Methoden der Psychoanalyse

Hallo,

die These vom Aufklärer Freud ist nicht neu. Sie wurde schon
von dem Neoanalytiker Erich Fromm in seinem Buch „Sigmund
Freud. Seine Persönlichkeit und seine Wirkung“ aus dem Jahr
1959 vertreten.

Ich würde sagen: sie ist noch erheblich älter, denn sie entspricht
dem Selbstverständnis von Freud; aber ganz gewiss nicht nur:
auch sehr vieler anderer Denker. Z.B. der Horkheimer der 30er Jahre,
der die „Kritische Theorie“
als avancierteste Position der Aufklärung entwickeln wollte, bezog
sich massgeblich auf den Aufklärer Freud.

Fromm…Diese
Darstellung erscheint mir zu sehr als Heroisierung Freuds als
aufrechten Kämpfer gegen das Irrationale (-> Es) und als
eine beliebte Selbstdarstellung der Psychoanalyse als einer
unter Verfolgung gestandenen Bewegung.

Als Fromm, der übrigens in den 30er Jahren als marxistischer
Psychoanalytiker zum Kreis um Horkheimer gehörte, dies schrieb,
hatte er sich längst von der organisierten PsA gelöst und war kaum
bestrebt, Freud zu heroisieren. Aber 1959 war es schon so weit,
dass er dem historischen Verschwinden der Aufklärung entgegenwirken
wollte und Freud sozusagen zu Hilfe rief.

Bezweifeln möchte ich, daß Freud seine Psychoanalyse bereits
von Anfang an primär als Instrument konzipierte, der Vernunft
Geltung zu verschaffen, und nicht als Therapie.

Also, Arzt, Heiler, ist er eher notgedrungen geworden. Ihm schwebte
wohl eine Karriere als Wissenschaftler (Physiologe o.ä.) vor.
Als Aufklärer, als einer, der der Vernunft Geltung verschaffen
wollte, war er damals einer von Vielen.

Mir stellt sich die Geschichte eher so dar, daß es im Laufe der
Entwicklung der Psychoanalyse einen Wechsel im Ziel gegeben
hat. Diese Verschiebung weg von der Bedeutung als Therapie hin
zur Bedeutung als geisteswissenschaftliche Methode hängt
meines Wissens mit der zunehmenden Ernüchterung hinsichtlich
der Leistungsfähigkeit der Psychoanalyse als Therapie zusammen.

Die Entwicklung der PsA als organisierte „Bewegung“ ist zu komplex,
um hier auf sie eingehen zu können. Als „geisteswissenschaftliche“
Methode sah Freud sie wohl nie (manche sprachen von einem
Selbstmissverständnis Freuds, weil der sich als Naturwissenschaftler
sah). Es gab aber schon in den 20er Jahren Konflikte innerhalb der
PsA zur Frage der sog. Laienanalyse, also darum, ob Nicht-Ärzte auch
Psychoanalysen ausführen dürfen sollen… usw. Ein weites Feld.

Mir ist der Befund, daß die Psychoanalyse in einem gewissen
Maß und bei bestimmten Störungen ihre Wirksamkeit erwiesen
hat, ein besseres Argument für ihre Anwendung, als es die mit
großen Fehlern durchsetzten und teilweise falsifizierten
Theorien der Psychoanalyse sind, gleichgültig mit welchem
Impetus sie aufgestellt wurden.

Ich wäre hingegen dafür, dass die gewiss vielen Fehler und
Unzulänglichkeiten nicht dazu benutzt werden, um den aufklärerischen
Impetus der ursprünglichen PsA zu desavouieren.
Dieser Impetus wurde gebremst, erstickt, noch von Freud selbst.
„Es kömmt darauf an - ihn neu zu beleben.“
Oder hat der „Ausgang der Menschheit aus der selbstverschuldeten
Unmündigkeit“ schon stattgefunden ? - ohne dass ich das gemerkt habe.

Deshalb der Titel meines Beitrags
in magnis voluisse …?..

Gruss
Nescio

Hallo,

Deshalb der Titel meines Beitrags
in magnis voluisse …?..

ist das der Rede wert? Sicherlich sind die Absichten von Frank bzgl. der RT ähnlich. Müssen sie deshalb ähnlich bewertet werden wie Freuds Absichten? Und wenn nicht, warum nicht?

Gruß,

Oliver Walter

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Hallo, Oliver Walter,

Deshalb der Titel meines Beitrags
in magnis voluisse …?..

ist das der Rede wert? Sicherlich sind die Absichten von Frank
bzgl. der RT ähnlich. Müssen sie deshalb ähnlich bewertet
werden wie Freuds Absichten? Und wenn nicht, warum nicht?

???
Ich kenne Franks Absichten nicht (bitte nicht erläutern! :wink:
und verstehe erst recht deine Reaktion auf mein Posting nicht.

