Merseb. Zaubersprüche & Veden - [UPDATE]

Hallo Welt!

Vor einiger Zeit erwähnte mir gegenüber mal jemand, es gäbe in einem altindischen :Text (Veden?) eine Textstelle, die einem (beiden???) der Merseburger :Zaubersprüche frappant ähneln würde. Ich habe immer mal wieder versucht, darüber :Infos zu sammeln, bin aber weder beim Gogglen noch bei Fachleuten auf eine :eindeutige Antwort gestoßen. Vielleicht habe ich ja hier Glück - würde mich :freuen,

„Blut zu Blut, Bein zu Bein, Glied zu Glied“) gefunden:

[Atharva-Veda IV, 12.]

_Charm with the plant arundhatî (lâkshâ) for the cure of fractures.

  1. Rohan! art thou, causing to heal (rohanî), the broken bone thou causest to heal (rohanî): cause this here to heal (rohaya), O arundhatî!
  2. That bone of thine which, injured and burst, exists in thy person, Dhâtar shall kindly knit together again, joint with joint!
  3. Thy marrow shall unite with marrow, and thy joint (unite) with joint; the part of thy flesh that has fallen off, and thy bone shall grow together again!
  4. Thy marrow shall be joined together with marrow, thy skin grow together with skin! Thy blood, thy bone shall grow, thy flesh grow together with flesh!
  5. Fit together hair with hair, and fit together skin with skin! Thy blood, thy bone shall grow: what is cut join thou together, O plant!
    …_
    [Zitat nach http://www.sacred-texts.com/hin/av.htm]

Der Beweis, daß es sich tatsächlich um eine Verbindung und nicht etwa nur um eine „Parallelentwicklung“ (wie Mylius behauptet) handelt, steht allerdings noch aus.
Fragen über Fragen bleiben schließlich noch unbeantwortet: Gibt es in den Veden auch eine Stelle, die das Sprenge von Ketten im kriegerischen Kontext zum Inhalt haben?
Ist jemandem ähnliches (in Form und Inhalt) auch aus gänzlich anderen Kulturkreisen bekannt? (dann wäre nämlich tatsächlich eine andere Erklärung als die der mehr oder weniger direkten Verbindung denkbar - Stichwort Märchenmotive)

Ich hoffe weiter auf Beiträge… :smile:
Danke & schüß,

Jörg

Hallo Jörg,
Zaubersprüche und Beschwörungsformeln von der Art der Merseburger Sprüche findet man im Atharvaveda. Wie Du habe auch ich als direkt Vergleichbares lediglich Atharvaveda IV.12 gefunden - allerdings bezieht sich dieser Spruch nicht speziell auf Pferde und Verstauchungen, sondern auf Knochenbrüche. Es ist eine Anrufung Dhâtars des Gestalters und der Heilpflanze Arundhatî.

Weitere Parallelen oder auch eine Parallele zum ersten Spruch habe ich nicht gefunden, was eine Zufälligkeit bei der Übereinstimmung nahezulegen scheint. Da Bloomfield (der Übersetzer Deiner Quelle) nach Themen sortiert (also nicht der überlieferten Ordnung des Textes folgt), ist die Suche bei ihm recht einfach - allerdings hat er auch nur etwa ein Drittel des Atharvaveda übersetzt. Ich habe daher auch in der Übersetzung von Ralph Griffith etwas recherchiert - bitte aber um Verständnis dafür, dass ich nicht allzu intensiv gesucht habe; bei dem Umfang des Textes ist es recht mühsam, auf Verdacht und ohne konkrete Hinweise nach solchen Stellen zu fahnden.

Ein inhaltlich gleichgelagerter Spruch (Knochenbruch, Arundhatî) ist etwa Atharvaveda V.5, der keinerlei Parallelen mehr mit Merseburg II aufweist. Einen leichten Anklang an Merseburg I könnte man evt. aus Atharvaveda VII.78 (nicht in Bloomfields Übersetzung enthalten) herauslesen:

„I free thee from the cord, I loose the bond, I loose the fastening. Even here, Agni, wax thou strong …“

Es handelt sich allerdings, wie sich im Weiteren zeigt, um einen Wohlstandszauber. Griffith weist in einer Fußnote auf Vaitana-Sutra IV.11 hin, wonach dieser Vers zitiert wird, während ein symbolisches Band von der Frau des Opferers entfernt wird.

