Hallo nochmal,
also ich finde in dem, was du schreibst, durchaus parallelen
-)
und ich kann auch nur drüber reden, weil die Situation heute anders ist - damals hätte ich das nicht gekonnt. Sie wird es so auch nicht können.
Wahrlich keine schöne Zeit für meine Tochter und wir haben
später - und bis jetzt noch - viel Arbeit, um die Defizite
auszugleichen. Nun überlege ich, wie man von außen die
Situation für meine Tochter hätte verbessern können…
das war eigentlich meine motivation für die frage; nicht
später defizite ausgleichen zu müssen, sondern nach
möglichkeit JETZT was zu verbessern.
Verständlich. Aber DASS es Defizite geben wird, davon kannst Du jetzt schon ausgehen. Genau dieses JETZT was ändern ist das Problem. Es geht nicht so schnell, wenn es nachhaltig sein soll. Für Dich erscheinen die Dinge so klar auf der Hand und eher unproblematisch diese anzugehen, ich schätze, dass sie die Probleme nicht einmal sieht, nicht sehen will, weil sie sie überfordern. Und selbst wenn man sie erkennt, ist es verdammt schwer. Am schwersten ist es sich selbst zu ändern, das weiß eigentlich jeder.
daß man dafür derart verhauen wird (oder lag’s doch nur an
meiner nicht knigge-konformen sprache?) irritiert mich etwas.
Denke schon, dass es an der Sprache liegt.
naja, das ist hier schon etwas anders. finanziell wird sie
sowieso unterstützt. und wenn sie mal hilfe braucht, kriegt
sie die auch.
Das sind aber alles Äußerlichkeiten. Wie sieht es mit persönlicher Wertschätzung aus? Schon klar, dass das bei ihrem Verhalten eher schwieriger ist, sie zu schätzen, aber verhält sie sich eigentlich nicht so, wie es alle von ihr erwarten? Ich versuche es noch mal an einem Beispiel aus meinem Leben mit dem Thema Ordnung halten:
Wie gesagt konnte ich das nicht, weil ich es auch selbst nicht gelernt habe, meine Umwelt kritisierte, mäkelte, lästerte, natürlich kam nie jemand auf mich zu und erarbeitete mit mir „Ordnungskonzepte“. Alleine bis ich auf die Idee kam, dass man ein Konzept braucht, vergingen Jahre. Dir erscheint das selbstverständlich. Dann kommen zwei demotivierende Dinge: Erstens das Durchalten, Zweitens Rückschläge, weil das Konzept doch noch nicht so gut war. Sowas ist wirklich schwerer als Du denkst. Als ich meine Bude nach Jahren endlich im Griff hatte, war die Reaktion überwiegend gar keine. Ich habe da wirklich etwas geleistet, aber keiner erkennt das an - denn es ist ja selbstverständlich, dass man Ordnung hält. Wenn mal ein Kommentar kam, dann hieß es „Na wurde ja auch Zeit.“ Ich muss sagen, dass es wirklich einfacherer gewesen wäre, in meiner Rolle zu verbleiben - so wie es eben jeder von mir erwartete. Dann würde es sich auch heute nicht noch so demütigend anfühlen, dass meine Leistungen keine Leistungen sind.
wenn dann allerdings sowas rauskommt wie die
„babysitteraffäre“ geht’s eben nicht ohne „draufzeigen und
urteilen“.
Öh. Warum nicht?
man hat die wahl, sich ausnutzen zu lassen, oder sie eben
nicht mehr zu sehen. „wenn ich hier nix mehr krieg, geh ich
halt hin, wo ich was krieg“. ich glaub nichtmal, daß das bei
ihr mit bösen gedanken verbunden ist… es ist halt einfach
„normal“.
Vielleicht muss man dann auch einfach mal sagen, na gut, dann geh eben dahin, wo Du was kriegst.
Geändert hat sich die Situation als ich eine
(schulische)Ausbildung begonnen habe - vom Staat finanziert
(*duck*)
darf man fragen, was dich dazu bewogen hat? hast du dich aus
eigenem antrieb dafür entschieden, weil „so kann’s nicht
weitergehen“? oder gab’s ein schlüsselerlebnis? oder…?
