Max Frisch, Stiller, Homo faber, Gantenbein

Hallo,

ich beschäftige mich gerade mit den drei Romanen von Max Frisch (Homo faber, Stiller und Mein Name sei Gantenbein). Bei meiner Recherche bin ich auf die Aussage gestoßen, dass diese drei Romane sogar als Triologie gesehen werden. Ich stehe nun etwas auf dem Schlauch. Ich finde mehr als das Identitätsproblem und die Thematik der Bildnishaftigkeit haben alle drei nicht gemeinsam. Welche Argumente sprechen denn für die Zusammenfassung als Triologie?
Ich finde die Texte unterschiedlich schwer zu verstehen und habe daher Schwierigkeiten die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Romane klar herauszuarbeiten. Mir ist die Aussage von Max Frisch noch nicht so ganz klar. Vielleicht kann mir jemand von euch helfen, dass bei mir der Knoten platzt?

Danke
Elli

Hallo Elli,

ich beschäftige mich gerade mit den drei Romanen von Max
Frisch (Homo faber, Stiller und Mein Name sei Gantenbein). Bei
meiner Recherche bin ich auf die Aussage gestoßen, dass diese
drei Romane sogar als Triologie gesehen werden.
Ich finde mehr als das
Identitätsproblem und die Thematik der Bildnishaftigkeit haben
alle drei nicht gemeinsam. Welche Argumente sprechen denn für
die Zusammenfassung als Triologie?

Das ist eine schwierige Frage. Man könnte natürlich sagen, daß diese gemeinsame Thematik der Identitätsfrage ausreicht, alle drei als Trilogie zu bezeichnen, wobei man natürlich „Trilogie“ nicht in dem üblichen Sinne von 1.-3. Band mit gemeinsamen Hauptfiguren verstehen sollte. Man könnte zur Bekräftigung auch noch die Form mit heranziehen, Homo Faber und Stiller sind beide als Tagebücher angelegt und (jetzt ein Zitat aus der Wikipedia)
"Sybille Heidenreich weist darauf hin, dass auch die offene Erzählform des Romans Mein Name sei Gantenbein eng an die Tagebuchform angelehnt ist.
http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Frisch

Aber, Du merkst an den vielen „man könnte“, daß ich davon auch nicht recht überzeugt bin, und daß führt jetzt zu ein paar kleinen Anmerkungen, denen Du eventuell nachgehen kannst, vielleicht bringt es dich ja etwas weiter.

Mir ist die
Aussage von Max Frisch noch nicht so ganz klar.

Hat denn tatsächlich Max Frisch dies geäußert? Oder kommt diese Auffassung nicht eher von anderen Literaturwissenschaftlern? Ich habe ein wenig recherchiert und bin auf einen Aufsatz von Steinar I. Bergo gestossen „Hauptaufgabe über Max Frisch“
http://rain.prohosting.com/1948/Hovudoppg%E5ve%20i%2…
in dem er die Aussage von Homo Faber, Stiller und Mein Name sei Gantenbein als Trilogie dem deutschen Literaturwissenschaftler Hans Mayer zuschreibt. Er habe dies in einem Aufsatz in der Literaturbeilage „Der Zeit“ vom 18.09.1964 behauptet. Liest man jedoch Mayers Aufsatz selbst durch
http://www.zeit.de/1964/38/Moegliche-Ansichten-ueber…
(vielleicht besser noch den gedruckten Aufsatz, da ein kleines Literaturverzeichnis beim Einscannen in die Mitte des Artikels geraten ist, aber den habe ich nicht zur Hand)
so muss zumindest ich sagen, daß von einer Trilogie dort keinesfalls die Rede ist. Mayer stellt lediglich fest, daß Frisch im Gantenbein sein altes Thema wieder aufnimmt,
„daß wir etwas nicht gleichzeitig „erleben“ und „deuten" können. Das eine ist der gelebte Augenblick, das andere seine nachträgliche Deutung durch uns selbst.
Diese Grundthematik stellt Mayer aber nicht nur für die drei Werke, sondern für das gesamte Schaffen Frischs fest, so daß ich nicht verstehe, wie Steinar I. Bergo dies als Aussage über eine „Trilogie“ interpretieren kann.
Ich kann mir allerdings vorstellen, daß diese Aussage nun von vielen ungeprüft übernommen wurde, „Bergo sagt, daß Mayer sagt… eine Trilogie…“. Ja, und wenn der große Mayer das sagt (immerhin eine Autorität unter den Germanisten), dann wird es wohl so sein…

Nun muss ich natürlich zugeben, daß dies auf sehr schwachen Füßen steht. Ich habe weder die Tagebücher und sonstigen Aussagen von Frisch selbst zu dem Thema durchforstet, noch weiteres Quellenstudium getrieben. Also nimm es als das, was es sein soll, als Anregung, eventuell in diese Richtung weiter zu forschen. Ist ja auch ein Ergebnis, wenn man zum Schluß der Untersuchung feststellt, daß eine Behauptung so nicht stimmt.

