Moralische Parteinahme im 30 jährigen Krieg

Sibylle Tönnies widerspricht

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/soll_ic…
ines_bruders_hueter_sein_1.725852.html

dem Papst, der kürzlich die Vereinten Nationen aufgefordert hatte, sich im Falle schwerer Menschenrechtsverletzungen einzumischen.

Aber gerade Indifferenz gegenüber Menschenrechtsverletzungen, meint Tönnies, sei friedensstiftend.

>>> Das hätten die Europäer im Dreißigjährigen Krieg gelernt:

>>> „Die Beteiligten erkannten, dass die moralisch begründete Parteinahme für eine drangsalierte Gruppe die größte Kriegsgefahr bedeutet. Sie grenzten sich deshalb als souveräne Staaten voneinander ab, die weder verpflichtet noch berechtigt sind, sich gegenseitig in ihre inneren Angelegenheiten einzumischen. Dass es sich bei den inneren Angelegenheiten, denen gegenüber man in Zukunft indifferent bleiben wollte, auch um Massenmord handeln konnte, war in dem vorliegenden Zusammenhang klar.“

Interpretiert Tönnies den „30 Jährigen Krieg“

an dieser Stelle richtig?

fragt grüssend

MultiVista

Sicher kann ich mir kein professionelles Urteil dazu erlauben, doch IMHO handelt es sich bei der von Tönnies beschriebenen Folge wohl eher um einen Nebeneffekt als um einen Hauptgrund zur Staatenbildung.
Die anfangs durchaus vorhandenen moralischen Gründe für den Kriegseintritt verloren im Laufe des Krieges doch sehr sehr schnell an Unterstützung. Wirtschaftliche Erwägungen und geostrategische Ideen traten rasch an ihren Platz.
Der 30jährige Krieg ist ein bei weitem zu komplexes Geschehen gewesen, als das man so direkt und klar Folgen daraus ableiten könnte. Ohne auf die inhaltliche Aussage von Frau Tönnies näher einzugehen, denke ich doch das hier eher der Wunsch der Vater des Gedanken war.

a
dada
http://de.wikipedia.org/wiki/Dadaismus

oder auf Deutsch: gibts das auch in verständlicher Form?

Hallo,
die These von Frau Tönnies ist - um es mal kurz und prägnant auszudrücken - bullshit. Sie beruht auf völlig falschen Voraussetzungen, die natürlich auch nicht hinterfragt werden. Bezeichnend ist dieses Zitat:

„In diesem schrecklichen Krieg, der kein Ende finden konnte, weil sich immer wieder eine Glaubensgruppe verpflichtet sah, ihren Brüdern zu Hilfe zu kommen

Ja, genau so stellt sich Lieschen Müller (oder meinetwegen Frau Doktor Elisabeth Müller) die Ursachen des 30-jährigen Krieges vor. Bei einer Juristin und Soziologin wie Frau Professor Tönnes mag eine derartige Unbedarftheit in historischen Fragen ja zur Not noch verzeihlich sein - nicht aber, wenn sie meint, sich zu solch einem Thema äußern zu müssen.

Wie sehen denn die Fakten aus? Der böhmisch-pfälzische Krieg folgte auf den Aufstand der böhmischen Landstände; es war ein Krieg um die böhmische Krone - in dem die protestantische Union eben nicht den ‚Glaubensbrüdern‘ zu Hilfe kam. Im Gegenteil, der Protestant Johann Georg I. von Sachsen schlug sich auf die Seite Habsburgs. Maximilian wiederum sah im Eingreifen der Liga schlicht eine Chance, seinen Wittelsbacher Vetter um die Pfalz und damit um die Kurwürde zu bringen.

Im dänisch-niedersächsischen Krieg wollte König Christian IV. die Situation nutzen, um sich in Norddeutschland (im niedersächsischen Reichskreis) eine vom Kaiser unabhängige Machtstellung zu sichern, ähnlich wie er schon im Kalmarkrieg seinen norwegischen Machtbereich auf Kosten der schwedischen ‚Glaubensbrüder‘ ausgeweitet hatte.
Deswegen, und um zu verhindern, dass sich das Machtgleichgewicht im Reich nach Ausschaltung Mansfelds und Christians von Braunschweig-Wolfenbüttel zu sehr zugunsten Habsburgs und Bayerns verschob, formierte sich ein dänisch-niederländisch-unionistisches Bündnis. Im Torstenssonkrieg sollte es dann von Seiten Dänemarks wieder gegen die (sich aus ihren Engagement im Reich allmählich lösenden) schwedischen ‚Glaubensgenossen‘ gehen - diesmal allerdings mit sehr viel weniger Erfolg.

Im schwedischen Krieg wiederum wurde zwar kräftig Gebrauch von antikatholischer Propaganda gemacht (insbesondere nach der ‚Magdeburger Hochzeit‘) - doch ging es Gustav Adolf und Oxenstierna um eine schwedische Hegemonie im gesamten Ostseeraum als Preis für die Unterstützung des Kampfes der protestantischen Reichsstände gegen das Restitutionsedikt. Ein Bündnis, aus dem wiederum Sachsen ausbrach, um gegen den Preis einer Aussetzung des Restitutionsediktes mit den kaiserlichen Truppen gemeinsam Front gegen den Reichsfeind Schweden zu machen. Im schwedisch-französischen Krieg schließlich verliefen die Fronten endlich völlig quer zu den religiösen Parteiungen.

Natürlich spielte religiöse Solidarität und überhaupt das jeweilige religiöse Bekenntnis als Ideologie im Verlauf des Krieges eine nicht unbedeutende Rolle als Propagandainstrument. Den Unterschied zwischen Propaganda und tatsächlichen Machtinteressen zu übersehen - solche Naivität ist eines Menschen mit akademischer Bildung allerdings unwürdig. Die Ursache von Kriegen sollte man nicht in der Ideologie und Propaganda der Parteien suchen - die sind nur der begleitende Lärm.

Freundliche Grüße,
Ralf

Das ist doch völliger Bullshit.

Natürlich waren die „Glaubensaspekte“ mehr als nur Propaganda, wie es uns aus heutiger, zynischer Sichtweise vorkommt.

Aber die Ursachen für den 30-jährigen Krieg waren vielschichtiger, genauso sein Verlauf.

Siehe Wedgewood: der 30-jährige Krieg
(Lesenswert!)

Gruß
Mike

Hallo Multi,

wie Ralf schon ausführlich aufgezeigt hat, hat Frau Tönnies vom Dreissigjährigen Krieg etwa so viel Ahnung wie eine Kuh vom Klavierspielen. Das scheint mir aber auch nicht der wesentliche Punkt ihrer Äußerungen zu sein. Sie hat das ja in Bezug zur Papstaufforderung gestellt, dass die Welt nicht einfach bei Massenmord wegsehen soll. Mit anderen Worten, sie geht ja einen Schritt weiter und benutzt ihre sachlich falsche Interpretation als eine Art Vorgehensvorschlag für heute. Was dann auch noch eine völlige Ignoranz der Unterschiede zwischen damals und heute darstellt. Sawas passiert eben, wenn man eine Meinung hat und die unbedingt mit Hilfe eines geschichtlichen Beispiels festschreiben will, aber das Beispiel schon nicht verstanden ist. Ein hoch auch die „wissenschaftliche“ Begründung des Wegsehens.

Gruß
Peter B.

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