Mono- und Polytheismus

Mir ist im Zusammenhang mit der „Bilderverbotsdiskussion“, die ich im Themenbereich „Braucht der Mensch Religion“ scheinbar mit ausgelöst habe, ein Gedanke gekommen, zu dem mich Meinungen und Wissen sehr interessieren würden.

Ich kenne zwar bei Gott nicht alle Religionen dieser Welt, und wissen tu ich nur über wenige weniges. Aber wenn ich das, was ich zum Bilderverbot zu wissen glaube so betrachte, frage ich mich: Gibt es vielleicht einen „philosophischen“ oder „religionspädagogischen“ Grund dafür, warum in der am besten bekannten heutigen Form des Polytheismus, dem Hinduismus nämlich, bzw. bei den vielen Göttern der Griechen, keine „Bilderverbote“ vorhanden sind? Und warum, im Gegensatz dazu, die drei (bekanntesten) Formen des heutigen Monotheismus (Judentum, Christentum, Islam) dieses Verbot haben, auch wenn es unterschiedlich streng eingehalten wird?
Könnte die Erklärung sein, daß wenn „das Göttliche“ von vielen Göttern/innen verkörpert wird, nicht so sehr die Gefahr der Reduzierung des „Göttlich“ auf nur einen Aspekt seines „Wesens“ gegeben ist, wenn er sie mit einer bestimmten (äußerlichen) Eigenschaft dargestellt wird? Hingegen würde eine konkrete Abbildung oder Beschreibung des Göttlichen im Monotheismus wohl mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Einschränkung des Bewußtseins des Gläubigen führen, der dann unter Umständen glaubt, Gott ist nur so, und nicht anders. (Er ist zum Beispiel nur wie ein „alter Mann mit Rauschebart“.)
Ich sollte vielleicht hinzufügen, daß es mir hier vor allem um innerreligiöse Begründungen geht, und nicht so sehr um religionskritische.

Bin neugierig,

Barbara

Einfach aus dem hohlen Bauch eine Hypothese dazu:

Vielleicht sind die monotheistischen Religionen gerade wegen des Bilderverbots monotheistisch geblieben; oder anders formuliert:
Vielleicht haben nur diejenigen monotheistischen Religionen „überlebt“, die zusätzlich ein Bilderverbot kannten.

Begründung:
Sobald die Erstellung eines Abbildes einer Gottheit zulässig ist, wird es sehr schnell sehr verschiedene Abbilder geben, da jeder ja in dem von ihm erstellten Abbild andere Eigenschaften bzw. Vorstellungen einbringt. Gibt es aber erstmal sehr viele verschiedene Abbilder, wird es immer schwieriger, sie alle als einen einzigen Gott darstellend anzusehen.
Einige Abbildungen werden den Aspekt der Macht Gottes betonen, andere den der Liebe, oder der Fruchtbarkeit, der Gerechtigkeit… und schwupps verehrt man auf einmal einen Gott der Liebe, einen der Fruchtbarkeit, etc…

Ein verwandtes Phänomen scheint bei der Verehrung von Orten der Marienerscheinungen eine Rolle zu spielen. Obwohl es im Prinzip nur eine Maria geben kann/konnte, werden -zig verschiedene „Unsere liebe Frau von…“ verehrt, je nachdem, wo sie erschienen ist. Dabei spielen bei jeder etwas andere Aspekte eine dominierende Rolle. Aber ich glaube, das ist eine andere Frage. Fiel mir halt so spontan dazu ein.

Interessanter Gedanke
Ja find ich wirklich interessant, aber kannst du es dir andersherum auch vorstellen?

Barbara

Hallo Barbara
Zum Bilderverbot im AT: es geht hier nicht nur um einen Gott, der nicht dargestellt werden d a r f, sondern ebenso und vor allem auch um einen Gott, der nicht dargestellt werden k a n n. Denn JHWH (der Gott des AT) ist ein Gott, der sich im Unterschied zu darstellbaren Göttern nicht fassen lässt, nicht durch ein Bild definieren (fest-legen)lässt, der somit frei und transzendent bleibt. Wer nämlich ein Bild von Gott besitzt, macht Gott gewissermassen zum Skaven seiner Vorstellung und somit wäre Gott ja ein vom Menschen gemachter Gott (auch im ideellen Sinn).
Was Mensch und Gott verbindet ist alttestamentlich gesehen eindeutig eine Beziehung, die u.a. in der Aussage „Ich, JHWH, bin D E I N Gott“ ausgedrückt wird. Und eine Beziehung kann nur dann lebendig bleiben, wenn ich jeder Teil (Gott & Mensch) seine Freiheit und Verantwortung behält. Und diese wird eben durch das Bilderverbot zu sichern versucht.
Mit bestem Gruss: Lini

