Liebe Mary,
hier also eine theologische Rede über Martin Lutrher und sein Leben aus dem Munde Luthers selbst.
Bis Donnerstag ist natürluich verdammt kurz, aber ich will Dich nicht hängen lassen.
Ich weiß auch nicht, in welcher Klasse Du bist, ich vermute aber mal: Oberstufe. Also kann ich ein wenig voraussetzen, auch was die Sprache angeht - ich habe in einer etwas altertümlichen Sprache geschrieben, damit der Tonfall Luthers wenigstens annähernd getroffen wird. Du magst das ändern, wie Du es brauchst. Kürzen - oder verlängern, falls nötig - mußt Du dann selbst.
Eine Rede des Dr. Martinus über sein Leben und wie ihn der Teufel gar oft versucht, endlich aber der Herr Christus den Teufel abgetan hat.
Weil ihr denn, liebe Freunde, gar oft begehrt habt zu erfahren, wie es denn gewesen sei mit dem Teufel und seinen Werken und wie endlich der Widersacher seine Macht verloren, will ich euch nicht verhehlen, wie es denn in meinem Leben zugangen und wie der Herr Christus endlich der Herr meines Lebens worden.
Ihr wißt, daß ich aus dem Mansfeldischen gebürtig und ist mein Vater da ein Bergherr gewesen, ein rechter und strenger Mann, aber hart zuweilen und hat er mich oft hart gestraft und gar manches Mal geschlagen, daß das Blut ist ausgetreten. Aber meine Mutter war eine rechte und fromme Frau, und habe ich von ihr viel Liebe erfahren und hat sie die Härte und Strenge meines Vaters oft zurechtgerückt und mir Guts getan, wenn er mich wieder so hart geschlagen. Ihr wißt ja, wie ich in meinem Sermon von der Erziehung der Kinder gesagt habe, neben der Rute müsse der Apfel liegen, und hat meine Mutter mir oft den Apfel gereicht, wenn die Rute des vaters mich wieder hart gestraft hatte.
Er hat immer wollt, daß ich etwas Rechtes werde, und hat beschlossen, daß ich sollte ein Jurist werden und später ein Kanzlist und vielleicht ein Notarius und sollte in Dienst eines hohen Herrn treten und meinen Weg machen in seinem Gefolg. Bin ich denn auch auf die Universität zu Erfurt gegangen und habe begonnen, die freien Künste zu studieren und bin auch geworden ein magister artium und hab gewollt mich werfen auf das Studium des ius.
Da bin ich aber eines tags über Land gangen und gekommen in ein stark Gewitter, war das aber bei dem Dorfe Stotternheim und ist der Blitz gar dicht neben mir in den Boden gefahren, daß er mich umgeworfen und ich vermeint, meines Lebens solle nicht länger sein. Da rief ich in meiner Angst „Hilf, heilige Anna, ich will ein Mönch werden“. Und so bin ich denn in das Schwarze Kloster der Augustiner-Eremiten zu Erfurt eingetreten und bin da ein Novize gewesen über ein Jahr und bin dann ein Mönch worden.
Da hab ich gar viel Angst gehabt in den Jahren, da ich ein Mönch war. Solche Angst hab ich ja gehabt schon vor meinem Vater, der mich immer hart gestraft, und hatte ich solche Angst vor meinem himmlischen Vater, daß er mich möge auch so hart strafen. Da bin ich jeden Tag mit mir zu Rate gegangen und hab mich gefragt und erforscht, ob ich denn eine Sünde begangen und was für eine Sünde das denn sei, die ich begangen, und bin zu meinem Beichtiger gegangen, dem edlen und lieben und frommen Herrn von Staupitz und habe zu beichten begehrt und habe die Vergebung haben wollen. Und hat er mir auch immer die Absolution erteilt, ist er aber eines Tags recht böse geworden und hat geschimpft, ich solle doch nicht immer mit solchen Sünden kommen, das sei doch Humpelwerk und Puppensünden. Ein Vatermord oder ein Brudermord - das sei eine rechte Sünde! Hat mir aber nichts geholfen und habe ich immer Angst gehabt vor dem Gerichte meines Vaters im Himmel.
Da hab ich denn auch begonnen, die Theologie zu studieren und hat mich auch schon bald der Herr von Staupitz nach Wittenberg gerufen, daß ich sollte an eines anderen Statt über die Moral lehren an der Universität. Bin denn auch Bakkalaureus der Theologie geworden in Wittenberg und endlich wieder zurück zu meinem Orden nach Erfurt gangen und habe an der Universität dortselbst auch Vorlesungen gehalten.
