Methoden der Psychoanalyse

Hallo liebe ernsthaft diskutierenden Psychologie-Freunde,

ich möchte mein vorhin geschriebenes und von mir selbst aus einem bestimmten Thread gelöschtes Posting nicht auf der Festplatte verstauben lassen. Daher noch einmal kurz der Text, der vielleicht als Diskussionsanregung (siehe Ende des Postings) dienen kann:

Es gibt unterschiedliche psychoanalytische Strömungen und unterschiedliche psychoanalytische Therapieformen (z.B. Kurz- und Langtherapie, Einzel-, Familien- und Gruppentherapie, Analyse im Sitzen, im Liegen / auf der Couch). Insofern gibt es nicht die eine Methode der Psychoanalyse. Nach Kernberg gibt es aber drei technische Merkmale jeder psychoanalytischen Therapie:

  • die Neutralität des Analytikers
  • die vorrangige Verwendung der Deutung,
  • die systematische Analyse der Übertragung (Analyse der vom Patienten auf den Therapeuten verlagerten (unbewußten) Gefühle und Wünsche, die der Patient eigentlich bzgl. anderer Menschen hat).

Die neueren psychoanalytischen Richtungen betonen die emotionale Erfahrung während der Therapie. Die Selbstpsychologie ist z.B. eine dieser Richtungen und erklärt Empathie und Introspektion zu den wichtigsten Mitteln sowohl in der Forschung als auch in der Therapie.

Einige wichtige Methoden der Psychoanalytischen Therapie sind:

  • freie Assoziation

  • analytische Grundregel: „Teilen Sie dem Analytiker alles mit, was sie denken und fühlen.“

  • gleichschwebende Aufmerksamkeit: Der Analytiker wendet sich ohne Präferenz sowohl den eigenen Gedanken und Phantasien sowie denen des Patienten zu.

  • Deuten: Der Analytiker entwickelt Vorstellungen über Zusammenhänge und Bedeutungen im „Seelenleben“ des Patienten und spricht diese mit ihm durch.

Wie seht ihr denn diese Techniken? Machen Sie für euch Sinn? Glaubt ihr daran, daß man sich ohne Präferenz sowohl den eigenen Gedanken und Phantasien sowie denen eines anderen zuwenden kann? Meint ihr, daß man einem anderen Menschen wirklich alles erzählt oder erzählen kann, was man denkt und fühlt? Wie seht ihr die Technik der Deutung?

Mich interessieren einfach eure Meinungen. Alle ernsthaft gemeinten Antworten sind willkommen.

Beste Grüße,

Oliver Walter

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Methodenkritik: Psychoanalyse

Dies ist ein wesentlicher Teil der Streitpunkte, die ich in jahrzehntelangen Diskussionen mit Psychoanalytikern durchfechte:

Glaubt ihr daran, daß man sich ohne Präferenz sowohl den
eigenen Gedanken und Phantasien sowie denen eines anderen zuwenden kann?

Natürlich tut dies im alltäglichen Austausch jeder in einem gewißen Maße. Ein Mangel an dem zweiten liegt ja zumindest bei der narzißtischen Persönlichkeitsstörung vor.

Aber hier geht es ja um mehr. Und diese „mehr“ hängt eng mit der Auffassung des Begriffs der „Empathie“ zusammen, über den es extreme Divergenzen gibt. Es gibt Analytiker, denen ich regelrecht Angst vor Empathie zurechne, und andere wiederum, die darunter ein inflationäres „ich verstehe“ verstehen - natürlich ohne Fähigkeit des tatsächlichen Verstehens. Zum wirklichen unmittelbaren Nach- und Mitvollzug der Gedankengänge, der Phantasien, der Erlebniserinnerungen, der Wünsche, überhaupt alles Subjektiven der anderen Person gehört eine Unmenge an Erfahrung und Schulung in den unterschiedlichsten menschlichen Denkweisen (vor allem den individuellen, aber auch den ideologisch fixierten) und Weltbildern und Lebensintentionen, vor allem auch Mut, sich auf die subjektiv erlebte Hölle eines anderen einzulassen.

Ich habe nicht viele getroffen, die sowohl über den Mut als auch über die Schulung wirklich verfügen.

Stattdessen verstehen die meisten unter Zuwendung und „sich einlassen“ eine Projektion (hier jetzt im mathematischen Sinne verstanden: als Reduktion) auf die - meist sehr spärlichen - eigenen Lebenserfahrungen und der Rest dann auf die Erinnerungen aus Literaturbeispielen oder aus den Berichten anderer Patienten.

Eine gezielte individuelle Zuwendung, ein gezieltes eigenes Nachvollziehen, Miterleben dessen, was der andere ad hoc erlebt setzt
aber die Fähigkeit und Bereitschaft(!) voraus, vorübergehend seine eigenen Assoziationen, Bewertungen, Erinnerungen, Weltbilder und das alles so weit wie möglich an der Garderobe abzulegen. Ich kenne nur eine handvoll Personen, die das können. Aber gerade darin liegt es, ob ganz unabhängig von der Therapeutenmeinung der Patient/Klient „sich verstanden fühlt“. Und genau damit hängt die nächste Frage zusammen.

Meint ihr, daß man einem anderen Menschen wirklich alles erzählt oder
erzählen kann, was man denkt und fühlt?

