Mitgefühl mit einer 'Rolle'

Hallo!

Ein (objektiv betrachtet wahrscheinlich sehr albernes) "Problem beschäftigt mich schon den ganzen Tag:
Gestern wurde Kate, eine der Hauptfiguren der Fernsehserie NCIS, erschossen. Ich hatte diese Figur sehr gern, sie passte super in das Team, hatte sichtbare Ecken und Kanten, Humor, Ernsthaftigkeit usw. Nun wollte diese Schauspielerin halt aussteigen, weil sie schwanger ist und anschließend neue Projekte in Angriff nehmen will.
Punktum: Es nimmt mich sehr mit. Mich nimmt nicht mit, dass die Schauspielerin ein anderes Leben führen will, sondern dass diese Figur erschossen wurde. Ich saß noch minutenlang vorm TV und konnte es nicht fassen. Noch heute mache ich mir Gedanken: Was denken die Kollegen? Was ist mit der Familie? Wie reagiert der Chef? usw. In dem Moment müsste ich mir doch denken „Halt, Stopp, das ist nur eine Serie, eine Rolle, nachdem die Kamera aus ist, fallen sich alle in die Arme und lachen herzhaft“. Aber es deprimiert mich trotzdem.
Ähnliches hatte ich schon bei manchen Figuren aus Büchern. Ich erinnere mich an eines, da sprang ein kleiner Junge von der Brücke, weil seine Eltern ihm nicht erlaubten zu tanzen. Ich habe zwei Tage lang nur geweint. Ich fand das so entsetzlich.
Mittlerweile fällt es mir schwerer, mich dermaßen an oder in die Figuren zu denken, aber hin und wieder passiert es. Diese Bücher und Serien sind immer die besten, aber sie können einem so schockieren…

Also, lange Rede, kurzer Sinn: Woher kommt diese Identifikation mit Rollen oder fiktiven Figuren? Was in uns entscheidet, ob wir sie an uns heran lassen oder ob ich es mit einem Schulterzucken hinnehme, dass jetzt einer von Harry Potter stirbt oder jemand bei GZSZ aussteigt!? Ist diese „Verzweiflung“ normal oder sollte ich mir Gedanken machen, mich nicht mehr so sehr auf diese Figuren einzulassen?!

Liebe Grüße,
die Lidscha

Spiegel-Neurone
Hallo Lidscha,

der aktuell Stand der Hirnforschung sagt, dass es sich dabei um sog. Spiegel-Neurone (Spiegelzellen) handelt, die in uns das vollständige Verhalten eines anderen Menschen in entsprechenden Hirnarealen vorspiegeln und damit auch dessen Gefühle nachfühlen lassen.

Eine Sendung des SWR dazu:

http://www.swr.de/swr2/sendungen/wissen-aula/archiv/…

http://mp3.swr.de/swr2/aula/swr2_aula_8106_kleine_ze… (zum Hören)

Gruß

Stefan

Hallo!

Lidscha!
mir ist um kate auch sehr leid…sie hat eine sehr nette note in die serie gebracht…
mvg
gerhard

Salü Stefan,

lässt sich mit den Spiegelneuronen erklären, warum man sich nur mit bestimmten Menschen identifiziert und nicht mit allen? Warum ist man nur bei bestimmten Personen, deren Leid man sieht, traurig und nicht bei allen?

Liebe Grüße

Nimrodel

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hallo Lidscha,
ich könnte mir denken, daß die Personen/Rollen, mit denen Du Dich identifizierst, etwas mit Dir selbst zu tun haben könnten, auf irgendeiner Ebene „Dich“ darstellen oder Dich so, wie Du Dich selbst verstehst, gern sehen wolltest; oder etwas von Dir zeigen (aus Deinem Leben), das sehr prägend war für Dich. Darum identifizierst Du Dich mit manchen Figuren mehr als mit anderen.
Zum Beispiel, der Kummer und die Verzweiflung des kleinen Jungen rührt an etwas in Deiner eigenen Vergangenheit, lange vergessen, wo auch Du nicht tun durftest, was Du am liebsten von allen Dingen auf der Welt getan hättest … Du lebst manche Bereiche in Dir vielleicht sozusagen durch Stellvertreter aus?
Dann wäre der Tod einer Figur viel mehr als ein Film in seiner Bedeutung für Dich.
Gruß, I.

