Hallo Michael
ich gebe zu, daß mich Deine Ausführungen zu Wellenfunktion und
Zeitlichkeit überfordern. Hawking anzuführen finde ich
deswegen etwas gewagt, weil der ja eigentlich ganz gut ohne
die Vorstellung eines Schöpfers auskommt.
Ich wollte Hawking auch nur als Beispiel dafür sehen, welche Probleme man hat, wenn man über die „Zeit jenseits der Zeit“ nachdenkt, ein Problem, das man bekommt, auch wenn man nichts mit Gott am Hut hat.
Was mich
interessieren würde: ist nach Deiner Vorstellung Gott zusammen
mit dem Universum entstanden, oder steht er „außerhalb“ des
Universums und ist sein Schöpfer?
Ich denke, daß Gott schon „vor“ dem Universum bestanden hat und das Universum als Teil seiner selbst geformt hat. Also, er ist sein Schöpfer, aber so eng damit verwoben, daß die Maschinist-Maschine Vorstellung nicht greift. Er hat die Naturgesetze festgelegt - nein besser, er ist die Naturgesetze, er garantiert ständig deren funktionieren, aber er wäre im Prinzip in der Lage, darüber hinaus zu gehen. Insofern denke ich, daß es so etwas wie Meta-Naturgesetze gibt, also Regeln jenseits der Regeln, die wir innerhalb des momentanen Universums feststellen können. Wie die genau aussehen, kann ich Dir nicht sagen, aber so etwas wie „Willst Du ein Wesen mit eigener Willensfreiheit haben, dann musst Du ihm die Freiheit lassen, sich von Dir zu lösen“ wird bestimmt dazugehören.
Hast Du nicht neulich (sinngemäß) gesagt, das Problem vieler
„Ungläubiger“ liege darin begründet, daß sie Vorurteile haben
und nicht glauben WOLLEN? Das klang seinerzeit so, als wäre
ihr Verhalten irgendwie irrational; das Bild, das Du jetzt
entwirfst legt nahe, daß der Gläubige die (hinderliche)
Rationalität überwinden muß, um zum Glauben zu finden (oder
ihn zu behalten)
Wie kommst Du darauf, daß es nur eine Rationalität gibt? Es gibt vielleicht eine eindeutige mathematische Logik, aber wo findet die denn im täglichen Leben wirklich Anwendung? Rationalität ist abhängig von seinen Grundannahmen, seinen Standpunkten, seinen Blickrichtungen, ja sogar davon, welche kausalen Verbindungen man sieht oder für wichtig erachtet. Verstehst Du, von welchen dieser Voraussetzungen eine Argumentation gestartet wird, wirst Du die Rationalität dieser einsehen können.
Es ist ja nicht so, als hätte ich nicht einmal genauso gedacht wie Du. Die Inkonsistenzen des Gottesbildes und die scheinbaren Widersprüche in der Bibel waren für mich ausschlaggebend. Dieses Denken hat sich innerhalb von nur 6 Monaten geändert. Plötzlich waren andere Dinge wichtig und die Inkonsistenzen und Widersprüche gerieten in den Hintergrund. Ich war derselbe Mensch, aber mein Denken, meine „Rationalität“ hatte sich geändert. Warum habe ich vorher anders gedacht? Weil mich die Frage nach Gott nur intellektuell reizte. Eine Antwort war mir eigentlich nicht wichtig. Erst als ich Erfahrungen machte, die mir klar machten, daß die Antwort für mich als Person wichtig ist (die Frage rutschte vom Hirn ins Herz), fing ich an, um diese Antwort in Wahrheit zu kämpfen. Vorher war ich für diesen Weg nicht offen.
Insofern: Ja, es gibt Dinge jenseits von Logik, Philosophie, sogar jenseits der Naturgesetze (um jetzt einmal ganz krass zu sein). Aber erst wenn man diese Dinge mit dem Herzen berührt, kann sich die Rationalität ändern. Sie ist danach aber genauso rational wie vorher. Übrigens: Es gibt auch den umgekehrten Weg, bei dem Leute mit einem tiefen Glauben aufgewachsen sind, der dann völlig ins Aus gerät, weil sie die Kraft und die Tragweite wissenschaftlicher Methodik erkennen
Aber zurück zum Thema Leid: Welchen Trost bietet Deine intellektuelle Redlichkeit? Du kannst für Dich vielleicht sagen, daß die von Dir geschilderte Logik immer ausschlaggebend sein wird (immer in der Hoffnung, daß Dir niemals Dinge zustossen, die diesen Grundsatz ad absurdum führen), aber kannst Du das auch für andere sagen? Was ist wichtiger, die von Dir gesehene Redlichkeit oder ein Weg, einen in tiefster Verzweiflung und Traurigkeit stehenden Menschen eine Chance zu geben, wieder ans Licht zu kommen? Ich will damit nicht sagen, daß ich Gott für einen billigen psychologischen Mülleimer halte, aber die Kraft, die im wahren Glauben steckt, kann auch von Dir kaum geleugnet werden.
Gruß
Thomas