Zwei Autos fahren hintereinander mit 100 km/h, aus dem Reifen
des vorderen Autos löst sich ein Kieselstein. Mit welcher
Geschwindigkeit trifft er auf die Scheibe des hinteren Autos
(Reibung und Luftwiderstand vernachlässigt)? Und wie komme ich
auf die Lösung?
Das löst man ab einfachsten über die Energieerhaltung im Ruhesystem der Autos. Da ist der Betrag der Geschwindigkeit v, mit der der Kieselstein den Reifen verläßt, unabhängig vom Abwurfwinkel, was die Rechnung erheblich vereinfacht. Seine kinetische Energie beträgt also
EkinA = m·v²/2
Dazu kommt noch die potentielle Energie, die vom Abwurfwinkel α abhängt:
EpotA = m·g·r·(1-cosα)
Die potentielle Energie beim Einschlag hängt davon ab, in welcher Höhe h der Stein die Scheibe trifft:
EpotE = m·g·h
Aus der Energieerhaltung folgt nun
vE = √{v²+2·g·[r·(1-cosα)-h]}
Bei kleinem Radradius r ist der Abwurfwinkel dabei in guter Näherung vernachlässigbar und die Gleichung vereinfacht sich zu
vE = √{v²-2·g·h}
Wenn die Höhe der Scheibe beispielsweise zwischen 1 und 1,5 Metern liegt, dann würde der Stein mit einer Geschwindigkeit von 98,1 km/h und 98,7 km/h aufschlagen. Dieses Ergebnis zeigt, dass der Einfluß der potentiellen Energie bei hohen Geschwindigkeiten vernachlässigbar klein ist. Der Stein wird dann also immer mit der Geschwindigkeit aufschlagen, mit der sich die Autos gegenüber der Straße bewegen.
Die Berechnung der Flugbahn ist zwar für die Ermittlung der Aufprallgeschwindigkeit vollkommen überflüssig, aber sie ist notwendig, um zu überprüfen, ob der Stein die Scheibe überhaupt trifft. Für die Horizontalgeschwindigkeit gilt dabei
vx = v·cos(α)
Die Integration über die Zeit ergibt die Entfernung zur Scheibe:
x = x0 - t·v·cos(α)
wobei x0 die Entfernung der Scheibe vom der Hinterrad des vorausfahrenden Fahrzeugs ist. Die Zeitm die der Stein nach dem Abwurf benötigt, um die Scheibe zu treffen (x=0), beträgt demnach
t = x0/[v·cos(α)]
Für die Vertikalgeschwindigkeit gilt
vy = v·sin(α) - g·t
Die Integration über die Zeit, ergibt die Höhe über der Straße:
y = r·[1-cos(α)] + t·v·sin(α) - g·t²/2
Wenn man da die oben ermittelte Zeit einsetzt, gilt
y = r·[1-cos(α)] + x0·tan(α) - g·x0²/[2·v²·cos²(α)]
Der Winkel α muß nun so gewählt werden, dass y=h zwischen der unteren und oberen Kante der Scheibe liegt. Das gelingt beispielsweise über das Näherungsverfahren
α[k+1] = arctan{y - r·[1-cos(α[k])] + g·x0²/[2·v²·cos²(α[k])]}/x0
mit α[0] = 0 als Startwert. Für einen Abstand von x0=50m (Sicherheitsabstand für 100km/h) und eine Aufprallhöhe von 1,0 bis 1,5 Meter ergibt das einen Winkel von 21,03° bis 21,69° sowie eine Flugzeit von 1,928 bis 1,937 Sekunden. Bei einem Raddurchmesser von 60 cm folgt daraus eine Aufprallgeschwindigkeit von 98,1 bis 98,7 km/h. Das zeigt noch einmal, dass der Abwurfwinkel unter diesen bedingungen bei der Berechung der Aufprallgeschwindigkeit keine Rolle spielt.
Für den maximalen Abstand ergibt sich für diese Bedingungen ein Wert von 77,25 Metern. Der Stein ist dann bis zu 4 Sekunden unterwegs und trifft die Scheibe mit einer Geschwindigkeit von bis zu 98,8 km/h.