Hallo,
die Frage ist interessant, lässt allerdings größtenteils nur spekulative Meinungsantworten zu.
Da es sich um einen Einzelfall handelt (mit all ihren verschiedenen Faktoren), kann man ja nie überprüfen wie sich das Kind unter anderen Lebensumständen entwickelt hätte.
Die Entwicklungs-Psychologie räumt dem ersten Lebensjahr des Menschen allerdings eine große Bedeutung zu, insbesondere bei dem Thema Bindung / Urvertrauen.
Die liebevolle Bindung zu einer oder mehreren Personen ist also aller Wahrscheinlichkeit nach für die weitere Entwicklung entscheidend.
Das muss nicht unbedingt die Mutter sein, sondern kann auch die Pflegemutter / Vater sein. Wichtig dabei ist, dass das Kind die aufrichtige Liebe spürt und sich auf diese Personen in der Versorgung seiner Bedürfnisse verlassen kann.
Positiv in Deinem Fall ist dass die Mutter das Kind regelmässig besucht hat. Dass das Kind immer wieder die Trennung erleben musste (das „Abgeben“) könnte sogar für die Mutter schmerzvoller gewesen sein als für das Kind, da sie nicht die primäre Bezugsperson war.
Für die Entwicklung des Kindes waren also die Pflegeeltern von Bedeutung - und da steht, wie geschrieben, nicht die Ordnung und Sauberkeit im Vordergrund, sondern die liebevolle Zuwendung. Wenn ein Kind geliebt und umsorgt wird, kann es auch in der 3x3m Wellblechhütte mit Lehmboden glücklicher sein als ein ungeliebtes und ungewolltes Kind (zur Last fallend) in der Vorstadtvilla der Akademiker. Soll nur ein Beispiel sein, da mich der Ausdruck „Sauberkeit“ irritiert hat - Geborgenheit wäre da schon besser gewesen.
Wenn also das Kind bei Menschen ein Jahr verbracht hat, die es lieben und Geborgenheit schenkten und das Kind danach bei der Mutter groß wurde, die es ebenfalls Liebe und Geborgenheit schenkte, dann kann aus entwicklungspychologischer Sicht kaum etwas schief gehen, was nicht auch sonst hätte schief gehen können.
Stillen ist schön, aber nicht überlebensnotwendig. In den 70er Jahren wurde beispielsweise kaum gestillt und die Generation hat sich auch prächtig entwickelt.
Was kann aber nun passieren, wenn ein Kind ein Jahr lang ohne Liebe in Ordnung und Sauberkeit durchgefüttert wird, um es danach an die (fremde) Mama abzugeben?
Dieses Kind hat im ersten Jahr keine Bindung erlebt. Vielleicht schafft es die Mutter eine sehr innige Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen - und wird es dadurch retten. Wenn nicht und ist es ein Junge - wird sich diese Erfahrung womöglich auf sein späteres Bindungsverhalten bei Partnerinnen auswirken - Verlustängste, Schwierigkeiten bei dem Zeigen von Gefühlen oder die Unfähigkeit sich zu öffnen und eine Beziehung vollumfänglich einzugehen.
Alles Spekulationen - ich kenne viele Einzelfälle, aber noch keine in genau dieser Konstellation, wobei Du zu wenig über die Familie schreibst, die das Kind das erste Lebensjahr betreut hat.
Viele Grüße