Mittelalter-Bezeichnung

Hallo.

Seit wann gibt es die Bezeichnung ‚Mittelalter‘?

Bestimmt nicht haben die Menschen, die damals im Mittelalter lebten gesagt „…wir leben im Mittelalter“. Dieser Begriff muss also viel später aufgekommen sein.

Und wovon ist denn das Mittelalter die ‚Mitte‘?
Da die Jahre ja auch fortschreiten, rutscht diese ‚Mitte‘ doch auch immer nach ‚hinten‘, oder?

Wer kann dazu Genaues sagen?

☼ Markuss ☼

Hallo Markuss,

Seit wann gibt es die Bezeichnung ‚Mittelalter‘?

Bestimmt nicht haben die Menschen, die damals im Mittelalter
lebten gesagt „…wir leben im Mittelalter“. Dieser Begriff
muss also viel später aufgekommen sein.

… so viel später nicht. Wahrscheinlich war der italienische Humanist Flavio Biondo (1388-163) der erste, der den Begriff ‚medium aevum‘ verwendete.

Freundliche Grüße,
Ralf

Hallo Markus,

Und wovon ist denn das Mittelalter die ‚Mitte‘?

mit dem Ende der Antike begann das Mittelalter (so um 500, aber da gibt es einiges +/-).
Nach dem Mittelalter begann dann die Neuzeit mit der Renaissance so um 1500.

Gandalf

Soweit ich weiß, verwendete Lorenzo Valla die Bezeichnung
„Mittelalter“, ich weiß nicht in welcher Sprache, als erster.

Hallo.

Seit wann gibt es die Bezeichnung ‚Mittelalter‘?

Die genaue Bezeichnung „Mittelalter“ (als Wort) wird wohl erstmals 1767 erwähnt.
Aber bereits vorher gab es ähnliche Bezeichnungen:
„Historia Medii Aevi“ (1688) durch Cellarius und
„Historie der mittleren Zeiten als ein Licht aus der Finsternis“ (1725) durch Löscher.
Aber die Idee, den Begriff dahinter gab es schon länger.

Zu Flavio Biondo kann ich nichts sagen; in der Renaissance mit ihrem Bezug zur Antike sollte der Abstand zu den ‚dazwischen‘-liegenden Jahrhunderten deutlich gemacht werden, erst da kann die Begrifflichkeit entstanden sein. Möglicherweise hatte er als früher Vertreter bereits eine solche Vorstellung: http://de.wikipedia.org/wiki/Flavio_Biondo

Und wovon ist denn das Mittelalter die ‚Mitte‘?

Auf Cellarius (Hallenser Prof. Christoph Keller, 1634 -1707) ist übrigens die Popularität der bereits angedeuteten Dreiteilung der Geschichte zurückzuführen („Historia Antiqua“ (1685), “Historie Nova” (1696)). Vorher gab es die Einteilungen in die 6 Weltzeitalter oder in die 4 Weltreiche.

Daniel

Aus dem Duden :

„Mittelalter“ , in der heutigen Bedeutung : „Zeitraum zwischen Altertum und Neuzeit“ als Lehnübersetzung von lat. medium aevum.

Diese Bezeichnung für diesen Abschnitt der Geschichte wird wohl bleiben.

mfgConrad

Soweit ich weiß, verwendete Lorenzo Valla die Bezeichnung
„Mittelalter“, ich weiß nicht in welcher Sprache, als erster.

Das dürfte dann ggf. ebenfalls Latein gewesen sein. Für Valla (1405-1457) wüsste ich allerdings keinen Beleg. Bei Biondo (1388-1463) taucht das Konzept in seiner ‚Historiarum ab inclinatione Romanorum imperii decades‘ auf, die ab 1439 verfasst wurde. Leonardo Bruni (1370-1444) soll den Begriff von Biondo in seiner ‚Historiae Florentini Populae‘ von 1442 übernommen haben. Das Buch wird als erstes Werk moderner Geschichtsschreibung gerühmt. Da Biondos ‚Historiarum decades‘ allerdings erst 1453 abgeschlossen und 1483 veröffentlicht wurde, ist die Urheberschaft des Begriffs - ob Biondo oder Bruni - nicht zweifelsfrei geklärt.

Begriffsgeschichtlich hatte Biondo/Brunis ‚medium aevum‘ bereits einen Vorläufer in Petrarcas (1304-1374) ‚dunklem Zeitalter‘, das dieser vom klassischen Zeitalter unterschied (also noch eine Zweiteilung). Schon um die Mitte des Quattrocento hatte man jedenfalls in Italien die Empfindung eines Paradigmenwechsels, eines hereinbrechenden neuen Zeitalters, das sich auf die klassische Antike bezog und die Jahrhunderte nach deren Untergang als Episode begriff, als eine Zwischenzeit oder ein ‚Mittelalter‘.

