'Marlboro' - Was will uns V.Braun wohl sagen?

Hallo, ich nochmal ;o)

Nachdem ich nun doch fündig geworden bin und die Sekundärliteratur zu Volker Brauns „Marlboro is red“ in der UB gefunden habe (und feststellen musste, dass sie absolut unnütz ist), bräuchte ich mal bitte die Hilfe einiger „Unbefleckter“, die mir einfach mal ihre Ideen zu diesem Gedicht sagen. Das wäre wirklich klasse, ich habe echt null Ahnung.

Volker Braun (1991)

MARLBOO IS RED, RED IS MARLBORO

Nun schlafen, ruhen … Und liegst lächelnd wach.
Da ist mein Leib nur, der noch unterwegs ist
Auf irgenwelchen Straßen, ah wohin.
Das Unbekannte wolltest du umfangen.
Jetzt kenn ich alles das. Es ist die Wüste.
Die Wüste, sagst du. Oder sag ich Wohlstand.
Genieße, atme, iß. Öffne die Hände.
Nie wieder leb ich zu auf eine Wende.

(http://www.elvira-von-seydlitz.de/lyriktage/vier-bra…)

Was habe ich mir bisher dabei gedacht!?
Also, es handelt sich um ein Gedicht, dass die neue Situation kritisiert - „Das Unbekannte wolltest du umfangen. Jetzt kenn ich alles das. Es ist die Wüste“ - also die neue Situation nach der „Assimililierung“ seiner DDR, wie es Braun wohl empfand.
Dieses „Auf irgendwelchen Straßen, ah wohin.“ scheint etwas resignierend zu klingen - quasi nach: ganz egal, wo ich bin und was ich mache, es bin nicht ich, der dies wirklich tut. Aber warum?
Und hat jemand eine Ahnung, wer „ich“ und wer „du“ ist? Wen spricht er an, warum wechselt er die Pronomen?

Desweiteren der Titel: es soll ja eine Antwort auf Morrisons Frage „What is red?“ sein - logisch. Aber steht Marlboro nicht für den Inbegriff westlichen Konsums zu DDR-Zeiten?! Mein Freund, dessen Vater schon immer starker Raucher war, meinte, Marlboro sei so die Marke gewesen, die jeder kannte und jeder mal wollte und viele nach der Wende ausprobierten (bevor sie zu F6 zurückkehrten ;o) )

Wäre über ein paar Hinweise, Ideen oder einfach spontane Gedanken sehr dankbar.

Liebe Grüße,
die Lidscha

Hat denn keiner irgendeine Idee?!? :o(( owt
owt

Hi Lidscha,
also bei DDR und rot kommt mir natürlich sofort die politische Bedeutung der Farbe in den Sinn. Die stellt Braun in Opposition zu dem rot von Philip Morris, der Werbefarbe von Marlboro (die wohl amerikanischste und damit kapitalistischste Zigarettenmarke). Nach der Wende ist der Geschmack von Freiheit und Abenteuer plötzlich für jeden erfahrbar (oder auch nicht, wenn die Jobs und das Geld nicht da sind), zugleich entpuppt sich der Jahre lang geträumte Traum von Freiheit als Enttäuschung. (die Werbung lügt bekanntlich…) Der plötzlich greifbare Wohlstand wird als Wüste empfunden.
Insbesondere der Wunsch nach Reisefreiheit spielte in der DDR ja eine große Rolle, darauf spielt wohl „Auf irgenwelchen Straßen, ah wohin“ an. „Ah wohin“ heißt soviel wie „Scheiß egal wohin, Hauptsache reisen dürfen“. Nach der „Wende“ merkt das lyrische Ich jedoch, dass ein erfülltes Leben wohl mehr bedeutet als die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit.
Ich denke, aus dieser Opposition zwischen Wunsch/Werbung und Wirklichkeit, zwischen kapitalistischem und sozialistischem Freiheitskitsch und der konträren Funktion der Farbe Rot lässt sich doch einiges aus dem Gedicht herauslesen.
Hast du den Artikel im Jahrbuch der Lyrik (1996/97) gelesen?

Weiterhin viel „Spaß“ mit Volker
wünscht
André

Hallo Volker!

Danke für deine wirklich sehr interessanten Gedanken!
Den Artikel aus dem Jahrbuch werde ich heute lesen. Den gibt es bei uns in der UB leider nicht und war jetzt 14 Tage unterwegs. Heute ist nun endlich der große Tag. Ich hoffe, ich werde nicht enttäuscht!? ;o)

Dann werde ich mir mal weitere Gedanken machen. Ob ich Spaß dabei empfinde, wird sich erst noch rausstellen… *gg*

LG
die Lidscha