Multiple (Internet)Persönlichkeiten

Hallo allerseits
Ich möchte hier nicht auf die psychische Störung der „multiplen Persönlikeit“ hinaus, sondern auf das im wesentlichen in Internetforen praktizierte Phänomen der multiplen Userpersönlichkeit (auch Sockenpuppen genannt).

Ein User meldet verschiedene Accounts an, und posted dann mit diesen unterschiedlichen Accounts sich gegenseitig hochjubelnde Postings, sozusagen im Selbstgespräch.

Ziel des ganzen scheint es zu sein, eine mehrheitliche Zustimmung zu einer Meinung zu erreichen, die so im entsprechenden Forum nicht existiert.

Ähnliche Verhaltensweisen finden sich in gewissen Publikationen, die den Anschein eines Sammelbandes verschiedener Personen machen (meist mit hochtrabenden akademischen Titeln geschmückt) obwohl alle Artikel darin von einer einzigen Person geschrieben wurden.

Ich möchte nun fragen, was für tiefere Erklärungsansätze es für ein derartiges, in meinen Augen eher peinliches Verhalten gibt.
Ich habe mir überlegt:
-Sendungsbewusstsein: Der User ist der Ansicht, dass seine Meinung die einzig korrekte ist, und will diese durchdrücken.

  • Argumentationsnotstand: Der User kann seine Ansicht nicht durch harte Argumente untermauern und versucht sich so ein rein numerisches Übergewicht zu verschaffen.
  • Minderwertigkeitsgefühl: Der User versucht, durch selbst fabrizierte Jubelperser seinem eigenen Ego zu schmeicheln, bzw seine Meinung als „wichtig“ extra herauszustellen.

Wer hat noch weitere Ideen?

Gruß
Mike

Hi,

Wer hat noch weitere Ideen?

andere Lösungen wären vielleicht schlicht Langeweile oder das Austesten von Grenzen: Wie weit kann ich gehen (Leute zu verarschen) ohne, dass die das merken und mich in die Schranken weisen.

Viele Grüße,
Hans ähh J~ :smile:

hallo mike,

-Sendungsbewusstsein: Der User ist der Ansicht, dass seine
Meinung die einzig korrekte ist, und will diese durchdrücken.

  • Argumentationsnotstand: Der User kann seine Ansicht nicht
    durch harte Argumente untermauern und versucht sich so ein
    rein numerisches Übergewicht zu verschaffen.
  • Minderwertigkeitsgefühl: Der User versucht, durch selbst
    fabrizierte Jubelperser seinem eigenen Ego zu schmeicheln, bzw
    seine Meinung als „wichtig“ extra herauszustellen.

der dialog mit sich selbst ist ja unbestritten wichtig. was wenn jemand wirklich dadurch zu neuen erkenntnissen kommt? :smile:

im ernst jetzt: wer einen roman o.ä. schreibt, läßt dort ja auch verschiedene figuren handeln. in jede muß sich der autor komplett hineinversetzen können. nach kurzer zeit bemerkt er (wenn die story gut ist), daß die figuren beginnen ein eigenleben zu entwickeln. plötzlich haben sie sich in situationen gebracht, aus die der autor sie nicht mehr herausbringen kann, ohne die letzten 10 seiten zu streichen.

außerdem: was sind rollenspiele anderes? erwachsene menschen - im täglichen leben seriöse beamte oder abteilungsleiter bei edeka - opfern oft über jahre einen großteil ihrer freizeit, ihres geldes und ihres familienlebens, um sich anderen regeln zu unterwerfen und in seltsamer verkleidung jugendheime zu bevölkern. nur ist es so nicht möglich, mehrere identitäten zu bilden. was aber sicher nur an zeitlich begrenzter kapazität liegt…

gruß
ann

Moin,

Wer hat noch weitere Ideen?

Ich nehme an, dass es sich dabei im realen Leben um sehr ernsthafte Menschen handelt. Niemand lacht über sie. Ihr realer Spaßfaktor ist gleich Null. Darunter leiden sie sehr. Deshalb machen sie sich dann in Internetforen zum Affen :smile:

Gruß
Marion

Hi,

außerdem: was sind rollenspiele anderes?

der Unterschied ist, dass in diesen niemand (ohne dessen Wissen) getäuscht werden soll um ihn zu „betrügen“. Das ist in einem Forum anderes weil man prinzipiell davon ausgehen kann, dass sich hinter verschieden Namen auch verschiedene Personen verbergen.