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo!
Hast du meinen Artikel „Du sollst dir kein Bildnis machen“ zum Thema „Braucht der Mensch Religion“ gelesen.Versteh ich dich falsch, oder sind unsere Meinungen dazu ziemlich ähnlich?
Allerdings frag ich mich schon, ob ein nicht darstellbarer Gott und eine Unmenge darstellbarer Götter (die ja viel komplexe Symbolik an sich haben, z.B. im Hinduismus) auf das Gleiche hinauslaufen - was die „Unfassbarkeit“ des Göttlichen betrifft. Was mein(s)t du/ihr?

Barbara

Hallo Barbara

Allerdings frag ich mich schon, ob ein nicht darstellbarer

Gott und eine Unmenge darstellbarer Götter (die ja viel
komplexe Symbolik an sich haben, z.B. im Hinduismus) auf das
Gleiche hinauslaufen - was die „Unfassbarkeit“ des Göttlichen
betrifft. Was mein(s)t du/ihr?

Tatsächlich kann man meinen, dass die unendlich vielen Gottesbilder einerseits und das eine bildlose Gottesbild andrerseits auf das Gleiche hinauslaufen. Das wird heute oft so gesehen.
Geht man jedoch vom alttestamentlichen Kontext aus, in dem diese damals einzigartige und neue Vorstellung erstmals auftritt, dann sehe ich jedoch trotzdem Unterschiede. Der eine Gott im AT sagt von sich selbst: „Ich bin, der ich bin.“ Das heisst doch anders gesagt: Gottist derjenige, der sich nicht fassen lässt, der Un-Fassbare, der selbst mit Worten Un-Beschreibbare, der Un-Vorstellbare, jedoch eben der, der da ist und "erlebbar"ist. Mit andern Worten: Gott kann nur als lebendiges Gegenüber erkannt werden, sozusagen von Angesicht zu Angesicht, nicht jedoch in der Rede über in. Sobald du Gott in irgend einer Weise , mit Bildern oder Worten fassen willst, hast du ihn fest-gelegt und in ein Korsett gedrückt.
Die jüdische Tradition geht deshalb sogar so weit, nicht einmal den Namen JHWH auszusprechen und ersetzt diesen durch den Namen „Adonaj“.
Diese Auffassung stellt jedoch eine sehr hohe Anforderung an den Menschen dar!
So kennt der Islam beispielsweise 99 verschiedene Namen für Allah, der 100. Name aber kennt nur Allah selbst. Ich denke, dieses Beispiel im Islam stellt den Versuch dar, mit diesem hohen Ideal unzugehen und irgendwie auch einen Kompromiss zwischen Unfassbarkeit Gottes und des Menschen Bedürfnis nach Fassbarkeit . Im Hinduismus gibt es bestimmt ähnliche „Mechanismen“.

Es ist also die Rede vom „Wissen u m Gott“ und nicht vom „Wissen
ü b e r Gott“. Es geht dem AT darum, Gott zu lieben und nicht primär darum Gott zu beschreiben.

Gruss:Lini

Hallo Lini!

Ich wollt eigentlich nicht schon wieder was schreiben, aber ich möchte nur sagen, daß du hier von einem/dem zentralen Aspekt des (jüdischen) Glaubens sprichst, der mir in meinem „konfessionslosen“ Glauben sehr wichtig ist. Und wie du davon sprichst find ich sehr schön.

