Hallo Katrin,
Ich sehe einen Flickenteppich vor mir, mit Grenzen noch und
nöcher. Dass Warenzölle erhoben wurden, habt ihr mir
vielfältig beschrieben. Was aber ist mit Leuten, die ohne Ware
(beispielsweise Wandergesellen) durch die Lande zogen?
Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts gabs davon nicht sehr viele: Der leibeigene Untertan war „clebae adstrictus“, er gehörte zum Grundbesitz wie heute etwa ein Haus zivilrechtlich eine Einheit mit dem Grundstück bildet, auf dem es steht. Aufhebung der Leibeigenschaft je nach Gegend zwischen 1780 und 1860, allerdings vorher schon mit faktisch nachlassender Bedeutung. Trotzdem darf man sich die Reisen Deiner und meiner Vorfahren mit einiger statistischer Wahrscheinlichkeit allenfalls so vorstellen, dass sie von einem Grundherrn, der Geld brauchte, an einen anderen, der Krieg führen oder Sümpfe kultivieren wollte, als Menschenmaterial verkauft wurden und auf diese Weise eher gegen ihren Willen reisten.
Freizügigkeit vorher auf einzelne Bevölkerungsgruppen beschränkt: Adel, Bürger einerseits; andererseits auch Marginalisierte, die keiner Herrschaft zugehörig und entsprechend schutz- und rechtlos waren.
Eine große Zahl von Zöllen waren formal aus der mehr oder weniger erfüllten Pflicht des jeweiligen Grundherrn zur Instandhaltung von Wegen, Brücken, Fähren und dergleichen abgeleitet und wurden nach entsprechend gestaffeltem Tarif klar auch von Fußgängern ohne Handelsware erhoben. Eine klassische (und mit großem Fleiß durchgeführte) Untersuchung zur Frage der Zölle und deren Funktion (bzw. Sinnentleerung im Lauf des 18. Jahrhunderts) findet man bei Alexis de Tocqueville, „Der alte Staat und die Revolution“.
Die Forderung nach Aufhebung/Reduzierung/Zusammenfassung des Flickenteppichs von Zollgrenzen war nicht bloß zu Zeiten der napoleonischen Neuordnung, sondern auch noch 1848/49 revolutionär: Vor allem ökonomisch, von Bürgern, die auf die „Hebung des nationalen Wohlstandes“ bedacht waren; in zweiter Linie klar auch von der entsprechenden Ideenwelt getragen. Das Lisztsche Konzept von einem flächendeckenden deutschen Eisenbahnnetz war zu dieser Epoche die Spinnerei eines Radikalen. Und das „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt“ von von Fallersleben meinte zu diesem Zeitpunkt nicht so sehr das bewaffnete Herfallen über den Rest der Welt, sondern den Wunsch, mit dem alten Flickenteppich endlich aufzuräumen und ein einheitliches deutsches Territorium zu schaffen, einschließlich einem rational aufgebauten Zoll- und Steuersystem, welches dazu geeignet sein sollte, Handel und Mobilität der Bevölkerung berechenbar und planbar zu machen und nicht von vornherein mit willkürlichen und unsystematischen Belastungen und Beschränkungen zu ersticken.
Die von heute aus gesehen selbstverständlich erscheinende These, dass Steuern, Zölle und Abgaben in irgendeiner Weise äquivalent zu den Leistungen sein sollten, die die Abgabenpflichtigen in ihrer Gesamtheit dafür erhalten, kann man auf die Zeit vor 1860 keinesfalls anwenden.
Schöne Grüße
MM