Hallo,
ich hatte diese Frage erst im Philosophiebrett, aber jetzt glaube ich, dass sie hier besser passt.
Ich sah in den Nachrichten, dass in Stuttgart Bordelle geschlossen wurden, in denen Flatrate-Sex angeboten wurde. Die Begründung des Justizministers des Landes lautete, dass dort ein Verstoß gegen Artikel 1 des Grundgesetzes vorliege.
Um die Einzelheiten der Praktiken in diesen Häusern und um die hygienischen Verhältnisse geht es mir hier nicht, sondern um das Konzept der Würde.
Ist es richtig, dass Würde sich nicht definieren lässt, sondern eher ein intuitiver Begriff ist?
Wenn ja, wie kann er dann Grundlage für ein Gesetz sein?
Was passiert, wenn zwei Menschen verschiedener Ansicht darüber sind, ob jemand Würde habe oder nicht, oder ob etwas entwürdigend sei oder nicht? Kann man hier klar sagen, der eine irre sich und der andere habe Recht?
Kann ein Mensch sich überhaupt selbst entwürdigen (sicher in den Augen anderer) und begeht er damit eine Straftat?
Hat z.B. eine Prostituierte oder Pornodarstellerin Unrecht, wenn sie sagt, dass es entwürdigender sei jeden Tag in der Fabrikhalle zu arbeiten als mit mehreren Männern Sex zu haben?
Was ist an Prostitution, Freiwilligkeit der Akteure vorausgesetzt, entwürdigend? Sex allein ist es nicht und Geld für etwas zu nehmen auch nicht, aber die Kombination anscheinend schon? (Dies hat mit dem Einführungsbeispiel nur am Rande zu tun, da dort Freiwilligkeit bestenfalls in einer recht abstrakten Definition gegeben war, wie es aussieht.)
Frauenrechtler argumentieren ja gerne, dass eine Frau, die sagt, sie sei freiwillig und gerne Sexdienstleisterin (Hure oder Pornodarstellerin), sich selbst etwas vormache und gar nicht wisse, was sie da rede. Sie sei fehlgeleitet und entwürdige sich. Haben diese Frauenrechtler ein Recht, so etwas zu behaupten, oder nehmen vielmehr sie selbst diesen Frauen ihre Würde, indem sie ihnen ihre Zurechnungsfähigkeit absprechen?
Ich könnte noch fortfahren, aber dies soll erstmal genügen. Ich würde mich über eine interessante Diskussion freuen.
Nur damit hier keine Spekulationen über meine Meinung zu dem Fall stattfinden: Ich denke, dass es richtig ist, diese Bordelle zu kontrollieren und auch zu schließen, wenn Frauen gezwungen und/oder missbraucht werden, und die Betreiber dafür zu bestrafen. Aber ich finde, dass „Würde“ als Argument dafür sehr fraglich ist und auch gar nicht bemüht werden muss, da Missbrauch oder Versklavung ja ganz andere Tatbestände erfüllen. Die Sicht der betroffenen Frauen sollte bei dem Ganzen eine wesentliche Rolle spielen, wobei hier natürlich das Problem auftritt, dass man diese kaum erfahren dürfte, da die Frauen sicherlich eingeschüchtert und verängstigt sind.
Tychi