Hallo Metapher,
Dein Text gefällt mir sehr gut, weil er einige der Probleme darstellt, die ich auch sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Seite sehe.
Glaubt ihr daran, daß man sich ohne Präferenz sowohl den
eigenen Gedanken und Phantasien sowie denen eines anderen zuwenden kann?
Natürlich tut dies im alltäglichen Austausch jeder in einem gewißen Maße.
Ich weiß nicht, ob dies wirklich jeder tut. Ich denke eher, daß in *jeder* Betrachtung eines Themas, eines Ereignisses, Erlebnisses die eigene Sichtweise drinsteckt und die eigenen Präferenzen zumindest implizit zum Tragen kommen. Ich denke aber auch, daß man sich ein Stück zurücknehmen kann und das auch lernen kann. Ob dies im Alltag jedem gelingt, möchte ich bezweifeln. Zumindest scheint es mir relativ gut ausgeprägte Fähigkeiten in Selbstreflexion vorauszusetzen, und diese Fähigkeit scheint mir wahrlich nicht bei allen Menschen gegeben zu sein. Was meinst Du?
Ein Mangel an dem zweiten liegt ja zumindest bei der narzißtischen
Persönlichkeitsstörung vor.
Das ist klar. Therapeuten, die unter dieser Störung leiden, sind aber doch keine geeigneten, oder?
[Empathie]
Es gibt Analytiker, denen ich regelrecht Angst vor Empathie zurechne, und
andere wiederum, die darunter ein inflationäres „ich verstehe“ verstehen -
natürlich ohne Fähigkeit des tatsächlichen Verstehens.
Damit sprichst Du dann die Praxis an. Es wird niemand bestreiten können, daß es Analytiker gibt, bei denen solche Defizite bestehen. Sie sind auch nur Menschen. Die Frage, die sich mir auf allgemeinerer Ebene stellt, ist, ob das, was Du im folgenden Absatz schreibst, zu einer allgemeinen Ausstattung eines Therapeuten oder Beraters gemacht werden kann bzw. ob diese auch von mir als wünschenswert betrachteten Fertigkeiten nicht zu anspruchsvoll (und zu selten) sind, um auf ihnen eine Therapierichtung aufzubauen:
Zum wirklichen unmittelbaren Nach- und Mitvollzug der Gedankengänge, der
Phantasien, der
Erlebniserinnerungen, der Wünsche, überhaupt alles Subjektiven der anderen
Person gehört eine Unmenge an Erfahrung und Schulung in den
unterschiedlichsten menschlichen Denkweisen (vor allem den individuellen,
aber auch den ideologisch fixierten) und Weltbildern und
Lebensintentionen, vor allem auch Mut, sich auf die subjektiv erlebte Hölle
eines anderen einzulassen.
Ja, und gerade weil es so ist, bin ich skeptisch, was die Forderung anbelangen würde, eine Therapie v.a. darauf aufbauen zu wollen. Denn es braucht Zeit, diese „Unmenge an Erfahrung und Schulung in den unterschiedlichsten menschlichen Denkweisen“ sammeln zu können. Zeit, die nicht vorhanden ist, wenn man eine Therapie entwickeln und zur Anwendung bringen will, die eine große Anzahl von Menschen erreichen kann. Hinzu kommt dann noch das, was Du im weiteren schreibst:
Ich habe nicht viele getroffen, die sowohl über den Mut als auch über die
Schulung wirklich verfügen.
Das kann ich mir sehr gut vorstellen und dies stellt dann einen weiteren Grund für mich dar, einen solch großen Anspruch an Therapeuten i.a. nicht zu stellen bzw. keine Therapierichtung als Idealziel zu postulieren, deren Anwender genau über diese Fertigkeiten verfügen sollten. Es können letztendlich doch nur eine Handvoll Menschen sein, die über diese wahrlich großartigen Fertigkeiten verfügen. Freud schrieb ja in die „Die endliche und unendliche Analyse“, daß die Analytiker selbst nicht das Ausmaß an psychischer Gesundheit aufweisen, zu der sie ihre Patienten erziehen wollen. Dennoch sah er sein Unternehmen als durchführbar an, und ich rede noch nicht einmal von psychischer Gesundheit, sondern von sehr anspruchsvollen Fertigkeiten.