Hai, Lidscha,

das ist völlig normal.
Mitleid, überhaupt emotionale Beteiligung, ist ja eigentlich dazu da, damit wir den Zusammenhalt mit unserem Rudel bewahren können. Unser Rudel sind dabei alle Personen, mit denen wir häufig zu tun haben - je häufiger, desto Rudel. Ist ja auch logisch, denn als sich unsere sozialen Gefühle entwickelten (Mitleid), zogen wir ja noch in kleinen Grüppchen in der Gegend rum.
Wenn wir jetzt regelmäßig eine Person sehen, dann bastelt unser etwas urzeitlicher Instinkt daraus eine „Rudelzugehörigkeit“ - und für diesen Instinkt gibt es keine Unterscheidung zwischen virtuellen und echten Personen. Wenn nun eine Person, die unser Instinkt zum Rudelmitglied erhoben hat, stirbt, dann wirft eben dieser Instinkt die ganze emotionelle Palette an, die eigentlich dafür sorgen soll, daß wir auch im Trauerfall mit dem Restrudel zusammenhalten…
…und wir sind traurig über den Tod einer Person, die eigentlich gar keine Person ist und auch nicht tot.

Gruß
Sibylle
(die Kates Tod auch noch extra-gemein findet - spielt Kugelfang für ihren Chef, kommt davon, nur um dann doch über den Haufen geschossen zu werden. Fies.)

Danke, ich bin normal… ;o)
Hallo!

Danke für die Antworten, für die neurophysiologischen (heißt das so?) und die pyschologischen! Jetzt bin ich schlauer und weiß: Ich bin normal ;o)

Der Tod dieser Rolle „Kate“ scheint wirklich viele mitgenommen zu haben. Man liest überall davon und hört auch viel in seinem Umfeld. Eigentlich kann man den Machern dieser Serie nur dazu gratulieren, eine so realistische Rolle geschaffen zu haben. Ich wäre auch sehr traurig gewesen, wenn eine andere der Figuren erschossen wurden wäre. Bei dieser Serie stimmt halt alles und man lernt nicht nur viel über Kriminologie, sondern (extern) auch noch über Psychologie… ;o)

Grüße,
die Lidscha,
die jetzt so langsam drüber weg ist

Grüße,

Ja lässt es. Da ich aber auch nur auf etwas besserem Halbwissen meine Thesen baue mit Vorsicht genießen:
Es gibt Reize, die automatisch SN feuern lassen: Futter/Gefahr/Motorik. Dann jedoch gibt es (und das soll angeblich Menschen von Tieren unterscheiden) eine sehr ausdifferenzierte Abstufung bei „Charakterbewertungen“… Im Prinzip sowas wie Freund/Feind einteilung oder Gut/Böse. Und nur wenn eine Person/Figur überwiegend Gut/Freund ist, werden auch Zuneigung, Trauer bzw. Mitleid möglich.

Wohl kaum jemand würde in einem Krimi dem Serienkiller nachweinen der vom Auto überfahren wird, aber der engagierten Powerdetektivin mit einem verstauchten Knöchel wird Mitgefühl entgegengebracht.

Ob diese Spiegelneuronen wirklich solche Alles-Erklärer sind, wie sie derzeit dargestellt werden, muss sich noch zeigen.

gruß
jartul

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Spiegel-Neurone - noch viel Forschung nötig!

Hallo Lidscha,

der aktuell Stand der Hirnforschung sagt, dass es sich dabei
um sog. Spiegel-Neurone (Spiegelzellen) handelt, die in uns
das vollständige Verhalten eines anderen Menschen in
entsprechenden Hirnarealen vorspiegeln und damit auch dessen
Gefühle nachfühlen lassen.

Hallo,

leider sind die Berichterstattungen zu dem Thema zu optimistisch. Die Spiegelneurone zeigen Reaktionen bei eigenen aktiven der Durchführung von willkürmotorischen Hand-Objekt-Interaktionen (z.B. Greifen nach Gegenständen) als auch, wenn diese mit Einschränkungen bei anderen zumindest ähnlichen Organismen beobachtet werden. Weiter werden sie aktiv beim Hören von typischen Handlungsgeräuschen.
Alles weitere wird derzeit zwar diskutiert, allerdings fehlen wissenschaftliche Belege für die Annahmen, dass ein „Hineinversetzen“ in andere Menschen möglich sei durch diese Spiegelneuronenaktivierungen.

Der Blätterwald rauscht und alle wollen jetzt damit verdienen - dass keiner so genau weiss, welche wissenschaftlichen Ergebnisse vorliegen, hilft dabei den Publizisten… so kommen die Spiegelneurone auch in die Brigitte, es werden Lebensratgeber geschrieben etc.

Eine Sendung des SWR dazu:
http://www.swr.de/swr2/sendungen/wissen-aula/archiv/…

Leider hat man es versäumt, die vom Interviewpartner gemachten Angaben zu überprüfen; beispielsweise wurden die Spiegelneurone nicht von Rizzolatti entdeckt und das meiste Funktionelle, was er behauptet, steht nicht auf wissenschaftlichen Belegen.

