Hallo Wolfgang
ich werde Dich bestimmt nicht „massakrieren“, aber mich würde
schon interessieren, woher Du Deine Kenntnisse über BR in
Kleinbetrieben hast.
Ich habe auch mit BR zu tun oder BR-Coaches der kenne die BR-Arbeit aus der beruflichen Vergangenheit und dabei auch erlebt, wie ein mir gut bekannter Mittelständler (ca 100 AN in Voll- und Teilzeit) fast den Bach runter ging, weil sich ein BR gründete und dort vornehmlich Idioten das Sagen hatten. Die Zustände vorher waren auch nicht optimal, zugegeben, aber das Nachher war ganz bestimmt nicht besser als das Vorher.
Das Risiko, daß Pfeifen gewählt werden,
ist nun mal das allgemeine Risiko bei demokratischen
Prozessen. Das kann Dir aber auch bei größeren betrieben
passieren.
Das stimmt wohl. Allerdings sind die Fehlentscheidungen (wobei man zugegebenermaßen immer darüber streiten kann, ob es eine "Fehl"entscheidung ist/war) in ihren Auswirkungen gravierender. Nehmen wir einen Betrieb mit 10 AN. Die Geschäfte laufen schon länger mau und der AG muß sich von einem AN trennen. Er informiert den BR. Dieser widerspricht „aus Prinzip“ und auch weil eine Zustimmung eh oft unpopulär ist. Der AN wird trotzdem entlassen, das Gerichtsverfahren zieht sich hin und am Ende wird wie so oft aus einem beliebigen Grund die Sozialauswahl angezweifelt und der AN gewinnt. Daraufhin stellt der AN einen Antrag auf Auflösung des AV und bekommt neben den Monaten, in denen er aufgrund des BR-Widerspruchs Anspruch auf Weiterbeschäftigung hatte noch eine Abfindung von X Monatsbrutto. Der AG, dessen Geschäfte nicht mehr so gut laufen und der finanziell nicht allzugut bestückt ist, ist daraufhin platt. Und 9 weitere AN verlieren ihren Arbeitsplatz. Sicher, ein Horrorszenario und nicht an der Tagesordnung. Es soll aber verdeutlichen, welche unverhältnismäßige Macht ein BR im Kleinbetrieb hat. Macht, mit der die wenigsten verantwortungsvoll umgehen können.
Ich habe immer wieder Kontakt mit BR’en kleinerer Betriebe und
bekomme fast immer mit, daß der Anlass der Gründung halt die
massive Ausnutzung des angeblich „familiären“ Klimas durch den
AG war und im Zweifelsfall der AG halt nicht bereit war, auch
mal was zurück zu geben.
Bei fast allen BR-Gründungen in Betrieben bis ca. 100 MA
liegen sehr konkrete Konflikte vor in Bezug auf Bezahlung,
Arbeitsplatzsicherheit und/oder Arbeitsbedingungen bis hin zu
erheblichen Gesetzesverstössen. Gerade in diesen Betrieben
kommen die BR-Gründungen nicht von ungefähr.
Hier gibt es aber auch die andere Seite der Medaille. Ein kleinerer Betrieb kann in der Regel nur durch Flexibilität, schnelles situationsgerechtes Agieren bestehen und muß dabei auch mal 5 gerade sein lassen. Wenn dieser AG jetzt plötzlich bei Dienstplänen, betrieblichen Anweisungen, Neueinstellungen oder auch negativen Personaländerungen immer erst Rücksprache halten bzw eine Zustimmung einholen muß, dann wird dem Betrieb eine seiner größten Wettbewerbsstärken genommen. Wenn da jetzt noch eine Pfeife sitzt, kann (!) alles den Bach runter gehen.
Ich bekomme auch öfter mal die Anfrage, wie man seinen BR auflösen kann, wenn der BR-Vorsitzende das (natürich
) nicht will… Zumindest dies fände ich eine sinnvolle Ergänzung des BetrVG: Wenn 3/4 (oder wieviel auch immer) der Belegschaft den BR nicht mehr haben wollen, ist er einfach so aufzulösen. Wäre mal ein Anfang.
Und 100 AN, da sag ich ja nix mehr. Ich persönlich würde die Grenze so auf 50 AN hochziehen. Ich weiß, mein Beispielbetrieb oben hatte 100 AN 
Gruß,
LeoLo