Ein weiteres Problem nämlich. Um so manches überhaupt zur Sprache zu bringen, was sehr wohl aber bereits Inhalt eines Bewußtseins ist, ist in der Regel eine sehr umfangreiche Sprach_fähigkeit_ vonnöten, die aber der Klient/Patient in der Regel gar nicht hat. Menschen z.B., die im Leben nie gelernt haben, Gefühle in Worten zu beschreiben: wie sollen sie denn dann in der Lage sein, derartig komplizierte subjektive Befindlichkeiten „zur Sprache“ zu bringen, die in der Regel bei einer Therapiebedürftigkeit anliegen?

Dazu kommt natürlich noch, daß ein Klient/Patient immer irgendwelche Vorbehalte haben wird, dies oder jenes anzusprechen. Wenn ein Opfer familiärer sexueller Gewalt z.B. sein Leben lang darauf trainiert wurde, daß es für „verrückt“ erklärt wird, wenn es versucht, Erinnerungen zur Sprache zu bringen: Wird es dann ohne weiteres, bloß wegen einer therapeutischen Absprache, plötzlich einem Fremden gegenüber alles sagen, was nie gesagt werden konnte?

Ich kenne selbst unzählige Klienten, die berichteten, daß sie in ihren Psychotherapien über bestimmte Details nie gesprochen haben „aus Angst, der Th. könnte mich für verrückt halten“ (das ist jetzt ein Zitat, das aber sehr häufig genauso formuliert wurde). Warum es dann in meiner Praxis (die nicht psychoanalytisch arbeitet!) dennoch zur Sprache kommt, und zwar recht schnell - das ist eine andere Frage, die ja hier nicht diskutiert werden soll.

Mit anderen Verfahren ist es darüber hinaus möglich, dem Gesprächspartner durch bestimmte dialogische Verfahren (z.B. bestimmte Formen des Fragens - ich will darauf hier und jetzt nicht näher eingehen) Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen, seine Befindlicheiten usw. in sprachliche Form zu transponieren (das Wesentliche in fast jeder Art von dialogisch arbeitender Therapie). Diese dialogischen Verfahren werden aber in der Ausbildung der Analytiker nicht gelernt (bei anderen Therapien übrigens auch nicht)

Wie seht ihr die Technik der Deutung?

Das größte Problem: In einigen psychoanalytischen Rischtungen gehen Therapeuten davon aus, daß ihre jeweilige Deutung - entsprungen aus der sogenannten „freischwebenden Aufmerksamkeit“, die ich ihnen (siehe oben) meist abspreche - immer auch richtig (d.h. angeblich „zutreffend“) ist. Nun entsteht ein logisches Problem: Wenn der Patient sich auf diese Deutung nicht einläßt, er sie für nicht kompatibel mit seiner Lage erachtet, dann kann es zwei Möglichkeiten geben: Entweder die Deutung ist tatsächlich „daneben“ (d.h. aus einem unzureichenden Assoziationspotential des Therapeuten entsprungen), oder es handelt sich bei der Reaktion um eine sog. „Abwehr“ (hier ist der psychoanalytische Terminus gemeint, über den ich schon einmal schrieb hier).

Für alle Psychoanalytiker, mit denen ich diese Situation diskutierte (und das sind sehr viele), gilt aber immer nur diese zweite Möglichkeit. Mit anderen Worten: Sie irren sich in der Deutung nie! Das sehe ich - mit Verlaub - als eine narzißtische Verirrung an.

Es kommt noch dazu, daß der Vorrat an Deutungen für den ausschließlich psychoanalytisch Geschulten nur ein endlicher ist.

Dagegen ist das Verfahren, durch den Gebrauch von Bildern und Metaphern - nur in Form jeweiliger Vorschläge, die ihm gemacht werden), dem Gesprächspartner die „Vogelperspektive“ zu ermöglichen über die jeweils anliegende Problemstruktur. Er gewinnt dadurch sozusagen die Möglichkeit der „Supervision“ über sich bzw. über die Problemstruktur, und damit erüffnen sich ihm neue Speilräume des Denkens, des Verhaltens und der Handlung.

Ob diese Vorschläge ad hoc angenommen werden oder nicht, da speilt natürlich tatsächlich das „Abwehrproblem“ mit hinein. Das ist aber unter der Voraussetzung tatsächlicher Empathie (wie oben angedeutet) ohne Schwierigkeiten erkennbar. Damit dann umzugehen, das liegt aber nicht mehr im Bereich der von dir gestellten Fragen bzw. Diskussionsvorschläge.

Sorry für Schreibfehler. Ich bin unterwegs und hab keine Zeit mehr für Korrekturlesung.

Grüße

Metapher

Ernst gemeinte Frage
Hallo,

ich möchte mein vorhin geschriebenes und von mir selbst aus
einem bestimmten Thread gelöschtes Posting nicht auf der
Festplatte verstauben lassen…
Es gibt unterschiedliche psychoanalytische Strömungen…
…gibt es aber drei technische Merkmale jeder psychoanalytischen
Therapie…
Einige wichtige Methoden der Psychoanalytischen Therapie sind…
[…]
Wie seht ihr denn diese Techniken? Machen Sie für euch Sinn?
Glaubt ihr daran…
Meint ihr, daß man…
Wie seht ihr die Technik der Deutung?

Mich interessieren einfach eure Meinungen. Alle ernsthaft
gemeinten Antworten sind willkommen.