Hm. Ich war an dem Punkt angelangt, dass ich niemanden mehr hatte (bestimmt auch wegen meiner Verhaltensweisen) - außer meinem Freund. Wir wohnten zusammen und ich war finanziell voll von ihm abhängig. Er selbst war psychisch krank und machte mir und meiner Tochter das Leben zur Hölle. Das ging so weit, dass ich Angst um unser Leben hatte, wenn er ausrastete. Da habe ich mir gesagt „Mücke, entweder fristest Du ein Leben in Angst und Duckmäusertum oder Du läufst!“ Ich bin gelaufen und habe mir geschworen nie wieder stehen zu bleiben. An meinem Freund habe ich gesehen, wie tief es noch gehen kann und eigentlich dachte ich bis dahin immer, tiefer ginge es nicht mehr. Und was waren die Kommentare meiner Umwelt, als ich mit der Ausbildung anfing? „Na hoffentlich hältst Du es diesmal auch durch.“ Sehr motivierend. Was passiert heute, wenn ich eine Bewerbung schreibe? „Warum haben Sie denn erst so spät mit der Ausbildung angefangen?“ Was soll ich sagen? Ich habe Aufräumen und mich lieben gelernt? Die Disziplin und Konsequenz, die ich dafür aufbringen musste sieht nach wie vor niemand, im Gegenteil, ich kriege Jobs nicht, weil ich laut Lebenslauf so lange „rumgegammelt“ habe. Auch hier muss ich sagen… einfacher wäre es gewesen, wäre ich die geblieben, die man von mir erwartete.
Das war eine tolle Erfahrung! Ich habe
mich in dieser Zeit ausprobiert - wer bin ich? Wie wirke ich
auf andere? Was will ich ausdrücken und was drücke ich
wirklich aus? Was oder wer will ich sein?
klingt toll, aber du warst da um einiges jünger als 28, oder?
Da war ich 24.
Ihre guten Seiten rauskitzeln,
ihre Talente, ihr Mut machen. Eben genau nicht sagen, dass sie
nichts taugt, sondern sagen, dass sie hierfür oder dafür ganz
besonders taugt.
puh. das ist wirklich ein schweres stück arbeit. denn momentan
hab ich den eindruck, sie taugt nur für sich selber. mir
kommt’s vor wie „ok, man muß irgendwie die kinder
durchkriegen, aber alles andere ist (bzw. alle anderen sind)
doch wurscht“.
Du hast es wohl schon recht erfasst. Nur hast Du bloß zwei Möglichkeiten: Akzeptieren oder helfen. Und Helfen ist dabei die weitaus schwierigere Variante. Eine grundlegende Hilfe ist für einen einzelnen Außenstehenden unmöglich, glaube ich. Wichtig wäre, dass sie Leute hat, die sie bewundert - Vorbilder sozusagen. Man kann sich selbst schwerlich zu einem Vorbild eines anderen machen, aber indem man jemanden fair behandelt, sich für ihn interessiert und von etwas Ahnung hat, was dem anderen gefällt, könnte man die Chancen ziemlich steigern.
Dazu auch ein Beispiel aus dem Nähkästchen:
Was meinst Du, wie stolz ich war, als ich einen Vortrag in der Ausbildungsklasse gehalten hatte und mein Dozent nachher zu mir sagte „Frau Mücke, sie sollten sich überlegen das Lehren zu ihrem Beruf zu machen. Das liegt ihnen. Ehrlich.“ Und das sagte der geschätzteste Dozent der ganzen Schule. Das waren die Dinge, die mir die Kraft gaben weiter zu machen, nicht mehr zurück zu wollen. Jemand, den ich bewunderte, traute mir etwas zu und genau DEN wollte ich nicht enttäuschen. Das gab Halt - und Selbstbewusstsein - und einen steigenden Anspruch an mich selbst.
Sorry, bin ein Vielschreiberling 
Mücke