Hallo Burkh,
da ich mich irgendwo im Hinterkopf zu erinnern meinte, dass das Phänomen der multiplen Persönlichkeitsstörung wissenschaftlich umstritten ist, habe ich mal ein bisschen rumgesucht und bin dabei u.a. auf http://www.psy-knowhow.de/reinders.htm auf Folgendes gestoßen:
Bilder aus dem Gehirn einer multiplen Persönlichkeit
Manche Psychiater bestreiten die Existenz der Multiplen Persönlichkeitsstörung (MPS), die heute auch Dissoziative Identitätsstörung (DIS) genannt wird. Viele Seelenärzte halten diese Störung zwar für real, aber für überaus selten. Hin und wieder verbünden sich kritische Soziologen und interessierte Anwälte mit wohlmeinenden Jornalisten, um die These zu lancieren, die Multiple Persönlichkeitsstörung sei die Erfindung geldgieriger oder ideologisch verblendeter Psychotherapeuten. Diese würden ihren meist weiblichen Patienten nur einreden, sie seien gespaltene Persönlichkeiten.
Unter Fachleuten und interessierten Laien wurde heftig über die Existenz dieser bizarren Krankheit gestritten, bei der angeblich zwei oder gar mehrere unterschiedliche Persönlichkeiten unter einer Schädeldecke hausen. Zu einer Einigung kam es nicht, denn Befürworter und Skeptiker konnten sich bisher nur auf das Verhalten und die Äußerungen der angeblich Betroffenen beziehen. Diese Sachverhalte lassen sich aber meist nicht eindeutig interpretieren.
Als Ursache der Multiplen Persönlichkeitsstörung werden schwere psychische Traumatisierungen in früher Kindheit - wie sexueller Missbrauch, körperliche und emotionale Misshandlung und Verwahrlosung - angenommen.
Die junge niederländische Neuro-Wissenschaftlerin Simone Reinders hat mit ihrer Arbeitsgruppe ein bemerkenswertes Experiment realisiert, das die strittige Frage wortwörtlich aus einem neuen Blickwinkel beleuchtet, nämlich mit Hilfe eines bildgebenden Verfahrens, der sog. „positron emission tomography“ (PET).
Reinders, Jahrgang 1974, lebt und forscht in Groningen (NL) und Hamburg.
Ihre Forschungsgruppe untersuchte 11 Frauen, bei denen eine Dissoziative Identitätsstörung diagnostiziert wurde. Es ging um die Reaktion auf autobiographische Texte in unterschiedlichen Persönlichkeitsszuständen. 8 Gehirnscans wurden aufgezeichnet, und zwar in folgender Reihenfolge (N = neutraler Persönlichkeitszustand; T = traumatisierter Persönlichkeitsszustand; n = neutraler Text; t = Text mit trauma-bezogenem Inhalt): Nn, Nt, Tt, Tn, Tn, Tt, Nn und Nt. Es zeigte sich Unterschiede der Gehirnaktivität in den zwei Identitätszuständen, während die Patientinnen dem trauma-bezogenen Text verfolgten. Die Gehirne der Versuchspersonen arbeiteten unterschiedlich, wenn sie im traumatisierten Persönlichkeitszustand dem Trauma-Text bzw. dem neutralen Text zuhörten. Es zeigte sich auch ein Unterschied der Gehirnprozesse beim Erfassen des Trauma-Texts im neutralen bzw. im traumatisierten Persönlichkeitszustand.
Reinders sieht in diesem Befund einen Beweis dafür, dass die Gehirnaktivierung bei multiplen Persönlichkeiten zustandsabhängig ist. Die unterschiedlichen Identitätszustände sind mit unterschiedlicher Informationsverarbeitung im Gehirn verbunden.
Im traumatisierten Persönlichkeitszustand erkannten die Versuchspersonen den Trauma-Bericht als autobiographisch, und er aktivierte emotionale Zentren im Gehirn. Im neutralen Persönlichkeitszustand erfuhren sie die Beschreibung des traumatischen Ereignisses jedoch nicht als selbsterlebt, und andere Hirnregionen wurden aktiv, z. B. jene, die mit dem Selbstbewusstsein zusammenhängen. Eine Aktivierung dieser Hirnregionen, so Reinders, würde man allerdings bei normalen Menschen, die Geschichten über andere hören, nicht erwarten. Die Wissenschaftlerin schließt daraus, dass diese zusätzlichen Prozesse die traumatisierenden Erfahrungen unterdrücken und sie aus der Erinnerung streichen.
Dieses experimentelle Resultat deutet darauf hin, dass sich die unterschiedlichen Persönlichkeitszustände multipler Persönlichkeiten nicht nur im Verhalten und Erleben widerspiegeln, sondern dass ihnen unterschiedliche Nervennetzwerke zugrunde liegen. Die These, dass die Multiple Persönlichkeitsstörung nur eine eingeredete Krankheit sei, wird durch diese Forschung jedenfalls erheblich in Frage gestellt.
(Quelle: Reinders, S. et al.: One brain, two selves. NeuroImage, 20, 2119-2125, 2003)
Grüße,
Christiane