Dein Anliegen wundert mich etwas,
denn aus deinen anderen Postings der letzten Wochen habe ich den
deutlichen Eindruck gewonnen, dass du als Psychologe aus Gründen, die
du artikuliert hast, ein entschiedener Gegner der Psychoanalyse bist;
und ich sah, dass in dieser Runde niemand auftrat, der fundiert
dagegen halten konnte.
Warum fragst du dann jetzt nach Meinungen von jedermann ???

fragt
Nescio

Hallo Oliver

Wie seht ihr denn diese Techniken? Machen Sie für euch Sinn?
Glaubt ihr daran, daß man sich ohne Präferenz sowohl den
eigenen Gedanken und Phantasien sowie denen eines anderen
zuwenden kann?

An diesem Punkt finde ich die Grundhaltungen Empathie, Wertschätzung und Echtheit wesentlich förderlicher…

Meint ihr, daß man einem anderen Menschen
wirklich alles erzählt oder erzählen kann, was man denkt und
fühlt?

Nun für mich gesprochen, das hängt wesentlich von der Beziehung ab. Wenn ich mich in einem Rahmen sicher fühlen kann, schon …

Wie seht ihr die Technik der Deutung?

Kann hilfreich sein, auf jeden Fall möchte ich niemanden und auch von niemanden auf eine Deutung festgenagelt werden…
viele Grüße Andreas

Hallo,

ja, stimmt, ich lehne die Psychoanalyse als Theoriengebäude ab. Als Therapie kann sie durchaus in einem bestimmten Maß nützlich sein. Das liegt daran, daß Theorie und Therapie nicht vollständig abhängig voneinander sind.

Ich möchte hier keinen „Methodenstreit“ vom Zaun brechen oder andere von meiner Meinung überzeugen, sondern mich interessiert einfach, was ihr von den Methoden der Psychoanalyse denkt. Das ist an sich schon interessant, weil es einen Einblick in die Wahrnehmung der Psychoanalyse gewährt, gleichgültig, was ich denke.

Gruß,

Oliver Walter

Philosophische Adaption der Psychoanalyse
Hallo Oliver,

drei technische Merkmale jeder psychoanalytischen Therapie:

  • die Neutralität des Analytikers
  • die vorrangige Verwendung der Deutung,
  • die systematische Analyse der Übertragung

diese drei Merkmale sind aus meiner Sicht sehr unterschiedlich zu bewerten. Ich beginne mit der Übertragung, weil ich diese nicht für ein echtes Merkmal der Psychoanalyse halte, sondern für einen Störfaktor, mit dem man rechnen muss, aber den man nicht als Methode einsetzt. Damit hängt auch zusammen, dass die Neutralität des Psychoanalytikers ein Ideal ist, das dieser immer wieder erkämpfen muss, im Kampf gegen die Gewohnheit sozusagen.

Positiv hingegen als Methode sehe ich die Deutung an, allerdings kann ich keine Aussagen machen über die therapeutische Wirkung (im engeren Sinne) an kranken Menschen, weil ich kein Psychoanalytiker bin. Wohl aber sehe ich einen Effekt der Deutung bei gesunden Personen im Sinne einer „Therapie“ (im weiteren Sinne als Sichtbarmachung von Denkblockaden). Das Aufbrechen von Gewohnheitsmustern, das Durchspielen von Möglichkeiten, das Assoziieren von Ursachen (oder auch - in einem anderen Sinn - Wirkungen) halte ich für eine sehr hilfreiche Denkübung, die dem eigentlichen Bewerten sinnvoll vorgelagert werden kann (und sollte). In diesem Sinne ist auch die Selbsttherapie zu verstehen, die ihre Grenze aber natürlich bei schwere(re)n Störungen hat.

Glaubt ihr daran, daß man sich ohne Präferenz sowohl den
eigenen Gedanken und Phantasien sowie denen eines anderen
zuwenden kann?

Ich denke, dass das möglich ist. Allerdings ist dafür ständige Reflexion (Kant) und Reduktion (Husserls „Epoché“, Abstraktion, Beschränkung auf das Wesentliche) nötig. In einigen Fällen mag es nicht möglich sein, das durchzuhalten, aber hier ist unter Umständen schon das Wissen um die Unmöglichkeit bzw. das (eigene) Unvermögen hilfreich.

Meint ihr, daß man einem anderen Menschen wirklich alles erzählt oder
erzählen kann, was man denkt und fühlt?

Das ist schwer zu sagen, weil es hier immer auf die Person des einzelnen Menschen ankommt. Ich halte das aber für durchaus möglich. (Die Beantwortung der anderen Teilfragen in diesem Absatz erübrigt sich wohl, weil ich sie oben schon beantwortet habe.)

Mich interessieren einfach eure Meinungen. Alle ernsthaft
gemeinten Antworten sind willkommen.

Ich hoffe, dir bringt auch meine Meinung etwas, obwohl sie keine im engeren Sinne psychologische Meinung darstellt, sondern Ausdruck einer Adaption durch ein anderes Umfeld ist.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo Oliver

Glaubt ihr daran, daß man sich ohne Präferenz sowohl den
eigenen Gedanken und Phantasien sowie denen eines anderen
zuwenden kann?

Die „tieferen“, die „unbewußten“ Präferenzen setzen sich ja mit der Zeit immer deutlicher durch. Im langen psychoanalytischen Prozeß -insbesondere in den Träumen - kommen die wesentlichen Themen „wie von selbst“ hoch.
Ganz wesentlich ist doch die „freischwebende“ Aufmerksamkeit des Analytikers während der Sitzungen.