Schade, bestätigt aber das oben gesagte.

Viele Grüße,
Mr. Hyde

4 „Gefällt mir“

Salü Stefan,

lässt sich mit den Spiegelneuronen erklären, warum man sich
nur mit bestimmten Menschen identifiziert und nicht mit allen?
Warum ist man nur bei bestimmten Personen, deren Leid man
sieht, traurig und nicht bei allen?

Liebe Grüße

Nimrodel

Grüße,

Hallo,

Ja lässt es.

Nein, tut es nicht. Spiegelneuronenaktivierungen sind nicht steuerbar durch andere Hirnareale.

Da ich aber auch nur auf etwas besserem
Halbwissen meine Thesen baue mit Vorsicht genießen:
Es gibt Reize, die automatisch SN feuern lassen:

Falls Du mit „SN“ die Spiegelneurone meinen solltest: Leider ist alles unrichtig, was Du schreibst. Eine Reaktion der Spiegelneurone wird dann beobachtbar, wenn eine eigene Hand-Objekt-Interaktion aktiv durchgeführt wird, als auch, wenn diese bei anderen beobachtet wird. Es gibt keine Reaktionen beim Ansehen von Gegenständen, insbesondere Nahrung, oder anderen Reizen wie Gefahr.

Mich würde interessieren, wo Du Deine Infos herbekommen hast.

Viele Grüße,
Mr. Hyde

Futter/Gefahr/Motorik. Dann jedoch gibt es (und das soll
angeblich Menschen von Tieren unterscheiden) eine sehr
ausdifferenzierte Abstufung bei „Charakterbewertungen“… Im
Prinzip sowas wie Freund/Feind einteilung oder Gut/Böse. Und
nur wenn eine Person/Figur überwiegend Gut/Freund ist, werden
auch Zuneigung, Trauer bzw. Mitleid möglich.

Wohl kaum jemand würde in einem Krimi dem Serienkiller
nachweinen der vom Auto überfahren wird, aber der engagierten
Powerdetektivin mit einem verstauchten Knöchel wird Mitgefühl
entgegengebracht.

Ob diese Spiegelneuronen wirklich solche Alles-Erklärer sind,
wie sie derzeit dargestellt werden, muss sich noch zeigen.

gruß
jartul

3 „Gefällt mir“

Salü Mr Hyde,

verstehe ich dich richtig, dass die Spiegelneuronen gar nichts mit Gefühlen zu tun haben, sondern mit Handbewegungen???

Liebe Grüsse

Nimrodel

Salü Mr Hyde,

Salü Nimrodel,

verstehe ich dich richtig, dass die Spiegelneuronen gar nichts
mit Gefühlen zu tun haben, sondern mit Handbewegungen???

Ja, so banal es klingen mag. Allerdings fand sich in diesen Neuronen zum ersten Mal eine neurophysiologische Grundlage der Abbildung fremder Bewegungen in Deckung mit eigenen - also einer Identifizierung und Zuordnung von Reizen. Wichtig ist hierbei, dass die Neurone nicht eta bei einer (eigenen oder beobachteten) einzelnen Bewegung reagieren, sondern nur bei einer ganzen Handlung, die aus mehreren Einzelbewegungen besteht und mit der Interaktion eines Gegenstandes zu tun hat.

Die Forschung untersucht derzeit, welche Funktionen diese Neuronen noch haben könnten und aus der „banalen“ Übereinstimmung von Aktivierungen bei eigenen und fremden Handbewegungen wurde im Blätterwald eben das „Hineinversetzen“ in andere Personen. Tatsächlich existiert eine Sprachtheorie, die derartiges als eine Grundlage von Sprache annimmt - allerdings gibt es hierfür keine Nachweise, wie die Autoren selber zugeben. Die Forscher meinen, dass während der Evolution des Menschen aus der Spiegelneuronenaktivität eine Grundlage für das Verständnis fremder Handbewegungen entstehen konnte, die sich dann immer mehr in Richtung einer Lautäusserung entwickelt habe. Weitere Forschung untersucht die Aktivierung der Spiegelneurone bei psychischen Erkrankungen und stellt dort Unregelmässigkeiten fest - allerdings steht die Wissenschaft noch so weit am Anfang, dass man nicht schreiben könnte, diese Neuronen seien der Mechanismus für Empathie.

Ich hoffe mal, dass war jetzt nicht zu viel an Infos für eine kurze Frage und ich habe keinen gelangweilt :wink:

Liebe Grüsse

Nimrodel

Viele Grüße,
Mr. Hyde

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Hallo Mr. Hyde,

lieben Dank für deine ausführliche Erklärung. Die Sache mit den Spiegelneuronen ist wohl doch etwas komplizierter als ich dachte.

Liebe Grüsse

Nimrodel