Multiple Persönlichkeit - passiv

Liebe ExpertInnen,

verzeiht die blöde Überschrift, ich weiß nicht, wie ich das Phänomen benennen soll: Eine alte Dame (87) kennt manche Leute nicht mehr, insbesondere mich, den Schwiegersohn, aber auch eine ihrer beiden Töchter und ein Enkelkind. Das sind wohl Dinge, mit denen in diesem Alter gerechnet werden muss. Was ich mir aber überhaupt nicht erklären kann: Sie nimmt die Personen, die sie pflegen, als mehrere wahr, fragt zB am Mittagstisch, wenn ich mich verspäte, wo „die Männer“ (das bin ich) seien. Gestern hat sie ihrer Tochter, die sie zwischendurch schon mal siezt, von ihrer Tochter erzählt, die „auch immer zur Gymnastik geht“. Eine Nachbarin (91), mit der sie seit 75 Jahren befreundet ist, taucht in Gesprächen als „die zwei alten Weiber“ auf.

Wenn ich sehe, was ich hier so schreibe, fällt mir auf, dass ich eigentlich gar kein Problem damit habe - ich versuche nicht, sie zu korrigieren, weil sie in lichten Momenten durchaus begreift, dass da nicht mehr alles stimmt, und dann in tiefste Traurigkeit verfällt. Gewusst hätte ich dennoch gerne, was da abläuft (ihr Arzt guckt mich immer nur groß an). Wer weiß was?

Gruß Ralf

Wenn ich sehe, was ich hier so schreibe, fällt mir auf, dass
ich eigentlich gar kein Problem damit habe - ich versuche
nicht, sie zu korrigieren, weil sie in lichten Momenten
durchaus begreift, dass da nicht mehr alles stimmt, und dann
in tiefste Traurigkeit verfällt. Gewusst hätte ich dennoch
gerne, was da abläuft (ihr Arzt guckt mich immer nur groß an).
Wer weiß was?

Gruß Ralf

Hallo Ralf!

Schon mal an Alzheimer gedacht? Da gehts nicht nur um Vergesslichkeit!

Gruß Doreen

Genauer gefragt
Hi Doreen,

Schon mal an Alzheimer gedacht? Da gehts nicht nur um
Vergesslichkeit!

gedacht schon, danach sieht es aber erstmal nicht aus. Was mich besonders interessiert, ist das Phänomen, dass die alte Dame eine Person in unterschiedlichen Rollen als mehrere Personen sieht und dann der einen von der anderen erzählt.

Gruß Ralf

Hallo!

Auch bei Demenzkranken tritt solch eine Orientierungsstörung auf, alte Menschen sind oft zeitlich, örtlich,persönlich und situativ orientierungsgestört. Bringen alles durcheinander, können Gesichter nicht mehr zuordnen; wissen nicht genau, wo sie sind- wollen vielleicht unbedingt wieder nach Hause, obwohl sie im eigenen Bett liegen. Wird diesen Menschen einmal bewußt, daß alles so verquer läuft, schämen sie sich und sind ganz, ganz traurig, das sie so sind.
Da muß man als Angehöriger sehr viel Geduld aufbringen und - in dem Falle- Deine Schwiegermutter beaufsichtigen. Es könnte einfach so passieren, dass sie davonläuft- wenn sie nicht aufgrund anderer Gebrechen daran gehindert wird. Diese Menschen brauchen viel Zuwendung!

Wenn Du noch Fragen hast: Ich arbeite mit alten und kranken Menschen(Alten- und Krankenpflege), vielleicht kann ich die eine oder andere Frage noch beantworten oder Erkundigungen einziehen!

Liebe Grüße Doreen

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Hi Doreen,

danke für die Tips, aber da wir die Oma seit einem Jahr pflegen, wissen wir inzwischen wohl mehr als so mancher Arzt.

Diese Menschen brauchen viel Zuwendung!

Ja, das sind dann die Momente, wo Theorie und Praxis aufeinanderknallen: Auf unsere Zuwendung legt sie keinen Wert, und die zweite Tochter, nach der sie sich sehnt, begreift noch nicht einmal, dass sie eine Demenzkranke vor sich hat. Originalton: „Aber Mutter, du bist doch daheim!!!“

  • „Mutter, wer bin ich?“
  • „Meine Tochter“
  • „Und wer ist das?!“
  • „Die kenne ich nicht“
  • „Das ist doch deine andere Tochter!!!“

Ergebnis: Ich sehe, wie das Entsetzen in der alten Frau aufsteigt. Stolze Mutter, die sie ist, zeigt sie natürlich keine Schwäche und bricht zusammen, sobald die Lieblingstochter aus der Tütr ist. Ich darf sie dann wieder aufbauen.