Stattdessen verstehen die meisten unter Zuwendung und „sich einlassen“ eine
Projektion (hier jetzt im mathematischen Sinne verstanden: als Reduktion) auf
die - meist sehr spärlichen - eigenen Lebenserfahrungen und der Rest dann auf
die Erinnerungen aus Literaturbeispielen oder aus den Berichten anderer
Patienten.
Was ich als bedauerlichen Irrtum bezeichne.
Eine gezielte individuelle Zuwendung, ein gezieltes eigenes Nachvollziehen,
Miterleben dessen, was der andere ad hoc erlebt setzt aber die Fähigkeit und
Bereitschaft(!) voraus, vorübergehend seine eigenen Assoziationen,
Bewertungen, Erinnerungen, Weltbilder und das alles so weit wie möglich an
der Garderobe abzulegen.
So sehe ich es auch.
Ich kenne nur eine handvoll Personen, die das können.
Ja, ich denke mir, daß es nicht viele Menschen gibt, die es können. Ich hatte auch noch niemals das Gefühl, jemandem von dieser Art begegnet zu sein. Aber ich bin ja noch jung …
Aber gerade darin liegt es, ob ganz unabhängig von der Therapeutenmeinung der
Patient/Klient „sich verstanden fühlt“.
Ist dieses Gefühl des „Sich verstanden fühlens“ Deiner Meinung nach notwendig für eine erfolgreiche Therapie? Oder besser: Unter welchen Bedingungen würdest Du das Gefühl des „Sich-verstanden-fühlens“ als notwendiges Kriterium einer erfolgreichen Therapie fordern?
Um so manches überhaupt zur Sprache zu bringen, was sehr wohl aber bereits
Inhalt eines Bewußtseins ist, ist in der Regel eine sehr umfangreiche
Sprachfähigkeit vonnöten, die aber der Klient/Patient in der Regel gar nicht
hat.
Hat dieser Aspekt nicht auch gerade damit etwas zu tun, daß Psychoanalyse oft als eine Therapie für die gebildeten, intelligenten Upper Class-Mitglieder kolportiert wurde? Diese Menschen besitzen zumindest das Potential, sich differenziert ausdrücken zu können bzw. differenziert über ihr „Seelenleben“ sprechen zu können. Daß es praktisch nicht immer so sein muß (und auch nicht ist), ist klar. Aber sie haben doch eine größere Chance, es zu lernen. Was meinst Du?
Im übrigen sind die Dinge, die Du ansprichst, auch für mich wünschenswerte Eigenschaften von Menschen überhaupt und ich beobachte nicht selten, daß es in dieser Hinsicht erhebliche Defizite gibt, so daß sich daraus für mich seit langem ein Zielkriterium für eine positive Persönlichkeitsentwicklung ergibt.
Menschen z.B., die im Leben nie gelernt haben, Gefühle in Worten zu
beschreiben: wie sollen sie denn dann in der Lage sein, derartig komplizierte
subjektive Befindlichkeiten „zur Sprache“ zu bringen, die in der Regel bei
einer Therapiebedürftigkeit anliegen?
Genau. Das hängt m.E. auch damit zusammen, welche „Zielgruppe“ eine Therapierichtung ansprechen kann. Zum einen wäre die Anzahl der kompetenten Therapeuten dieser idealen Therapie, die ich oben skizzierte, recht begrenzt. Zum anderen wäre aber auch die Anzahl der jenigen Menschen, die von dieser Therapie profitieren könnten, begrenzt, weil es nicht viele Menschen gibt, die über die notwendigen Voraussetzungen verfügen, die eine erfolgreiche Teilnahme an dieser idealen Therapie ermöglichen würden.
Dazu kommt natürlich noch, daß ein Klient/Patient immer irgendwelche
Vorbehalte haben wird, dies oder jenes anzusprechen. Wenn ein Opfer
familiärer sexueller Gewalt z.B. sein Leben lang darauf trainiert wurde, daß
es für „verrückt“ erklärt wird, wenn es versucht, Erinnerungen zur Sprache zu
bringen: Wird es dann ohne weiteres, bloß wegen einer therapeutischen
Absprache, plötzlich einem Fremden gegenüber alles sagen, was nie gesagt
werden konnte?
Klar.
