Hallo,
die These von Frau Tönnies ist - um es mal kurz und prägnant auszudrücken - bullshit. Sie beruht auf völlig falschen Voraussetzungen, die natürlich auch nicht hinterfragt werden. Bezeichnend ist dieses Zitat:
„In diesem schrecklichen Krieg, der kein Ende finden konnte, weil sich immer wieder eine Glaubensgruppe verpflichtet sah, ihren Brüdern zu Hilfe zu kommen“
Ja, genau so stellt sich Lieschen Müller (oder meinetwegen Frau Doktor Elisabeth Müller) die Ursachen des 30-jährigen Krieges vor. Bei einer Juristin und Soziologin wie Frau Professor Tönnes mag eine derartige Unbedarftheit in historischen Fragen ja zur Not noch verzeihlich sein - nicht aber, wenn sie meint, sich zu solch einem Thema äußern zu müssen.
Wie sehen denn die Fakten aus? Der böhmisch-pfälzische Krieg folgte auf den Aufstand der böhmischen Landstände; es war ein Krieg um die böhmische Krone - in dem die protestantische Union eben nicht den ‚Glaubensbrüdern‘ zu Hilfe kam. Im Gegenteil, der Protestant Johann Georg I. von Sachsen schlug sich auf die Seite Habsburgs. Maximilian wiederum sah im Eingreifen der Liga schlicht eine Chance, seinen Wittelsbacher Vetter um die Pfalz und damit um die Kurwürde zu bringen.
Im dänisch-niedersächsischen Krieg wollte König Christian IV. die Situation nutzen, um sich in Norddeutschland (im niedersächsischen Reichskreis) eine vom Kaiser unabhängige Machtstellung zu sichern, ähnlich wie er schon im Kalmarkrieg seinen norwegischen Machtbereich auf Kosten der schwedischen ‚Glaubensbrüder‘ ausgeweitet hatte.
Deswegen, und um zu verhindern, dass sich das Machtgleichgewicht im Reich nach Ausschaltung Mansfelds und Christians von Braunschweig-Wolfenbüttel zu sehr zugunsten Habsburgs und Bayerns verschob, formierte sich ein dänisch-niederländisch-unionistisches Bündnis. Im Torstenssonkrieg sollte es dann von Seiten Dänemarks wieder gegen die (sich aus ihren Engagement im Reich allmählich lösenden) schwedischen ‚Glaubensgenossen‘ gehen - diesmal allerdings mit sehr viel weniger Erfolg.
Im schwedischen Krieg wiederum wurde zwar kräftig Gebrauch von antikatholischer Propaganda gemacht (insbesondere nach der ‚Magdeburger Hochzeit‘) - doch ging es Gustav Adolf und Oxenstierna um eine schwedische Hegemonie im gesamten Ostseeraum als Preis für die Unterstützung des Kampfes der protestantischen Reichsstände gegen das Restitutionsedikt. Ein Bündnis, aus dem wiederum Sachsen ausbrach, um gegen den Preis einer Aussetzung des Restitutionsediktes mit den kaiserlichen Truppen gemeinsam Front gegen den Reichsfeind Schweden zu machen. Im schwedisch-französischen Krieg schließlich verliefen die Fronten endlich völlig quer zu den religiösen Parteiungen.
Natürlich spielte religiöse Solidarität und überhaupt das jeweilige religiöse Bekenntnis als Ideologie im Verlauf des Krieges eine nicht unbedeutende Rolle als Propagandainstrument. Den Unterschied zwischen Propaganda und tatsächlichen Machtinteressen zu übersehen - solche Naivität ist eines Menschen mit akademischer Bildung allerdings unwürdig. Die Ursache von Kriegen sollte man nicht in der Ideologie und Propaganda der Parteien suchen - die sind nur der begleitende Lärm.
Freundliche Grüße,
Ralf