Hallo Peter,
mein Fazit:
zu den Grundlagen der Mathematik gehört das Kopfrechnen und ein anschaulicher, lebensweltbezogener Unterricht.
Aus meiner Erfahrung als Dozent für Mathematik:
Meine Schüler (zwischen 17 und 55 Jahren in verschiedenen Klassen) in Qualifizierungs- und Umschulungsmaßnahmen des Arbeitsamtes können überwiegend nicht „im Kopf“ rechnen. Sie sind zudem (die Mehrheit jedenfalls) nicht in der Lage Rechnungen auf dem Papier durchführen:
z.B. 10456 x 234 oder 888 : 44. Ja, sogar die Addition oder Subtraktion von mehreren Zahlen, die man üblicherweise untereinander aufschreibt: gelingt den wenigsten.
Okay: die genannte Zielgruppe ist (zum Teil) lange Jahre aus der Schule (und damit Übung) heraus. Auch die Schulabschlüsse sind z.T. nicht vorhanden; z.T. jedoch haben die Umschüler den Realschulabschluß.
Ich schweige hier von den Fertigkeiten im Umgang mit der Prozent-, Zins- Dreisatz- und Flächenberechnung.
Ich habe nur (sehr)wenige Schüler erlebt, die eine schwierige Aufgabe dadurch gelöst haben, dass sie die Aufgabe übersichtlich strukturiert und ggf. über eine eigene Zeichnung/Skizze (als Eselsbrücke) gelöst haben. (Natürlich hatte ich auch den ein oder anderen Schüler, der wesentlich schneller rechnen konnte als ich.)
Also: Zu den Grundlagen der Mathematik gehört m.E., dass die Schüler (ohne Taschenrechner) rechnen lernen. Meine Schüler schreiben die ersten Klassenarbeiten ohne Hilfsmittel Rechner - erst später dürfen Sie das Hilfsmittel einsetzen.
Ich habe einmal den Test gemacht: Ich habe eine Schülerin, die relativ schwach im Kopfrechnen war die Chance gegeben, Ihre Note dadurch zu verbessern, dass Sie den Rechner benutzen durfte. Ihr könnt Euch das Ergebnis denken: Die Note fiel zwar etwas besser aus (statt 4 minus eine 3 minus), es zeigte sich aber deutlich, dass beim Umgang mit dem Rechner entweder Flüchtigkeitsfehler gemacht wurden bzw. Aufgaben, die eh nicht „verstanden“ wurden, auch nicht (mit dem Rechner) gerechnet werden konnten.
Warum so ausführlich?
Erst vorgestern Abend wurde in PlusMinus gezeigt, dass von 30 (?) Lehrstellenbewerbern (keiner/fast keiner) in der Lage war 500 durch 4 zu teilen bzw. zu sagen, wie groß der Umfang eines Rechteckes mit den Maßen 10 m x 40 m ist. E r s c h ü t t e r n d.
M.E. liegt die Ursache darin begründet, dass in den meisten Schulen zu früh mit dem Taschenrechner gearbeitet wird und (vermutlich) auch daran, dass die Aufgaben zu abstrakt sind (also nichts mit der Lebenswirklichkeit der Schüler zu tun haben).
Ich habe meinen Mathematikunterricht manchmal draußen abgehalten (ging leider nicht öfter): Auf die Frage, wie man die Höhe eines Kirchturms (in unserer Stadt) berechnen kann, schwieg die Klasse; aber: dann meldet sich einer der „nicht so begabt erscheinenden“ und sagte: wir messen den Schatten, den die Sonne erzeugt: dann haben wir die Höhe (zwar nicht ganz korrekt, dennoch sehr beachtlicher Gedanke) Nun: durch Anschauungsunterricht bzw. Bezug zur Lebenswelt der Schüler kann man Begeisterung, Interesse und (als Folge) Aufnahmebereitschaft und Auseinandersetzung „wecken“.
Wir haben diese Frage zum Anlaß genommen und mit dem Satz des Pythagoras zu beschäftigen - hierbei hat uns das Kirchenbeispiel immer wieder geholfen.
Grüsse aus Lüneburg
Heiner Gierling