Midi-Job unsinnig?

Hallo Steuerexperten,
neben den klassischen 400,-€ Jobs gibt es ja nun noch diese „Gleitzone“ bis zur Grenze von 800,-€.
Nehmen wir mal an, jemand macht einen 400,-€-Job und ihm wird nun angeboten, aufgrund der Auftragslage mehr zu arbeiten. Jetzt arbeitet derjenige dann deutlich mehr Stunden und erhält brutto nun 800,-€. Wäre dieser nun auch noch in der Steuerklasse V, weil verheiratet und Ehegatte verdient ganz gut, erhält er ca. 498,-€ netto und darf am Jahresende auch noch mit einer Steuernachzahlung rechnen.
Ergebnis: Mehr Arbeit und unterm Strich das gleiche Geld, nämlich 400,-€. Was macht das für einen Sinn? Für wen lohnt sich denn dann überhaupt ein 800,-€-Job? Bei diesem Brutto wird man ja steuerlich wie jeder andere behandelt. So stelle ich immer öfter fest, das so mancher Angestellte auf 800,-€ heraufgesetzt wird, um ihm natürlich mehr Arbeitsleistung (Arbeitszeit) abzuverlangen. Nur netto kommt unterm Strich das gleiche heraus wie vorher bei 400,-€. Aber man spielt das Spiel mit, um den Arbeitsplatz zu erhalten.
M.E. darf es doch nicht sein, bei einem Brutto von 800,-€ den Steuerhammer voll zuzuschlagen. Nutzniesser wären also Betrieb und Finanzamt.
Gruss Sebastian

Hallo Sebastian,

bei Ehegatten der Steuerklassen III/V darf man nie die Steuerbelastung nur eines der beiden Ehegatten betrachten. Immer die Summe der Einkünfte, und die Summe der ESt. Dann sieht man erst, in welchem Umfang Eheschließung subventioniert wird.

Der Lohnsteuerabzug ist bloß eine Vorauszahlung auf die Einkommensteuer.

Schöne Grüße

MM

widersinniges Steuerrecht
Hallo Martin,
erstmal vielen Dank für Deine Antwort. Soweit ist mir das auch klar.
Was mir nur nicht in den Kopf will:
Mit dieser Steuerklasse ist ein 800,-€-Job doch absolut unsinnig.
Doppelte Arbeit für das gleiche Geld (zumindest unterm Strich).
So gesehen stellt sich ja die Frage, ob 400,- oder 800,- Euro Job überhaupt nicht. Lediglich ob 400,- Euro Job oder Vollzeitjob (in dem Falle eines reellen Gehaltes dann in Steuerklassenkombination IV/IV) ist dann die Überlegung. Alles dazwischen macht keinen Sinn.
Jetzt leuchtet mir auch ein, warum so wenige die Jobs im Niedriglohnbereich machen wollen. Es lohnt einfach nicht. Ich denke, Arbeit sollte sich in Deutschland wieder lohnen. Aber in erster Linie auch für den Arbeitnehmer, nicht nur für das FA.
Es wäre nicht das erste Mal, das AN nach einer Gehaltserhöhung schlechter dastehen als vorher. So eine Steuergesetzgebung ist in meinen Augen absoluter Schwachsinn und für den Steuerzahler nicht mehr nachvollziehbar. Unser Steuerrecht ist undurchsichtig und widersinnig.
Manchmal frage ich mich wirklich, warum ich überhaupt arbeiten gehe. Wenn ich mit meiner Familie Sozi kassieren würde, wäre ich nicht viel schlechter gestellt (aber das ist ein anderes Thema).
Gruss Sebastian

Hallo nochmal,

Doppelte Arbeit für das gleiche Geld (zumindest unterm
Strich).

Die hohen LSt-Abzüge der Steuerklasse V werden bei der Veranlagung ausgeglichen, soweit sie über die Belastung hinaus gehen, die den mehr verdienenden Ehegatten, der mit III lohnbesteuert wird, bei einer Gehaltserhöhung auch treffen würde.

