Medizin im antiken Griechenland

Hallo!
Ich nehme an, wer Medizin studiert, wird auch mit Theorie gepeinigt, deshalb stelle ich in diesem Brett meine Frage, aber @ MOD: vielleicht doch verschieben nach „Geschichte“ oder „Fremdsprachen“, falls keine Antworten kommen?

Ich habe einen Buchtitel zu übersetzen: „Greek rational medicine: Philosophy and Medicine from Alcmaeon to the Alexandrians“. Natprlich habe ich gegoogelt und glaube zu erkennen, dass man in Griechenland im Lauf der Zeit zu der Einstellung gelangte, Medizin als Wissenschaft zu betrachten und zu betreiben. Könnte ich also schreiben: „Medizin als Wissenschaft im antiken Griechenland“? Vielleicht ist jemand im Studium schon einmal mit diesem Thema konfrontiert worden und kann mich erleuchten :smile:
Gruß,
Eva

Hi,

naja… die Humoralpathologie beispielsweise wurde damals als zentrales Dogma gesehen, nach der sich die Medizin ausrichtete. Auch wenn es aus heutiger Sicht ganz schöner Quark ist, empfand man das damals als rationale Vorgehensweise. In dem Sinne also: ja, man könnte es als Wissenschaft betrachten.

Gruß und guten Rutsch
Liete

Hallo,

Ich habe einen Buchtitel zu übersetzen: „Greek rational
medicine: Philosophy and Medicine from Alcmaeon to the
Alexandrians“. Könnte ich also schreiben: „Medizin als
Wissenschaft im antiken Griechenland“?

Wenn im englischen Titel „wissenschaftlich“ gemeint wäre, würde dort „scientific“ stehen. Ich nehme an hier ist eher gemeint „rational, logisch von Erfahrungswerten/Beobachtungen abgeleitet“, worauf meines Erachtens auch die Verknüpfung mit Philosophie hinweist. Mit Kenntnis von Inhalt bzw. Inhaltsverzeichnis des Buches, ließe sich das eher bestimmen.

Gruß,
p+p

Moin,

Ich habe einen Buchtitel zu übersetzen: „Greek rational
medicine: Philosophy and Medicine from Alcmaeon to the
Alexandrians“.

die ‚Wissenschaftliche Methode‘ wie sie in der Gegenwart und den letzten Jahrhunderten im Westen praktiziert wird, war den antiken Griechen natürlich nicht geläufig, daher wäre ‚Wisenschaft(lich)‘ im Titel m.E. fehl am Platze.
Nimmt man ‚Wissenschaft‘ im Naturphilosophischen Sinn wie es die antiken Forscher taten, dann wäre es allerdings wieder richtig. Denn man hatte zwar seine Gedankenmodelle, die nicht mit Experimenten belegt wurden (Platon & Co), aber man beobachtete auch sehr gründlich und baute auf diesen Beaobachtungen aufbauend recht komplexe Systeme auf (Archimedes).
Auch die Mediziner beobachteten und stellten (Kausal)zusammenhänge her und man hatte ein recht erfolgreiches System entwickelt, dessen bekanntester Exponent wohl Hippokrates war, später, bei den Römern, Galen, der zwar auch Grieche war, in Rom aber praktizierte und berümt war.

Ein richtiges Wort für Deine Übersetzung fällt mir allerdings auch nicht ein.
Wissenschaftlich- passt nicht so recht
Naturphilosophisch - wird das so verstanden, wie Du es möchtest?

Ein wenig ratlos

Gandalf

Hallo,

im zweiten Teil des Titels werden zwei Themen und gleichzeitig ein irgendwie unbestimmter Zeitraum, ein grob umrissenes Verbreitunggebiet und eine Person konkret beschrieben. Menno!