Freundliche Grüße,
Ralf

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MEDIUM AEVUM - das mittlere Zeitalter
Zu deiner 1. Frage:
Der Begriff Mittelalter (500 bis 1500) wurde in der Form MEDIUM AEVUM
(mittleres Zeitalter) im 14. Jahrhundert von italienischen Humanisten
eingeführt, die damit auch das Verständnis der eigenen Epoche als
Epoche der Wiedergeburt (Renaissance) begründeten. Das MITTELALTER
bildet die MITTE zwischen ALTERTUM und NEUZEIT.

Zu deiner 2. Frage:
Beginn und Ende des Mittelalters

Ereignisse, welche das Ende der Antike bzw. den Beginn des
Mittelalters* markieren

242 starb in Alexandria der Philosoph Ammonios Sakkas. Er hatte
seinen Neuplatonismus in Alexandria (Ägypten), der bedeutendsten
griechisch-römischen Universität gelehrt. Weil Ammonios aber nichts
Schriftliches hinterliess, gilt sein Schüler Plotin (um 205 – 270),
auch ein Ägypter, als der eigentliche Erschaffer dieses letzten
grossen Systems der antiken Philosophie. Der N. basiert auf den
Lehren Platons, deutet Platon aber vielfach anders, als dieser sich
selbst verstanden haben dürfte. Insbesondere bereitet er das
Christentum vor, indem er lehrt, einen Text geistig zu verstehen; die
sichtbare Welt ist Abbild einer geistigen Welt.
312 liess sich der römische Kaiser Konstantin christlich taufen; das
Christentum wurde privilegiert, später Staatsreligion – mit
öffentlichen Verwaltungsaufgaben. *
317 wurde an der Synode von Karthago (Tunesien) der Kanon der
biblischen Schriften beschlossen. *
325 beschloss das Konzil von Nicäa (bei Konstantinopel) unter Kaiser
Konstantin das erste christliche Glaubensbekenntnis. *
375 wanderten germanische Stämme, die vor den Hunnen flohen, ins
Römische Reich ein; die Einwanderung hatte bereits um 200 eingesetzt.
*
393 fanden in Griechenland die letzten Olympischen Spiele der Antike
statt. +
395 entstand ein geteiltes Römisches Reich unter einem West- und
einem Ostkaiser. *
400 ca. entstand (wohl in Rom) die älteste bekannte Bibel als Buch
(Quedlinburger Itala-Fragmente); Bücher ersetzten die antiken
Schriftrollen. *
401 beendete Augustinus sein Hauptwerk DE TRINITATE. Seine Erfindung
der Dreieinigkeit ist nochmals eine Anknüpfung an die griechisch-
antike-neuplatonische Philosophie. Einige Historiker und Theologen
vertreten Ansicht, dass Augustinus bei der Entwicklung seiner Lehren
stark vom Manichäismus und Neuplatonismus beeinflusst war und viele
seiner Ideen biblisch nicht haltbar seien. Augustinus fand den Weg
von der Philosophie zur Theologie, einer Theologie der Gnade. Damit
war er massgeblich an der inneren Ausrichtung der christlichen Kirche
beteiligt.
406 fielen die germanischen Vandalen ins weströmische Gallien ein. *
415 wurde die antike neuplatonische Philosophin Hypatia in Alexandria
(Ägypten) von Christen gesteinigt. *
431 erhob das Konzil zu Nicäa Maria zur Gottesgebärerin; Nestorius,
der Patriarch von Konstantinopel, erhob heftigen Widerspruch, da es
sich dabei um eine heidnische Muttergöttin handle (dass Maria durch
Gott statt durch einen Menschen schwanger geworden sei, störte ihn
offenbar nicht) und spaltete sich mit seinen Anhängern ab.
439 eroberten die Vandalen unter König Geiserich Karthago (Tunesien)
und begründeten in der Folge das Vandalenreich, welches sich zu einer
Seemacht entwickelte – als einziges der germanischen Reiche; 455
plünderten die Vandalen Rom. *
445 verlieh der weströmische Kaiser Valentinian III. den Erlassen von
Papst Leo I. Gesetzeskraft; Leo I. übernahm vom römischen Kaiser den
Titel PONTIFEX MAXIMUS; der Primat der Kirche bzw. des Papstes war
erreicht. *
452 wurde das Baptisterium im oströmischen Ravenna beendet (für
Massentaufen); frühchristliche Mosaiken. *
476 wurde der weströmische Kaiser Romulus Augustulus durch Odoaker,
einen römischen Offizier (MAGISTER MILITUM) germanischer Abstammung,
abgesetzt; Odoaker behielt die zentralen Verwaltungsstrukturen und
die römischen Gesetze bei. +
480 starb mit Julius Nepos der letzte weströmische Kaiser; Ende des
weströmischen Kaisertums. +
483 San Stefano Rotondo in Rom beendet – ein Zentralbau im antiken
Stil. +
498 liess sich der Frankenkönigs Chlodwig I. christlich taufen; seine
Franken mussten sich auch taufen lassen. *