Auch der bekannte, in verschiedenen Versionen erhaltene archaische (9. oder 10. Jahrhundert) Wurmsegen:

Gang ût, nesso, mid nigun nessiklinon,
ût fana themo marge an that ben,
fan themo bene an that flesg,
ut fan themo flesgke an thia hud,
ût fan thera hud an thesa strala.
Drohtin, uuerthe so.

(Kriech heraus, Wurm, mit neun anderen Würmchen,
Aus dem Mark in die Knochen,
von den Knochen in das Fleisch
Von dem Fleisch in die Haut,
aus der Haut auf diesen Pfeil.
Herr, es werde so.)

(Östereichische Nationalbibliothek Cod.751 S.188v, zitiert nach Althochdeutsches Lesebuch, Niemeyer, Tübingen)

hat keinerlei Ähnlichkeiten mit den Wurmzaubern Atharvaveda II.31 und 32.

Beschwörungen von der Art des zweiten Merseburger Spruchs haben sich in Randgebieten Europas bis weit in die Neuzeit hinein erhalten, wie hier beispielhaft ein Spruch von den Hebriden (South Uist) zeigt:

Chaidh Calum Cille a mach,
Chuinnaig e casan a chuid each.
Chuir e gaoisid ri gaoisid;
Craichdean ri craichdean;
Feòl ri feòl;
Cnàimh ri cnàimh;
Smir ri smir.
‘S mar a leithis e sud,
Leiseadh e seo.

(Calum Cille kam heraus am Morgen
Er sah die Beine des Pferdes
Er legte Haar zu Haar
Haut zu Haut
Fleisch zu Fleisch
Knochen zu Knochen
Mark zu Mark
Und, wie er jenes heilte
Lass ihn dieses heilen.)

(Gälisches Original zitiert nach Allan Gillis, Am Bràighe, Winter 1993/94 - ich habe Gillis’ englische Übersetzung ins Deutsche übertragen)

Vergleichbare Belege gibt es auch von den Orkneys und den Shetland-Inseln (http://www.pitt.edu/~dash/spraincharm.html#shetland). Diese Sprüche wurden aus offensichtlichen Gründen (kirchliche Verfolgung heidnischer Zauberei) natürlich christianisiert; statt der heidnischen Götter treten Christus oder Heilige auf (Calum Cille = St. Columba). Die „Christianisierung“ des Pferdezaubers ist auch für den deutschen Sprachraum durch die „Incantacio contra equorum egritudinem“ belegt, überliefert in einer Handschrift des 10. Jahrhunderts aus dem Raume Trier:

Quam Krist endi sancte Stephan zi ther burg zi Saloniun;
thar uuarth sancte Stephanes hros entphangan.
Soso Krist gibuozta themo sancte Stephanes hrosse thaz entphangana,
so gibuozi ihc it mid Kristes fullesti thessemo hrosse.

Paternoster.

Uuala Krist thu geuuertho gibuozian thuruch thina gnathe
thessemo hrosse thaz antphangana atha thaz spurialza,
sose thu themo sancte Stephanes hrosse gibuoztos
zi thero burg Saloniun.
Amen.

(Christus und der heilige Stephan kamen zur Stadt Salonium.
Da wurde das Ross des heiligen Stephan befallen.
Wie Christus das Ross des heiligen Stephan von dem, was es befallen hatte, heilte,
so heile ich es mit Christi Hilfe an diesem Rosse.

Ein Vaterunser.

Wohl, Christus, geruhe durch deine Gnade
diesem Rosse das, was es befallen hat, oder das Lahmen, zu heilen,
so wie du das Ross des heiligen Stephan in der Stadt Salonium heiltest.
Amen.)

(Stadtbibliothek Trier Hs.40/1018 S.36v-37v, zitiert nach Althochdeutsche poetische Texte, Reclam Universal-Bibliothek Nr. 8709)

Eine Zurückführung auf einen gemeinsamen indoeuropäischen Hintergrund scheint mir recht spekulativ. Die inhaltliche und strukturelle Nähe althochdeutscher Sprüche mit gälischen (bzw. anglisierten) könnte z.B. auf den intensiven Kontakt der „fernwestlichen Kultur“ (Toynbee) mit Skandinavien und Norddeutschland zurückzuführen sein. Da wäre eine gemeinsame nordgermanische oder doch eher eine (angel-)sächsische Wurzel zu vermuten. Denkbar auch, dass solche „Behandlungsmethoden“ erst deutlich später durch Seefahrer, die sowohl friesische wie schottische Häfen anliefen, vermittelt wurde.