Mein Titel bezog sich - sichtlich - auf das *grosse Projekt* (magnis)
der Aufklärung und auf Freud als deren - trotz aller Fehler, die man
ihm bzw. in seinen Theorien nach- und beweisen kann - letzten
wirkungsmächtigen Vertreter. Er, der Titel, war - ich muss das wohl
erläutern - ironisch-melancholisch gemeint: Genügt es, bei einem
solchen grossen Projekt, gewollt zu haben ?

An sich lag nahe, dass du auf meinen letzten, in Frageform gefassten
Satz eingehst: ob deiner Meinung nach der „Ausgang des Menschen aus
seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ - den ich nicht konstatieren
kann - inzwischen stattgefunden hat. Auch Stellungnahmen zu einigen
anderen Sätzen wären möglich gewesen. Stattdessen – nur „Frank“.

Haben wir uns missverstanden ?

fragt
Nescio

.

Hallo,

Mein Titel bezog sich - sichtlich - auf das *grosse Projekt*
(magnis)der Aufklärung und auf Freud als deren - trotz aller Fehler,
die man ihm bzw. in seinen Theorien nach- und beweisen kann -
letzten wirkungsmächtigen Vertreter. Er, der Titel, war - ich muss
das wohl erläutern - ironisch-melancholisch gemeint: Genügt es, bei
einem solchen grossen Projekt, gewollt zu haben ?

ich habe Dich auch so verstanden und eine Antwort in Form eines Vergleichs gegeben, den ich wohl erläutern muß:

„Bei großen Dingen genügt es, sie gewollt zu haben!“

Wenn man diesen Satz darauf anwendet, was Freud Deiner Meinung nach beabsichtigt hat, dann stimmen sicherlich einige diesem Satz wohlwollend zu. Aber was ist, wenn man ihn auf Franks Absicht, die RT „vom Kopf auf die Füße zu stellen“, anwendet? Gilt der Satz dann auch? Genügt es auch in diesem Fall, daß große Dinge (Franks „Rettung“ der RT nämlich) gewollt werden? Oder allgemeiner: Muß zu der Absicht, Großes zu leisten, nicht noch etwas dazukommen, bevor man das Werk eines Menschen für wertvoll erachtet?

Für mich - und nicht nur für mich - ist Freuds Werk nicht besonders lobenswert, denn obwohl ich Freud nicht abstreite, gute Absichten gehabt zu haben, verhindern die großen Schwächen seines Werkes, daß das möglicherweise angestrebte Ziel erreicht werden kann. Die Absicht, den Menschen „aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ herauszuführen, kann nämlich m.E. ausgehend von Freuds Werk kaum erreicht werden.

Klar hat Freud erkannt, daß menschliches Verhalten von „Irrationalem“ getrieben wird, aber er ist weder der einzige, der dies tat, noch hat er einen vielversprechenden Weg aufgezeigt, wie man mit dieser Abhängigkeit umgeht. Es gibt eine Reihe von Alternativen, z.B. die behavioristischen und die verhaltensbiologischen. Diese bieten m.E. viel besser fundierte Modelle an, über die viele Menschen Einsicht in die „Irrationalität“ ihres Verhaltens gewinnen und möglicherweise einen besseren Umgang mit den Faktoren, die ihr Verhalten bedingen, erreichen können. Ich denke z.B. an B. F. Skinners Arbeit über die Abhängigkeit menschlichen Verhaltens und seine sozialreformerischen Gedanken, die er u.a. in seiner Utopie „Walden Two“ ausdrückte. Man kann viel mehr über den Menschen und sein Verhalten lernen, wenn man in dieser Richtung sucht. Und man findet sogar recht konkrete Vorschläge, wie sein Verhalten effektiv zum Wohle der gesamten Menschheit geändert werden kann. Nur liegt diese Richtung „beyond freedom and dignity“.

Stattdessen – nur „Frank“.

Denkst Du das jetzt immer noch? :smile:

Grüße,

Oliver Walter

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Bei der intendierten Realisierung der linguistischen
Simplifizierung des regionalen Idioms resultiert
die Evidenz der Opportunität extrem apparent,
den elaborierten und quantitativ opulenten Usus
nicht assimilierter Xenologien konsequent zu eliminieren!
(Zur Vereinfachung der Muttersprache erscheint es sehr
sinnvoll, nicht so viele schwierige Fremdwörter zu benutzen…)

Mit anderen Worten: Hauptsach: ich habe wieder jemandem geholfen,
Struwwel

Hallo,

Mein Titel bezog sich - sichtlich - auf das *grosse Projekt*
(magnis)der Aufklärung und auf Freud als deren -trotz aller Fehler,
die man ihm bzw. in seinen Theorien nach- und beweisen kann-
letzten wirkungsmächtigen Vertreter. Er, der Titel, war - ich muss
das wohl erläutern - ironisch-melancholisch gemeint: Genügt es, bei
einem solchen grossen Projekt, gewollt zu haben ?

ich habe Dich auch so verstanden und eine Antwort in Form
eines Vergleichs gegeben, den ich wohl erläutern muß:

„Bei großen Dingen genügt es, sie gewollt zu haben!“

[…] Muß zu der Absicht, Großes zu leisten, nicht
noch etwas dazukommen, bevor man das Werk eines Menschen für
wertvoll erachtet?

