Liebe Grilla!
manchmal ist es nicht sehr hilfreich einem schlechtem
Lebensgefühl einen Namen zu geben, weil die Gefahr besteht
sich mehr mit den Symptomen zu beschäftigen als mit dem
Problem selbst.
Ja, Du hast Recht. Es nützt mir nicht wirklich viel, wenn ich weiss, wie das Kind heisst. Um es zu verstehen, muss ich es anschauen.
Ich habe den Eindruck, dass es einen
Zusammenhang zwischen der Niedergeschlagenheit deines Freundes
und deiner Niedergeschlagenheit gibt. Ihr bedingt Euch.
Ja, das tun wir. Wir sind uns in vielen Dingen sehr ähnlich, können gut nachvollziehen und nachempfinden, wie es dem anderen geht, was eben leider auch zur Folge hat, dass wir uns damit oftmals gegenseitig runter ziehen.
Immerhin, dieser Umstand ist uns beiden bewusst.
Midlifecrises kenne ich im Bekanntenkreis eher anders. Da
starten manche nochmal durch, weil sie ihrem Jungsein
nachtrauern, gehen fremd und wollen neue Partner kennenlernen,
geben einen guten Job aus, weil sie nach 15 Jahren die Nase
voll haben, fangen gefährliche Sportarten an um die „alten“
Knochen auf ihre Leistungsfähigkeit auszutesten…das hat mit
Lebenshunger und nichts mit Depression zu tun.
Genau das war mein erster Gedanke auch, als er davon sprach.
So wie du bisher in deinen Postings deinen Freund beschrieben
hast, scheint er ein ernster und schweigsamer Mann zu sein.
Dann habe ich wohl ein falsches Bild von ihm abgeliefert.
Er ist zwar oft allein, weil er allein sein will und denkt dann sehr viel nach. Er spricht mich häufig noch nach Tagen, manchmal nach Wochen auf eine bestimmte Wortwahl an, auf irgendeinen Satz, der manchmal nur beiläufig gefallen ist und ich sehe, wie intensiv er sich damit auseinandergesetzt hat. Er macht sich über Gott und die Welt Gedanken, ist sehr sensibel…
Bei all dem jedoch wundert es mich manchmal, wie fröhlich er trotz seiner wirklich besch… Situation teilweise noch ist. Eine der Eigenschaften, die ich besonders an ihm liebe ist seine Begeisterungsfähigkeit. Er ist auch sehr mitteilungsbedürftig, spricht mit mir über alles und nichts, spricht von sich aus Probleme an (die für mich teilweise gar keine sind, bzw. die ich gar nicht so empfunden habe)… beklagt sich dann aber merkwürdigerweise im Anschluss, dass wir stundenlang diskutieren würden, dabei hakt er immer wieder nach und greift die Problematik wieder auf.
Es
mag eine Krise sein, in der er steckt, aber keine der gängigen
Sorte, wie sie Menschen im bestimmten Alter bekommen, sondern
eine höchst persönliche, die mit seinem Lebenslauf zu tun
haben.
Das denke ich auch.
Ich stelle mir bei ihm ein Ausgebranntsein vor, mit
Fragen wie „will ich das noch“ oder „wozu das Ganze“, mit
einer Resigniertheit sich keine Antworten geben zu können,
keine Ziele mehr vor Augen zu haben. Das sind Grübelgedanken,
mit denen man sich im Kreis dreht, die einem Appetit (auf was
auch immer) nimmt und Schlaf und Kraft kosten.
Ja, all das. Du triffst es auf den Punkt!
Du schreibst:
Ich weiß nur, als ich ihn vor 13 Jahren aus den Augen verlor,
war er sehr viel aufgeschlossener und lebenslustiger als
heute. Seit ich ihm vor einem halben Jahr wieder begegnet bin,
ist seine Verfassung parallel zu seinen Lebensumständen stetig
tiefer in den Keller gerutscht.
Dir ist also sein Zustand schon länger als heute aufgefallen.
Vielleicht hast du gehofft ihn durch Eure Beziehung
aufzumuntern, seinem Leben ein wenig Glanz zu geben, einen
Stellenwert bei ihm einzunehmen.
