Motive des Stalkings

Hi zusammen.

Es gibt wenig detailliertes Material über die psychologischen Hintergründe des Stalking-Phänomens. Mich interessieren die unbewussten Ursachen für die Fixierung des Stalkers auf sein Opfer, nach Möglichkeit aus psychoanalytischer Sicht. Das im Net zugängliche Material ist mir bekannt. Hat jemand eigene Ideen und/oder weitere Hinweise?

Gruß

Horst

Hallo,

ich bin nur Laie und vielleicht ist meine Antwort deshalb nicht das, was du eigentlich hier als Antwort lesen möchtest.

Ich weiß allerdings aus eigener, langjähriger Erfahrung, dass Macht ein wesentlicher Grund für Stalking sein kann: man möchte weiterhin Macht über jemanden ausüben, mit allen Mitteln, um sich selbst zu bestätigen.

Je mehr Angst ein Opfer dabei hat, desto besser das Gefühl, das Stalking jemandem gibt. Wie gesagt, ich bin Laie, aber ich kann mir auch vorstellen, dass das Stalking irgendwann zunimmt - ähnlich wie zum Beispiel bei Extremsportlern - irgendwann reicht das, was einem dieses Gefühl gegeben hat, nicht mehr aus und man lässt sich immer bescheuertere Mittel einfallen, das Opfer in Angst / unter Druck zu setzen.

Gruß
Shannon

Hallo.

Spontan würde mir dazu einfallen, dass der Täter nicht loslassen kann. Ein weiterer wichtiger Punkt scheint die gekränkte Eitelkeit im Sinne einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu sein. Ferner könnte auch ein gewisser Sadismus dabei eine Rolle spielen.

Nachfrage zu beiden
Huhu!

Gibt es eine Unterscheidung in der Begrifflichkeit „Stalking“ zwischen den Handlungsweisen, wo jemand denkt, man GEHÖRE zusammen (nach der Trennung beispielsweise) und der Meinung, man SEI zusammen (ohne je eine Beziehung, die über freundliches Verhalten hinaus geht, gehabt zu haben)?

Im zweiten Fall würden Dinge wie Macht oder Verletzung durch die Person ja nicht so greifen, oder?

Liebe Grüße

Hallo.

Ich denke, wenn Opfer und Täter tatsächlich nie eine Beziehung hatten, trägt der Täter wahnhafte Züge in sich. Er bildet sich eine Beziehung ein, die de facto nie bestanden hatte.

In dem Fall, in dem tatsächlich eine Beziehung bestand, verhält sich das Opfer oft zu sehr ambivalent (Beziehung beenden, wieder mit dem Täter sprechen, Beziehung wieder beenden, etc.), so dass der „geneigte“ Täter manchmal wirklich davon ausgehen könnte, dass es noch nicht zu Ende ist. Setzt das Opfer dahingegen eindeutige Zeichen, dann geht es dem Täter oft um Macht, Machterhalt, es fehlt die Distanz und das Nicht Loslassenkönnen.

Hardcore-Stalking
Hi Shannon.

ich bin nur Laie und vielleicht ist meine Antwort deshalb
nicht das, was du eigentlich hier als Antwort lesen möchtest.

Null problemo.

Ich weiß allerdings aus eigener, langjähriger Erfahrung, dass
Macht ein wesentlicher Grund für Stalking sein kann: man
möchte weiterhin Macht über jemanden ausüben, mit allen
Mitteln, um sich selbst zu bestätigen.

Wenn du selbst Stalking-Opfer warst, mein Beileid. Ich bin es seit einiger Zeit, und zwar durch einen vermutlich homosexuellen Mann (laut Statistik wird fast die Hälfte (44 Prozent) aller gestalkten Männern von Männern verfolgt…). Die Details spielen in diesem Thread keine Rolle, aber betonen muss ich doch die unglaubliche Intensität dieses Stalkings, die eindeutige Züge von Besessenheit trägt. Sehr charakteristisch für sein Verhalten ist die Sucht nach Kommunikation mit mir, aber nicht verbal, sondern durch (massenhafte) Signale. Jeder Gestalkte weiß, was ich damit meine.

Mir geht es in meiner Anfrage also um ein psychopathisches Hardcore-Stalking, nicht nur um ein hartnäckiges Nachstellen.

Je mehr Angst ein Opfer dabei hat, desto besser das Gefühl,
das Stalking jemandem gibt.