Wie man leicht sieht, machen die Alten noch die wenigsten Probleme…

Gruß Ralf

Hallo Ralf,

ein Teil der Antwort liegt sicher darin, daß es zu einem allgemeinen Verfall von Funktionen der Wahrnehmung und ihrer Interpretation, der Realitätsprüfung, des Gedächtnisses usw. kommt.

Zu dem Umstand, daß Deine Schwiegermutter mehrere Personen wahrnimmt, wenn nur eine da ist, fällt mir als ein möglicher Grund ein: Sie nimmt vielleicht an dieser einen Person Merkmale wahr, die auch für andere ähnliche Personen, die sie kennt, zutreffen. Und da sie ihre Wahrnehmung nicht mehr adäquat interpretieren kann, werden es in ihrem Erleben mehrere Personen.

Uns Jüngeren erscheint es als selbstverständlich, daß wir uns einigermaßen getreu erinnern, unsere Wahrnehmungen im großen und ganzen zutreffend interpretieren und uns so in der Realität zurechtfinden, eher überschätzen wir uns da. Deshalb ist es nicht möglich, unmittelbar Verständnis oder Einfühlung für alte Menschen mit offenkundig nachlassenden Hirnfunktionen aufzubringen, man muß sich diese Tatsachen erst ins Bewußtsein rufen.

Meine Großmutter ist mit 90 gestorben. Im ihrem letzten Jahr hat sie immer wieder Dinge nicht mehr gefunden, die sie irgendwo hingelegt hatte, und dann meine Mutter, aber auch mich wortreich beschuldigt, wir hätten sie bestohlen. Meine Großmutter war immer eher dominierend, streng, nicht besonders liebevoll, mein Verhältnis zu ihr war deshalb eher kühl.

Meine Mutter wollte immer noch von ihr geliebt werden und war sehr gekränkt. Meine Gefühlsreaktionen auf diese Anschuldigungen waren dagegen unterdrückte Wut und Verachtung, ich entfernte mich innerlich noch mehr - später erfuhr ich, daß im besonderen alte Frauen häufig glauben, sie seien bestohlen worden, wenn sie etwas nicht finden (das trifft anscheinend nicht für Männer zu). Warum dieses Phänomen auftritt, und häufiger bei Frauen, weiß ich nicht.

Ich habe den Eindruck, daß Persönlichkeitseigenschaften, die auch in jüngeren Jahren vorhanden waren, da aber noch unter besserer Kontrolle des Verstandes, unverhüllter und mitunter in grotesker Form hervortreten. Ich glaube auch, daß die Art der Beziehungen zu den Angehörigen in verschärfter und manchmal verletzender Deutlichkeit erkennbar wird.

Liebe Grüße,

I.

Hi Ralf,

Ergebnis: Ich sehe, wie das Entsetzen in der alten Frau
aufsteigt. Stolze Mutter, die sie ist, zeigt sie natürlich
keine Schwäche und bricht zusammen, sobald die
Lieblingstochter aus der Tütr ist. Ich darf sie dann wieder
aufbauen.

Wie man leicht sieht, machen die Alten noch die wenigsten
Probleme…

Gruß Ralf

Ich gebe Dir natürlich recht, dass es unwarscheinlich schwierig für Dich und Deine Frau ist, täglich damit leben und umgehen zu müssen.
(Mich kostet es auch oft Geduld und Nerven, immer lieb und nett zu den „Alten“ zu sein und gehe dabei noch von einem zu anderen- mache aber nach getaner Arbeit die Türe zu!!!)
Und die Höhepunkte kommen dann immer, wenn die Lieblingstochter zu Besuch kommt. Natürlich hat jede Mutter in diesem Alter eine Lieblingstochter- das ist immer die, die nicht ständig da ist, die nicht immer für sie sorgt und immer mit einem strahlenden Lächeln und Blumenstrauß auftaucht! Auch noch Geschenke! Aber die bewältigt auch nicht den Alltagsstreß mit der Mutter!!! Deshalb Hochachtung vor Euch!!! Ihr müßt Euch einfach (?) einen Panzer zulegen! Kümmert Euch um Mutter- einer muß es ja tun- und versucht Euer Leben dabei weiterzuleben. Es darf sich auch nicht nur alles um Mutter drehen!
Und sei gewiß: Würde sie es noch verstehen können- sie wäre Euch bestimmt sehr dankbar!!!

Also nicht zuviel drüber nachgrübeln!
Liebe Grüße
Doreen

(Bin übrigens auch eine Lieblingstochter! Meine Eltern wohnen einfach zu weit weg! Aber noch besteht da keine Pflegebedürftigkeit! Und ich hoffe, das bleibt auch noch 'ne Weile so!)