500 ca. endet die Antike bzw. beginnt das Mittelalter; Übergangsphase

  • – 70 Jahre

500 bis 550 entstanden in Ravenna, der Hauptstadt Ostroms,
frühchristliche (also mittelalterliche) Kirchen mit prächtigen
Mosaiken. *
500 Dionysius Areopagita aus Syrien verband erstmals das Christentum
mit neuplatonischer Philosophie und hatte damit grossen Einfluss auf
die Mystiker des Mittelalters. *
502 endete die antike Friedensperiode zwischen West- und Ostrom; sie
hatte seit 387 weitgehend gehalten, nicht zuletzt wegen des
gemeinsamen Kampfes gegen die Vandalen. +
528 bis 534 liess Justinian I. das sog. Römische Recht ausarbeiten. *
529 schloss Justinian I. in Athen die Platonische Akademie und
beendete damit die antike neuplatonische Tradition; 524 war mit
Boëthius der letzte Philosoph der Antike gestorben. +
529 schrieb Benedikt im Kloster von Monte Cassino (1. Kloster der
Benediktiner) die nach ihm benannte Mönchsregel vor; vor allem die
Benediktiner verbreiteten das Christentum in Westeuropa; die Klöster
wurden die neuen Kulturträger. *
534 zerschlug der oströmische Feldherr Belisar das Vandalenreich. +
541 bis 544 wütete im Mittelmeerraum eine Pandemie, wahrscheinlich
die Beulenpest; 25% Tote. +
557 und 570 brach die Pest erneut aus. +
565 starb der oströmische Kaiser Justinian I.; seine Regierungszeit
bildete eine Brücke zwischen oströmischer und byzantinischer
Tradition, somit zwischen Antike und Mittelalter; die germanischen
Einwanderer blieben bis 568 Untertanen der oströmischen Kaiser. +
568 fielen die Germanen unter dem Langobarden-König Alboin in
Norditalien ein; damit endete die Antike. +
586 entstand das Rabula-Evangeliar – als Buch, mit frühbyzantinischer
(mittelalterlicher) Illumination; unverkennbar islamischer Einfluss.
*
590 bis 604 war Gregor I. Papst; er schrieb den Titel „Papst“ für den
Bischof von Rom vor. *
591 setzte man in fränkischen Kirchen erstmals Fenster aus Glas ein.
*
600 bis 732 breiteten sich die Araber und damit die islamische Kultur
von der arabischen Halbinsel ins ehemalige Römische Reich aus – nach
Nordafrika, Spanien, Palästina, Syrien und Persien. *
622 flüchtete Mohammed von Mekka nach Medina (Saudi-Arabien); von
hier breitete sich der Islam im Mittelmeerraum aus; das Christentum
empfand die neue Religion als Bedrohung. Die islamische Kultur hatte
im Mittelalter im christlichen Europa einen dominanten und prägenden
Einfluss. *
732 drängte der fränkische Hausmeier Karl Martell die Araber mit
Panzerreitern hinter die Pyrenäen zurück; seine Panzerreiter waren
die Vorläufer der Ritter; in Spanien entwickelten die Araber eine
hoch stehende mittelalterliche Kultur. *
760 wurden römische Gesänge ins Frankenreich importiert und dort zum
mittelalterlichen „Gregorianischen Choral“ umgeformt (Pentatonik,
ohne Metrum). *
1212 begann die Verdrängung der Araber aus Spanien; die Prägung durch
die islamische Kultur blieb weit gehend erhalten.

Ereignisse, welche das Ende des Mittelalters (+ Kreuz) bzw. den
Beginn der Neuzeit (Stern*) markieren:

Im Mittelalter etabliert die christliche Kirche alles durchdringende
Machtstrukturen; ihre Wissenschaftsfeindlichkeit richtet sich vor
allem gegen das griechisch-antike Weltbild. Dieses wird abgelöst
durch den Einfluss der in fast allen Bereichen hoch überlegenen
islamischen Kultur. Erst die Reformation stellt die Vormachtstellung
der päpstlichen Kirche in Frage und leitet damit endgültig die
Neuzeit ein.