Viele Grüße
Marvin

Hallo Marvin,

vielen Dank für deine Anregung. Mir war gar nicht bewusst, dass das vielleicht ein Fehlinterpretation sein könnte. Der Hinweis hat mir sehr geholfen das Ganze etwas kritischer zu sehen.

Eine Frage hab ich aber noch. Warum sind die Romane von Max Frisch so revolutionär für seine Zeit gewesen? War es die Thematik oder die Sprache? oder was ganz anderes?

Hallo Elli,

Eine Frage hab ich aber noch. Warum sind die Romane von Max
Frisch so revolutionär für seine Zeit gewesen? War es die
Thematik oder die Sprache? oder was ganz anderes?

„Revolutionär“ würde ich nun nicht unbedingt sagen, aber ich denke, daß der Erfolg von Max Frisch auch darin begründet war, daß er Themen aufgegriffen hat, die sozusagen in der Luft lagen. Damit meine ich das Problem des „Einzelnen“ und wie autonom (oder eben nicht autonom) sein Leben ist, wie andere sich ein Bild von jemandem machen bzw. wie man selbst sich ein Bild von seinem Leben macht, und daraus folgend, wie dieses „gemachte Bild“ auf das eigentliche Leben zurückwirkt. Und diese schon erwähnte Differenz zwischen diesem Bild und dem „tatsächlichen“ Leben; ist es überhaupt möglich, beides in Übereinstimmung zu bringen.
Das alles sind Fragen, wie sie auch der Existentialismus (Sartre, de Beauvoir, Camus usw.) stellte, der genau zu dieser Zeit sehr verbreitet war. Außerdem sind es natürlich Fragen, die sich auch normale Menschen ab und zu stellen, wenn sie halbwegs über ihr Leben reflektieren: „Wer bin ich tatsächlich?“, „Wie sollte mein Leben eigentlich aussehen?“, „Welche Rolle spiele ich in meinem Leben, agiere ich, oder reagiere ich nur?“ usw. Gerade im Deutschland der 50-er Jahre wichtige Fragen, nachdem die meisten einem Rattenfänger-System hinterhergelaufen sind, in dem „das Volk alles, der Einzelne aber nichts“ waren.
Dies ist offenbar auch der zweite Punkt, der die Bekanntheit Frischs erklärt, daß er vor allem in seinen Theaterstücken „Andorra“, „Biedermann und die Brandstifter“ die Mechanismen aufgreift, die Menschen in solchen totalitären Systemen entweder zu Mitläufern und anschließend zu Mit-Tätern oder eben zu Opfern macht. Die jüngste Vergangenheit war noch so frisch, daß man sie in solchen Stücken sofort wiedererkennen konnte.

Dies meine Erklärung zum Erfolg von Max Frisch. Möchtest Du etwas fundierteres darüber lesen, so kann ich dir außer der zahlreichen Sekundärliteratur über Max Frisch zumindest die Begründung für die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Philipps-Universität Marburg im Jahre 1962 empfehlen.
http://www.gowindundwetter.de/archiv/Frisch.htm

Viele Grüße
Marvin

Trias
Hallo Elli,

ich lese gerade die Max Frisch-Biografie von Volker Hage. Wenn du sie noch nicht hast, kann ich sie dir nur empfehlen (ISBN 3499506165 Buch anschauen). Darin werden die drei Romane in einem Kapitel zusammen behandelt. Hage spricht von einer Trias und fügt hinzu, von einer Trilogie zu sprechen wäre irreführend. Ich denke, er meint damit, dass eine Trilogie einen inhaltlichen Zusammenhang haben muss. Das ist ja - wie bereits angemerkt wurde - bei diesen drei Romanen nicht der Fall.

Vielleicht muss man das aber auch einfach praktisch sehen. Von Frisch gibt es eigentlich nur diese drei Romane. Auch Hage weist darauf hin, Frisch habe danach keine Romane mehr geschrieben. Diese Aussage hat mich zunächst gewundert, doch „Blaubart“, „Montauk“ oder „Der Mensch erscheint im Holozän“ kann man wohl nicht als Roman zählen. Und vor Stiller gab es nur „Antwort aus der Stille“ und „Jürg Reinhart“, beide praktisch unbedeutend. Es bleiben diese drei Romane, alle innerhalb von zehn Jahren erschienen, alle sehr erfolgreich und alle mit dem Thema der Identitätsfindung.

Viele Grüße
Ultra