Grüße,
J~

Wer hat noch weitere Ideen?

Was früher (ohne Internet) sich auf der Bühne des Alltags abspielte, nämlich daß man sich in Gruppen fand, die sich durch Affinität auszeichneten, kommt durch das INTERNET ein viel größeres Ausmaß an Toleranz, Gutwilligkeit ect. hinein. Der allgemeine Level scheint hier geschliffen zu werden.

Hier muß man als Einer unter Vielen leben, und das können nun mal die wenigsten.

gruß
rolf

Hai, Mike,

wenn sich jemand unter verschiedenen Namen selber hochjubelt, ist der Fall ja relativ klar: Millionen Fliegen können nicht irren - und wenn die anderen Fliegen nicht mitspielen wollen, macht man sich selbst noch welche.

Aber es gibt auch einen anderen Grund, verschiedene Netzpersönlichkeiten zu benutzen: neigt jemand z.B. dazu, wegen allem möglichen Witze zu reißen, ist dieser jemand irgendwann als „der Komiker“ bekannt. Nun will er aber mal 'was ernsthaftes schreiben, ist sich aber bewusst, daß die - ääähhh - „übliche Person“ von niemanden ernst genommen werden würde, also macht er sich 'ne neue…

Eine weitere Möglichkeit wäre es, wenn man einfach den verschiedenen Aspekten seiner eigenen Persönlichkeit jeweils eigene Ausdruckmöglichkeiten geben will - insbesondere, wenn man gerade dabei ist, sich sein Weltbild zu schaffen und dabei feststellt, daß man in unterschiedlichen Bereichen konträre Meinungen hat und die (noch) nicht unter einen Hut bekommt (als Beispiel: die biologische Überlegung „wenn Behinderte sich vermehren, ist es nicht gut für den Genpool“ im Gegensatz zur ethischen Überlegung „ein Mensch hat nicht das Recht, einem anderen Kinder zu verbieten“)
Manchmal ist es dann hilfreich, wenn man unter verschiedenen Namen beide Positionen bezieht.

Gruß
Sibylle

Hi Michael,

Hallo allerseits
Ich möchte hier nicht auf die psychische Störung der
„multiplen Persönlikeit“ hinaus, sondern auf das im
wesentlichen in Internetforen praktizierte Phänomen der
multiplen Userpersönlichkeit (auch Sockenpuppen genannt).

und nur hierauf möchte ich mich jetzt mal beziehen.
Ja, ich bin auch eine Person, die sich in div. Foren
mit mehreren Accounts angemeldet hat. Dies aber nur
dann, wenn ich dort als Privatmensch und als MOD arbeite.
Heisst aber nicht, dass andere dann von zwei Personen
ausgehen (meine Vikas sind praktisch identisch bis auf
den Hinweis „User“ „MOD“).

Dein dann weiter unten beschriebenes Phänomen kenn ich
leider auch zu genüge. Manchmal kommt man als MOD schnell
dahinter, mit welchen weiteren Accounts ein Mensch sein
Unwesen treibt. An der Reaktion der Emails, die dann
ein User von mir bekam (in denen ich nach den Gründen
der Doppel-Anmeldung fragte) erkannte ich, was seine
wahren Beweggründe sind (was zur Folge hat, dass ich
diesen User praktisch ständig durch weitere MODs beobachten
ließ - notfalls dann die Sperrung aller Accounts des
betreffenden Users).
Kommentare auf eigene Accounts wurden grundsätzlich
gelöscht. Antworten mit Zweitaccount auf Antworten
anderer User wurden korrigiert (MOD-Hinweis in der
Antwort des Posters auf Doppelaccount).
Einen Zweit-Account bei Usern lass ich nur, wenn der User
sich oder seiner Familie durch ein Outing schaden würde
bzw der User bedroht ist (sensible Bretter, in normalen
Brettern wird nur der erstbekannte Account zugelassen)

Uff. Hoffentlich war ich nicht zu umständlich in meiner
Erklärung.
LG
D

*grins* Das ist die schönste Erklärung für sowas die ich seit langem gehört habe. Das gibt mir geplagten Administrator gleich eine ganz andere Sicht der Dinge XD

Hi Mike,

ich habe in einem anderen Forum eine Zeit lang fiktive Accounts eingerichtet. Es war aber keinerlei Zweck damit verbunden das zu tun. Viel mehr sollten sie der Belustigung dienen, was auch gelang.