Der vedische Spruch jedenfalls weist neben Ähnlichkeiten auch auffällige Abweichungen auf - so wird z.B. nicht auf ein mythisches Ereignis Bezug genommen, das die magische Analogie bewirken soll, sondern der Spruch steht im Zusammenhang mit der Anwendung einer Heilpflanze. Er ist also trotz des sehr viel höheren Alters der schriftlichen Überlieferung deutlich ‚moderner‘ als die reinen Analogiezauber Europas. Und es ist kein ‚Pferdesegen‘. Das ist bei einer Kultur, die ihre schnelle Ausbreitung vor allem dem von Pferden gezogenen Streitwagen verdankte, schon auffällig. Eine Parallelentwicklung scheint mir da die plausiblere Erklärung zu sein als ein gemeinsamer Ursprung.

Freundliche Grüße,
Ralf

Hallo Ralf!

Vielen Dank für Deine Antwort - und schön, daß wir uns hier wieder lesen. Wir hatten schon im Disput um Menschenrassen das Vergnügen, bei dem ich letztlich die Waffen streckte.

Die europäischen Parallen zum Pferdesegen sind mir bekannt und ich stimme Dir zu, daß es sich dabei nicht um zufällige Ähnlichkeiten
sondern um mit einander verwandte Überlieferungen handelt. Es bleibt aber auch hier die Frage nach dem Alter und dem Ursprung: Handelt es sich bei Heilungszaubern nach dem Schema „x zu x, y zu y, z zu z…“
um eine gemeinsame Wurzel, die zu einer Zeit entstand ist, als sich die Kulturen, in denen solche Sprüche auftraten, noch nicht getrennt/resp. „auseinanderentwickelt“ hatten oder um eine spätere Erfindung, die sich erst nach der kulturellen Differenzierung über Informationswege verbreitet hat?

Die Ähnlichkeiten zwischen den europäischen Sprüchen sind zahlreicher (Versschema, Heilung, göttliches Wesen, Pferd, Einbindung in eine rudimentäre Handlung) als zu AV IV,12 (Versschema, Heilung, göttliches Wesen). Das scheint aus z.B. archäologischer, d.h. materiell-kultureller Sicht auch nur natürlich, denn zeitliche und räumliche Nähe bedingen meist auch mehr Gemeinsamkeiten. Umso mehr verblüffen (wenigstens mich) die Übereinstimmungen.

Der einzige Weg (den ich sehe), der von den erläuterten spekulativen Annahmen, in die ich Deine Ausführungen einzubeziehen wage, wegführt, liegt eben zum einen außerhalb der beiden Brennpunkte Pferdesegen (resp. Europa) und Veden - ich meine die Suche nach Ähnlichkeiten in anderen Kulturkreisen; zum anderen in der vergleichenden Forschung zwischen Veden und alteuropäischen Überlieferungen. Beides ist sehr aufwendig, deswegen bin ich sehr über Deine o.g. Bemühungen erfreut und werfe gleich noch einen Trumpf in die Runde: die indische Überlieferung nennt „Manu“ als ersten Menschen, Tacitus den „Mannus“ (als ersten Germanen). Noch nicht geprüft habe ich folgende Info:

"According to Roman sources, Tacitus in his Annals and Histories, the Germans claimed to be descendants of the Mannus, the son of Tuisto. Tuisto relates to Vedic Tvasthar, the Vedic father-creator Sky God, who is also a name for the father of Manu (RV X.17.1-2). This makes the Rig Vedic people also descendants of Manu, the son of Tvashtar. " ( http://www.vedanet.com/Danu.htm )

Außerdem kennt sowohl die Edda als auch die altind. Überlieferung einen zweigeschlechtlichen Urriesen (Ymir - Purusha), aus dem die Welt geschaffen wird - Zitat habe ich natürlich vergessen, reiche ich aber gerne nach.

Zu guter letzt noch:

Er ist also trotz des sehr
viel höheren Alters der schriftlichen Überlieferung deutlich
‚moderner‘ als die reinen Analogiezauber Europas.

Weshalb denkst Du, der Pferdesegen sei ein Analogiezauber? Bei Merseb. 1 mag es sich um einen solchen Handeln, da nichts eindeutiges über das Verhältnis von Ausführenden und Ziel des Zaubers gesagt wird (die Idisen könnten durchaus mittels Voodoo-Accessoirs „in die Ferne“ wirken). Merseb. 2 und AV V,12 klingen doch aber eher nach einer Besprechung, die direkt am Probanden/der Wunde durchgeführt wird, oder nicht?

viele Grüße,
Jörg