Max Frisch Tagebuch 1946-1949

Hallo, ich habe eine Fachschule mit dem Schwerpunkt Kultourismus abgeschlossen und interessiere mich aber nach wie vor für Kultur. Nun habe ich einen text gefunden, den Max Frisch in seinem Buch „Tagebuch 1946-1949“ veröffentlicht hat. leider ist mir der text etwas zu hoch und die langen sätze verwirren mich so sehr, dass ich am ende des satzes schon wieder vergessen habe, was am anfang stand. somit habe ich keine ahnung, was in diesem abschnitt gesagt werden will, also was die aussage darstellt. ich möchte es aber unbedingt verstehen, da das, was ich verstehe, interessant klingt und ich das buch einmal lesen möchte. vielleicht kann mir jemand erklären, worum es geht. das wäre echt sehr nett.

hier der auszug:


Der Kulturträger, der Kulturschaffende. Es ist immer wieder auffällig, wie viel deutsche Menschen (besonders deutsche) unablässig besorgt sind, geistige Menschen zu sein; vor allem, wie sie besorgt sind: indem sie von Literatur, von Musik, von Philosophie sprechen. Und Schluss. Auffällig ist die Angst, ein Spießer zu sein; man wird kaum einem Deutschen begegnen, der dieses Wort nicht schon im ersten Gespräch braucht. Spießer, gemeint als Gegenstück zum geistigen Menschen. Wenn sie Gottfried Keller auf der Straße oder in seiner Staatskanzlei oder gar auf einem Schützenfest gesehen hätten, ich bin überzeugt, dass die allermeisten, die dieses ominöse Wort in den Mund nehmen, ihn als Spießer klassifiziert hätten, als das Gegenteil eines geistigen Menschen, eines Kulturträgers, eines Kulturschaffenden, weitab von der Elite. In der Tat empfinden wir, was den Begriff der Kultur angeht, einen nicht unbedeutenden Unterschied zwischen dem deutschen und dem schweizerischen Denken, das hier vielleicht am selbstständigsten ist gegenüber dem deutschen. Das jedem Volk unerlässliche Gefühl, Kultur zu haben, beziehen wir kaum aus der Tatsache, dass wir Künstler haben; zumindest empfinden wir die Begabung eines Gotthelf (um es dabei bewenden zu lassen) nicht als Entschuldigung dafür, dass es in seinem Lande auch Verdingbuben gibt, eine hanebüchene Einrichtung in bezug auf das Soziale. Unter Kultur verstehen wir wohl in erster Linie die staatsbürgerlichen Leistungen, die gemeinschaftliche Haltung mehr als das künstlerische oder wissenschaftliche Meisterwerk eines einzelnen Staatsbürgers. Auch wenn es für den schweizerischen Künstler oft eine trockene Luft ist, was ihn in seiner Heimat umgibt, so ist dieses Übel, wie sehr es uns persönlich trifft, doch nur die leidige Kehrseite einer Haltung, die, von den meisten Deutschen als spießig verachtet, als Ganzes unsere volle Bejahung hat - eben weil die gegenteilige Haltung, die ästhetische Kultur, zu einer tödlichen Katastrophe geführt hat, führen muss.

Für mich sagt der text aus, dass poltik das schlechte ist, womit sich ein kulturträger nicht beschmutzen soll. geistige menschen haben oft angst als spießer zu gelten (doch wieso???). und unter kultur wird in erster linie die staatsbürgerlichen leistungen verstanden. doch besonders ab dem teil „aush wenn es für den schweizerischen …“ kenn ich mich überhaupt nicht aus.

wäre nett, wenn mir jemand helfen könnte ^^

Servus,

mit „sollen“ wäre ich ein bissel vorsichtig, wenn nicht ausdrücklich von „sollen“ die Rede ist.

Der Textausschnitt behandelt zunächst nicht normativ, sondern deskriptiv eine von Frisch postulierte Differenzierung zwischen einem deutschen und einem Schweizer Begriff von Kultur und speziell von einer nationalen kulturellen Identität. Er beschreibt einen rein ästhetisierenden, idealistischen deutschen Kulturbegriff, bei dem es primär darum geht, dass sich intellektuelle „Avantgarde“ vom verachteten „Spießertum“ distanziert; während er einen Schweizer Kulturbegriff beschreibt, der sich weniger auf ein frei schwebendes, vom gesellschaftlichen Zusammenhang abgehobenes Kulturschaffen im Ästhetischen bezieht, sondern unter Kultur zuerst die Schaffung und Gestaltung des Gemeinwesens, der bürgerlichen Republik, begreift - und auf diese Weise als kulturelle Leistungen eher die Beiträge von Einzelnen zum Gemeinwesen versteht.

Schöne Grüße

MM

Ihr seid mir ja zwei komische Vögel!
Hallo Martin

Da beklagt sich eine, sie könne die langen Sätze
nicht verstehen. Und sie tut dies mit Sätzen,
die teilweise selber eine durchaus
anspruchsvolle Länge aufweisen.

Und du, du antwortest mit einem Satz von 72
Worten! Perfekt gedrechselt natürlich –
geschickt konzipiert und gegliedert, sogar mit
einem geradezu literarischen Semikolon –
chapeau!

Aber damit scheinst du die neueren
Untersuchungen zu ignorieren, die uns vor Sätzen
mit mehr als 13 Wörtern warnen, weil diese von
einem grossen Teil der Bevölkerung nicht
verstanden würden.
(Ich weiss: das waren auch schon wieder 30
Wörter.)

Und nein: ich teile die verbreitete Meinung
nicht, dass kurze Sätze ein Zeichen guten Stils
seien.

Kein Tadel also, nein, bloss ein kleines
Bisschen merkwürdig …

Stockzahnschmunzelnd
Rolf

Servus Rolf,

ja, da hast Du Recht: In diesem Garten bin ich Bock, folglich zum Gärtner nicht prädestiniert. Das Deutsche ist mir schon vor vielen Jahren vom Latein versaut worden, und das scheint ein dauerhafter Schaden zu bleiben. Nun je, „was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben“.

Andererseits habe ich den Eindruck, es sei nur subjektiv die Länge der Sätze, die den Abschnitt aus den Tagebüchern für die Leserin schwer verständlich macht. Drum halte ich es schon für vielleicht nützlich, wenn man den Abschnitt nicht sehr syntaktisch vereinfacht, sondern bloß einmal wiedergekäut und bloß inhaltlich vereinfacht wiedergibt.

Ich hoffe, dass eine Rückmeldung dazu kommt - wäre angesichts der in der Zwischenzeit vergangenen Epoche, während der jeder Kulturschaffende mit Gewalt eine „gesellschaftliche“ Perspektive haben musste, eigentlich eine interessante weiter führende Diskussion wert.

Schöne Grüße

MM