Geht man jedoch vom alttestamentlichen Kontext aus, in dem
diese damals einzigartige und neue Vorstellung erstmals
auftritt, dann sehe ich jedoch trotzdem Unterschiede. Der eine
Gott im AT sagt von sich selbst: „Ich bin, der ich bin.“ Das
heisst doch anders gesagt: Gottist derjenige, der sich nicht
fassen lässt, der Un-Fassbare, der selbst mit Worten
Un-Beschreibbare, der Un-Vorstellbare, jedoch eben der, der da
ist und "erlebbar"ist. Mit andern Worten: Gott kann nur als
lebendiges Gegenüber erkannt werden, sozusagen von Angesicht
zu Angesicht, nicht jedoch in der Rede über in. Sobald du Gott
in irgend einer Weise , mit Bildern oder Worten fassen willst,
hast du ihn fest-gelegt und in ein Korsett gedrückt.
Die jüdische Tradition geht deshalb sogar so weit, nicht
einmal den Namen JHWH auszusprechen und ersetzt diesen durch
den Namen „Adonaj“.

Was heißt denn „Adonaj“?

Diese Auffassung stellt jedoch eine sehr hohe Anforderung an
den Menschen dar!

Ja, find ich auch.

So kennt der Islam beispielsweise 99 verschiedene Namen für
Allah, der 100. Name aber kennt nur Allah selbst. Ich denke,
dieses Beispiel im Islam stellt den Versuch dar, mit diesem
hohen Ideal unzugehen und irgendwie auch einen Kompromiss
zwischen Unfassbarkeit Gottes und des Menschen Bedürfnis nach
Fassbarkeit .

Weißt du zufällig, was „Allah“ bedeutet? Ich habe mal gehört es bedeutet sowas wie „Nichts“ - ist das richtig?

Gruß,

Barbara

Hallo Barbara

Zu deinen Fragen.
„Adonaj“ wird anstelle des Namens JHWH gestellt, der nicht ausgesprochen wird, um ihn (unter anderem) nicht zu missbrauchen.
„Adonaj“ heisst zwar übersetzt so etwas wie „Herr“, meint aber nicht, was wie das deutsche Wort anklingen lässt (Herrscher, Mann, König, Strenge…).
Eher ist mit dem Ausdruck die mütterliche Zuwendung Gottes gemeint (Beziehung,Fürsorge).

„Allah“ heisst schlicht Gott und ist wie das deutsche Wort „Gott“ neutral, d.h. nicht irgendwie gefüllt, interpretiert.

PS:„Gott“ heisst etymologisch gesehen etwa soviel wie
„Angerufen(er)“ .

Gruss:Lini

Hallo Lini!

Ich wollt eigentlich nicht schon wieder was schreiben, aber
ich möchte nur sagen, daß du hier von einem/dem zentralen
Aspekt des (jüdischen) Glaubens sprichst, der mir in meinem
„konfessionslosen“ Glauben sehr wichtig ist. Und wie du davon
sprichst find ich sehr schön.

Geht man jedoch vom alttestamentlichen Kontext aus, in dem
diese damals einzigartige und neue Vorstellung erstmals
auftritt, dann sehe ich jedoch trotzdem Unterschiede. Der eine
Gott im AT sagt von sich selbst: „Ich bin, der ich bin.“ Das
heisst doch anders gesagt: Gottist derjenige, der sich nicht
fassen lässt, der Un-Fassbare, der selbst mit Worten
Un-Beschreibbare, der Un-Vorstellbare, jedoch eben der, der da
ist und "erlebbar"ist. Mit andern Worten: Gott kann nur als
lebendiges Gegenüber erkannt werden, sozusagen von Angesicht
zu Angesicht, nicht jedoch in der Rede über in. Sobald du Gott
in irgend einer Weise , mit Bildern oder Worten fassen willst,
hast du ihn fest-gelegt und in ein Korsett gedrückt.
Die jüdische Tradition geht deshalb sogar so weit, nicht
einmal den Namen JHWH auszusprechen und ersetzt diesen durch
den Namen „Adonaj“.

Was heißt denn „Adonaj“?

Diese Auffassung stellt jedoch eine sehr hohe Anforderung an
den Menschen dar!

Ja, find ich auch.

So kennt der Islam beispielsweise 99 verschiedene Namen für
Allah, der 100. Name aber kennt nur Allah selbst. Ich denke,
dieses Beispiel im Islam stellt den Versuch dar, mit diesem
hohen Ideal unzugehen und irgendwie auch einen Kompromiss
zwischen Unfassbarkeit Gottes und des Menschen Bedürfnis nach
Fassbarkeit .

Weißt du zufällig, was „Allah“ bedeutet? Ich habe mal gehört
es bedeutet sowas wie „Nichts“ - ist das richtig?

Gruß,

Barbara