Hallo Jörg,
Zaubersprüche und Beschwörungsformeln von der Art der Merseburger Sprüche findet man im Atharvaveda. Wie Du habe auch ich als direkt Vergleichbares lediglich Atharvaveda IV.12 gefunden - allerdings bezieht sich dieser Spruch nicht speziell auf Pferde und Verstauchungen, sondern auf Knochenbrüche. Es ist eine Anrufung Dhâtars des Gestalters und der Heilpflanze Arundhatî.
Weitere Parallelen oder auch eine Parallele zum ersten Spruch habe ich nicht gefunden, was eine Zufälligkeit bei der Übereinstimmung nahezulegen scheint. Da Bloomfield (der Übersetzer Deiner Quelle) nach Themen sortiert (also nicht der überlieferten Ordnung des Textes folgt), ist die Suche bei ihm recht einfach - allerdings hat er auch nur etwa ein Drittel des Atharvaveda übersetzt. Ich habe daher auch in der Übersetzung von Ralph Griffith etwas recherchiert - bitte aber um Verständnis dafür, dass ich nicht allzu intensiv gesucht habe; bei dem Umfang des Textes ist es recht mühsam, auf Verdacht und ohne konkrete Hinweise nach solchen Stellen zu fahnden.
Ein inhaltlich gleichgelagerter Spruch (Knochenbruch, Arundhatî) ist etwa Atharvaveda V.5, der keinerlei Parallelen mehr mit Merseburg II aufweist. Einen leichten Anklang an Merseburg I könnte man evt. aus Atharvaveda VII.78 (nicht in Bloomfields Übersetzung enthalten) herauslesen:
„I free thee from the cord, I loose the bond, I loose the fastening. Even here, Agni, wax thou strong …“
Es handelt sich allerdings, wie sich im Weiteren zeigt, um einen Wohlstandszauber. Griffith weist in einer Fußnote auf Vaitana-Sutra IV.11 hin, wonach dieser Vers zitiert wird, während ein symbolisches Band von der Frau des Opferers entfernt wird.
Auch der bekannte, in verschiedenen Versionen erhaltene archaische (9. oder 10. Jahrhundert) Wurmsegen:
Gang ût, nesso, mid nigun nessiklinon,
ût fana themo marge an that ben,
fan themo bene an that flesg,
ut fan themo flesgke an thia hud,
ût fan thera hud an thesa strala.
Drohtin, uuerthe so.
(Kriech heraus, Wurm, mit neun anderen Würmchen,
Aus dem Mark in die Knochen,
von den Knochen in das Fleisch
Von dem Fleisch in die Haut,
aus der Haut auf diesen Pfeil.
Herr, es werde so.)
(Östereichische Nationalbibliothek Cod.751 S.188v, zitiert nach Althochdeutsches Lesebuch, Niemeyer, Tübingen)
hat keinerlei Ähnlichkeiten mit den Wurmzaubern Atharvaveda II.31 und 32.
Beschwörungen von der Art des zweiten Merseburger Spruchs haben sich in Randgebieten Europas bis weit in die Neuzeit hinein erhalten, wie hier beispielhaft ein Spruch von den Hebriden (South Uist) zeigt:
Chaidh Calum Cille a mach,
Chuinnaig e casan a chuid each.
Chuir e gaoisid ri gaoisid;
Craichdean ri craichdean;
Feòl ri feòl;
Cnàimh ri cnàimh;
Smir ri smir.
‘S mar a leithis e sud,
Leiseadh e seo.
(Calum Cille kam heraus am Morgen
Er sah die Beine des Pferdes
Er legte Haar zu Haar
Haut zu Haut
Fleisch zu Fleisch
Knochen zu Knochen
Mark zu Mark
Und, wie er jenes heilte
Lass ihn dieses heilen.)
(Gälisches Original zitiert nach Allan Gillis, Am Bràighe, Winter 1993/94 - ich habe Gillis’ englische Übersetzung ins Deutsche übertragen)
Vergleichbare Belege gibt es auch von den Orkneys und den Shetland-Inseln (http://www.pitt.edu/~dash/spraincharm.html#shetland). Diese Sprüche wurden aus offensichtlichen Gründen (kirchliche Verfolgung heidnischer Zauberei) natürlich christianisiert; statt der heidnischen Götter treten Christus oder Heilige auf (Calum Cille = St. Columba). Die „Christianisierung“ des Pferdezaubers ist auch für den deutschen Sprachraum durch die „Incantacio contra equorum egritudinem“ belegt, überliefert in einer Handschrift des 10. Jahrhunderts aus dem Raume Trier:
Quam Krist endi sancte Stephan zi ther burg zi Saloniun;
thar uuarth sancte Stephanes hros entphangan.
Soso Krist gibuozta themo sancte Stephanes hrosse thaz entphangana,
so gibuozi ihc it mid Kristes fullesti thessemo hrosse.
Paternoster.
Uuala Krist thu geuuertho gibuozian thuruch thina gnathe
thessemo hrosse thaz antphangana atha thaz spurialza,
sose thu themo sancte Stephanes hrosse gibuoztos
zi thero burg Saloniun.
Amen.
(Christus und der heilige Stephan kamen zur Stadt Salonium.
Da wurde das Ross des heiligen Stephan befallen.
Wie Christus das Ross des heiligen Stephan von dem, was es befallen hatte, heilte,
so heile ich es mit Christi Hilfe an diesem Rosse.
Ein Vaterunser.
Wohl, Christus, geruhe durch deine Gnade
diesem Rosse das, was es befallen hat, oder das Lahmen, zu heilen,
so wie du das Ross des heiligen Stephan in der Stadt Salonium heiltest.
Amen.)
(Stadtbibliothek Trier Hs.40/1018 S.36v-37v, zitiert nach Althochdeutsche poetische Texte, Reclam Universal-Bibliothek Nr. 8709)
Eine Zurückführung auf einen gemeinsamen indoeuropäischen Hintergrund scheint mir recht spekulativ. Die inhaltliche und strukturelle Nähe althochdeutscher Sprüche mit gälischen (bzw. anglisierten) könnte z.B. auf den intensiven Kontakt der „fernwestlichen Kultur“ (Toynbee) mit Skandinavien und Norddeutschland zurückzuführen sein. Da wäre eine gemeinsame nordgermanische oder doch eher eine (angel-)sächsische Wurzel zu vermuten. Denkbar auch, dass solche „Behandlungsmethoden“ erst deutlich später durch Seefahrer, die sowohl friesische wie schottische Häfen anliefen, vermittelt wurde.
Der vedische Spruch jedenfalls weist neben Ähnlichkeiten auch auffällige Abweichungen auf - so wird z.B. nicht auf ein mythisches Ereignis Bezug genommen, das die magische Analogie bewirken soll, sondern der Spruch steht im Zusammenhang mit der Anwendung einer Heilpflanze. Er ist also trotz des sehr viel höheren Alters der schriftlichen Überlieferung deutlich ‚moderner‘ als die reinen Analogiezauber Europas. Und es ist kein ‚Pferdesegen‘. Das ist bei einer Kultur, die ihre schnelle Ausbreitung vor allem dem von Pferden gezogenen Streitwagen verdankte, schon auffällig. Eine Parallelentwicklung scheint mir da die plausiblere Erklärung zu sein als ein gemeinsamer Ursprung.
Freundliche Grüße,
Ralf