Hallo,
Eigentlich geht es mir gut, besser als vielen anderen Menschen. Ich habe einen wunderbaren Freund und eine Arbeit die mir Spaß macht. Aber das wars auch schon.
Es steckt eine tiefe Wut, eine Verbitterung in mir, die ich gerne mal ablassen würde.
Aber wie?
Im Wald rumschreien traue ich mich nicht. Ich hätte Lust ein paar Teller oder sonst irgendwas zu zertrümmern.
Meine Eltern haben mich in meiner Kindheit nicht sonderlich nett behandelt. Meine Mutter war Alkoholikerin, und eine schwierige Person (emotionale Erpressung usw). Ich habe ständig mit ihr Streit gesucht, habe sie gehasst und verachtet. Aber wir mussten doch unter dem gleichen Dach leben. Mein Vater war tagsüber bei der Arbeit, oder bei seiner Freundin. Er sagte wir sollten friedlich sein, wenn meine Mutter ihn mal wieder besoffen angerufen hat wegen meinem unmöglichen Verhalten.
Ich war wohl ein schwieriges Kind und deswegen wurden meine Geschwister mehr geliebt als ich.
Wenn ich weinte oder mich beschwerte, hieß es „Sei ruhig!“.
Meine Mutter starb vor neun Jahren an ihrer Alkoholsucht. Ich war froh als sie endlich tot war. Trotz allem war sie der Mensch der mir am nächsten stand.
Seitdem fühle ich mich unsäglich allein auf dieser Welt.
Nach einer Phase des Aufbegehrens gegen meinen Vater, in der ich mir absolut nichts mehr gefallen lassen wollte und ihn wegen jeder seiner herablassenden Äußerungen anfuhr, folgte die Einsicht wie lächerlich das alles ist. Nun versuche ich mit ihm „normal“ zu reden und lasse mich nicht aus der Ruhe bringen. Manchmal, alle paar Monate, ruft er mal an (ich verstehe zwar nicht warum) und wir erzählen jeder ein bisschen von unserem Leben.
Er hat seine Freundin geheiratet, meine kleine Schwester (12) hat das Glück in einer intakten Familie aufzuwachsen mit dem guten Einfluß seiner Freundin bzw. Frau.
Ich habe soeben mein technisches Studium abgeschlossen, wohne in einer Großstadt (mehr als 2 Stunden weit weg von dort wo ich aufgewachsen bin) und jetzt, da ich mein Ziel „von allen unabhängig sein“ erreicht habe, weiß ich nicht, wie es weiter gehen soll. Wer bin ich überhaupt? Der, der ich gerne wäre, oder schaffe ich es jemals, mich „so“ (was immer das auch ist) zu akzeptieren wie ich wirklich bin?
Was will ich im Leben?
Meine Panikattacken fingen nach dem Tod meiner Mutter an, als ich in der Oberstufe war. Es war mir teilweise unmöglich, vor anderen Menschen zu sprechen. Es fing damit an, dass ich einen besonders gelungenen Deutschaufsatz vorlesen musste, dann mal einen Abschnitt aus dem Geschichtsbuch. Schließlich saß ich in der Stunde und hoffte inständig nicht drangenomen zu werden.
Diese Panikattacken habe ich mittlerweile etwas in Griff, dank Antidepressiva. Für wichtige Fälle (Präsentationen die ich halten muss) habe ich Beruhigungstabletten.
Schnell werde ich wütend, auch wenn ich versuche mir nichts anmerken zu lassen. Am meisten regen mich die Leute in der S-Bahn auf, wenn sie versifft aussehen (Jogginganzug), oder auch die aus „gutem bürgerlichen Hause“ (Neid?).
Warum muss mich jeder anschauen? Können die mich nicht einfach ignorieren?!
Ich glaube ich habe eine soziale Phobie. Ich habe Minderwertigkeitsgefühle und ständig Angst, Leuten auf die Nerven zu gehen. Deswegen habe ich schwierigkeiten, langfristige Beziehungen aufzubauen und zu erhalten, weil ich Angst habe, enttäuscht zu werden.
