Hallo
die Frage in einem anderen Brett hat mich inspiriert zu
fragen, ob es nach den Merseburger Zaubersprüchen noch andere
Fälle dieses Genres geschafft haben, in den Himmel der
literarischen Bedeutsamkeit erhoben zu werden. Sind also die
Merseburger Zaubersprüche aufgrund ihres Alters die einzigen
Zaubersprüche, die literarisch relevant sind oder gibt es noch
andere oder ähnliche Fälle?
Ich weiss nun nicht, ob dies Deine Frage beantwortet, aber die literarische Bedeutsamkeit der Merseburger Zaubersprüche liegt vor allem darin, dass sie so gut wie die einzigen althochdeutschen Zeugnisse heidnischen Inhalts darstellen. Natürlich geht das, wie Du geschrieben hast, einher mit dem besonders hohen Alter derselben.
Selten sind solcherart schriftliche Zeugnisse zum einen sicher aufgrund der schwierigen Erhaltungsbedingungen des Materials, auf dem sie niedergeschrieben wurden, zum anderen aber auch, weil heidnische Zaubersprüche einer primär mündlichen Tradierung unterlagen, im Gegensatz zur Tradition der Niederschrift durch das Mönchswesen in christlicher Zeit. Und paradoxerweise sind sogar diese wenigen erhaltenen paganen Sätze von der Geistlichkeit niedergeschrieben worden.
Als einer der bekanntesten christlichen Zaubersprüche - ebenfalls in althochdeutscher Sprache verfasst - fällt mir gerade der Lorscher Bienensegen ein, der zusammen mit anderen aus derselben Handschrift wie die Merseburger Zaubersprüche stammt (10. Jh.).
Man sollte aber beachten, dass auch christliche Zaubersprüche natürlich nicht von der Kirche gebilligt wurden - denn jegliche Zauberei fiel in den Einflussbereich des Satans - und daher eher selten sind.
Der Lorscher Bienensegen
Kirst, imbi ist hûcze! nû fluic dû, vihu mînaz, hera
fridu frôno in godes munt heim zi comonne gisunt.
sizi, sizi, bîna: inbôt dir sancte Maria.
hurolob ni habe dû: zi holce ni flûc dû,
noh dû mir nindrinnês. noh dû mir nintuuinnêst.
sizi vilu stillo, uuirki godes uuillon.
Übertragung:
Christ, die Immen sind draussen! Nun fliegt, meine Tierchen, her und hin.
Friedlich, fromm, in Gottes Hut, Sollt ihr heimkommen gut.
Sitze, sitze, Biene, da! Gebot dir Sankte Maria.
Urlaub nicht hast du! Zu Holze nicht flieg du,
Dass du mir nicht entrinnest, Noch dich mir entwindest.
Sitze viel stille, Wirke Gottes Willen.
nach: Benno von Wiese [Hrsg.], Deutsche Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (Berlin 1993)
Gruss
Wiesel