Meint ihr, daß man einem anderen Menschen

wirklich alles erzählt oder erzählen kann, was man denkt und
fühlt?

Es geht weniger um Vollständigkeit, sondern …siehe oben.

Wie seht ihr die Technik der Deutung?
Der Analytiker arbeitet -sparsam, vorsichtig- mit dem, was ihm der Patient anbietet, also mit dem, was „hoch“ kommt (siehe oben).

Gruss, Branden

Hallo Thomas

Ich beginne mit der Übertragung, weil ich diese

nicht für ein echtes Merkmal der Psychoanalyse halte, sondern
für einen Störfaktor, mit dem man rechnen muss, aber den man
nicht als Methode einsetzt.

Sicherlich ist Übertragung ubiquitär (wir übertragen hier alle ein bißchen auf unsere Posting-Partner), Übertragung als Störfaktor zu bezeichnen, nun, das kann man so sehen, aber man kann auch den Mond als Störfaktor sehen. Übertragung ist halt etwas Naturgegebenes wie der Mensch oder der Mond. Inzwischen -seit Jahrzehnten- gehen wir Analytiker doch mit unserer Gegenübertragung kreativer vor als noch vor 50 - 100 Jahren.

Gruss, Branden

Hallo Thomas
Es gibt Analytiker, denen ich

regelrecht Angst vor Empathie zurechne

Da hast Du wohl Recht, und ich empfand auch stets eine gewisse Fremdheit diesen Kollegen gegenüber.

Ich habe nicht viele getroffen, die sowohl über den Mut als
auch über die Schulung wirklich verfügen.

Das ist schade, dass Du da so negative Erfahrungen gemacht hast. Aber ich habe auch bei meinen ersten eigenen Analysen (70er Jahre), also vor meiner Lehranalyse sehr Unterscheidlcihes erlebt.

Menschen z.B., die im Leben nie

gelernt haben, Gefühle in Worten zu beschreiben: wie sollen
sie denn dann in der Lage sein, derartig komplizierte
subjektive Befindlichkeiten „zur Sprache“ zu bringen, die in
der Regel bei einer Therapiebedürftigkeit anliegen?

Das ist iun der Tat manchmal ein Problem. Daher machen wir ja auch zunächst mehrere Probestunden miteinander, um zu schauen, ob der Patient für diese Methode in Frage kommt oder ob ich ihm lieber eine methodenübergreifende Gruppe bei mir anbiete oder etwas ganz anderes woanders vorschlage.

Ich kenne selbst unzählige Klienten, die berichteten, daß sie
in ihren Psychotherapien über bestimmte Details nie gesprochen
haben „aus Angst, der Th. könnte mich für verrückt halten“

Richtig. Aber ich kenne unzählige Menschen, die in 20 Jahren Ehe ihren Partnern nichts von dem erzählt haben, was sie mir in den ersten zehn Stunden erzählen.

Diese dialogischen Verfahren

werden aber in der Ausbildung der Analytiker nicht gelernt
(bei anderen Therapien übrigens auch nicht)

Das ist schlicht falsch. In den tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie habe ich ein Verfahren, welches eben viel dialogischer ist als die klassische Psychoanalyse.

Das größte Problem: In einigen psychoanalytischen Rischtungen
gehen Therapeuten davon aus, daß ihre jeweilige Deutung -
entsprungen aus der sogenannten „freischwebenden
Aufmerksamkeit“, die ich ihnen (siehe oben) meist abspreche -
immer auch richtig (d.h. angeblich „zutreffend“) ist.

Hier fängt Deine ganz persönliche, sehr subjektive Meinungt an, auf die Du weiterführend ein „logisches Problem“ aufbaust. DAS sollte Dir als Logiker nicht passieren!

Nun

entsteht ein logisches Problem: Wenn der Patient sich auf
diese Deutung nicht einläßt, er sie für nicht kompatibel mit
seiner Lage erachtet, dann kann es zwei Möglichkeiten geben:
Entweder die Deutung ist tatsächlich „daneben“ (d.h. aus einem
unzureichenden Assoziationspotential des Therapeuten
entsprungen), oder es handelt sich bei der Reaktion um eine
sog. „Abwehr“ (hier ist der psychoanalytische Terminus
gemeint, über den ich schon einmal schrieb hier).

Für alle Psychoanalytiker, mit denen ich diese Situation
diskutierte (und das sind sehr viele), gilt aber immer nur
diese zweite Möglichkeit. Mit anderen Worten: Sie irren sich
in der Deutung nie! Das sehe ich - mit Verlaub - als eine
narzißtische Verirrung an.

Solche Kollegen kenne ich kaum. Will sie auch nicht kennenlernen.

Es kommt noch dazu, daß der Vorrat an Deutungen für den
ausschließlich psychoanalytisch Geschulten nur ein endlicher
ist.

Es gibt keinen „Vorrat an Deutungen“. Das erinnert mich an unsere Diskussion, als Du meintest, Deutungen seien abstrakt. Genau das ist das Problem.

Dagegen ist das Verfahren, durch den Gebrauch von Bildern und
Metaphern - nur in Form jeweiliger Vorschläge, die ihm
gemacht werden), dem Gesprächspartner die „Vogelperspektive“
zu ermöglichen über die jeweils anliegende Problemstruktur.

Genau dies passiert in der analytischen Therapie.