Ja richtig.
Doch schien er wohl sich
immer öfters zurück zu ziehen, denn er weiß vielleicht nicht
einmal, ob ihm eine Beziehung gut tut.
Auch das. Er weiss nicht, ob sie ihm selbst gut tut, nicht zuletzt deshalb, weil er weiss, dass er mich quasi in die Situation mit hineingezogen hat - zwar war es meine freie Entscheidung, aber er denkt wohl, wenn er es von vornherein angeblockt hätte, dann würde es mir nun besser gehen. Er merkt natürlich auch, dass er mich mit hinunterzieht, wenn es ihm selbst schlecht geht… fühlt sich verantwortlich dafür, hat ein schlechtes Gewissen, Schuldgefühle…
Er sagte schon ganz zu beginn, als wir uns wieder trafen, er hätte mir gewünscht, ich wäre inzwischen glücklich verheiratet und hätte Kinder… womit es ihm mit dieser Aussage nicht um seine eigenen sondern ausschließlich um meine Interessen gehen würde. Was er am allerwenigsten wollte, sei mir weh zu tun.
Wenn er von dir deine
Aufmerksamkeiten annimmt, dann er müßte auch dir welche geben
- bei all seiner Kraftlosigkeit?
Ja genau. Er kann teilweise an nichts anderes als an seine Probleme denken. Für mich ist da eben oftmals kein Platz. Er sagt selbst, er würde mir gerne das zurück geben, was ich verdient hätte, aber er könne das nicht.
Da geht dann in ihm der
Gedanke einer ungleichen Rechnung um (ich weiß, diese
Überlegung ist dir sehr unsympatisch - wir haben uns darüber
schon einmal ausgetauscht). Es ist sehr schwer jemanden, der
zu einem lieb ist, um Abstandwahrung zu bitten.
Wobei ich ihm diesen Abstand wirklich zugestehe.
Sicher fällt es mir nicht immer leicht, wenn er ein Date absagt und das nächste dann auch wieder… Wir sehen uns derzeit meist nur ein Mal pro Woche für ein paar Stunden. Sicher frage ich mich dann, wieviel ihm eigentlich an mir liegt, wenn sein Bedürfnis mich zu sehen so gering ist. Ich habe dann manchmal Angst, wir könnten uns entfremden. Selbst Paare, die eine Fernbeziehung führen, führen diese intensiver als wir. Mir geht es so, ich bin verhältnismäßig gesprächig, wenn ich einen regen Kontakt habe, denn dann sind die Leute mit meinen Themen vetraut und ich muss nicht erst groß erklären, warum und wieso, dann kann ich erzählen und man weiss sofort, ja klar, dem ist dies und das vorausgegangen, ist ja logisch, dass sie sich nun so oder so fühlt… manchmal passiert in der Zwischenzeit so viel, dass ich es gar nicht mehr erzähle, weil es mir dann auch schon wieder zu weit weg vorkommt. Verstehst Du, was ich meine? Dabei waren es Dinge, die mich aktuell sogar sehr stark beschäftigt haben und dann sogar zu bedeutungsvoll waren, als dass ich sie in einem kurzen Telefonat mal eben so abhandeln möchte.
Ich gebe ihm den Abstand, weil ich weiss, dass er ihn braucht und meistens bin ich wirklich nicht böse darum. Komischerweise unterstellt er mir eigentlich immer genau dann, wenn es mir nichts ausmacht, dass es anders sei und ihm nun wieder ein schlechtes Gewissen bereiten würde… ich reagiere gelassen, denke mir, gut, besser wir sehen uns ein anders Mal, als dass er mich aus reinem Pflichtgefühl trifft, besser er freut sich dann beim nächsten Mal wirklich auf mich… und er meint, ich sei sauer oder enttäuscht und bin es dann aber in diesen Momenten gar nicht. Dann denke ich mir immer: wenn ich wirklich enttäuscht bin, passt es ihm nicht, bin ich es aber nicht, passt es ihm auch nicht.
So nennt er
das Ding Midlifecrises, und hofft dadurch auch eine Erklärung
für sein Verhalten gegeben zu haben.
