In heutiger NZZ steht eine ausführliche Kritik von Hans Mommsen zu neuem Band der „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ von Hans-Ulrich Wehler. Eine höchstinteressante Lektüre.
Was mich u.a. interessieren würde, ist folgender Vorwurf des Kritikers eine Tendenz der aktuellen Geschichtsforschung oder subjektiver Standpunkt Wehlers? Vorausgesetzt es stimmt, aber so viel würde ich Mommsen schon glauben. 
„In der Rückkehr zu einer weitgehend Hitler-zentrischen Betrachtung und einer Unterordnung aller übrigen Kräfte liegt das zentrale Problem dieser sonst auf breiter Verarbeitung der einschlägigen Literatur beruhenden Gesamtdarstellung.“
http://www.nzz.ch/2003/11/01/li/page-article95PJE.html
Gruß
So gesehen ist die aktuelle Forschung wohl an Wehler spurlos vorbeigegangen.
Wie Mommsen im selben Artikel schreibt:
„Es ist schwer verständlich, warum Wehler die von der jüngeren Forschung herausgearbeitete Rolle der lokalen und regionalen Potentaten des Regimes übergeht, wie er überhaupt die Besatzungspolitik in den vom Reich besetzten Ländern und die sich dort vollziehende Eskalation der Gewalt gegen Juden, Slawen und andere ethnische Gruppen allenfalls am Rande erwähnt. …“
Einen guten Überblick über die unterschiedlichen Standpunkte und Kontroversen der Forschung zum Nationalsozialismus gibt:
Der NS-Staat von Ian Kershaw
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3499607964/qid…
Gruss
Armin
Hallo Armin!
Mich interessiert nicht der Stand von 1999 (Kershaw), sondern die aktuelle Entwicklung und die Position von Wehler in diesem Zusammenhang.
So gesehen ist die aktuelle Forschung wohl an Wehler spurlos
vorbeigegangen.
Das ist meine Frage, warum?
Gruß
Hi peet,
Also so schnell ändern sich die Meinungen (und Kontroversen) von Historikern auch nicht und da bietet Kershaws Buch, auch wenn es von 1999 ist, eben einen sehr guten Überblick.
So einfach ist die Frage nämlich nicht zu beantworten, auf der Seite
http://www.dejiny.sk/Whois/Nizn/Book3.htm findest du eine Zusammenfassung von:
EINIGE INTERPRETATIONEN DES FASCHISMUS IN DER BUNDESREPUBLIK
DEUTSCHLAND (1945-1990).
das dürfte dir verdeutlichen wie komplex sich das Thema eigentlich darstellt und wie lange es in diesem Bereich schon Kontroversen gibt.
Gruss
Armin
Hallo Armin,
in der Tat ein informativer Überblick. Die Kontroversen zwischen Mommsen und Wehler sind da schon offensichtlich. Für mich bleibt aber die Frage nicht gelöst.
Kershaw und Nižňanský gehören für mich bei allem Respekt nicht zu der deutschen Geschichtsforschung. Deren beiden Meinung ist klar und (wohl auch) richtig. Was denkt dazu aber die hiesige Zunft?
Wo liegt die Grenze zwischen Intentionalisten und Funktionalisten heute? Warum geniesst das neueste Buch von J.Fest seinen Erfolg? Warum geht derselbe Mommsen darauf nicht ein? Warum darf Fest seinen Hitlerzentrismus verbreiten? Warum rezensiert Mommsen mit ähnlichen milden kritischen Bemerkungen das Hitler-Buch vom WamS-Author Reuth und das Speer-Buch vom FAZ-Publizist Fest? Sind Wehler und die beiden zuletztgenannten für ihn auf selber Stufe? Warum ist die Historikerzunft so einig in sich? (z.B.: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/beitrag/inte…)
Viele Grüße