Unmöglichkeitsbeweis [Neufassung]
Hi Mike,
ich hab mir überlegt, daß mein voriges Posting ja im Grunde offtopic war, denn du fragtest ja nicht danach, ob sowas möglich sei (was ich meinerseits zumindest für das hiesige Brett widerlegt zu haben meine), sondern fragtest nach den inneren Beweggründen, nach der psychischen Konstitution sozusagen, für solche Multiple-User-Techniken.
Nun haben wir inzwischen ja höchst bemerkenswerte Beschreibungen der zugehörigen Persönlichkeiststrukturen hier zu lesen bekommen. Dadurch wird eine Korrektur meines Posting im Grunde obsolet
Ich habe inzwischen jedoch Nebendiskussionen zu diesem Thema zum Anlaß genommen, mir bestimmte Gedanken zu machen, mit denen ich noch zu keinem Ergebnis gekommen bin. Ich will das Problem mal kurz schildern:
Angenommen, jemand argumentiere folgendermaßen:
Er behauptet. eine Persönlichkeit P müsse aufgrund der Voraussetzung V die Eigenschaften {E} haben. Sie sei daher niemals imstande, eine bestimmte verwerfliche Handlung H zu auszuführen.
Er begründet das damit, daß zur Ausführung von H bestimmte verwerfliche Eigenschaften {X} vorliegen müßten, daß diese aber mit den Eigenschaft {E} so krass im Widerspruch stehen, daß die Eigenschaften {E} und {X} niemals koexistent sein könnten.
Er schließt daraus, daß die Annahme, die Handlung H könne von Personen des Typs P ausgeführt werden, ein hypothetisches Konstrukt sei.
Angenommen, es käme nun ein anderer, der sich mit der Voraussetzung V und den Eigenschaften [E} identifiziert … und fühle sich daher durch die Argumentationskette beleidigt!!
Hallo?
Was sagt uns das?
Ok. Damit es nicht allzu offtopic bleibt, wiederhole noch mal meine früheren Statements, nur „mit ein wenig andern Worten“, wie Margarete sagt, wie Goethe sagt… und zwar so, daß sich niemand mit den als positiv aufzufassenden Eigenschaften zu identifizieren genötigt sehen muß.
Ziel des ganzen scheint es zu sein, eine mehrheitliche
Zustimmung zu einer Meinung zu erreichen, die so im
entsprechenden Forum nicht existiert.
„Zustimmung zu einer Meinung“ allein scheint mir nur bei minder intelligenten Konstruktionen das Motiv zu sein, zu denen es in manchen Brettern (du nanntest als Beispiel ja die Naturwissenschaftsbretter) allerdings reichlich Anschauungsmaterial gab.
Die Literaturgeschichte kennt zahlreiche Beispiele von genialen Autoren, die komplexe Probleme in der Form von Dialogen abgehandelt haben: Plato, Galilei, Stanislav Lem seien nur als die bekanntesten Beispiele genannt.
Aber diese Autoren waren eben imstande, gerade die ihnen kontroversen Standpunkte präzise auf den Punkt zu bringen. Und sie haben keineswegs versucht, diesen überheblich Lächerlichkeit vorzuhalten. Denn sie wußten um die Dialektik wissenschaftlicher Auseinandersetzung: Der mir kontroverse Standpunkt ist ein Gegner auf Augenhöhe, denn dadurch gewinnt mein Gegenargument an Respekt (was indes noch nichts über die Haltbarkeit des Arguments aussagt).
Besonders interessant ist ja, wenn die multiple Sockenpuppe einerseits tatsächlich real existiert, und sie andererseits nur das ausführende Organ einer (ihrerseits nichtmultiplen) Mutterpuppe ist.
Hier in diesem Brett dürfte der von dir angesprochene Fall allerdings unmöglich vorkommen können. Denn Leute, die solchen wahrhaft wahnwitzigen Aufwand zu treiben imstande wären, und zugleich einen derartigen Ehrgeiz hätten (nach dessen Motivation und Aitiologie du ja fragst), wären ja zugleich Personen mit einem sehr genuinen Interesse an den zahlreichen Fragestellungen im Bereich der Psychologien und Psychotherapien.
Es wären folglich auch Menschen mit den Eigenschaften:
-
E1. Höchstmaß an Sensibilität, altruistischer Aufmerksamkeit und genuinem, ungeheucheltem Interesse an den Sorgen und Nöten anderer Menschen einerseits, an den Interessen, Tätigkeiten und Beweggründen anderer Menschen andererseits
-
E2. Großes Maß an Erfahrung und Menschenkenntnis (ja ich weiß, das Letztere ist kein psychologischer Fachbegriff – Asche auf mein Haupt!), da sie die Eigenschaft E1 ja normalerweise nicht erst seit gestern haben
-
E3 Soviel Selbstkritik- und Introspektionsfähigkeit (notwendige Komponenten für „Persönlichkeit“), daß sie ihre eigenen Motive durchschauen würden und solches Unterfangen im Keime ersticken würden.
Sie würden soetwas also niemals tun.
Diese Menschen würden also sich selbst davon abzuhalten wissen, Systeme von Argumenteträgern zu entwickeln, weder als dominanter Organisator noch als submissives Exekutivorgan. Denn der Zweck (causa finalis) für solches höchst komplexe Arrangement:
- Zurschaustellen der eigenen Großartigkeit mit der Absicht, Demuts- und Bewunderungsgesten naiver Leser zu erheischen oder eine apriori-Glaubwürdigkeit der eigenen Ausführungen zu präsupponieren
würde durch die Eigenschaft E1 verhindert. Ferner:
- Der Wahn, daß dieser Münchhausentrick („sich selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen“), sich ein Allkompetenzflair und damit ein ersehntes „Ansehen“ zu erschleichen, von den für ihn existenznotwendigen beifallbereiten Lesern nicht durchschaut würde
würde durch die Eigenschaft E2 verhindert. Und schließlich:
- Die vollständige Blockade der Einsicht in die Lächerlichkeit solcher Mittel
würde durch die Eigenschaft E3 verhindert.
Der von dir konstruierte Fall muß folglich ein hypothetisches Konstrukt sein. Zumindest in diesem Bereich, in dem wir uns hier befinden. In anderen Brettern hatten wir solche letztgenannten Phänomene (allerdings mutmaßlich ohne Klontechnik) durchaus schon als Anschauungsmaterial zur Verfügung. Aber da lagen die Eigenschaften E1 bis E3 ja auch nicht vor.
Gruß
Metapher