1321 beendete Dante in Florenz seine DIVINA COMMEDIA; er wollte dem
allgegenwärtigen Korans (Himmelfahrt Mohammeds) etwas Gleichwertiges
entgegensetzen.
1450 ca. entwickelte Gutenberg den Buchdruck mit Lettern. *
1453 eroberten die Byzantiner Konstantinopel (heute: Istanbul) und
damit das osmanische Reich, was in Westeuropa als VERLUST des letzten
„antiken“ Reiches empfunden wurde (Ende der Antike um 500!).
Auswanderer und Flüchtlinge aus dem osmanischen Reich prägten mit
ihrer islamischen Kultur das christliche Europa; sie begründeten die
Renaissance mit. *
1470 erreichten portugiesische Seefahrer Guinea in Südamerika. *
1474 beendete Ficino aus Florenz seine neuplatonische THEOLOGIA
PLATONICA, welche die Unsterblichkeit der Seele beweisen sowie
Christentum und platonische Philosophie in Einklang bringen soll.
Wiederbelebung des Neuplatonismus, Wiedergeburt des antiken Geistes =
Renaissance. *
1480 besetzten osmanische Auswanderer Otranto (Italien) und
kontrollierten damit die Ausfahrt der Adria. *
1483 ereichten portugiesische Seefahrer Angola in Afrika. *
1484 wurde Maximilian I, „der letzte Ritter“, zum „REX ROMANORUM“
bestimmt. *(Anspruch auf die Nachfolge der antiken römischen
Cäsaren.)
1486 liess Papst Innozenz VIII. 13 von 900 neuplatonischen Thesen von
Pico de Mirandola als häretisch erklären, worauf Pico nach Frankreich
fliehen musste.
1492 kapitulierte der letzte arabische Herrscher in Spanien. *
1492 landete Kolumbus in Nordamerika. *(Die Handelsrouten im
osmanischen Reich waren blockiert; die Suche nach „neuen“ Seewegen
wurde fortgesetzt.)
1494 begann in Westeuropa die wirtschaftliche Dominanz der Fugger aus
Augsburg. *
1497 beendete Leonardo das „Abendmahl“. *(Frühe Anwendung der
Zentralperspektive.)
1498 beendete Dürer in Venedig sein Selbstporträt (mit offener
Landschaft). *
1498 wurde Michelangelos „David“ in Florenz aufgestellt. *(Ziel: Die
antike griechische Bildhauerkunst sollte wieder erreicht bzw.
übertroffen werden.)

1500 endet das Mittelalter und beginnt die Neuzeit; Übergangsperiode

  • – 25 Jahre

1508 begann der Aufstieg der Fugger zur wirtschaftlichen Weltmacht
(Petersdom, Ablasshandel, päpstliches Münzregal). *(Erste
weltumspannende Handelsgesellschaften.)
1508 krönte sich Maximilian I. in Rom zum deutschen Kaiser. *
(Anspruch auf die Nachfolge der antiken römischen Cäsaren.)
1512 beendete Michelangelo die Decke der Sixtinischen Kapelle. *
1513 beendete Raffael die „Sixtinische Madonna“. *
1513 wurde Leo X., ein Medici, Papst, ein Dreizehnjähriger - ohne
Priesterweihe. (Auch von der Kirche wurde offenbar der Anspruch auf
die Wiedererrichtung des antiken römischen Kaisertums betont.)
1515 ca. beendete Grünewald den Isenheimer Altar in Colmar. *
1515 wurde François I. König von Frankreich *(Begründung des
Absolutismus.)
1516 beendete der Venezianer Tizian das Riesengemälde „Mariae
Himmelfahrt“. *
1517 begann die Dominanz des Florentiner Clans der Medici in
Westeuropa. *
1517 publizierte Luther in Wittenberg seine Disputationsthesen. *
(Ziel: Wiederbelebung des Christentums der Spätantike.)
1530 wurde Karl V. von Papst Clemens VII. in Bologna zum Kaiser
gekrönt; dies war die letzte Krönung eines Kaisers des Heiligen
Römischen Reichs durch den Papst; die absolutistischen Kaiser der
Neuzeit betrachteten sich als Herrscher von Gottes Gnaden, nicht von
Papstes Gnaden. *

Der Beginn der Neuzeit wird im Wesentlichen durch Versuche, die
(neuplatonische) Antike wieder zu beleben, charakterisiert. Die
mittelalterlichen christlichen Machtstrukturen wurden nun als
Behinderung des Fortschritts wahrgenommen. Die Rückbesinnung auf die
Antike hingegen wurde empfunden als Wiedergeburt bzw. Renaissance.
© Rolf Oberhaensli Lucerne