Ich kenne selbst unzählige Klienten, die berichteten, daß sie in ihren
Psychotherapien über bestimmte Details nie gesprochen haben „aus Angst, der
Th. könnte mich für verrückt halten“ (das ist jetzt ein Zitat, das aber sehr
häufig genauso formuliert wurde). Warum es dann in meiner Praxis (die nicht
psychoanalytisch arbeitet!) dennoch zur Sprache kommt, und zwar recht
schnell - das ist eine andere Frage, die ja hier nicht diskutiert werden soll.
Du erklärst vielleicht, daß Du nicht therapeutisch arbeitest, und das gesamte Szenario ist vielleicht anders. Dies könnte dazu führen, daß bei Dir nicht das Therapeut-Patient-Schema des Patienten aktiviert und handlungsleitend wird, obwohl Du trotzdem - in einem weiteren Sinne - therapeutisch arbeitest.
[Deutung]
In einigen psychoanalytischen Rischtungen gehen Therapeuten davon aus, daß
ihre jeweilige Deutung - entsprungen aus der sogenannten „freischwebenden
Aufmerksamkeit“, die ich ihnen (siehe oben) meist abspreche - immer auch
richtig (d.h. angeblich „zutreffend“) ist.
Das ist das, was ich die Hybris der Analytiker nenne und was einen weiteren Grund darstellt, warum ich der Psychoanalyse kritisch gegenüberstehe. Ich habe den Eindruck, daß viele Analytiker meinen, den Stein der Weisen gefunden zu haben und sakrosankt gegenüber Einwänden zu sein. Wenn es dann doch hartnäckige Probleme gibt, kommt es nicht selten zu Streit und häßlichen Trennungen in unterschiedliche analytische oder tiefenpsychologische Richtungen, die jeweils meinen, der Stein der Weisen sei auf sie übergegangen.
Wenn der Patient sich auf diese Deutung nicht einläßt, er sie für nicht
kompatibel mit seiner Lage erachtet, dann kann es zwei Möglichkeiten geben:
Entweder die Deutung ist tatsächlich „daneben“ (d.h. aus einem unzureichenden
Assoziationspotential des Therapeuten entsprungen), oder es handelt sich bei
der Reaktion um eine sog. „Abwehr“ (hier ist der psychoanalytische Terminus
gemeint, über den ich schon einmal schrieb hier).
Ja, theoretisch sehen Analytiker es wohl so, aber
Für alle Psychoanalytiker, mit denen ich diese Situation diskutierte (und das
sind sehr viele), gilt aber immer nur diese zweite Möglichkeit. Mit anderen
Worten: Sie irren sich in der Deutung nie!
Genau! Dies ist noch ein Grund, wieso mir der Habitus der Analytiker nicht behagt. Analytiker können sich aufgrund ihres Theoriengebäudes gegenüber notwendiger Kritik abschotten und dabei das Gefühl behalten, daß sie im Recht sind, die anderen aber an Widerstand gegen die Analyse leiden. Man liest so etwas nicht selten, wenn Analytiker über ihre Kritiker schreiben. Es ist für sie alles Widerstand im psychoanalytischen Sinn, warum die Kritiker oder die mit Deutungen nicht einverstandenen Patienten sich so und nicht anders äußern.
Dagegen ist das Verfahren, durch den Gebrauch von Bildern und Metaphern - nur
in Form jeweiliger Vorschläge, die ihm gemacht werden), dem Gesprächspartner
die „Vogelperspektive“ zu ermöglichen über die jeweils anliegende
Problemstruktur. Er gewinnt dadurch sozusagen die Möglichkeit
der „Supervision“ über sich bzw. über die Problemstruktur, und damit erüffnen
sich ihm neue Speilräume des Denkens, des Verhaltens und der Handlung.
Setzt das nicht auch gebildete oder intelligente Patienten voraus? Oder welche Voraussetzungen erfordert dieses Verfahren Deiner Meinung nach? Kann *jeder* davon profitieren, weil *jeder* mitmachen kann?
Sorry für Schreibfehler. Ich bin unterwegs und hab keine Zeit mehr für
Korrekturlesung.
Keine Ursache.
So wie es aussieht, teilen wir ein paar nicht unwesentliche Denkweisen. Auch deshalb bin ich sehr zufrieden, daß ich dieses Thema zum Thema dieses Threads gemacht habe. Dein Posting lohnt das Lesen.
Grüße,
Oliver Walter