Miriam

hallo gemeinde,

miriam hatte am montag (25.02.2008) frühschicht bei mir. sie kam aber nicht zum dienst (wir dachten, dass sie verschlafen hat). also mußte ersatzweise janine einspringen (die chefin).
durch irgendwas konnte ich aber nicht einschlafen. also klingelte ich gg acht uhr und unterhielt mich mit ihr über das misteriöse ausbleiben von miriam.
diese hatte mir ein paar tage vorher gesagt, dass sie einen turmor in der gebärmutter hat, also machten wir uns, je später es wurde, um so mehr sorgen das ihr etwas zugestossen sein könnte. ich rief einen alten klassenkameraden an, er ist jetzt beim lka beschäftigt, und fragte ihn ob nicht die polizei nachschauen könnte ob ihr was zugestossen sei. er bejahte dies mit dem hinweis, dass ich den notruf wählen solle und dann dem gegenüber dass mit dem tumor und meinen befürchtungen erklären soll.
aber irgendwie traute ich mich dann doch nicht das zu tun (was ich jetzt sehr stark bereue)
irgendwann später fuhr janine zu der wohnung von miriam, um nachzuschauen was mit ihr ist (ihr auto stand nämlich vor ihrer haustür).
kurze zeit danach kehrte sie kreidebleich in meine wohnung zurück. sie schaute mich an und fragte mich ob ich wirklich wissen will was passiert ist, sie fragte das in einem verzehrten tonfall, so dass ich etwas furchtbares ahnte.

sie teilte mir dann mit, dass miriam sich mit drei ampullen insulin das leben genommen hat.

das ist die kurzfassung von einem der furchtbarsten tage meines lebens.

sie war fast jeden tag bei mir, ich hätte mit ihr pferde stehlen gehen können, sie war intelligent und ist in ihrem job aufgegangen.

ICH HASSE SIE DAFÜR WAS SIE SICH UND MIR AN DIESEM MONTAG ANGETAN HAT!

ich bin jetzt total am ende und hoffe das ich irgendwann wieder ‚normal‘ weiterleben kann ohne das ich ständig an sie denken muss. es ist ja wirklich so, dass ich momentan durch jede ähnlichkeit mit früheren erlebnissen mit ihr, an sie erinnert werde und das tut so weh und ich weiß nicht wie lange ich so was aushalten kann.
was kann ich da tun? Ständig spiele ich in meinem kopf allemöglichen szenarien durch, nachdem motto was wäre wenn… natürlich weiß ich dass das völliger blödsinn ist und das sie das auch nicht wieder zurückbringen wird, aber ich mache es trotzdem.

bye
pirat

ps: letztes jahr mitte / ende november sind meine beiden großeltern gestorben, was aber nicht so schmerzhaft war wie dieser montag.

Hallo Pirat,

das tut mir sehr leid für dich.
Es ist schon in Ordnung, dass du sie dafür hasst, was sie dir angetan hat.
Hasse sie, sei traurig, sei wütend, heule… aber rede mit Menschen darüber. Irgendwann kannst du sie für dich verabschieden und gehen lassen.

Mir hat mal jemand in einer ähnlichen Situation geraten, alles aufzuschreiben was mich bewegt. Eine Art Trauerschatulle zu machen.
Alles was mich an diesen Menschen erinnert hineinzugeben - das können auch ganz banale Dinge sein (ein Feuerzeug, eine CD, ein Foto).
Wie man will, holt man sie raus, gibt was rein oder legt sie verschlossen weg.

Nach langer, langer Zeit habe ich diese Schatulle samt Inhalt „versenken“ können.
Jetzt besuch ich nur noch ganz selten den Ort.

Mit Grüßen
Simone

Hallo Pirat,

meine persönliche Geschichte ist die:

Ein Bekannter, verheiratet, Vater von drei Kindern, sagte zu mir, dass er zum Arzt wolle und wiederkommen werde, um seinen Rucksack zu holen, den er bei mir so lange deponiert hatte.