Klar, wird es für ihn einfacher, greifbarer und (zumindest in der Illusion) auch kontrollierbarer, wenn er, wie Du schreibst, eine Erklärung für sein Verhalten anbringen kann.
Aber diese Distanz scheint dich ins Schwanken zu bringen.
Richtig.
Und
so bekommt dein Mitleid im wahren Sinn des Wortes einen Namen
und eine größere Dimension:
Ich selbst (36) habe ebenfalls das Gefühl, gerade ziemlich in
der Krise zu stecken, wobei es bei mir auch am PMS liegen
könnte. Bin mir da nicht so sicher, denn bevor wir zusammen
gekommen sind, hatte ich diese Effekte eigentlich nie,
jedenfalls nicht so massiv, dass sie mir aufgefallen wären.
Marla, PMS kennen viele Frauen (und genauso viele Männer). Und
dann hat man Schnupfen, etwas Unrechtes gegessen, eine Nacht
partout nicht schlafen können… Solche Unpässlichkeiten
erledigen sich meist von selbst, und sind nicht oft der Rede
wert. Entschuldigung, wenn ich jetzt gefühlslos wirke, dem
nicht so ist.
Ich verstehe was Du meinst. Würde es sich wirklich darum handeln, wäre es für mich nicht groß ein Thema. Wobei es mir zumindest im entsprechenden Zeitraum immer besonders auffällt und ganz andere gefühlsmäßige Ausmaße annimmt als gewöhnlich.
Tatsache ist, dass es für uns beide derzeit jobmäßig und
entsprechend finanziell alles andere als rosig aussieht, also
auch handfeste Gründe vorhanden sind, den Blick in die Zukunft
zu scheuen.
Es wäre schön für dich, wenn ihr Euch zusammen tun würdet, um
gemeinsam Eure Probleme (Niedergeschlagenheit, Existenzängste)
zu bewältigen, nicht wahr? Das ist die Verbundenheit, die du
suchst?
Richtig.
Ich frage mich, ob es bei ihm wirklich die Midlife Crisis sein
könnte, wie man das positiv beeinflussen kann
Meiner Meinung nach solltest du ihm soviel Raum und Zeit
gewähren, wie er für sich braucht. Doch frage ihn einfach, ob
er mit seiner Krise lieber alleine ist, oder ob du ihm mit
deiner Vitalität (so schätze ich dich ein) und trotz deiner
Problempäckchen eine Hilfe bist. Dass du ihn suchst und
brauchst ist ein anderes Thema.
In den Zeiten, in denen ich mich selbst stark fühle, glaube ich mit allem wunderbar klar zu kommen: meine Probleme, seine Probleme, sein Wunsch, seine Probleme alleine zu bewältigen… alles kein Thema. Wenn es aber bei mir auch mal wieder knüppeldicke kommt und ich mir wünschen würde, dass er mich einfach mal nur in den Arm nimmt, scheint er mir unerreichbar. Ich habe ihn mal gefragt, ob ich in solch einem Moment dann einfach zu ihm kommen könnte, auch ohne dass wir vorab etwas ausgemacht habe. Er meinte, klar könne ich das machen, aber den Eindruck habe ich nicht und so bin ich gestern z.B. dann nicht zu ihm, sondern zu meiner Freundin gefahren.
Er meinte mal zu mir, ich würde bestimmt die Sicherheit vermissen, die ich in meiner vorigen Beziehung ganz selbstverständlich hatte, aber es ist nicht die fehlende Sicherheit, mit der ich Schwierigkeiten habe (eine Garantie gibt es schließlich eh nicht wirklich), es ist die ständige Unsicherheit. Wenn er geht, denke ich öfter: ob ich ihn jemals wiedersehe… Und das macht mich dann schon sehr traurig. Manchmal glaube ich, wäre ich von jetzt auf gleich nicht mehr da, würde sich kaum was für ihn ändern, es wäre ihm egal. Dann wieder denke ich, er muss sogar sehr viel für mich empfinden, sonst hätte er sich neben all seinen Problemen eben nicht auch noch auf mich eingelassen (und sei es eben auch nur in diesem kleinen Maß, wie momentan, nicht zu 100%, wie er selbst sagt, weil er das nicht könne),
sich keiner zusätzlichen Belastungsprobe ausgesetzt…
und wie lange dieser Prozess für gewöhnlich so anhält
solche seelische Verdauungsstörungen können eine lange Zeit
dauern, und manchmal ohne einen Profi nicht behoben werden.
