auch wenn die frage sehr interessant ist und die antworten schon sehr vieles verraten, möchte ich noch einen kleinen hinweis hier lassen:
laien oder auch zum teil amateurmusiker überschätzen die wichtigkeit der melodie. die melodie ist neben harmonie, rhythmischer gestaltung und im endeffekt auch klanglicher gestaltung (arrangement usw.) nur ein aspekt der musik, und zwar „nur“ ein gleichgestellter.
es ist natürlich leichter, auf einem bild die gestalt im vordergrund zu sehen, aber jeder wird zugeben, daß die restlichen aspekte des bildes (hintergrundgestaltung, komposition, licht- und schatteneffekte usw.) ebenso darüber entscheiden, ob wir es mit einem meisterwerk zu tun haben, wie das zentrale motiv. so ähnlich ist es in der musik.
melodien sind (in der regel) das, was man sich am ehesten abspeichern und merken kann, worauf man vorrangig hört und womit man eine komposition verbindet. aber gleichzeitig ist die melodie noch lange nicht alles, woraus musik besteht…
grob vereinfacht kann man behaupten, daß viele melodien von mozart relativ banal und eingängig sind. das ist teil seines stils, zum teil schreibt er für ein publikum, das solche melodien sehr schätzt, zum teil hängt es auch mit der musikalischen charakterisierung seiner figuren (man denke zb. an papageno) zusammen usw.
das ist nun einerseits eine erklärung dafür, wieso mozart für viele der bekannteste komponist ist: diese eingängigkeit macht ihn sozusagen zum leicht genießbaren popstar unter den klassischen komponisten. andererseits sagt das aber noch lange nicht, daß seine musik wertlos ist, denn erstens ist er ein absolut genialer meister darin, banal beginnende melodien so fortzuspinnen, daß sie sich wunderbar und kunstvoll entfalten und niemals langweilig werden, und zum anderen hebt er mit den besagten weiteren aspekten die qualität ins unermeßliche.
die scheinbare wichtigkeit von melodien wird auch in frage gestellt, wenn man sich bewußt macht, daß es schon immer vorgekommen ist, daß man eine melodie übernommen, gleich gelassen, aber die anderen aspekte der musik ganz anders gestaltet hat. gregorianische choräle wurden als cantus firmi in unzähligen messen und motetten (und zum teil auch in anderen gattungen) verarbeitet, und man würde trotz identischer melodie nie von identischer musik sprechen. melodien wurden auch oft parodiert, gestohlen und wiederverwertet, aber auch da stößt sich niemand daran, weil das drumherum eben so anders ist (bei einer parodie macht ja zb. genau das den witz aus).
es gibt auch komponisten, denen die melodie wesentlich weniger wichtig ist, als harmonische und rhythmische gestaltung, formales konzept und andere aspekte. umgekehrt wird es kaum einen geben, der tatsächlich mit der losgelösten und isolierten melodie beginnt…