Gruss, Branden

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OP
Hallo Branden,

Übertragung ist halt etwas Naturgegebenes wie der Mensch oder der Mond.

die Haut schützt auch als etwas Naturgegebenes die inneren Organe, aber wenn man operieren muss, um etwa ein Magengeschwür zu entfernen, stört sie und muss aufgeschnitten werden. Nur in diesem Sinne wollte ich meine Bemerkung verstanden wissen.

Inzwischen -seit Jahrzehnten- gehen wir Analytiker doch mit unserer
Gegenübertragung kreativer vor als noch vor 50 - 100 Jahren.

Das kann ich nicht beurteilen. Aber es wäre ja schlimm, wenn das nicht so wäre.

Herzliche Grüße

Thomas Miller

Hallo Metapher,

Dein Text gefällt mir sehr gut, weil er einige der Probleme darstellt, die ich auch sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Seite sehe.

Glaubt ihr daran, daß man sich ohne Präferenz sowohl den
eigenen Gedanken und Phantasien sowie denen eines anderen zuwenden kann?

Natürlich tut dies im alltäglichen Austausch jeder in einem gewißen Maße.

Ich weiß nicht, ob dies wirklich jeder tut. Ich denke eher, daß in *jeder* Betrachtung eines Themas, eines Ereignisses, Erlebnisses die eigene Sichtweise drinsteckt und die eigenen Präferenzen zumindest implizit zum Tragen kommen. Ich denke aber auch, daß man sich ein Stück zurücknehmen kann und das auch lernen kann. Ob dies im Alltag jedem gelingt, möchte ich bezweifeln. Zumindest scheint es mir relativ gut ausgeprägte Fähigkeiten in Selbstreflexion vorauszusetzen, und diese Fähigkeit scheint mir wahrlich nicht bei allen Menschen gegeben zu sein. Was meinst Du?

Ein Mangel an dem zweiten liegt ja zumindest bei der narzißtischen
Persönlichkeitsstörung vor.

Das ist klar. Therapeuten, die unter dieser Störung leiden, sind aber doch keine geeigneten, oder?

[Empathie]

Es gibt Analytiker, denen ich regelrecht Angst vor Empathie zurechne, und
andere wiederum, die darunter ein inflationäres „ich verstehe“ verstehen -
natürlich ohne Fähigkeit des tatsächlichen Verstehens.

Damit sprichst Du dann die Praxis an. Es wird niemand bestreiten können, daß es Analytiker gibt, bei denen solche Defizite bestehen. Sie sind auch nur Menschen. Die Frage, die sich mir auf allgemeinerer Ebene stellt, ist, ob das, was Du im folgenden Absatz schreibst, zu einer allgemeinen Ausstattung eines Therapeuten oder Beraters gemacht werden kann bzw. ob diese auch von mir als wünschenswert betrachteten Fertigkeiten nicht zu anspruchsvoll (und zu selten) sind, um auf ihnen eine Therapierichtung aufzubauen:

Zum wirklichen unmittelbaren Nach- und Mitvollzug der Gedankengänge, der
Phantasien, der
Erlebniserinnerungen, der Wünsche, überhaupt alles Subjektiven der anderen
Person gehört eine Unmenge an Erfahrung und Schulung in den
unterschiedlichsten menschlichen Denkweisen (vor allem den individuellen,
aber auch den ideologisch fixierten) und Weltbildern und
Lebensintentionen, vor allem auch Mut, sich auf die subjektiv erlebte Hölle
eines anderen einzulassen.

Ja, und gerade weil es so ist, bin ich skeptisch, was die Forderung anbelangen würde, eine Therapie v.a. darauf aufbauen zu wollen. Denn es braucht Zeit, diese „Unmenge an Erfahrung und Schulung in den unterschiedlichsten menschlichen Denkweisen“ sammeln zu können. Zeit, die nicht vorhanden ist, wenn man eine Therapie entwickeln und zur Anwendung bringen will, die eine große Anzahl von Menschen erreichen kann. Hinzu kommt dann noch das, was Du im weiteren schreibst:

Ich habe nicht viele getroffen, die sowohl über den Mut als auch über die
Schulung wirklich verfügen.

Das kann ich mir sehr gut vorstellen und dies stellt dann einen weiteren Grund für mich dar, einen solch großen Anspruch an Therapeuten i.a. nicht zu stellen bzw. keine Therapierichtung als Idealziel zu postulieren, deren Anwender genau über diese Fertigkeiten verfügen sollten. Es können letztendlich doch nur eine Handvoll Menschen sein, die über diese wahrlich großartigen Fertigkeiten verfügen. Freud schrieb ja in die „Die endliche und unendliche Analyse“, daß die Analytiker selbst nicht das Ausmaß an psychischer Gesundheit aufweisen, zu der sie ihre Patienten erziehen wollen. Dennoch sah er sein Unternehmen als durchführbar an, und ich rede noch nicht einmal von psychischer Gesundheit, sondern von sehr anspruchsvollen Fertigkeiten.

Stattdessen verstehen die meisten unter Zuwendung und „sich einlassen“ eine
Projektion (hier jetzt im mathematischen Sinne verstanden: als Reduktion) auf
die - meist sehr spärlichen - eigenen Lebenserfahrungen und der Rest dann auf
die Erinnerungen aus Literaturbeispielen oder aus den Berichten anderer
Patienten.

Was ich als bedauerlichen Irrtum bezeichne.

