ?
O.K.:
Ein Will-Produkt ist etwas ,was der Mensch haben WILL - aber nicht muss : Z.B. Schmuck, Alkohol, Kulturgüter, reine Genussmittel usw., also alles, was zunächst Spass macht, später jedoch vielleicht auch süchtig machen kann ( kann - muss nicht immer sein ).
Diese Produkte sind emotional („affektiv“) motiviert.

Oder bietet ihr ein MUSS- Produkt an ?
Dieses will der Mensch vom Gefühl her nicht dringend haben, aber er braucht es zwingend aus Sachgründen ( z.B. Steine für den Hausbau oder Benzin zum Autofahren ).Diese Produkte sind rational („kognitiv“) motiviert.

Oft stellt ein Produkt auch eine Mischform dar. Schuhe z.B. können den rein sachlichen Grund haben, den Fuss vor der unberechenbaren Erde zu schützen - oder aber - als durchgestylte „Nikes“ der Umwelt etwas von der Lebenseinstellung des Nutzers zu präsentieren.

( ANMERKUNG: Je mehr Will-Anteil ein Produkt hat, desto weniger rational-kritisch wird der Käufer sich beim Kauf verhalten. Anders gesagt: Er zahlt leichter mehr.)

Also: Welches Produkt habt ihr und habt ihr schon alle Möglichkeiten, es stärker in Richtung „WILL“ auszustatten, ausgenutzt ?

Dann müssen die wissen, das ein Produkt immer ( egal, ob Muss- oder Will- Produkt ) aus drei Komponenten besteht:

A dem Grundnutzen
B dem Zusatznutzen
C dem Erlebnisnutzen.

Der GRUNDNUTZEN ist bei Muss-Produkten in aller Regel seine technische Beschaffenheit, die man oft in Mess- oder Leistungswerten angegeben bekommt.
Hier müsst ihr sicher sein, welche ( und in welcher Gewichtung )
das sind ( bitte nie mehr als zehn, am Ende in der Werbung das erste und wichtigste für die Hauptargumentationsrichtung und den Rest für die „body copy“, d.h. das weitere „Kleingedruckte“ in der Anzeige oder dem Prospekt. Das Hauptargument ( die Hauptüberlegenheit ) muss immer BEWIESEN und/oder mittels BILD glaubwürdig dargestellt werden!

Der ZUSATZNUTZEN ist insbesondere dann wichtig, wenn der Grundnutzen eures Produktes schwächelt, d.h. die entscheidenden Wettbewerber ähnlich gut wie ihr liegen.
Er besteht aus weiteren Elementen, die dem Käufer z.B. messbare Zeit-, Kosten- oder Handlingvorteile verschaffen.

Der ERLEBNISNUTZEN ist IMMER notwendig. Es sind die Elemente, die dem Käufer bei Beschäftigung mit deinem Angebot ein angenehmes Gefühl verschaffen: Das beginnt bei der Betrachtung deiner Angebotspräsentation ( in der Werbung, im Schriftverkehr, im Gesprächsklima life oder am Telefon usw.) und endet beim Gesamtauftritt und Erscheinugsbild deiner Firma,
DIESE ELEMENTE SIND IMMER ZU OPTIMIEREN.
DIESE OPTIMIERUNG HAT MIT ABSTAND DIE HÖCHSTE WIRKUNG BEI DEM GERINGSTEN AUFWAND. ( Stelle dir vor, was eine entscheidende Verbesserung im Bereich Grundnutzen oder Zusatznutzen kosten würde!)

Erst wenn diese ganzen Punkte von deiner Firma zufriedenstellend abgearbeitet und gelöst wurden, darf die Kommunikation des Angebotes ( =„Werbung“) beginnen.
Bisher haben wir nur das Thema „Angebotsüberlegenheit“ behandelt.
Was ist der Moment der Kaufentscheidung
und wie stellen wir die notwendige Präsenz meines nun hoffentlich überlegenen Angebotes beim Kunden her -

daas ist dann ein neues Thema.

Gruß

Heinz

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hi,

ich hoffe ihr könnt mir weiterhelfen.

Ich soll in meiner Firma Marketing machen, obwohl ich
eigentlich aus der pädagogischen Richtung komme. Nun gut - man
muss ja auch ab und zu über den Tellerrand blicken und dieses
Thema ist ja igentlich auch sehr spannend.
Allerdings blicke ich in diesem Fall gar nichts. Es soll ein
ganz neues Konzept zur Vermarktung unserer Produkte, sowohl
online (Schwerpunkt) als auch über andere Quellen, erstellt
werden. Das ist jetzt meine Aufgabe. Offensichtlich muss man
dabei aber ziemlich viel beachten und irgendwie in alle
Richtungen denken. Mir platzt der Kopf und ich will endlich
vorran kommen.

Deswegen meine Frage: Wie packe ich sowas an? Es gibt
unzählige Checklisten etc. mit denen ich als Laie aber nicht
viel anfangen kann. Gibt es Übersichten? Lieber Texte
schreiben? Lieber Schaubilder machen? Mindmaps?

Puh - ihr merkt, ich bin extrem überfordert.

Grüße

Julee

Hallo, hier ist noch mal Heinz.