Und da ich denn gerade 27 Jahre alt geworden, hat mich mein Orden nach Rom geschickt mit einem Bruder zusammen und haben wir dort über Fragen unseres Ordens handeln sollen. War dies eine harte Reise im Winter und über das Gebirg. Bin ich denn in Rom gewesen und habe die Kirchen alle gesehen und habe auch wollen eine Messe lesen, weilen ich denn meiner Mutter versprochen, eine Messe zu lesen ihr zulieb. Waren aber die Kirchen voll mit Pfaffen, die sich gedränget und haben alle wollen eine Messe lesen. Und war ein ganz unfrommes Leben in Rom, so mir denn nicht gefallen und ich froh gewesen, als ich konnte endlich wieder meine Füße gen Deutschland wenden.
Bin ich denn wieder nach Erfurt kommen und hab meinen alten Freund und Beichtiger Staupitz wieder troffen. Der hat mich gen Wittenberg gesandt, allwo ist eine neue Universität uffgemacht worden und bin ich dort Subprior des Augustinerklosters worden und hat Staupitrz mich auch an die Universität gesandt und hat mir seinen Stuhl übergeben, so ich denn dort Vorlesungen gehalten und auch zum doctor der theologia promoviert worden bin.
Da hab ich denn begonnen zu lesen über das Buch Genesis und wiwohl ich als untadeliger Mönch lebte, verspürte ich doch unruhigen Gewissens, daß ich vor Gott ein Sünder sei und daß ich mich nicht darauf verlassen könnte, durch meine eigene Genugtuung versöhnt zu sein. Ich liebte nicht nur nicht - nein, ich haßte den gerechten Gott, der die Sünder straft. Nicht gerade mir stummer Lästerung, sicherlich aber mit unermeßlichem Murren entrüstete ich mich über Gott und sprach: als ob es nicht genug sei, daß die elenden Sünder, die auf ewig durch die Erbsünde verloren seien, mit aller nur denkbaren Not durch das Gesetz der zehn Gebote bedrückt wären, habe Gott noch durch das Evangelium Schmerz auf Schmerz hinzugefügt und durch das Evangelium selbst uns seine Gerechtigkeit und seinen Zorn angedroht. So tobte ich in wildem und verwirrtem Gewissen…
Bis Gott sich erbarmte, und ich, der ich tag und Nacht nachgedacht hatte, den Zusammenhang der orte begriff, nämlich: Gerechtigekit Gottes wird offenbart in dem, was geschrieben steht: der Gerechte wird aus Glauben leben. Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen.
Weil ich denn die Gerechtigkeit Gottes verstanden habe, konnte ich mit ganz neuem Verstande die Psalmen auslegen und den Römerbrief und die epistel ad Galatos, und hab darin gefunden das werte Wort von der Gnade Gottes.
So war ich auch erbittert über jene Prediger und Mönche, wleche durch das Land zogen und die Gnade Gottes um billiges Geld verkauften, unter welchen sonderlich der Tetzel der schlimmste war. Zog durch die Lande und predigte, wer sein Geld dem Papste gäb und ihm hülfe, die Peterskirch in Rom zu bauen, der könne für seine Sünden den Ablaß kriegen und müßte seine seel nicht mehr in das Fegfeuer. Da hab ich den Bischöfen von Mainz und Magdeburg zwei Briefe geschrieben und beigelegt meine 95 Thesen, allwelche da anfangen: „Da unser Herr Jesus Christus spricht ‘Tut Buße’, hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen eine einzige Buße sein sollte.“ Diese Thesen hab ich auch an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg genagelt und habe gewollt, daß die Kirche und die Bischöfe und der Papst sich sollten bekehren und allein das Wort von der Gnade sich lassen genügen.
Diese Thesen hab ich denn auch in dem Sermon von dem Ablaß und Gnade erklärt und verteidigt. Im Jahr drauf bin ich denn auf dem Augustiner-Konvent in Heidelberg gewesen und hab erklärt, was ich denn gefunden. Hat der Papst und die Bischöfe und die Kirche aber nicht wollen hören und gesagt, es seien diese Sätze ketzerisch und hab ich sollen nach Rom. Bin ich aber nicht gegangen und ist darum nach Ausgsburg kommen der Kardinal Cajetan und hat verlangt, ich sollte widerrufen. Solches hab ich mich aber geweigert zu tun und mußte von Augsburg nach Wittenberg fliehen. Da hat aber mein gnädiger Herr, der Kurfürst Friedrich sich geweigert, mich dem Cajetan auszuliefern und mich aus dem Lande zu weisen.