Meditation über einen Sokrates-Ausspruch

Sokrates wird ja der nette Ausspruch „Ich weiß, daß ich nichts weiß“ zugeschrieben.

Diese Aussage ist aber paradox, denn wenn „ich weiß, daß ich nichts weiß“, dann weiß ich ja etwas und kann daher nicht nichts wissen.

Eine Erweiterung der Aussage um den Zusatz „außer der Tatsache, daß ich nichts weiß“ würde das Paradoxon auch nicht auflösen, da diese Ausnahme ja ebenfalls paradox ist:

„Ich weiß, daß ich außer der Tatsache, daß ich nichts weiß, nichts weiß.“

Der Teilsatz „außer der Tatsache, daß ich nichts weiß“ kann nicht stimmen, da ich ja wohl was weiß, nämlich daß ich nichts weiß. Außer natürlich der Tatsache, daß ich nichts weiß. Außer natürlich der Tatsache, daß ich nichts weiß. Außer natürlich der Tatsache, daß ich nichts weiß. […]

Um das Paradoxon aufzulösen, müßte man theoretisch unendlich viele Ausnahmen ineinander verschachteln, was allerdings dann zu Endlossätzen mit einem sehr hohen Anteil von Redundanz führen würde:

„Ich weiß, daß ich außer der Tatsache, daß ich außer der Tatsache, daß ich nichts weiß, nichts weiß, nichts weiß.“

„Ich weiß, daß ich außer der Tatsache, daß ich außer der Tatsache, daß ich außer der Tatsache, daß ich nichts weiß, nichts weiß, nichts weiß, nichts weiß.“

usw.

Vielleicht könnte man das Ganze ja verkürzt so formulieren:

„Ich weiß, daß ich außer der Tatsache, daß ich *ansonsten* nichts weiß, nichts weiß.“

Nein, ganz korrekt ist das auch nicht… daher schlage ich vor:

„Ich weiß, daß ich außer der Tatsache, daß dieser Satz Bullshit ist, nichts weiß.“

Schönes Wochenende,
Stefan :smile:

Hallo Stefan,

wenn man den Ausspruch des Sokrates nicht von seinem Zusammenhang isoliert, dann ergibt sich der folgende Sachverhalt.

S. zog sich den - bis zum Todesurteil führenden - Hass seiner Mitbürger zu, weil er sie in aller Öffentlichkeit befragte, die Staatsmänner, die Dichter, die Handwerker: über ihren Beruf, über die Kindererziehung, eigentlich über alles; und dabei stellte sich heraus, dass sie kein Wissen über ihre Tätigkeit hatten, sondern nur unbegründete Meinungen.

Warum tat S. dies? Chairephon, ein Freund des Sokrates, war nach Delphi gekommen und hatte beim Orakel angefragt, ob in Athen jemand weiser sei als Sokrates, und das Orakel verneinte dies.

S. war völlig überrascht und unternahm es, den Gott der Lüge zu überführen. Und daran scheiterte er auf geradezu komische Weise:
Alle glaubten etwas zu wissen und wussten nichts.

Er war der einzige, der WUSSTE, das er nichts wusste.

Man kann das Vorgehen des Sokrates sehr gut nachlesen in seinem Bericht darüber, den ihm Platon in der „Apologie des Sokrates“ darüber in den Mund legt.

Die frühen Werke Platons handeln davon, wie Sokrates dieses Nichtwissen nachweist: z. B. über die Tapferkeit, die Frömmigkeit, die Gerechtigkeit (= Vorlage für Buch I des Staates) …
Sie enden mit der Feststellung dieser Aporie.

Gruß
H.

Hallo Stefan.
Darüber kann man lange diskutieren. Das liegt aber daran, dass wir das heute als Paradoxon verstehen, obwohl es keines ist.
Der griechische Wortschatz ist sehr vieldeutig und läßt sich oft nur im Kontext eindeutig übersetzen.
Wir verwenden das Verb ‚wissen‘ heute sehr ungenau, um nicht zu sagen oft falsch.
Z.B. im Sinne. ‚von etwas Kenntnis haben‘, was keinesfalls ‚wissen‘ bedeutet.
Übersetzst Du den sokratischen Ausdruck so:
„Ich habe Kenntnis davon (oder Mir ist bekannt), dass ich nichts weiß!“ dann existiert das Paradoxon nicht mehr. Mit ‚Wissen‘ ist etwas ganz andres gemeint. Das zeigt auch ein anderes Beispiel aus der Umgangssprache:
„Ich weiß dass am Samstag in der Oper eine Premiere stattfindet!“
Nichts weißt Du! Du hast Kenntnis davon, dass man vor hat am Samstag eine Premiere zu veranstalten und hoffst darauf, dass das auch stattfindet.
Das sind die feinen Unterschiede die unsere Sprache leisten kann, wenn man sie richtig anwendet. Wissen ist frei von allem Zweifel. Deshalb wissen wir so wenig, oder fast nichts!
Auch eine Vertauschung der Begriffe im sokratischen Satz ergibt eine genaue Aussage ohne Widerspruch:
„Ich weiß, dass ich von nichts gesichterte Kenntnise habe!“ Da er das von sich zweifelsfrei behaupten kann, ist ‚weiß‘ hier richtig eingesetzt.
Mit freundlichen Grüßen
Alexander Berresheim

Hallo Alexander,

Deine Erklärung „macht Sinn“. Thanks.

Stefan

Ot: War das nicht Rousseau?

Sokrates wird ja der nette Ausspruch „Ich weiß, daß ich nichts
weiß“ zugeschrieben.

Ich hätte diesen Ausspruch Rousseau zugeschrieben, nicht Sokrates. Liege ich falsch?

Liebe Grüße
Livia

zweifelsfrei: JA :smile:

Ich hätte diesen Ausspruch Rousseau zugeschrieben,
nicht Sokrates. Liege ich falsch?

Gruß

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