(Nebenbei: Ich habe einen wunderbaren Freund. Wir beiden passen perfekt zu einander und ergänzen uns gut. Er ist mein einziger Vertrauter. Unsere Beziehung ist das einzige was nicht problematisch ist in meinem Leben.)
Ich habe oft die gleichen Träume:
Ich wohne in einem schönen Haus. Entweder mit Papa und seiner Freundin, und fühle mich dort geborgen. Oder ich habe eine eigene, sehr schöne Wohnung.
Dieser Traum steht wohl für meine Sehnsucht nach einem Zuhause, einer Heimat, einem Neuanfang. Ich fühle eigentlich immer ziemlich fremd, und nirgendwo, wo ich auch gewohnt habe in den letzten Jahren, wirklich zuhause.
Mein Vater hat das Haus, in dem ich mit meinen Geschwistern aufgewachsen bin, verkauft und sich mit seiner Freundin (bzw. neuen Ehefrau) ein Haus ein paar Dörfer weiter gekauft. Es liegt sehr idyllisch, aber mit seiner Freundin werde ich nicht warm, und fühle mich in dem Haus nur als geduldeter Gast.
Ich habe eine Arbeit die mir sehr viel Spaß macht, und sehr nette Kollegen.
Aber andererseits fühle ich mich ziemlich allein. Ich hätte gerne Eltern, die für mich da sind. Wo bekomme ich Ersatz-Eltern? Alle Vorbilder aus der Schulzeit (Lehrer) oder Studienzeit (Professoren), die mir ein bisschen mentalen Halt gaben, sind aus meinem Leben verschwunden.
Jetzt bin ich mit dem Studium fertig, endgültig „erwachsen“, und müsste auf eigenen Beinen stehen.
Ich weiß nicht wie es in meinem Leben weiter gehen soll. Der Alltag - Aufstehen, Arbeit, ins Bett gehen - gibt mir halt, braucht aber auch alle meine Kraft. Wozu stehe ich überhaupt morgens auf?
Ich vermisse die vielen sozialen Kontakte die ich während meines Auslandspraktikums hatte. Aber dort, in einem Forschungsinstitut, wo ständig Leute kamen und gingen, war es ein Leichtes, Anschluss zu finden.
Jetzt, zurück in Deutschland, in einer Stadt die ich frei gewählt habe, kenne ich kaum Leute außer meine Kollegen (und meinem Freund). Die meisten Kollegen haben Familie oder einen festen Freundeskreis hier.
Es ist so eine Schwere in mir. Ich würde gerne alle meine Gefühle ausdrücken, aber außer mit einener Axt auf einen Baum einzuschlagen („IHR KÖNNT MICH ALLE MAL IHR ARSCHLÖCHER!“) fällt mir nichts ein.
Ich habe eine Reitstunde auf einem Reiterhof hier in der Nähe gehabt. Der war mir sehr sympatisch. Ich denke ich werde wieder hingehen. Das ist immerhin ein Anfang.
Ich möchte gerne nette Leute kennen lernen, aber tue mir schwer mit dem ersten Schritt.
Ich glaube, tief in mir liegt einiges noch verborgen. Aber wie bringe ich es ans Licht? Wie finde ich mein Seelenheil, wie kann ich mit mir und der Welt im Reinen sein?
Ich weiß nicht ob ich eine Therapie anfangen soll. Ich habe keine Kraft, mein Verhältnis z.B. zu meinen Kollegen zu verändern etc. Eine Veränderung meinerseits würde vermutlich nur Ablehnung hervorrufen. Vielleicht bin ich depressiv?
Ich möchte einfach nur ein gelassenerer Mensch werden, jemand dessen Leben nicht ständig von Angst begleitet ist.
Andere Menschen, z.B. meine Kollegen, haben eine gewisse „Grundsicherheit“ oder „Urvertrauen“ im Leben, durch ihre Familie und ihre Freunde.
Was habe ich? Meinen Freund, sonst nichts. (Mein Freund ist mein Freund, nicht mein Ersatz-Vater oder Therapeut)
Danke an alle die bis hier durchgehalten haben.
Ich bin dankbar für alle konstruktiven Kommentare, Buch- oder Handlungsempfehlungen.
Jana