Die Sache mit dem progressiven Tarif bei der ESt hat zwei Seiten. Es ist in der Tat ärgerlich, wenn man mit dem Gehalt knapp unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze zur SV liegt, und schon satt in der Steuerprogression drin hängt. Andererseits: Diese hohe zusätzliche Besteuerung des zusätzlichen verdienten Euros ist nicht gut zu vermeiden, wenn man „ganz unten“ bei den 400-€-Jobs Steuerfreiheit und „ganz oben“ eine Besteuerung haben will, die in einem vernünftigen Verhältnis zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des StPfl steht. Niedrigere Grenzsteuersätze in diesem Einkommensbereich habe ich vor etwa zehn Jahren auch schon erlebt, als das steuerfrei zu belassende Existenzminimum noch viel niedriger angesetzt war: Man würde sie erreichen, wenn man Einkünfte eher vom ersten Euro an (moderat) besteuern würde.

Mit einem Exkurs in die Politik, wo wir uns mit dieser Frage ja befinden:

Eine andere Gestaltung der Besteuerung der Einkommen wäre erreichbar (1) unter Beibehaltung des Steueraufkommens durch höheres einkommensunabhängiges Steueraufkommen. Der Vorschlag, zu einem einkommens- und damit allokationsneutralen Kopfsteuersystem überzugehen, ist in diesem Zusammenhang naheliegend. Auch der Vorschlag, konsumabhängig über die USt mehr zu kassieren. Beide Konzepte bedeuten den Abschied von der Erhardschen „sozialen“ Marktwirtschaft, nämlich eine Annäherung an eine rechnerisch optimale Faktorallokation um den Preis einer dramatischen Höherbelastung dort, wo nichts oder nicht viel ist: Jeder Millionär wird in diesem Fall durch ein Dutzend Bettler erkauft.

Oder (2) durch ein radikales Zurückfahren auf der Ausgabenseite. Nun sehe ich zwar viele Shareholders, aber nicht viele Unternehmer. Unterschied zwischen diesen und jenen ist, dass erstere ihre Equity von Quartal zu Quartal sehen wollen, letztere bereit sind, etwas in ihr Vorhaben, ihre Sache zu investieren. Carl Benz konnte jahrelang keine angemessene Shareholders’ Equity zeigen, Bosch auch nicht, und Fowler, Westinghouse, Ford auch nicht. Auch nicht Zeppelin und Dornier. Wenn Investoren so dermaßen schläfrig einerseits und dividendengeil andererseits sind, dass sie nichts mehr langfristig nach vorne bringen können oder wollen, ist der Staat eben das kleinere Übel, was die dringend notwendigen Investitionen in die ganze Chose betrifft. Und der braucht Geld, um den Job zu machen, den eigentlich andere, Berufenere machen sollten, die das aber nicht in die Reihe kriegen.

Beiläufig: In meinem eigenen klitzekleinen Rahmen hab ich vor gut einem Jahr eine Aktie der Walder Bräu AG gekauft: Einer oberschwäbischen Familienbrauerei in Insolvenz, die operativ einigermaßen stabil arbeitete, aber eben nicht gut finanziert war. Das Spiel ist vorläufig, bis auf weiteres, gewonnen. Für eine Investition von 500 € jedes Jahr fünf Kästen von einem richtig superfeinen Bierchen, solang es die Brauerei noch gibt - keine schlechte Rendite. War aber nicht meine Absicht; die Investition war getragen von der Idee, dass Walder Bräu nicht von der Landkarte verschwinden soll, dass die zwanzig Leute, die es machen, es weiterhin machen können sollen, und dass die Bauern, die die Braugerste nach Königseggwald liefern, ihre Kunst weiterhin bezahlt bekommen sollen. Wenn alles gut geht, und die Chancen sind nicht so schlecht, haben wir hier etwas viel besser gemacht als der Staat dies könnte.

Fragt sich bloß: Wo sind eigentlich die Unternehmer, die son Ding im größeren, wirtschaftlich sichtbaren Rahmen in die Reihe kriegen?