Meine erste Antwort war vielleicht etwas zu akademisch oder zu theoretisch. Ich fasse sie noch einmal zusammen:

Ihr müsst die Vorteile eures Angebotes/Produktes gegenüber dem „maßgeblichen“ Wettbewerb kennen. Falls ihr keine habt( insbesondere die Nr.1 davon - den „USP“ ( Unique Selling Proposition = einzigartigartiger Verkaufsvorteil ) könnt ihr mit euren Bemühungen aufhören.
Das gilt sowohl für den Grundnutzen als auch für den Zusatz- und Erlebnisnutzen !

Wie ihr das herausfindet, ist Handwerk, da könnte ich euch helfen.

Wenn ihr diese Vorteile kennt und sicher seid, dass sie von euren Kunden / Zielgruppe auch so gesehen werden, dann, ABER ERST DANN,
müsst und könnt ihr diese kommunizieren ( „bewerben“).

ERST JETZT BEGINNT DIE MARKETING-KOMMUNIKATION / WERBUNG !
Übrigens:
Ich habe den Eindruck aus deiner Anfrage, daß
deine Firma keinen Schimmer von USP, Grund- ,Zusatz-. oder Erlebnisnutzen eures Produktes hat und erst Recht nicht weiß, mit welchen Argumenten sie ihr Produkt wie (welche Medien? welche „copy-strategy“?, welches timing? welches budget?)an den potentiellen Käufer bringen soll.

Und dafür haben sie dich nun eingestellt.
Sei bitte nicht traurig: Die ohne Ahnung sind die anderen: dein Management.
Du bist jetzt gerade dabei, diese Leute im Marketing und in der Werbung zu überholen.

Also weiter in der Sache:

Wir kommen jetzt zum „MOMENT DER KAUFENTSCHEIDUNG“.

Ganz wichtig!

Erstens befinden sich nicht immer alle Leute in einer aktuellen Kaufsituation. Stelle dir vor, du hast einen Fernseher, seit drei Jahren, und der ist in Ordnung. Du willst und brauchst ( denke zurück: „Will- und Muss- Produkte“ ) gar keinen neuen ! Also : kein Interesse ( wissenschaftlich: du bist „low“ oder „non involved“).

Wenn deine Werbung auf solche Leute trifft, dann sind diese nicht an deiner Werbung interessiert!

Sollte deren TV-Gerät aber gestern abend geplatzt sein - und morgen spielt Deutschland gegen England - aber holla ! DANN MUSS SOFORT EIN NEUES GERÄT RAN !

Leider ist noch eine zweite Überlegung wichtig:

Erste gedachte Situation.

Der (angepeilte) Käufer ist schon lange auf deiner Seite (d.h. er ist schon Fan deiner Marke oder deines Produktes oder er sucht genau das, was ihr gerade entwickelt habt), dann musst du ihm nur noch signalisieren : " Hallo, hier gibt es genau das, was du suchst"

Falls er jedoch (leider) ein Wettbewerbsfan ist, oder (noch) etwas anderes sucht, musst du versuchen, ihn zu dir „herüberzuziehen“.
D.h. du musst ihn mit deinen Überlegenheitsbotschaften bombardieren, bis er blau wird.
Übrigens:
Fragst du eine normale ( auch große ) Webeagentur, wie oft z.B. eine diesbezügliche Anzeige geschaltet werden muß, damit sie Wirkung zeigt, so sagen sie „zwischen fünf- und acht- mal“.
BEIDES IST QUATSCH !
Hast du nämlich ein Produkt mit einen wirklich einmaligen „USP“ (sh.oben)- und deine Zielgruppe sucht schon lange danach - dann reicht EIN Kontakt mit der Zielgruppe - und die realisieren : Hoppla, das ist es ja, was ich suche!
Ist dein Produkt aber leider austauschbar / vergleichbar mit dem Wettbewerb, dann musst du Überzeugungsarbeit leisten, dass dein Anbebot das bessere ist. Amerikanische Studien zeigen hier, dass unterhalb von 40-50 Zielgruppenkontakten keine Wirkung erzielt wird.

Ansonsten gilt:

Je neuer / interessanter und allgemeiner dein Produkt ist, desto besser eignet es sich für PP ( PP= „Product Publicity“).
Mache ein Bild von deinem Produkt und gebe es mit einem entsprechend intelligenten Text an die Presse. ( Presse= vom örtlichen Marktblatt über die regionale Tageszeitung bis zum Nachrichten- oder Special-Interest-Magazin ). Hier immer BILD plus neutraler Text.

Mache Direct-Marketing.

Mailings oder Anrufen an beksnnte Adressen.
( Anrufe besonders bei „Event-Marketing“, z.B. Einladung zum „Lagerverkauf“ oder „Tag der offenen Tür.“).

Wie Mailings gemacht werden, ist eine eigene Kunst.
(da gibt es ein sehr gutes Buch von Siegfied Vögele !)

Soweit für heute.

Heinz

Hallo - danke für Deine lange und ausführliche Antwort. Gott sei dank hatte ich bereits (durch Zufall) einige Deiner Punkte bearbeitet. Alles weitere bin ich schritt für Schritt durchgegangen und hoffe, dass es passt.

Grüße