Meinung gefragt

Hallo!

Angenommen die Umstände waren in den 50er Jahren so, daß ein neugeborenes Kind im 1. Jahr von der Mutter nicht selbst versorgt werden konnte(Vater hatte sich rar gemacht).

Anstatt bei der leibl. Mutter zu leben wurde es in einer fremden Familie
( die hatten 2 eigene Kinder , 3 u. 4 Jahre alt) untergebracht von der die Mutter wußte dass es dort sauber und ordentlich zuging. Ein Besuch konnte nur an den freien Tagen stattfinden. Dann wurden Spaziergänge unternommen und Abends das Kind wieder abgeliefert. Stillen war natürlich nicht möglich.

Dieser Zustand dauerte ca. ein knappes Jahr. Danach konnte die Mutter das Kind zu sich holen und mit einem neuen Mann eine Familie gründen. Das Kind blieb übrigen Einzelkind und wuchs mit diesem Stiefvater auf.

Frage:
Wie würde sich dieses Kind aus heutiger psychologischer Sicht in späteren Jahren entwickeln? Welche Defizite wären denkbar? Welche emotionalen Schwierigkeiten könnte dieser Mensch bekommen/haben?

Eure Antworten würden einiges klären können,
Gruß Petra

Hallo Petra,

Frage:
Wie würde sich dieses Kind aus heutiger psychologischer Sicht
in späteren Jahren entwickeln? Welche Defizite wären denkbar?
Welche emotionalen Schwierigkeiten könnte dieser Mensch
bekommen/haben?

Meine Meinung: Hier kann wunderbar spekuliert werden, „was wäre wenn“ ist zwar ein kurzweiliges Spielchen, aber selten zielführend.

Ich möchte von einem anderen Fall erzählen. Seit dem ersten Schuljahr kenne ich jemanden, der wurde als Kleinkind adoptiert. Wir waren zeitweise sehr eng befreundet.

Für alle, dei mit ihm Umgang hatten war er der Sohn von E. und R., seinen (Adoptiv-)Eltern. Er selbst hatte noch Erinnerungen an „das Kinderheim“. Irgendwann, nachdem er volljährig war, hat er nach seinen leiblichen Eltern geforscht und auch deren Namen und Lebensverhältnisse erfahren. Kontakt hatte er aber nie. Insgesamt ist er ein ganz normaler Mensch, mittlerweile selbständig mit Familie und Kindern. Ich selbst habe nie feststellen können, daß da irgend etwas nicht „normal“ sein könnte.

Eure Antworten würden einiges klären können,

Ich glaube nicht, daß es da was zu klären geben könnte, aber vielleicht ahb ich Dir helfen können.

Gruß
Jörg Zabel

Hallo,

die Frage ist interessant, lässt allerdings größtenteils nur spekulative Meinungsantworten zu.

Da es sich um einen Einzelfall handelt (mit all ihren verschiedenen Faktoren), kann man ja nie überprüfen wie sich das Kind unter anderen Lebensumständen entwickelt hätte.

Die Entwicklungs-Psychologie räumt dem ersten Lebensjahr des Menschen allerdings eine große Bedeutung zu, insbesondere bei dem Thema Bindung / Urvertrauen.

Die liebevolle Bindung zu einer oder mehreren Personen ist also aller Wahrscheinlichkeit nach für die weitere Entwicklung entscheidend.
Das muss nicht unbedingt die Mutter sein, sondern kann auch die Pflegemutter / Vater sein. Wichtig dabei ist, dass das Kind die aufrichtige Liebe spürt und sich auf diese Personen in der Versorgung seiner Bedürfnisse verlassen kann.

Positiv in Deinem Fall ist dass die Mutter das Kind regelmässig besucht hat. Dass das Kind immer wieder die Trennung erleben musste (das „Abgeben“) könnte sogar für die Mutter schmerzvoller gewesen sein als für das Kind, da sie nicht die primäre Bezugsperson war.

Für die Entwicklung des Kindes waren also die Pflegeeltern von Bedeutung - und da steht, wie geschrieben, nicht die Ordnung und Sauberkeit im Vordergrund, sondern die liebevolle Zuwendung. Wenn ein Kind geliebt und umsorgt wird, kann es auch in der 3x3m Wellblechhütte mit Lehmboden glücklicher sein als ein ungeliebtes und ungewolltes Kind (zur Last fallend) in der Vorstadtvilla der Akademiker. Soll nur ein Beispiel sein, da mich der Ausdruck „Sauberkeit“ irritiert hat - Geborgenheit wäre da schon besser gewesen.

Wenn also das Kind bei Menschen ein Jahr verbracht hat, die es lieben und Geborgenheit schenkten und das Kind danach bei der Mutter groß wurde, die es ebenfalls Liebe und Geborgenheit schenkte, dann kann aus entwicklungspychologischer Sicht kaum etwas schief gehen, was nicht auch sonst hätte schief gehen können.

Stillen ist schön, aber nicht überlebensnotwendig. In den 70er Jahren wurde beispielsweise kaum gestillt und die Generation hat sich auch prächtig entwickelt.

Was kann aber nun passieren, wenn ein Kind ein Jahr lang ohne Liebe in Ordnung und Sauberkeit durchgefüttert wird, um es danach an die (fremde) Mama abzugeben?
Dieses Kind hat im ersten Jahr keine Bindung erlebt. Vielleicht schafft es die Mutter eine sehr innige Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen - und wird es dadurch retten. Wenn nicht und ist es ein Junge - wird sich diese Erfahrung womöglich auf sein späteres Bindungsverhalten bei Partnerinnen auswirken - Verlustängste, Schwierigkeiten bei dem Zeigen von Gefühlen oder die Unfähigkeit sich zu öffnen und eine Beziehung vollumfänglich einzugehen.

Alles Spekulationen - ich kenne viele Einzelfälle, aber noch keine in genau dieser Konstellation, wobei Du zu wenig über die Familie schreibst, die das Kind das erste Lebensjahr betreut hat.

Viele Grüße

Kugel mal ausgiebig nach Resilienz.