Eine gezielte individuelle Zuwendung, ein gezieltes eigenes Nachvollziehen,
Miterleben dessen, was der andere ad hoc erlebt setzt aber die Fähigkeit und
Bereitschaft(!) voraus, vorübergehend seine eigenen Assoziationen,
Bewertungen, Erinnerungen, Weltbilder und das alles so weit wie möglich an
der Garderobe abzulegen.

So sehe ich es auch.

Ich kenne nur eine handvoll Personen, die das können.

Ja, ich denke mir, daß es nicht viele Menschen gibt, die es können. Ich hatte auch noch niemals das Gefühl, jemandem von dieser Art begegnet zu sein. Aber ich bin ja noch jung …

Aber gerade darin liegt es, ob ganz unabhängig von der Therapeutenmeinung der
Patient/Klient „sich verstanden fühlt“.

Ist dieses Gefühl des „Sich verstanden fühlens“ Deiner Meinung nach notwendig für eine erfolgreiche Therapie? Oder besser: Unter welchen Bedingungen würdest Du das Gefühl des „Sich-verstanden-fühlens“ als notwendiges Kriterium einer erfolgreichen Therapie fordern?

Um so manches überhaupt zur Sprache zu bringen, was sehr wohl aber bereits
Inhalt eines Bewußtseins ist, ist in der Regel eine sehr umfangreiche
Sprachfähigkeit vonnöten, die aber der Klient/Patient in der Regel gar nicht
hat.

Hat dieser Aspekt nicht auch gerade damit etwas zu tun, daß Psychoanalyse oft als eine Therapie für die gebildeten, intelligenten Upper Class-Mitglieder kolportiert wurde? Diese Menschen besitzen zumindest das Potential, sich differenziert ausdrücken zu können bzw. differenziert über ihr „Seelenleben“ sprechen zu können. Daß es praktisch nicht immer so sein muß (und auch nicht ist), ist klar. Aber sie haben doch eine größere Chance, es zu lernen. Was meinst Du?

Im übrigen sind die Dinge, die Du ansprichst, auch für mich wünschenswerte Eigenschaften von Menschen überhaupt und ich beobachte nicht selten, daß es in dieser Hinsicht erhebliche Defizite gibt, so daß sich daraus für mich seit langem ein Zielkriterium für eine positive Persönlichkeitsentwicklung ergibt.

Menschen z.B., die im Leben nie gelernt haben, Gefühle in Worten zu
beschreiben: wie sollen sie denn dann in der Lage sein, derartig komplizierte
subjektive Befindlichkeiten „zur Sprache“ zu bringen, die in der Regel bei
einer Therapiebedürftigkeit anliegen?

Genau. Das hängt m.E. auch damit zusammen, welche „Zielgruppe“ eine Therapierichtung ansprechen kann. Zum einen wäre die Anzahl der kompetenten Therapeuten dieser idealen Therapie, die ich oben skizzierte, recht begrenzt. Zum anderen wäre aber auch die Anzahl der jenigen Menschen, die von dieser Therapie profitieren könnten, begrenzt, weil es nicht viele Menschen gibt, die über die notwendigen Voraussetzungen verfügen, die eine erfolgreiche Teilnahme an dieser idealen Therapie ermöglichen würden.

Dazu kommt natürlich noch, daß ein Klient/Patient immer irgendwelche
Vorbehalte haben wird, dies oder jenes anzusprechen. Wenn ein Opfer
familiärer sexueller Gewalt z.B. sein Leben lang darauf trainiert wurde, daß
es für „verrückt“ erklärt wird, wenn es versucht, Erinnerungen zur Sprache zu
bringen: Wird es dann ohne weiteres, bloß wegen einer therapeutischen
Absprache, plötzlich einem Fremden gegenüber alles sagen, was nie gesagt
werden konnte?

Klar.

Ich kenne selbst unzählige Klienten, die berichteten, daß sie in ihren
Psychotherapien über bestimmte Details nie gesprochen haben „aus Angst, der
Th. könnte mich für verrückt halten“ (das ist jetzt ein Zitat, das aber sehr
häufig genauso formuliert wurde). Warum es dann in meiner Praxis (die nicht
psychoanalytisch arbeitet!) dennoch zur Sprache kommt, und zwar recht
schnell - das ist eine andere Frage, die ja hier nicht diskutiert werden soll.

Du erklärst vielleicht, daß Du nicht therapeutisch arbeitest, und das gesamte Szenario ist vielleicht anders. Dies könnte dazu führen, daß bei Dir nicht das Therapeut-Patient-Schema des Patienten aktiviert und handlungsleitend wird, obwohl Du trotzdem - in einem weiteren Sinne - therapeutisch arbeitest.

[Deutung]

In einigen psychoanalytischen Rischtungen gehen Therapeuten davon aus, daß
ihre jeweilige Deutung - entsprungen aus der sogenannten „freischwebenden
Aufmerksamkeit“, die ich ihnen (siehe oben) meist abspreche - immer auch
richtig (d.h. angeblich „zutreffend“) ist.

Das ist das, was ich die Hybris der Analytiker nenne und was einen weiteren Grund darstellt, warum ich der Psychoanalyse kritisch gegenüberstehe. Ich habe den Eindruck, daß viele Analytiker meinen, den Stein der Weisen gefunden zu haben und sakrosankt gegenüber Einwänden zu sein. Wenn es dann doch hartnäckige Probleme gibt, kommt es nicht selten zu Streit und häßlichen Trennungen in unterschiedliche analytische oder tiefenpsychologische Richtungen, die jeweils meinen, der Stein der Weisen sei auf sie übergegangen.