Tags drauf war er tot. Selbstmord. Das ergaben die Ermittlungen, als man ihn sechs Monate später fand. Hintergrund war eine ausweglose Situation.

Das war Herbst 2005. Ich bin mir sicher, ich hätte es damals verhindern können. Dennoch bechäftigt es mich nur noch gelegentlich. Ihm damals zu helfen hätte immer wieder aufs neue Erinnerungen wachgerufen. So aber konnten Wunden verheilen. Auch meine.

Ich behalte ihn aber bis heute sehr gerne in Erinnerung; in Gedanken an die schönen Tage die wir gemeinsam unbeschwert verleben durften. Dennoch ihn wieder zu sehen, stelle ich mir immer weniger vor.

Gruß
guvo

Hallo Pirat,
zuerst möchte ich mein unbekannter Weise tiefes Mitgefühl für Miriams Familie und Dich bekunden.

Aus eigenem Erlebnis (mein Vater beging Selbstmord, ich war damals 16 Jahre als/jung) kann ich nur bestätigen, wie tief und Verzweiflung und auch der Hass in den ersten Tagen nach dem Suizid waren. Ich empfand seinen Tod als absoluten Verrat an seiner Familie, an seiner Frau, an seinem Sohn und nicht zuletzt auch an mir.

Um die Verzweiflung und die tiefe Trauer überhaupt auszuhalten und es meiner Mutter nicht noch schwerer zu machen, versuchte ich in der darauf folgenden Zeit, immer schön stark und tapfer zu sein. Eine schöne Scheinfassade, die zumindest weitere tiefe Verwundungen kaschieren konnte.

Das einzigste, woran ich mich klammerte, war die Tatsache, dass er keinen Abschiedsbrief hinterliess. Aber ehrlich: Hätte er einen hinterlassen, hätten wir uns gefragt, warum haben wir die Probleme nicht als so tiefgreifend erkannt und geholfen. Da er keinen schrieb, blieb meiner Mutter und auch mir immer nur die Frage nach dem WARUM.

Erst mit zunehmendem Lebensalter musste ich feststellen, dass vermutlich eine sehr schwere Depression zum Suizid führte. Diese Depression wurde auch von seinem Hausarzt trotz mehrerer Termine nicht erkannt, da mein Vater auch fast ein begnadeter „Schauspieler“ war und kaum jemand in sein Inneres schauen lies.

Mit dem Abstand der Jahrzehnte sage ich mir, dass er sich eigentlich in seinen letzten Lebenswochen sehr einsam und verzweifelt gefühlt haben muss, aber auch aufgrund der vermutlichen Depression sich so in sein Schneckenhaus zurückzog, dass er für sich selbst keinen anderen Ausweg mehr sah. Die Fähigkeit, die Auswirkungen seines Vorhabens auf seine Familie zu erkennen, war ihm in dieser Situation schon völlig abhanden gekommen.

Ich kann nicht sagen, dass ich mich mit der Situation ausgesöhnt habe, aber rein menschlich kann ich ihn jetzt verstehen, ohne seine Tag an und für sich für gut zu befinden. Im Gegenteil.

Vielleicht war die Diagnose für Miriam so schlimm oder so angsteinflössend, dass sie für sich keinen anderen Weg mehr sah.

Gönne Dir die Zeit der Trauer, der Verzweiflung und der Wut, aber sei nicht sauer auf Miriam, sondern hadere eher mit dem Schicksal, dass sie traf. Und behalte sie so in Erinnerung, wie sie Dir immer am liebsten war.

Betroffene Grüsse von BM

Hallo Pirat,

vorab, ich finde es sehr schön, daß Du als Titel deines Postings Miriams Namen gewählt hast!