-Die erste Person war Don. Er war eine übergewichtige Mischung aus einem Zuhälter mit extrem widersprüchlichen und provokanten Ansichten über alles Mögliche. Er berichtete pausenlos von dubiosen Geschäften (u.a. Uran- und Organhandel), Bekanntschaften mit Prominenten und seinem sehr verschwenderischen Leben im Super-Luxus. Er bestand darauf seinen Namen immer in Großbuchstaben zu schreiben. Wenn man ihn kritisierte war er schlagartig beleidigt und sehr trotzig. Er konnte ohnehin einfach mal so beleidigt sein, auch wenn es keinen Grund dafür gab. Sein Lieblingsgetränk war Eierlikör. Sein Humor war sehr sexistisch, aber auch plump. Gelegentlich berichtete er auch davon, wie er ethnische Minderheiten unterdrückt oder unbegründet in seinem Konzern Stellen abbaut. Hin und wieder erfand er auch Geschichten über gemeinsame Unternehmungen mit anderen Chatteilnehmern. Meist verband er damit selbstgefällige Tugendhaftigkeit, auch wenn er alles andere als weise war. Ein Auskommen mit ihm war praktisch nicht möglich.

Don brauchte irgendwann einen Freund, der seine Lügengeschichten untermauerte. Dass der auch nicht ganz normal sein konnte war klar. Er sollte nicht wie Don sein, aber nicht minder provokant und skuril.

Uwe2003: Uwe war ein abgebrannter Architekt aus dem Saarland, der sich nachdem ihn seine Frau verlassen hatte dazu entschloss sich auf einem abgelegenen Bauernhof vollständig vom gesellschaftlichen Leben abzukapseln. Er hatte das alleinige Sorgerecht für seinen Sohn „Nostradamus“, der extrem Verhaltensgestört war und mit 7 Jahren bereits den gesamten Hof unter Schwerstarbeit organisierte. Nostradamus ging nicht in die Schule, rauchte, trank Bier und schlief im Heu. Uwe weigerte sich ihn dem Jugendamt auszuhändigen. Wer dahinter aber einen streitsüchtigen Charakter vermutet ist auf dem Holzweg, da Uwe übertrieben christlich war und sich regelmäßig über die Unarten der verzogenen Jugend aufregte. Generell war er sehr ängstlich, prüde und vor allem feige und konfliktunfähig. Widersprüchlich war an ihm auch, dass er nicht rauchte und Alkohol strikt ablehnte, obwohl sein Sohn beides ungehindert konsumierte.

Ein Freund wollte irgendwann mitmachen (wir wechselten uns beim Schreiben ab), da die Geschichten der zwei sehr beliebt bei den andern Chatteilnehmern waren. Daraus entstand der dritte und wohl plumpste Charkter:
„Der Oberschranzer“: Der Oberschranzer war ein 67 Jahre alter und schwerst drogenabhäniger Technoopa. Seine Texte waren meist total konfus und ergaben keinerlei Sinn. Beispiele für seine zusammenhangslosen Kommentare sind „Dem haben sie die Brotbüchse zugenagelt“ oder „Kurz mal das Bier in die Schublade gestellt.“ Er war generell freundlich, aber leider auch sehr anhänglich und aufdringlich. Damit ist gemeint, dass er Unbekannten Freundschaftsangebote mehrfach zukommen ließ und sie mit wirrem Zeug vollschwätzte.

Eine multiple Persönlichkeit besitze ich selbst aber nicht. Es war nur eine nette Abwechslung und ich bin sehr kreativ. Ich mache es aber nicht mehr, weil ich einfach keine Lust dazu habe. Es erfordert auch viel Arbeit eine solche Chat-Clique am Leben zu halten.