Genau darauf spielte ja mein Abbruch des klassischen Zitats an:
Genügt es oder genügt es nicht?

Für mich - und nicht nur für mich - ist Freuds Werk nicht
besonders lobenswert, denn obwohl ich Freud nicht abstreite,
gute Absichten gehabt zu haben, verhindern die großen
Schwächen seines Werkes, daß das möglicherweise angestrebte
Ziel erreicht werden kann.

Auch darauf bin ich - natürlich nur kurz - eingegangen, als ich
sagte, dass schon Freud selbst den aufklärerischen Impetus seines
Werkes konterkarierte. Das wären die noch heute relevanten
Schwächen seines Werkes.

Die Absicht, den Menschen „aus
seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ herauszuführen, kann
nämlich m.E. ausgehend von Freuds Werk kaum erreicht werden.

Das ist sehr apodiktisch gesagt - kein Vorwurf, denn das geht hier
nicht anders. „Ausgehend von Freuds Werk“ (das bekanntlich schon in
sich alles andere als stimmig und homogen ist) führen ja
unüberschaubar viele Richtungen, die meisten davon so oder so bloss
zu therapietechnischen Varianten.
Vom aufklärerischen Impetus jedenfalls ist kaum etwas geblieben,
nicht zuletzt, weil, wie gesagt, schon Freud selbst ihn abwürgte.

An diesen Impetus wollte ich erinnern, und mit meinem unvollständigen
Zitat die Frage rein rhetorisch in den Raum stellen:
„Genügt es, bei grossen Dingen, sie gewollt zu haben ?“
Die Frage ist natürlich nicht an (den toten) Freud gerichtet,
eher an die (in dieser Hinsicht betäubten) heutigen Freudianer,
an sich aber „an alle“.

Dazu passend meine „Kinderfrage“ (zum Kantjahr): Hat eigentlich der
„Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“
(den Denker von Freud über die WienerKreisler bis Horkheimer, Fromm,
Marcuse [H. und L.] u.a. noch als anstrebens-, ja erkämpfenswert,
also in den 1930er Jahren noch vor sich liegend befanden) inzwischen
stattgefunden ? - ohne dass ich das mitbekommen habe.

Es gibt eine Reihe von Alternativen, z.B. die behavioristischen und
die verhaltensbiologischen. Diese bieten m.E. viel besser
fundierte Modelle an, über die viele Menschen Einsicht in die
„Irrationalität“ ihres Verhaltens gewinnen und möglicherweise
einen besseren Umgang mit den Faktoren, die ihr Verhalten
bedingen, erreichen können.

Ich will die akkumulierten und gesicherten Erkenntnisse der
empirischen Psychologie(n) gar nicht in Frage stellen. Aber ich habe
den starken Eindruck, dass sie ihr effektivstes Anwendungsgebiet in
der „Reklame“ im weitesten Sinn gefunden haben, als Instrument zur
Durchsetzung von notwendigerweise bornierten Partikularinteressen.
Das Wesentliche scheint systematisch ausserhalb des Blickfeldes der
Forschung geblieben zu sein, nämlich die Anwendung jener Erkenntnisse
zur Beförderung des – du ahnst es sicher bereits:
„Ausgangs des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“.
Vielleicht nicht du, aber manch einer wird hier eilends einwenden,
dass man jetzt den Bereich des „Wertens“ betrete. Achtung ! Keinen
„naturalistischen Fehlschluss“ ! Ja, da liegt der Hase im Pfeffer!
Punctum.

Stattdessen – nur „Frank“.

Denkst Du das jetzt immer noch? :smile:

Nein, aber ich konnte doch nicht ahnen, was du meinst, oder ?
Auf die Ambitionen von „Frank“, die du erwähnst - etwas, die RT
(Relativitätstheorie?), wie Marx, „vom Kopf auf die Füsse“ zu stellen

  • kann und brauche ich wohl in unserem Zusammenhang nicht einzugehen.
    Skinners „Jenseits von Freiheit und Würde“ … muss und kann hier
    auch, wie „Freuds Werk“, undiskutiert bleiben.

Eigentlich wollte ich nur meine „Kinderfrage“ in den Raum stellen,
angesichts des ubiquitären Geredes von posthistoire, Postmoderne, end
of history, Alternativlosigkeit etc.pp.

Gruss
Nescio