Wenn der Patient sich auf diese Deutung nicht einläßt, er sie für nicht
kompatibel mit seiner Lage erachtet, dann kann es zwei Möglichkeiten geben:
Entweder die Deutung ist tatsächlich „daneben“ (d.h. aus einem unzureichenden
Assoziationspotential des Therapeuten entsprungen), oder es handelt sich bei
der Reaktion um eine sog. „Abwehr“ (hier ist der psychoanalytische Terminus
gemeint, über den ich schon einmal schrieb hier).

Ja, theoretisch sehen Analytiker es wohl so, aber

Für alle Psychoanalytiker, mit denen ich diese Situation diskutierte (und das
sind sehr viele), gilt aber immer nur diese zweite Möglichkeit. Mit anderen
Worten: Sie irren sich in der Deutung nie!

Genau! Dies ist noch ein Grund, wieso mir der Habitus der Analytiker nicht behagt. Analytiker können sich aufgrund ihres Theoriengebäudes gegenüber notwendiger Kritik abschotten und dabei das Gefühl behalten, daß sie im Recht sind, die anderen aber an Widerstand gegen die Analyse leiden. Man liest so etwas nicht selten, wenn Analytiker über ihre Kritiker schreiben. Es ist für sie alles Widerstand im psychoanalytischen Sinn, warum die Kritiker oder die mit Deutungen nicht einverstandenen Patienten sich so und nicht anders äußern.

Dagegen ist das Verfahren, durch den Gebrauch von Bildern und Metaphern - nur
in Form jeweiliger Vorschläge, die ihm gemacht werden), dem Gesprächspartner
die „Vogelperspektive“ zu ermöglichen über die jeweils anliegende
Problemstruktur. Er gewinnt dadurch sozusagen die Möglichkeit
der „Supervision“ über sich bzw. über die Problemstruktur, und damit erüffnen
sich ihm neue Speilräume des Denkens, des Verhaltens und der Handlung.

Setzt das nicht auch gebildete oder intelligente Patienten voraus? Oder welche Voraussetzungen erfordert dieses Verfahren Deiner Meinung nach? Kann *jeder* davon profitieren, weil *jeder* mitmachen kann?

Sorry für Schreibfehler. Ich bin unterwegs und hab keine Zeit mehr für
Korrekturlesung.

Keine Ursache.

So wie es aussieht, teilen wir ein paar nicht unwesentliche Denkweisen. Auch deshalb bin ich sehr zufrieden, daß ich dieses Thema zum Thema dieses Threads gemacht habe. Dein Posting lohnt das Lesen.

Grüße,

Oliver Walter

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Kleine Frage am Rande
Hi Oliver,

Ich denke eher,
daß in *jeder* Betrachtung eines Themas, eines Ereignisses,
Erlebnisses die eigene Sichtweise drinsteckt und die eigenen
Präferenzen zumindest implizit zum Tragen kommen. Ich denke
aber auch, daß man sich ein Stück zurücknehmen kann und das
auch lernen kann. Ob dies im Alltag jedem gelingt, möchte ich
bezweifeln. Zumindest scheint es mir relativ gut ausgeprägte
Fähigkeiten in Selbstreflexion vorauszusetzen, und diese
Fähigkeit scheint mir wahrlich nicht bei allen Menschen
gegeben zu sein.

Es ist schön, dass Du das so siehst. Meine Frage an Dich, der Du ja hier als bekennender ‚militanter‘ Nichtraucher agierst: Wärest Du denn in der Lage, Dein Wissen um das Kettenrauchen eines Deiner Klienten/Patienten emotional so weit zurück zu stellen, dass Deine entsprechende Aversion nicht in die Bewertung dieses Probanden einfließt? (Natürlich ohne den zweifellos vorhandenen Suchtfaktor zu vernachlässigen.) Ich frage dies, weil Du gerade bei diesem Thema auffällig emotional reagierst und Deine sonst von mir durchaus geschätzte Professionalität verlässt.
Interessiert:
Anja

Hallo Anja,

verwechselt Du mich vielleicht? Ich bin zwar Nichtraucher, aber militant? Es gibt hier jemanden namens Oliver-Michael, auf den könnte vielleicht Deine Beschreibung zutreffen. Andernfalls würde mich interessieren, wo ich mich Deiner Meinung nach als militanter Nichtraucher geoutet hätte.

Verwirrte Grüße,

Oliver Walter

sorry,
Hi Oliver,

verwechselt Du mich vielleicht? Ich bin zwar Nichtraucher,
aber militant? Es gibt hier jemanden namens Oliver-Michael,
auf den könnte vielleicht Deine Beschreibung zutreffen.

Genau den meinte ich… mea culpa…

Verwirrte Grüße,

Um Himmels Willen, nur das nicht! *lächel
Anja

Hi … Wie heißt Du nochmal?

Verwirrte Grüße,

Um Himmels Willen, nur das nicht! *lächel

Geht schon wieder. Ich habe mir gerade ein Mittel gegen Demenz zugeführt *g*

Gruß,

Ol … äh … Oliver … Wal … ter *puhgeschafftundkeinerwasgemerkt*

Hallo Oliver,

zu Deinen interessanten Ausführungen fallen mir momentan die Bücher von Ernst von Aster - „Die Psychoanalyse“ - sowie von Oskar Pfister - „Die psychoanalytische Methode“ - ein. Einige andere hätte ich auch noch zu bieten. Zugegeben sie sind etwas älterer Natur, könnten aber, solltest Du sie noch nicht kennen, von Interesse für Dich sein.
Gruß Iso.Osi

Auch deshalb bin ich sehr zufrieden, daß ich
dieses Thema zum Thema dieses Threads gemacht habe. Dein
Posting lohnt das Lesen.