Viele Grüße,

Hilmar

Nachtrag
Wichtig dabei war aber grundsätzlich, dass kein authentischer User beleidigt wird oder der Gleichen. Es war auch sehr schwer die eigene Identität nicht preiszugeben, da die Charaktäre entscheidend davon lebten, dass man sich als Leser fragen musste, ob das alles wirklich stimmen kann und ob es diese Personen wirklich gibt.

Schein und Sein

Wer hat noch weitere Ideen?

Hallo Mike,

jeder Mensch braucht Bestätigung. Und wer sie auf der Bühne des Lebens in realen zwischenmenschlichen Beziehungen nicht erfährt, schafft sich einen Ersatz: Ein Puppentheater, in dem sich die Akteure gegenseitig das vorspielen, was sie vom Leben ersehnen, aber nicht bekommen. Eine Inszenierung, um dem, was wahr sein soll , Form und Ausdruck zu verleihen. Eine multiple Inszenierung, weil, wie bei der Nymphomanie, eine wirkliche Befriedigung dieses Bedürfnisses nie erreicht wird.
Mehr Schein als Sein. Und der Mensch hat durch diesen Schein eine wirkliche Gegenwart ohne wesentlich wirklich zu sein.

Da bei dieser Inszenierung die Täuschung des eigenen Bewusstseins perfekt ist, bleibt sie der Selbsterkenntnis verborgen. Eine Einsicht ist somit unmöglich; sie würde auch zu schmerzhaft sein.

Gruß
Birgit

Hi Birgit,

da bin ich mir nicht so sicher. Selbsterkenntnis ist m.E. einer der wohl dehnbarsten Begriffe schlecht hin. Letztlich basieren alle zwischenmenschlichen Beziehungen auf einer Vorstellung von ihnen und nicht auf einem statischen Konstrukt in dem irgendwo das „wahre Sein“ anzutreffen ist, das alles Heil auf Erden anzieht wie ein Magnet.
Einem Iniziator von Fakeaccounts damit implizit zu unterstellen, dass er nicht „ist“, es aber nur noch nicht weiß ist eine waghalsige These. Dass man ist kann man daran erkennen, dass man überhaupt kommuniziert. Wie man das macht untersteht keinem Reglement. Warum also nicht akzeptieren, dass ein Fake genau das „ist“, was er in Foren betreibt, ohne dabei weniger oder mehr zu „sein“. Schließlich bräuchte der User keinen Fakeaccount um sich für etwas anderes auszugeben, als er es ist. Er muss in beiden Fällen nur lügen und im Sich-selbst-Belügen sind alle Menschen geübt, da Realität auch ein dehnbarer Begriff ist. Zu philosophieren kann aber nicht Dreh- und Angelpunkt der Wahrhaftigkeit sein, weil die Welt sich bereits vor der Antike gedreht hat.
Man neigt zu schnell dazu andere des Wahnsinns zu bezichtigen, weil man sie nicht versteht.

Viele Grüße,

Hilmar

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

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Hi AnnJa

der dialog mit sich selbst ist ja unbestritten wichtig. was
wenn jemand wirklich dadurch zu neuen erkenntnissen kommt? :smile:

Hm, hierbei ist aber deutlich erkennbar, dass es eine Person ist, welche unterschiedliche Standpunkte sozusagen „abarbeitet“

im ernst jetzt: wer einen roman o.ä. schreibt, läßt dort ja
auch verschiedene figuren handeln. in jede muß sich der autor
komplett hineinversetzen können.

Auch hierbei ist für den Aussenstehenden klar und deutlich, dass es sich um eine Person (den Autor) handelt, der sich empathisch in verschiedene Rollen hineinversetzt.

außerdem: was sind rollenspiele anderes?

hüstel

erwachsene menschen -
im täglichen leben seriöse beamte oder abteilungsleiter bei
edeka

Oder freiberuflich tätige Geologen oder Doktoren an Max-Plank-Instituten :smile:

  • opfern oft über jahre einen großteil ihrer freizeit,
    ihres geldes und ihres familienlebens, um sich anderen regeln
    zu unterwerfen und in seltsamer verkleidung jugendheime zu
    bevölkern.

Nun, Freizeit wird dafür nicht „geopfert“ genausogut könnte man sagen, man opfert seine Freizeit für Urlaub :smile: Geld… na ja, Golf ist teurer :smile: Familienleben… Ich kenne jetzt schon eine ganze Reihe familien, wo die komplette Familie mit Kind, Kegel und Hund auf solche Veranstaltungen fährt.

