Moin!
unlängst hatten wir im freundeskreis eine diskussion welche
kräfte wohl beim fahren das motorrad stabilisieren.
Ein Motorrad ist im Fahrbetrieb stabiler, als im Stand, darüber dürfte Einigkeit herrschen. Stabilisierend wirken hier die Kreiselkräfte der Räder. Das allein genügt leider nicht, der Fahrer balanciert die Maschine permanent neu aus. Wie stark die Kreiselkräfte wirken, kann man leicht mit dem Rad eines Fahrrades ausprobieren: Es wird in Rotation versetzt und kann dann an einem Ende seiner Achse gehalten werden. Allerdings muß die Erdrotation durch eine Drehung um die Hochachse ausgeglichen werden.
wie kann man die physikalischen kräfte benennen und
beschreiben, die das fahrzeug auf der fahrbahn halten, in
kurven die schräglage ermöglichen bzw. verlangen, und die beim
beschleunigen das motorrad aufstellen oder bei gerader fahrt
nicht umfallen lassen.
Auf der Fahrbahn gehalten wird das Motorrad von der Schwerkraft (Gravitation) - sonst würde es schweben oder gar aufsteigen.
Damit die Antriebskraft des Motors auf die Fahrbahn übertragen werden kann, sind die Reifen da, die mit dem Fahbahnbelag eine Reibpaarung bilden. Je höher der Reibkoeffizient ist, desto besser (schlupffreier) funktioniert das.
Die Schräglage bei Kurvenfahrt wird durch die Zentrifugalkraft erforderlich. Die erforderliche Schräglage (entscheidend ist die Gerade zwischen Reifenaufstandspunkt und Schwerpunkt des Motorrades) ist genau dann erreicht, wenn Zentrifugalkraft (axial) und Schwerkraft (vertikal) im Gleichgewicht sind.
Rein rechnerisch ergibt sich so eine maximale Schräglage von 45°. Tatsächlich sind die zu erreichenden Schräglagen deutlich höher. Das liegt daran, daß sich einerseits das Reifengummi regelrecht mit dem Asphalt verzahnt und andererseits an der Meßmethode: Bedingt durch die Reifenkontur ist die Achse Reifenaufstandspunkt - Schwerpunkt nicht identisch mit der Hochachse des Motorrades. Wird an der Hochachse gemessen, so ist die erreichbare Schräglage umso größer, je breiter der Reifen ist. Schräglagen von 60° und darüber werden so tatsächlich erreicht.
Beschleunigen: Hier erfährt das Motorrad im Gegensatz zur stehenden Maschine zusätzlich zur Erdbeschleunigung eine Beschleunigung längs zur Straße. Liegt die Achse der resultierenden Kraft (Reifenaufstandspunkt Hinterrad) oberhalb des Schwerpunktes, bleibt das Vorderrad auf der Straße, liegt sie unterhalb, steigt das Vorderrad. Deshalb wird stets versucht, den Schwerpunkt eher straßensportlicher Maschinen möglichst tief zu legen. Ein Wheelie ist dennoch auch mit Maschinen möglich, deren Motorisierung und Geometrie dies eigentlich nicht zulassen würde. Hier reißt der Fahrer die Maschine einfach hoch.
Bremsen: Prinzipiell gilt hier dasselbe, wie beim Beschleunigen, nur, daß die (negative) Beschleunigung eben von der Bremse erzeugt wird und daß der Reifenaufstandspunkt des Vorderrades maßgeblich ist. Der „Wheelie“ heißt dann übrigens „Stoppie“.
Grenzen hierbei werden durch den Reibkoeffizienten der Reibpaarung Fahrbahn/Reifengummi sowie durch die Fähigkeit des Reifenmaterials, sich mit dem Fahrbahnbelag zu verzahnen, vorgegeben. Deshalb hat eine weiche Gummimischung mehr „Grip“.
Einlenken: Fährt das Motorrad stabil geradeaus, muß das System zum Einlenken zunächst gestört (ins Ungleichgewicht gebracht) werden. Die Störgröße ist ein leichter Lenkimpuls entgegen der gewünschten Kurvenkrümmung, der Fahrer lenkt also zunächst in die falsche Richtung. Die Fliehkraft dieser „Minikurve“ drückt das System in die Schräglage der gewünschten Kurve. Jetzt wird „richtig“ eingelenkt, um die Maschine in dieser Schräglage zu stabilisieren.
Der Winddruck des Fahrtwindes wird bei Motorrädern in der Regel nicht genutzt, um die Reifen stärker auf den Asphalt zu pressen. Die Vollverkleidung von Motorrädern dient in erster Linie dazu, den Luftwiderstand zu verringern. Sekundär dient sie dazu, den Winddruck vom Fahrer fernzuhalten.
Im „normalen“ Fahrbetrieb muß der Fahrer all dies koordinieren. Übrigens unterscheidet sich die Motorradphysik nicht wesentlich von der sonstigen Zweiradphysik.
War das physikalisch genug?
Munter bleiben… TRICHTEX