Ich denke, dass Angsterzeugen-Wollen - im besagten Fall - zwar mit eine Rolle spielt, aber nicht das Kernmotiv ist. Denn mindestens so stark scheint auch das Motiv des Kommunizierenwollens zu sein. Was aber ist das Kernmotiv, das dahinter steckt? Genau dieses Kernmotiv würde mich interessieren. Abstrahieren wir aber von meinem Fall und sprechen wir einfach über einen Hardcore-Stalker, der von seinem Objekt besessen ist. Was ist der Grund für diese Besessenheit? Rahmenbedingung: die beiden kennen sich ursprünglich nicht persönlich, das Stalking beginnt schon lange, bevor das Opfer sich dessen bewusst ist und den Stalker kennt.

Einige Motive des Stalkings im allgemeinen wurden genannt: Angsterzeugen, Sadismus, Zusammenseinwollen. Ich füge „sexuelles Interesse“ hinzu. Jeder Fall ist anders gelagert, mit anderen Motivlagen und Situationen.

Die Frage bleibt: was macht den (Hardcore-)Stalker zum Stalker? Warum äußert sich seine Störung gerade so und nicht anders? Will er mit seinem Opfer „verschmelzen“? Dann wäre Stalking die geeigneste Methode, dieses Ziel zu erlangen (wenn auch vergeblich, klar). Oder welches Basismotiv könnte es sein?

Gruß

Horst

Beweis-Problem
Aus irgendwelchen Gründen wurde eine Antwort von Leopold gelöscht, vielleicht von ihm selbst, ich reiche hier meine bereits verfasste diesbezügliche Antwort als allgemeine Zusatzinfo nach:

Das Problem der Nichtbeweisbarkeit setzt eine - vorläufige - Grenze meines Handlungsspielraums. Ich kann keinen Kameramann oder Detektiv engagieren, der immer die Linse am Start hat. Der Stalker geht sehr bewusst vor, was seine eigene Sicherheit betrifft. Sein Handeln selbst ist natürlich unbewusst motiviert, was sich in den oft sehr zwanghaft wirkenden Verhaltensweisen zeigt, so als sei er eine Marionette seiner unbewussten Motive.

Gruß

Horst

Verliebtheit
Hallo Horst,

interessanterweise hat noch niemand gesagt, dass der Stalker verliebt sei. Dies finde ich naheliegend.
Verliebte denken ständig an ihr Target (Ich bediene mich einmal dieses abstrakten Begriffs aus dem Englischen). Wie ferngesteuert suchen sie dessen Nähe. Sie handeln unvernünftig, oftmals in vollem Bewusstsein der Unvernunft. Die Trennung vom Target verursacht Entzugserscheinungen.

Dies alles trifft auf den Stalker auch zu. Pathologisch erscheint sein Verhalten ja erst durch die Einseitigkeit des Interesses. Wäre das Target ebenfalls verliebt und würde die Nähe des Stalkers genießen, wären beide glücklich und Beobachter würden sagen: „Sieh nur, wie schön.“

Natürlich verschiebt meine Erklärung deine Frage zu einer anderen Frage: Warum verlieben sich Menschen?

Tychi

Hallo Tychi,

interessanterweise hat noch niemand gesagt, dass der Stalker
verliebt sei. Dies finde ich naheliegend.

in diesem Zusamenhang würde ich Verliebtheit eher als Fixierung sehen,die dadurch zustande kommt,dass der Stalker eine unerträgliche innere Leere ausschließlich durch die Nähe zu seinem Erfüllungsobjektzu kompensieren sucht.Außerdem glaube ich,dass Menschen die einen anderen stalken,nie gelernt haben,die Grenzen zwischen der eigenen und der anderen Persönlichkeit zu erfühlen.
Vielleicht weil ihre eigenen Grenzen nicht beachtet wurden.
Verliebtheit ist für mich deshalb etwas grundsätzlich anderes.

liebe Grüße
Heidi

Krankhafter Liebeswahn
Hi Tychi.

interessanterweise hat noch niemand gesagt, dass der Stalker
verliebt sei.

Ich habe es unten als „sexuelles Interesse“ angedeutet. Ich gebe dir recht, wenn du Analogien zwischen Verliebtheit und Stalking erkennst (was aber nicht für alle Stalking-Formen zutrifft, manchmal ist auch Rache das Hauptmotiv). Aber mir klingt der Begriff Verliebtheit denn doch etwas zu „normal“ zumindest im Vergleich mit der Extremform von Stalking, um die es mir hier geht.