und ob es bei mir wirklich das PMS ist und was dagegen hilft… oder
ob es sich vielleicht doch bei uns beiden um echte Depressionen
handelt.
besser wäre es, wenn jeder für sich herausfinden würde, was
ihn drückt, und sich unabhängig von seinem Partner damit
beschäftigt. Wenn jeder von Euch seine persönliche
Standfestigkeit zurückerlangt hat, verschafft sich eine andere
Basis für eine Partnerschaft, in der Nähe und Distanz viel
leichtgängiger gehandhabt und ertragen wird.
Im grunde hat er, bevor wir zusammen gekommen sind auch gesagt, dass es der falsche Zeitpunkt sei… Sicher kann man sich denken, wir sollten erst mit uns selbst im Reinen sein, bis wir uns vernünftig aufeinander einlassen können, aber die Aussichten dafür, dass sich in absehbarer Zeit etwas an seinen Lebensumständen ändert sind alles andere als gut. Ihm fehlt die Perspektive und damit die Motivation etwas zu ändern. Ich hatte gehofft, ich könne eine Motivation für ihn sein, aber ich glaube, das bin ich nicht wirklich. Wahrscheinlich müsste er Hilfe annehmen, um aus diesem Loch wieder herauszukommen, aber genau dieser gedanke widerstrebt ihm völlig, so nach dem Motto: ich habe mich da selbst reingeritten und wenn ich es nun nicht mal schaffe, da alleine wieder raus zu kommen, andere noch mit hineinziehe, dann ist es um so schlimmer für mich.
Folgendes habe ich vor kurzem gelesen:
Solange wir in der Liebe nach unserer besseren Hälfte suchen,
bleibt die Gefahr bestehen, dass wir uns halbieren. Und wenn
zwei halbe Menschen sich zusammentun, bleibt auch auch die
Liebe eine halbe Sache.
Da steckt sicher ein haufen Wahrheit drin. Auf unsere Situation gemünzt, passt es aber nicht.
Ich fühle mich alleine im Grunde sehr wohl, wenn ich davon absehe wie es jobmäßig und finanziell aussieht, und sehe einen Partner als zusätzliche Bereicherung an.
Als wir uns wiederbegegnet sind war ich finanziell unabhängig, hatte meine Hobbys udn Interessen, meine Freunde… habe mich dann von meinem vorigen Partner getrennt, bin ausgezogen, eigene Wohnung… nun steht mein Job auf der Kippe und die Finanzen sind durch Umzug und Anschaffungen extrem abgesackt, selbst meinem Hobby und anderen Aktivitäten kann ich nun rein finanziell nicht mehr nachgehen. Ich bin nicht mehr ich selbst, bin nicht mehr so, wie ich gerne wäre, aber das hängt nicht direkt mit ihm zusammen. ich definiere mich nicht über ihn, falls Du das meinst und doch fühle ich mich an seiner Seite besser, denn dann habe ich das Gefühl stark zu sein.
Ich habe aber das Gefühl, für ihn keine Bereicherung sondern im Gengenteil, oftmals eine Belastung zu sein und dieser Gedanke ist schon sehr erdrückend.
Übrigens, Andreas hat ein sehr hilfreiches Posting
geschrieben, was etwas mit Selbstfindung zu tun hat. Denke
lieber erst einmal an dich selbst, egal womit sich dein Freund
beschäftigt.
Ja, ich schätze auch, wenn sich meine Situation stabilisiert, ich wieder ich selbst sein kann, dann kann ich auch ihm wieder ganz anders begegnen und ihm damit vielleicht dann doch auch ganz automatisch eine Hilfe sein.
Vielen Dank, Du hast mir wirklich sehr geholfen!!!
Liebe Grüße,
Marla