Es würde sich anbieten, den Begriff „rational medicine“ aus Teil 1 des Titels nicht groß zu umschreiben, sondern im übertragenen Sinn den vermeintlichen Inhalt des Buches (die Kenntnis desselben wäre hilfreich) zusammen zu fassen. Mein Vorschlag wäre zu Teil 1:

„Griechische Erfahrungsmedizin: Philosophie und Medizin von …“

Zu Zeitraum/Ortsangabe: Dein Begriff Antike ist m.E. zu weit gefasst. Dem Originaltitel nach müsste es den Zeitraum von etwa 600 v.C. bis 200 v.C. betreffen. „von …“ würde ich somit eher in Richtung „(in der Zeit) von Alcmaeon bis Alexander dem Großen“ übersetzen. Man müsste den Inhalt genauer kennen, um es korrekt zu machen.

„Griechische Erfahrungsmedizin: Philosophie und Medizin in der Zeit von Alcmaeon bis Alexander dem Großen“

Bleibt zu hoffen, dass der Inhalt des Werkes nicht ähnlich schwammig ist wie der Originaltitel.

Franz

Ich würde das Übersetzen wie es da steht:

Die rationale Medizin der (alten?) Griechen: Philosophie und Medizin von Alkmaeon bis zu den Alexenadrinern

Der Begriff der „rationalen Medizin“ ist eigenständig und wird durchaus auch im deutschen verwendet. Er wird ja auch im Englischen mit Absicht verwendet. Wenn man scientific medicine hätte sagen wollen, hätte man es getan. Ohne den Inhalt zu kennen, scheint dieser ja gerade darauf abzuheben, dass es mehr als nur Hippokrates gab, der als Begründer der Medizin als Wissenschaft gilt.

Es würde sich anbieten, den Begriff „rational medicine“ aus
Teil 1 des Titels nicht groß zu umschreiben, sondern im
übertragenen Sinn den vermeintlichen Inhalt des Buches (die
Kenntnis desselben wäre hilfreich) zusammen zu fassen. Mein
Vorschlag wäre zu Teil 1:

„Griechische Erfahrungsmedizin: Philosophie und Medizin von
…“

Der Begriff Erfahrungsmedizin wird aber dem, was die alten Griechen da gemacht haben, nicht gerecht. Hippokrates gilt als der Begründer der Medizin eben als Wissenschaft, was Forschung Lehre mit einbezieht.

Zu Zeitraum/Ortsangabe: Dein Begriff Antike ist m.E. zu weit
gefasst. Dem Originaltitel nach müsste es den Zeitraum von
etwa 600 v.C. bis 200 v.C. betreffen. „von …“ würde ich
somit eher in Richtung „(in der Zeit) von Alcmaeon bis
Alexander dem Großen“ übersetzen. Man müsste den Inhalt
genauer kennen, um es korrekt zu machen.

Kann es sein, dass du den Originaltitel nicht richtig gelesen hast? „… the Alexandrians“ - das ist nicht Alexander der Große! Gemeint sind die Alexandriner und, da das Versmaß keinen logischen Sinn macht, wohl die Alexandrinische Schule, die sich um verschiedene Wissenschaften! bemühte, darunter Philosophie, Naturwisschenschaften und eben Medizin. Sie wirkte bis zur Zerstörung Alexandrias, damit sind wir im 7. Jhd. n. Christus. Alkmaen war 6. Jhd. vor Christus. Was willst du da noch „Antik“ eingrenzen?

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Link zum Buch :smile:
http://books.google.de/books?id=qD6G9R_-1UMC&printse…

„rational“ vierlleicht als "Vernunft? Aber Medizin der Vernunft hat, glaube ich, eine andere Bedeutung?
Gruß,
Eva

Warum willst du denn nicht rationale Medizin nehmen?

„Rational“ kommt aus dem lateinischen und ist ja bei uns auch ein sehr geläufiges Wort.

Wenn ich dann noch die Kapitelübersicht sehe, dann spricht die Abgrenzung im ersten Kapitel zwischen rational und irrational auch und gerade dafür, es bei „rationale Medizin“ zu belassen.

Nachtrag
Unter dem Begriff „rationale Medizin“ wird das sogar gelehrt:

http://www.medizinische-fakultaet-hd.uni-heidelberg…

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Halolo!
Für diesen Link ein Sternchen - dient mir als Beleg für den Lektor .-)

Danke & Gruß,
Eva

Danke @ alle! owT
.