Besser wäre es, wenn schon von Liebe, dann von Liebeswahn (Erotomanie) zu sprechen, die durch extreme Sehnsucht nach einer unerreichbaren Person charakterisiert ist.

Wiki weiß dazu:

„Eine durch nichts zu erschütternde Überzeugung, die Liebe beruhe auf Gegenseitigkeit, wird durch fehlgedeutete Gesten und andere Signale des Gegenübers genährt. Ablehnung und Abgrenzungsversuche des Gegenübers werden z. B. als Koketterie oder als Versuch gedeutet, der sexuellen oder anderweitigen Anziehung des Erotomanen zu entkommen. Oft versucht dieser, in Kontakt mit dem Objekt seiner Begierde zu treten. Nehmen Nachstellungen in Form von Briefen, Besuchen, Telefonaten und anderen Kontaktversuchen überhand, dann spricht man mit einer aus dem englischen Sprachraum übernommenen Bezeichnung von Stalking, hinter dem aber auch andere als erotomanische Motive stehen können. Der so aktive Erotomane selbst wird als „Stalker“ bezeichnet.“

Zitat Ende.

Zweifellos kennzeichnet das viele Fälle von Stalking, allerdings nicht den Fall, in den ich selbst verwickelt bin. Ich will natürlich möglichst wenig Details über diesen Fall preisgeben, daher ist mein Thread eine Gratwanderung zwischen persönlicher und allgemeiner Fragestellung zum Stalking-Thema.

Dies alles trifft auf den Stalker auch zu. Pathologisch
erscheint sein Verhalten ja erst durch die Einseitigkeit des
Interesses.

Eher durch die mehr oder weniger kriminelle bzw. krankhafte Art und Weise, w i e dieses Interesse gezeigt wird, finde ich.

Wäre das Target ebenfalls verliebt und würde die
Nähe des Stalkers genießen, wären beide glücklich und
Beobachter würden sagen: „Sieh nur, wie schön.“

Hier reduzierst du den Stalker auf einen unglücklich Verliebten. Das mag in harmlosen Fällen so sein. In gravierenderen Fällen liegt aber eine schwere psychopathologische Störung vor, die eine komplexe Vorgeschichte unabhängig vom Opfer haben muss.

Gruß

Horst

Hallo,

ich bin auch nur Laie, das vorweg. Beim Studieren der Artikel in diesem Stammbaum hatte ich den Eindruck, als seist Du Dir bereits Vielem bewusst. Wichtig erschien mir insbesondere Dein Verweis auf einen Hardcore-Stalking-Kontext. Der Begriff Stalking wird m.E. nämlich geradezu inflationär gebraucht. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass es in Beziehungen mitunter heftig zugehen kann und jemanden für sich zurückgewinnen zu wollen kann dazugehören.
Sei’s drum, bei Dir handelt es sich offenbar nicht um ‚gewöhnliches‘ Umeinanderwerben. Das Motiv, Kontakt halten zu wollen, erscheint mir das fruchtbarste. Besonders daran wird sein, dass der Stalker abgesehen von seinem Objekt keine anderen Objekte besitzt, auf die er ausweichen kann. Zumindest wäre das ja der ‚normale‘ Gang der Dinge; man erkennt, dass man bei Person X nicht ankommt und sicht sich deshalb jemand anderen, eine Person Y. Insofern spielt gewiss auch ein hohes Maß an Verzweiflung über die erlebte Einsamkeit eine Rolle. Immer wenn er sie bewusst oder unbewusst erlebt, wird er versuchen sie durch Kontakt zu Dir aufzuheben. Wenn es dann wieder nicht klappt, ist er abermals verzweifelt über seine missliche Lage, bis er es mit erneutem Kontakt versucht - ein Teufelskries.
Ich denke allerdings, dass es Dir nicht weiterhelfen wird, dies in einem klärenden Gespräch mit ihm aufzubroseln oder so was. M.E. bist Du für ihn ein abstraktes Objekt, dass in seinem tatsächlichen Wesen verzerrt ist. Es würde für ihn gar keine Rolle spielen, ob Du Dich nun rational mit ihm auseinandersetzt oder ihn anbrüllst. Grundsätzlich wird - Du hast es selbst bereits erkannt - der Kontakt alleine das Ziel sein. Daher kannst Du Dich nur taub stellen oder ggf. rechtliche Schritte gegen ihn einleiten, so dass sich jemand anders mit ihm auseinandersetzt. Ich fürchte, dass Du nichts für ihn tun kannst, was nicht in irgendeiner Weise von ihm fehlinterpretiert würde.

Viele Grüße