Schöne Grüße

MM

Hallo Martin,

Die hohen LSt-Abzüge der Steuerklasse V werden bei der
Veranlagung ausgeglichen, soweit sie über die Belastung hinaus
gehen, die den mehr verdienenden Ehegatten, der mit III
lohnbesteuert wird, bei einer Gehaltserhöhung auch treffen
würde.

Das ist im Prinzip ja auch ganz ok so. Nur entsteht somit ein gewisses Lohnniveau, was für den AN unattraktiv ist.

Bevor nun der MOD diesn Thread ins Politik-Brett verschiebt noch eine kleine Anmerkung:

Der Steuersatz an und für sich ist ja teils schon nicht ohne. Wenn ich es aber mal bis zu Ende rechne, bleibt ja wirklich nicht mehr viel.
Von meinem Gehalt zahle ich schon mal die Lohnsteuer und die Kirchensteuer. Von dem was bleibt, zahle ich bei jedem Einkauf Mehrwertsteuer. Da ich auch Raucher bin und gern mal ein Bier trinke (oder auch ein Glas Rotwein), zahle ich Tabak- und Branntweinsteuer. Für jede Versicherung zahle ich Versicherungssteuer. Für das Auto zahle ich KFZ-Steuer und beim Tanken Mineralölsteuer. Habe ich ein Haus, zahle ich Grundsteuer usw., usw…
Ich habe es immer vorgehabt, aber nie konsequent betrieben. Wenn ich von allem, was ich verdiene, diese Steuern runterrechne, dann liege ich bei einem Steuersatz von über 50%.
Und das ich beim Tanken auf die enthaltene Mineralölsteuer auch noch Mehrwertsteuer zahle, geht sowieso in keinen Kopf rein. Steuern auf enthaltene Steuern…
Worauf ich hinaus will: Die Arbeit ist finanziell nicht mehr attraktiv in Deutschland. Wer lässt sich noch Überstunden auszahlen (ich kriege sie sowieso nicht bezahlt)? Lieber bummelt man die Überstunden ab. Finanziell ist das Auszahlen ungünstig. Und um beim Beispiel zu bleiben:
Der eine Ehegatte verdient gut, der zweite arbeitet lieber weniger für 400 Euro netto/netto, als mehr für 800 brutto und auch nur 400 Euro netto. Macht das Sinn? Würden wir aber von einer pauschalen Steuer ausgehen können (z.B. 10%), würde bei 800 Euro brutto mehr übrigbleiben. Daraus resultierend würden mehr Menschen im Niedriglohnsektor arbeiten wollen und dadurch könnte man die Arbeitslosenzahlen senken. Das wiederum würde langfristig die Steuern senken können. Es wird sich im Moment zu Tode reformiert (wobei Reform nicht gerade der richtige Begriff ist). Im Steuerrecht muss eine grundlegende Reform her. Stark vereinfacht und für den Steuerzahler nachvollziehbar. In Deutschland blicken ja teilweise die Steuerrechtler schon nicht mehr durch. Die Einkommenssteuererklärung muss für jedermann leicht zu erarbeiten sein. Das deutsche Steuerrecht erinnert mich immer an das Studium von Preislisten der Reiseanbieter:
Diese Reise kostet ###Euro. Wenn Sie aber an Weihnachten über die Osterinseln fliegen, dabei in der 3.Reihe sitzen und einen Eskimo als Sitznachbarn haben, der eine Tasse heissen Kakao´s trinkt und mit der anderen Hand Papaya´s jongliert, erhalten Sie einen Rabatt, der sich aus der Ziffer 3 geteilt durch die Anzahl der mitreisenden Pauschalurlauber errechnet. Reisen keine Pauschalurlauber mit, können Sie auch Ersatzweise das Alter Ihrer Schwiegermutter durch die Schuhgrösse des Piloten teilen, das ganze mit 0,5 multiplizieren und das Ergebnis mit dem Promillegehalt des auf dem Flug servierten Bieres addieren.
Verstehst Du was ich meine?
Beste Grüsse
Sebastian