(und wenn ich mir „Nordic Walker“ anschaue… sieht auch recht seltsam aus :smile:

nur ist es so nicht möglich, mehrere identitäten zu
bilden. was aber sicher nur an zeitlich begrenzter kapazität
liegt…

das ist sehr wohl möglich (wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann) Hierbei ist aber immer klar, dass es sich um eine Rolle handelt, die jemand spielt. Es wird nicht vorgetäuscht, dass diese fiktive Person sozusagen real ist. Tatsächlich ist sie nur in der fiktiven Umgebung sozusagen „real“

Wer meint, dass seine fiktive Persönlichkeit wirklich real ist, der sollte mal eine Person aufsuchen, die sich mit sowas auskennt :smile:

Bei Rollenspielen tritt also das Phänomen, dass man mehrere Personen erschafft, um andere zu täuschen, nicht auf

Gruß
Mike

P.S. Selber Rollenspielerin?

Hallo Mike,

beim Lesen Deines Artikels kam mir ein Bild in den Sinn: Der Schachspieler der nach jedem Zug um den Tisch läuft, um gegen sich selbst zu spielen. (Er gewinnt und verliert gleichermaßen)

Der Mensch der vor dem Spiegel steht und mit sich selbst spricht, aber jemand anderen sieht…

Die Frage, die ich so formuliere, dass ich weiß, welche (positive) Antwort ich bekomme.

Ich brauche keine div. Accounts, sondern so wie oben beschrieben gibt sich jeder von uns jeden Tag was er gerade braucht und ich halte das für absolut unbedenklich.

Die multiple Internetperson sicherlich die krasse Variante, aber der alte Mann der zu sich selbst spricht macht mich traurig.

Gruß
Frank

Hi

k.A…

aber ich kann dir Threads z.B. in www.single.de zeigen, wo man den Eindruck hat 30 Leute diskutieren da, dabei sind es hauptsächlich 3…

)

HH

Orpheus in der Unterwelt
Hallo Mike,

eine sehr interessante Frage, lustigerweise habe ich sie mir auch schon immer wieder einmal gestellt.

Es gibt eine lustige kleine Operette von Jaques Offenbach, „Orphée aux Enfers“ - Orpheus in der Unterwelt. Darin geht es um die allseits bekannte Geschichte von Orpheus, der Eurydike aus den Feuern des Hades rettet. Nur leider ist Offenbachs Orpheus froh, den Drachen Eurydike los zu sein. Er will sie gar nicht retten. Weg mit Schaden!

Dummerweise für Orpheus tritt in diesem Moment eine Figur auf, die „die öffentliche Meinung“ heißt. Und diese treibt Orpheus zu der weltbekannten Rettungsaktion, die uns aus der griechischen Mythologie bekannt ist.

Übrigens wird diese Öffentliche Meinung in der Operette auch nur von einer einzigen Person gespielt.

Das paßt besser ins Literatur- oder Musikbrett? Das paßt nicht ins Psychologie-Brett? Doch, Mike, das paßt hervorragend. Und zwar darum:

Egal, ob aus wissenschaftlicher oder emotionaler Sicht: Menschen möchten gerne recht haben. Darum argumentieren sie. Und wenn sie dann mal nicht recht haben, sehen sie es manchmal ein. Die einen besser, die anderen schlechter (ich zum Beispiel schlechter).

Nun gibt es aber Menschen, die pathologisch Recht haben müssen. Sie können es nicht ertragen, wenn man ihnen wiederspricht, schon gar nicht, wenn man das fundiert und mit guten Gründen tut. Es macht sie krank.

Das sind die Menschen, die in Internetforen multiple Persönlichkeiten schaffen, um ihre Meinungen zu forcieren. Sie basteln sich eine „Öffentliche Meinung“ wie in der Operette, eine scheinbare Mehrheit, die sie bestätigt und ihnen den Rücken stärkt.

Und wie in Orpheus in der Unterwelt ist dieser Meinung irgendwie niemand, außer ihnen selbst - aber Quantität zählt dann eben mehr als Qualität. Wer ihnen wiederspricht, wird Opfer der scheinbaren „Öffentlichen Meinung“.