Guten Morgen,

Danke für deine Erläuterungen.

Kann es sein, dass du den Originaltitel nicht richtig gelesen
hast?

Doch doch, sogar verstanden, auch Nebengeräusche, und dennoch meinen Vorschlag wie geschrieben gemacht. Mit all den Wenns und Abers und Begründungen drumherum. Und ich halte nach wie vor aus diversen Gründen Begrifflichkeiten wie rationale Medizin oder gar irrationale Medizin für untauglich.

Naja, nicht so wichtig.

Franz

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Naja, nicht so wichtig.

Naja, vielleicht nicht wichtig, aber eigentlich recht interessant :wink:

Am Unterschied zwischen Alexander und den Alexandrinern ist nicht viel zu rütteln, das bestätigt dann auch schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis.

Was die Begrifflichkeit: Medizingeschichte ist ein, wie ich finde, sehr spannendes Feld. Ich habe vor Jahren dazu mal einen Vortrag geschrieben und mich daher ein wenig intensiver damit beschäftigt. Ohne das, was die Griechen da fabriziert haben, gäbe es unsere Medizin in der heutigen Form wohl nicht. Abgesehen davon, dass der Begriff der Erfahrungsmedizin heute besetzt ist für Naturheilkunde (mit aller Problematik der Abgrenzung) geht die Leistung der Griechischen Mediziner darüber eben weit hinaus.

Natürlich muss man bei vielem in Hinblick auf den heutigen Wissenschaftsstand relativieren. (Auch ein heute immer noch hoch geschätzter Aristoteles war vom geozentrischen Weltbild überzeugt.)

Ein paar Beispiele:

Alcmaeon 5.Jhd.v.Chr. hielt das Gehirn (und nicht das Herz) für das zentrale Steuerungsorgan und war der Auffassung, dass es einen männlichen und weiblichen Samen geben muss, der für die Fortpflanzung Voraussetzung ist (der, seiner Theorie von der Dominanz des Gehirns folgend, aus selbigem sprießen sollte, Rom ist auch nicht an einem Tag gebaut worden)

Hippokrates 4.Jhd.v.Chr. - seine eigentliches Krankheitsmodell, die Vier-Säfte-Theorie, gilt heute als völlig überholt, für die damit zusammenhängende Temperamentenlehre gilt das nicht, die hat heute noch ihre Bedeutung. Was ebenfalls bis heute gültig hat, ist der von Hippokrates vorgelegte Rahmen für das Berufsbild des Arztes. Systematische Diagnose und Therapie sind für uns heute selbstverständlich. Auch die Anamnese (systematisch nicht von Hippokrates sondern erst etwas später durch Rufus von Ephesos gefordert, im Mittelalter dann lange verschwunden und erst wieder seit dem 16./17. Jahrhundert ein Muss) geht auf Hippokrates zurück.

Herophilos 3.Jhd.v.Chr. war der erste, der den Puls gemessen und seine Bedeutung für Herzkrankheiten erkannte. Ebenfalls wichtige Grundlage für die spätere Entdeckung des Brutkreislaufs: die Unterscheidung in Arterien und Venen.

Galen / Galenus, 2.Jhd.n.Chr. - hat ziemlich bahnbrechend und langanhaltend gewirkt. Einiges, was er erhoben und fest gehalten hat, gilt heute noch, wie die Beschreibung der Zeichen einer Entzündung. Anderes ist erst (konnte erst) in der Neuzeit korrigiert werden. Grundsätzlich hat er auch wichtiges zum Thema Anatomie geleistet. (Sein Fehler war allerdings, dass er keine Menschen, sondern Tiere sezierte, weshalb das Ergebnis dann doch in puncto Nachhaltigkeit ein paar Schwächen hatte, das ist aber knapp 1 1/2 Jahrtausende lang auch nicht weiter aufgefallen)

Mit systematischen Herangehensweise, die diese (und noch mehr) Ärzte / Wissenschaftler an den Tag gelegt haben, entfernte man sich deutlich von religiös geprägten Ansätzen, welche eben nicht rational waren und mit bloßem Erfahrungslernen nichts zu tun haben.

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