Danke Euch beiden,
Dieser Austausch hat mir eine Menge gebracht!
Gruß
Eckard.

in magnis voluisse …?..
Hallo,

ja, stimmt, ich lehne die Psychoanalyse als Theoriengebäude
ab. Als Therapie kann sie durchaus in einem bestimmten Maß
nützlich sein.

Wenn wir mal davon absehen, was aus der Freud’schen Psychoanalyse in
den letzten achtzig Jahren geworden ist (eher ein Theorientrümmerfeld
als ein Theoriengebäude):

Freud selbst empfahl seine PsA weniger als Therapie - bei ihren
Heilerfolgen, sagte er mal, könne sie kaum mit denen von „Lourdes“
mithalten - sondern wegen ihrer -> „Wahrheit“.
Als Therapie hatte er die PsA ohnehin nur in zweiter Linie
konzipiert, denn wer, wie er ebenfalls sagte, die Menschheit zum
Patienten habe, der kann schwerlich mit langwierigen Einzel-Therapien
operieren.
Freud sah sich vielmehr, auch in seinen Worten, als aufklärerisches
Konquistadorentemperament, als jemand, der einen noch unbekannten
„Kontinent“ erobern wollte; dies zu dem Zwecke, dass die „Vernunft“
im Leben der Menschen mehr Einfluss gewinne. Dass die PsA, wie zig
andere Therapiemethoden, als „in einem bestimmten Maß nützlich“
anerkannt werde, war gewiss nicht sein primäres Bestreben.
Freud sah sich in erster Linie in der Tradition der Aufklärer, und er
war wohl der letzte, den Nachtrab einiger, die dann aber bald
resignierten, nicht gerechnet.

Aufklärung aber ist seit Mitte des 20.Jh. „unmodern“ geworden - und
Freud bashing modern. Ich habe hier gerade ein paar Bände zur Hand:
Richard Webster, Why Freud was wrong, 1996, 673 eng bedruckte Seiten;
Frederick Crews, ed., Unauthorized Freud, Doubters Confront a Legend,
1998; ders., The Memory Wars, Freud’s Legacy in Dispute, und etliche
weitere.
Viele Argumente der vielen verschiedenen Freud-Gegner erscheinen mir
durchaus überzeugend. Aber eines haben sie nach meinem Eindruck alle
gemein: sie suchen und finden jede Menge Fehler etc. bei Freud, aber
sie haben keinen Sinn für Freud’s aufklärerischen Impetus, für seine
Vision von der „Wahrheit“ der PsA, die der „Vernunft“ Geltung
verschaffen wollte. Aber das ist eher ein Philosophie-Thema.

Gruss
Nescio

Kleine literarische Ergänzung
Hallo Nescio
Unter den neueren Büchern, die die Fortschrittlichkeit in Freuds Denken nochmals deutlich machen, empfehle ich:
Jose’ Brunner: „Psyche und Macht - Freud politisch lesen“, 1995.
Gruss, Branden

Hallo,

die These vom Aufklärer Freud ist nicht neu. Sie wurde schon von dem Neoanalytiker Erich Fromm in seinem Buch „Sigmund Freud. Seine Persönlichkeit und seine Wirkung“ aus dem Jahr 1959 vertreten. Fromm schreibt von Freuds starkem Streben nach und seinem Mut zur „Wahrheit“, die sich gegenüber dem gesellschaftlichen Druck behaupteten und durchsetzten. Diese Darstellung erscheint mir zu sehr als Heroisierung Freuds als aufrechten Kämpfer gegen das Irrationale (-> Es) und als eine beliebte Selbstdarstellung der Psychoanalyse als einer unter Verfolgung gestandenen Bewegung.

Bezweifeln möchte ich, daß Freud seine Psychoanalyse bereits von Anfang an primär als Instrument konzipierte, der Vernunft Geltung zu verschaffen, und nicht als Therapie. Mir stellt sich die Geschichte eher so dar, daß es im Laufe der Entwicklung der Psychoanalyse einen Wechsel im Ziel gegeben hat. Diese Verschiebung weg von der Bedeutung als Therapie hin zur Bedeutung als geisteswissenschaftliche Methode hängt meines Wissens mit der zunehmenden Ernüchterung hinsichtlich der Leistungsfähigkeit der Psychoanalyse als Therapie zusammen.

Mir ist der Befund, daß die Psychoanalyse in einem gewissen Maß und bei bestimmten Störungen ihre Wirksamkeit erwiesen hat, ein besseres Argument für ihre Anwendung, als es die mit großen Fehlern durchsetzten und teilweise falsifizierten Theorien der Psychoanalyse sind, gleichgültig mit welchem Impetus sie aufgestellt wurden.

Der Darstellung Freuds als dem großen Entdecker eines neuen, unbekannten „Kontinents“ der „Wahrheit“ möchte ich den Satz entgegenhalten, den Freuds Zeitgenosse Ebbinghaus gesagt haben soll: „Was an diesen Theorien neu ist, ist nicht wahr, und was wahr ist, ist nicht neu“.

Gruß,

Oliver Walter

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