Warum tun sie das nur?

Vielleicht haben sie selber gar keine wirklichen Argumente und wollen dies nicht zugeben.

Vielleicht haben sie keinerlei Selbstvertrauen und können nicht einfach alleine zu ihrer Meinung stehen.

Vielleicht sind sie im RL einsam und unverstanden. Humorlos sind sie in jedem Fall, und das soll ja sehr einsam machen.

Vielleicht fehlt ihnen im RL Bestätigung, die sie sich auf diesem Wege sichern.

Vielleicht haben sie sexuelle Probleme - laut Freud soll so etwas ja sehr oft zusammenhängen.

Und genau hier vereinen sich Psychologie und Operette: Wenn man solche Leute lange genug läßt, dann machen sie aus ihrem Umfeld genau das: Les Enfers.

Aber wie Metapher ja schon so eloquent darlegte: Glücklicherweise ist so etwas bei uns hier ja nicht möglich.

Cheers,
Nike

MUPs und SOPs [Neufassung]
Hallo Mike,

weil ich nochmal ganz dringend acht neue funkelnde Sternchen bekommen möchte, poste ich meinen Artikel noch einmal …

damit es nicht 16 Sternchen werden, habe ich eine kleine Passage weggelassen, dummerweise grad die, die Dir so gut gefallen hat :wink:)

Titel: MUPs und SOPs
Brett: Psychologie
Autor/-in: F. Ben Hechenrieder
Datum: 22.7.2006 13:14 Uhr

Hallo Mike,

Ich möchte hier nicht auf die psychische Störung der
„multiplen Persönlikeit“ hinaus, sondern auf das im
wesentlichen in Internetforen praktizierte Phänomen der
multiplen Userpersönlichkeit (auch Sockenpuppen genannt).

man muss hier zwischen zwei Formen unterscheiden:

A) Die Kunst-Form: in einem Forum, in dem es zugelassen oder
geduldet ist, „multipel“ aufzutreten, kann eine solche
Dr.Jekyll-Mr.Hyde-Performance ein ästehtisches Phänomen sein,
das dem real-life-Experimentieren mit der Autorfunktion in
nichts nach steht.

[Ich habe diese Passage gestrichen, weil Du ja schon geantwortet hast, dass es Dir mehr um Typ B geht.]

B) Die Missbrauchs-Form: in einem Forum, in dem es von Seiten
der Administration allen Usern untersagt ist, sich
„multipel“ zu geben, ist die „multiple Userpersönlichkeit“ (MUP)
schlicht eine dissoziale, die das Angebot des Forums
missbraucht, und/oder sie ist -falls sie dabei von der
Administration geduldet/unterstützt wird- Kolloborateur in einem
undurchsichtigen perniziösen Spiel ist.

Ein User meldet verschiedene Accounts an, und posted dann mit
diesen unterschiedlichen Accounts sich gegenseitig
hochjubelnde Postings, sozusagen im Selbstgespräch.

lol, nach dem Motto:

XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX

[Du weißt schon, die 16 Sternchen…]

das klang, also hätte geklungen, irgendwie onanistisch

*stöhn* *lechz* *schluck*

:wink:)

Ziel des ganzen scheint es zu sein, eine mehrheitliche
Zustimmung zu einer Meinung zu erreichen, die so im
entsprechenden Forum nicht existiert.

Aber wer hat so etwas nötig?

doch nur der, der sich so klein und jämmerlich vorkommt, sich
solche narzisstischen Sorgen um die eigene Person machen muss,
dass er nicht als (eine!) Person auftreten kann, sondern
sich hinter dem anonymen Block ALLGEMEINE MEINUNG verstecken
muss;

nichtsdestotrotz kann diese MEINUNG aber ganz speziell auf
eine einzelne Persona des MUP zugeschnitten sein, wohl oft auf
die Hauptpersona des MUP: möglicherweise sein kontinuierlich
verwendeter Nick, in Einzelfällen vielleicht sogar sein Real
Name …

hinter einem Block also, den diese Person aber erst erzeugen
muss, indem es Sockenpuppen (SOP) vorschiebt, die dieser MEINUNG
ihre ALLGEMEINHEIT geben, indem sie aggressiv und persönlich
beleidigend alle gegensätzlichen Meinungen entwerten, und die
Träger dieser entgegengesetzten Meinungen aus dem Forum ekeln.