Das ist verdammt viel, was da jetzt in Dir tobt. Erst mal kann man es schlicht nicht fassen, daß jemand, der zum eigenen Leben gehörte plötzlich weg ist. Das ist ist sogar so, wenn man diesen Menschen während einer schweren Krankheit begleitet hat und wußte, daß er sterben wird. Selbst dann fühlt es sich unerwartet an. Jemand geht aus der Tür und man weiß, er/sie kommt morgen wieder. Und dann kommt er/sie eben nicht wieder, niemals mehr. Das fassen zu können ist beinahe unmöglich. Man lernt mit der Zeit damit zu leben, aber es bleibt immer irgendwie eine „Begreifenslücke“.

Wenn dieser Mensch dann aber auch noch selbst gewählt hat zu sterben, gehen einem noch viel mehr Gedanken und Gefühle durch den Kopf und teilweise durch den ganzen Körper. Man fühlt sich betrogen. Warum hat Miriam sich nicht anvertraut? Man hätte doch für sie da sein können? War man ihr so unwichtig? Welche Bedeutung hatte man überhaupt für sie, daß sie einen (und letztlich ja alle) so ausgeklammert hat.

Dann kommen dazu die vielen Gedanken dazu, ob man denn nicht hätte merken müssen, daß mit Miriam etwas nicht stimmt. Hätte man helfen können, etwas sagen oder tun? Hat man an irgendeiner Stelle etwas versäumt, falsch reagiert oder falsch gemacht?

Und schließlich die Überlegungen, wie es wohl in ihr ausgesehen haben muß, daß sie zu einem so drastischen Mittel gegriffen hat. Hat sie vielleicht eine Diagnose bekommen, die sie so hat verzweifeln lassen, daß sie den Tod vorzog, vor einer Konfrontation damit? Und verdammt, man wird es nie wirklich erfahren, weil sie einem nie mehr antworten wird.

Wut, Traurigkeit und Mitgefühl können einen schier zerreißen wenn sich jemand, den man kennt, umgebracht hat.

Versuche unbedingt mit anderen darüber zu reden. Es ist gut und wichtig, das was man fühlt in Worte zu fassen und den Kummer auszudrücken. Wenn Die Menschen in Deiner Umgebung das nicht können, dann scheue Dich nicht mit anderen Betroffenen Kontakt aufzunehmen. Du bist ja im Internet sehr versiert und wirst sicher auch hier Menschen antreffen, aber ich glaube, so etwas braucht auch persönlichen Kontakt.

Es gab eine Zeit, da habe ich in meinem Job immer die Suizide ans Telefon bekommen, d.h. natürlich die Hinterbliebenen. Das hat mich über eine lange Zeit sehr bedrückt, weil es für mich persönlich noch etwas anderes ist, wenn Menschen „einfach“ sterben oder ihrem Leben selbst ein Ende setzen. Ich fand mich dann oft wieder in den Vorstellungen, wie es in ihnen ausgesehen haben muß, daß sie dazu fähig waren, wie einsam, verzweifelt oder krank sie gewesen sein müssen. Heute kann ich damit besser umgehen und da Du bereits Deine Großeltern loslassen mußtest, wirst Du vielleicht verstehen, daß ich dennoch eine 95-jährige, die einfach mit dem Leben fertig, ist einer 35-jährigen vorziehe, die, aus welchen Gründen auch immer beschließt, daß der Tod für sie besser ist als da Leben. Nun, meist kann ich es mir nicht aussuchen…

Es wird dauern, aber es kommt die Zeit, da kannst Du auf das Geschehen zurückblicken, ohne, daß es Dich zerreißt. Wenn Deine Wut etwas nachgelassen hast, kannst Du vielleicht damit beginnen, Dich an die guten Dinge, Gespräche und Situationen zu erinnern, die Du mit Miriam hattest. Denn die sind unvergänglich.

Ich wünsch Dir und auch allen anderen, die mit Miriam zu tun hatten und sie somit verloren haben von Herzen ganz viel Kraft.

Avera