Auch in einem Forum vom Typ B) kann diese Strategie
eingeschlagen werden, da dort meist lediglich die SOP der
administrativen Überwachung zum Opfer fallen, der MUP aber
leider oft selbst geschützt wird, so dass mit einem neuen
Arsenal an SOP (der Nachschub ist ja unbegrenzt) das Spiel
fortgesetzt wird.

in meinen Augen eher peinliches Verhalten

Da das MUP-Verhalten in der Tat oft recht schnell von anderen
aufmerksamen Usern durchschaut wird, ist es ein lächerliches,
peinliches Unterfangen.

Man muss dabei jedoch mit dem MUP immerhin soweit Verständnis
zeigen, als dieser zu seinem Verhalten gleichsam getrieben wird,
sich lieber Peinlichkeit und Verspottung aussetzt, als hinter
dem Block der MEINUNG hevorzutreten.

Ein häufiger reaktiver Zug des MUP ist dabei die Verkehrung,
also die Neigung, die eigene Peinlichkeit in eigene
Überlegenheit umzusetzen, indem der erfahrene Spott durch die
anderen zur Verspottung der anderen verkehrt wird: die anderen
sind aus der Sicht des MUP minderwertig, inkompetent,
anmaßend, pseudo-wissenschaftlich
, etc.

Die anderen, die sind zu dumm für den MUP - und dies kann der
MUP natürlich selbst wiederum nicht in eigener Person sagen,
dafür braucht er die MEINUNG, für deren Bildung der MUP wiederum
seine SOP hat, …

Das Ganze ist nun aus dem Blickwinkel der anderen User A) ein
ästhetischer, komischer Genuß, oder B) die eher bedauernswerte
Zugrunderichtung eines Forums

Ich habe mir überlegt:
-Sendungsbewusstsein: Der User ist der Ansicht, dass seine
Meinung die einzig korrekte ist, und will diese durchdrücken.

… verbunden oft mit Größen- und Helfer-Phantasien;
ein solcher MUP hat in einem Diskussionsforum zum Beispiel mal
zu mir in höchstfeierlichem Pathos gesagt: "Diese deine
Position hat großes Leid über die Menschheit gebracht
";
dabei hatte ich weder von Stalinismus noch von Scientology
gesprochen, sondern von einer Theorie, die noch heute im
wissenschaftlichen Fachdiskurs vertreten ist, nur halt nicht
eben von der vom MUP präferierten Theorie … :wink:)

Er ist schon eine lustige Gestalt, der MUP, wenn er nur doch
auch selbst über sich lachen könnte … (aber das kann er nicht,
dafür ist zum einen seine Mission zu heilig, und zum anderen
sein Ich eine zu kostbare Monstranz)

Tantum ergo sacramentum
Veneremur cernui

Ja, der MUP fühlt sich oft als Prophet, bisweilen vielleicht gar
als Gott - oder mindestens als der Götter Liebling …
der er im Kolloborations-Fall von Typ B) ja u.U. sogar
tatsächlich ist

Viele Grüße
Franz
Psychoheini aus München
http://www.rattenforum.de/phpbb/viewforum.php?forum=38

Hi Franz,

ja, auch von mir ein Beitrag zu Deiner Sternchensammlung.
Aber trotz Deinem zweiten Anlauf versteh ich immer noch eins nicht:
Was hat es mit dem Rattenforum auf sich?

grübelnd,

Judith

Hi Judith,

ja, auch von mir ein Beitrag zu Deiner Sternchensammlung.
Aber trotz Deinem zweiten Anlauf versteh ich immer noch eins
nicht:
Was hat es mit dem Rattenforum auf sich?

grübelnd ,

Der erste findet den Humor nicht - und will grübelnd verstehen;
der zweite versteht den Humor nicht, und findet ihn dumm;
der andere versteht ihn nicht so, und findet ihn so albern;

der nächste versteht ihn, und findet ihn - hilflos;
und auch der letzte versteht ihn - und mag die Spötterei.

Dir eine gute Nacht!
Franz